Embedded Blogs

Die freien Blogs verlieren nicht nur an Substanz, sie verlieren ihre Funktion. Sie wandern in die großen Medien ab und bilden dort fluffige Anhängsel. Was bleibt, ist ein „Nice to have“.

Die FAZ-Community zählt momentan 26 Blogs. Bei Spiegel Online wechseln sich 7 „Blogger“ im Tagesrhythmus ab, als Bonusmaterial gibt’s den Spiegelblog dazu. ZEIT Online führt 21 Blogs, der Zürcher Tagesanzeiger 10, die Welt 9, das Handelsblatt 8, der Tagesspiegel 6, die Süddeutsche 5, der stern 9, Cicero 8, das ZDF 8, die Tagesschau 5. Der Freitag unterhält eine ganze Blogger-Community, und die taz listet sage und schreibe 61 Blogs in ihrem Sperrbezirk auf.

Das Bloggen hat sich „im Mainstream“ durchgesetzt, als Nische und Bonusprogramm. Die Blogs sind zum integralen Bestandteil vieler Zeitungen geworden, sie sind embedded. Das ist – ohne Frage – eine erfreuliche Entwicklung, weil sich die Medien auf diese Weise Kreativität, originelle Handschriften, frische Themen und preiswerte Arbeitskraft ins Haus holen können – und sich so allmählich erneuern.

Andererseits handelt es sich streng genommen bei den meisten Blogs gar nicht mehr um Blogs, sondern um ganz normale Kolumnen. Die kann ein Medium nach eigenem Ermessen ins Blatt holen und auch wieder hinauswerfen – wie es einigen FAZ-Bloggern jüngst passiert ist. Die Blogger (bei Spiegel Online heißen sie Kolumnisten, weil sie dort prominent platziert sind) bekommen für ihre Beiträge ein Taschengeld und manchmal auch richtige Honorare, aber sie treten dafür die Oberhoheit (also die Letzt-Entscheidung) sowie die Platzierung an das gastgebende Medium ab. Sie sind nicht wirklich frei, sondern so frei, wie freie Mitarbeiter eben sein können. Das wird manchen ganz recht sein – so lange es zu keinem Konflikt mit dem Gastgeber kommt, und so lange sich die Verantwortlichen in den Medien nicht mit ihren „eingekauften“ Bloggern langweilen.

In der freien Blogszene hat diese an sich begrüßenswerte Entwicklung unübersehbar zu einer Auszehrung geführt. Auch zu einer Spaltung. Gute unabhängige Blogs sind rar geworden (aber es gibt sie noch!). Manche flüchten irgendwann unter die Fittiche edler Sponsoren oder dubioser PR-Agenturen und werden dadurch ungenießbar. Es sind jene (so die Häme aus ganz bestimmten Kreisen), die es nicht geschafft haben, zur ersten Garnitur in den Medien zu zählen. Sie bleiben in der Liga der B-Blogs hängen, um weiter auf ihren Ruf zu warten oder ihre Sonderstellung trotzig zu verteidigen. Die Blogszene ist für die Medien heute das geworden, was früher die taz war: die Journalistenschule der Nation, der Pool, aus dem sich die großen Medien die Vielversprechendsten herausfischen können.

 

Der Vorsprung ist weg

Auch ihren Unique Selling Point (USP) haben die freien Blogs verloren. Dieser USP hieß: Vom Netz verstehen wir einfach mehr! Heute kann man den etablierten Medien nicht mehr vorwerfen, sie würden vom Internet nichts verstehen. Gerade in der netzpolitischen Expertise haben die alten Medien – unter dem Druck der ständigen Kritik aus den Blogs – enorm aufgeholt. Fast alle verfügen heute über einen oder mehrere Redakteure und freie Mitarbeiter, die auf digitale Themen spezialisiert sind; ihre Berichte, Reportagen, Interviews und Kommentare spiegeln auch zuverlässiger, was rund um die Uhr im Netz und in der Netzpolitik passiert. Denn anders als freie Blogger, die nur kommentieren, wenn sie Lust und Zeit dazu haben, arbeiten die Journalisten in den Digital- und Netzwelt-Ressorts unter den Bedingungen eines normalen Berufs. Sie produzieren täglich, und ihr Aufwand wird am Ende des Monats vom Arbeitgeber bezahlt.

 

Was also bleibt den freien Blogs übrig?

Alle schnellen Antworten auf diese Frage sind vorhersehbar: Einige werden sagen, dass sie ihr (B)Logbuch völlig unabhängig von den Trends in den Medien schreiben und deshalb gar nicht verstehen können, warum man sich über die geschilderte Entwicklung überhaupt Gedanken macht. Blogs seien nun mal semi-private Tagebücher. Andere werden sagen: So ist der Lauf der Welt. Mit dieser Entwicklung müsse man sich abfinden! Die dritten werden mit dem Kopf nicken, die vierten werden ihn schütteln, die fünften werden den freien Bloggern aufmunternd zurufen: Weitermachen! Und die sechsten werden es an der üblichen Häme nicht fehlen lassen. Alle diese Reaktionen sind unnötig, denn sie wurden im vorliegenden Text bereits eingepreist.

Wer etwas länger darüber nachdenkt, wird die Folgen des „embedded blogism“ vielleicht erahnen. Wenn die freien Blogs ihre Funktion verlieren, irrelevant werden oder in den alten Medien unterkommen, dann gibt es dort auch keinen Grund mehr, die Bezahlschranken nicht herunter zu lassen. Wer keine Konkurrenz mehr hat (wie schwach diese im Netz auch gewesen sein mag), kann machen, was er will.

Der einzige Ausweg, die belebende Konkurrenzsituation wieder herzustellen, also gebraucht zu werden, ist eine inhaltliche Veränderung der freien Blogs. Sie müssen sich neuen Themen, neuen Präsentations-, Vernetzungs- und Aktionsformen öffnen, um sich wieder einen Vorsprung (und damit den berühmten Mehrwert) zu sichern. Ein paar zarte Entwicklungen gibt es, aber die Aufgabe wird nicht leicht.

DRadio Wissen hat das Thema heute (5.11.) zu einem Beitrag verarbeitet. Hier kann man ihn hören.