“Zugang gestalten!” – Kulturerbe ist Teil des öffentlichen Raums unserer Gesellschaft

Am zweiten Tag der Konferenz "Zukunft gestalten!" ging es um Visionen und Tabus in der Gestaltung des Zugangs zum kulturellen Erbe. Dabei wurden vor allem die Nutzer als entscheidende Gruppe in der Diskussion genannt.

Die Nutzer und die Möglichkeit der Nutzung sind Grundlagen des Erfolgs der Wikipedia, erklärte Wikimedia-Vorstandsmitglied Pavel Richter in seinem Eröffnungsvortrag zum zweiten Tag der Konferenz. Die Integration von einfachen Nutzern, Amateuren, verglichen mit professionellen Kulturbewahrern, ist Ausdruck einer neuen kulturellen Tendenz in der Gesellschaft, die, beeinflusst durch die auf Partizipation setzenden Möglichkeiten der Digitalisierung, auf Beteiligung statt Ausschluss anderer Bürger setzt. Analoge Ausdrucksformen dessen sind laut Richter das Urban Gardening, Shared Space und die Open-Access-Bewegung.

Dabei setzt Richter sich für einen Erhalt des Urheberrechts ein, aber mit einer notwendigen Liberalisierung bestimmter Punkte, wie z.B. Schutzfristen und die Verbreitung freier Lizenzen.

“Nicht der Zugang zu kulturellem Erbe unterliegt einer Begründungspflicht, sondern dessen Verknappung”,

begründet Richter die Forderung nach einem Umdenken in der Gesellschaft. Auch der Staat muss sich stärker für die Digitalisierung von Erinnerungskultur einsetzen und diese Aufgabe nicht nur privaten und gemeinnützigen Initiativen überlassen. Für Richter ist es unbegreiflich, wieso sich Nutzer, die sich für die Dokumentation eines Kulturerbes einsetzen, selbst um die Erlaubnis kümmern müssen, kulturelles Erbe zu nutzen. Er plädiert dafür, dass wir weg von Bezahlschranken für Inhalte hin zur Nutzungsfreiheit kommen müssen.
 
Stellt euch vor, Kultur zum Wohl der Allgemeinheit!

Harry Verwayen vom Projekt Europeana und Amit Sood vom Google Art Project zeigten in ihren beiden Vorträgen die neuen Möglichkeiten der digitalen und, wenn möglich, freien Nutzung auf. Verwayen warb für die die Verlinkung von Daten mit Hilfe von Linked Open Data. Dadurch könnten sich vollkommen neue Netzwerke von digitalen Kulturgütern erstellen und durch hohe Besucherzahlen eine Wertsteigerung erfahren.

Klickzahlen sind hier als Ausdruck kultureller Relevanz und Interesse der Gesellschaft zu deuten. Die Erinnerungskultur wird dabei den Institutionen entzogen und als kollaboratives Projekt der Gesellschaft zum Erhalt des kulturellen Erbes neu gestaltet. Ähnlich angelegt ist das Google Art Project, das auf Qualität statt Quantität setzt, und einen digitalen Zugang zu Meisterwerken der Kunstgeschichte schaffen möchte. Sood betonte dabei, dass das Projekt nicht als Google-Initiative betrachtet werden sollte, sondern als neue Möglichkeit, sich von zu Hause in Ruhe, mit mehr Zeit und digitalen Werkzeugen intensiver mit Kunstwerken zu beschäftigen.

Ralph Giebel von emc Corporation betonte, es sei vollkommen okay, auch mit Open-Source-Projekten Geld zu verdienen und ein Geschäftsmodell auf den freien Zugang zum kulturellen Erbe aufzubauen. Damit zeigte er am Beispiel seines Arbeitgebers, dass dieses auf der Konferenz umstrittene Prinzip klappen kann, die Gesellschaft sich nur entscheiden müsse, ob sie das möchte. Kultureinrichtungen wie Museen, Archive, etc. sehen darin einen Verlust von möglichen Eigeneinnahmen, die wiederum in die Erhaltung von Kultur investiert werden kann. Befürworter nennen die Schaffung von Mehrwerten und Innovation als Folge der deregulierten Nutzung von Wissen als Ergebnis.

Jo Pugh, Mitglied des britischen Nationalarchivs, plädierte in seinem viel beachteten und gelobten Vortrag für ein neues Denken in Kulturinstitutionen über die Nutzergemeinde im Internet. Zum einen müssen die Angebote mehr auf die Bedürfnisse der Nutzer zugeschnitten werden, was vor allem eine Öffnung des Zugangs bedeutet. Alles andere wäre nach Pugh sinnlos. Kein Digitalisierungsprojekt kann heute von einer oder nur wenigen Institutionen bewältigt werden, weshalb die Auslagerung der Arbeit ins Internet Kosten und Zeit sparen kann. Die crowd müsse dabei wie die Freunde betrachtet werden, “die wir nie hatten”. Der Staat muss sich an solchen Vorhaben zum Erhalt der eigenen Kultur finanziell beteiligen, allerdings dürfen öffentliche Kulturinstitute sich nicht auf den Staat oder die Europäische Union verlassen.
 
Die Lösung liegt im europäischen Gesellschaftsmodell des öffentlichen Raums

In einer am Nachmittag veranstalteten Diskussionsrunde sprachen Gabriele Beger, Direktorin der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Rechtsanwalt Till Kreutzer, dem grünen Bundestagsabgeordneten Konstantin von Notz und Verena Metze-Mangold, Vizepräsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, über die Visionen und Tabus in der Diskussion über die Gestaltung des Zugangs zum Kulturerbe. Der Moderator Paul Klimpel eröffnete die Diskussion mit der Bitte, sich das Internet als Teil unserer Gesellschaft wegzudenken, und zeichnete das Bild einer öffentlichen Institution, die es mehrfach in jeder Stadt in Deutschland geben könnte, deren Etablierung mehrere Millionen Euro kostet, und in der Werke geliehen, gelesen, verwendet und kopiert werden können – die Bibliothek.

Die analoge Parallele war ein hervorragender Auftakt für eine informative und frei von Tabus geführten Diskussion, in der Gabriele Beger darauf hinwies, dass auch die Einführung der Bibliothekstantieme (eine Pauschalabgabe, bei der Bibliotheken rund 3-4 Cent pro Ausleihe an die VG Wort zahlen) und leistungsfähiger Kopierer für Diskussionen sorgte und schließlich zur Urheberrechtsnovelle führten. Beger betonte, dass das “Geschrei” bei Einführungen neuer Entwicklungen schon eine gewisse Tradition hat, und plädierte für einen wenig hysterischen Ton in der Debatte.

“Wer seine Geschäftsmodelle nicht ändert, schafft sich ab”,

fasste sie die Möglichkeiten der Unterhaltungs- und Kulturindustrie zusammen. Eine Reform des Urheberrechts ist ihrer Meinung nach überfällig, denn Recht verändert sich immer auf Grund gesellschaftlicher Veränderungen, es passt sich der Relevanz an. Eine Generation, die ohne Besitzdenken, aber mit den Möglichkeiten des globalen Teilens aufwächst, hat andere Bedürfnisse und wird sich nicht von “unrealistischen Forderungen wie dem Leistungsschutzrecht für Presseverlage” beeinflussen lassen, sondern durch Kaufentscheidungen eher die Befürworter eines solchen Leistungsschutzrechtes abschaffen.

Verena Metze-Mangold wies darauf hin, dass die Diskussion um die Liberalisierung von Verwertungs- und Nutzungsrechten gleichzeitig den Blick auf den öffentlichen Raum einer Gesellschaft lenkt. Bürger haben im öffentlichen Raum mehr Rechte, die sie sich aber durch Kommerzialisierung von Kultur nicht nehmen lassen dürfen. Um für kulturelle Vielfalt in einer sich stets verändernden Welt zu sorgen, muss der öffentliche Raum als europäisches Gesellschaftsmodell, nicht die Kontroverse zwischen staatlicher Kulturförderung und wirtschaftlichen Geschäftsmodellen, die Grundlage für eine Lösung sein. Unsere Kultur basiert auf unserem kulturellen Erbe, wir “stehen auf den Schultern der Wissensriesen unserer Vorfahren” und dürfen den Zugang zum Kulturerbe nicht verbauen. Für Metze-Mangold steht unsere Gesellschaft ein Umbruch bevor, durch den wir uns vergewissern müssen, mit welchen Prinzipien wir in die Zukunft gehen wollen.

Till Kreutzer versuchte, den Ausgangspunkt der Debatte um eine Reform des Urheberrechts mit neuen Sichtweisen zu erweitern. Nicht mehr Kontrolle sorgt seines Erachtens für mehr Werke und somit für mehr Geld, sondern genau umgekehrt. Innovation und Kreativität wird durch weniger Reglementierung gefördert und ermöglicht mehr Leuten, am kulturellen Erben zu partizipieren. Auch Konstantin von Notz fragt sich, ob diese Entwicklung überhaupt noch steuerbar ist, und verwies auf unkontrollierte Umbrüche in der Geschichte, die mit der Digitalisierung vergleichbar sind, wie zum Beispiel die Erfindung des Buchdrucks. Als Politiker sieht er seine Aufgabe im Erkennen von Prozessen und des Gestaltungsauftrags für die Gesellschaft, der sich daraus ableitet. Zugleich zeigte er Verständnis für den Veränderungsdruck auf etablierte Geschäftsmodelle, gab aber zu bedenken, dass Innovation statt Abwehrverhalten für neue Entwicklungen förderlicher sind.

Pavel Richter forderte ein funktionierendes System des Urheberrechts, in dem die Gesellschaft über Regeln der Nutzung und Verwertung bestimmt, und nicht die Unternehmen, die den Zugang zum kulturellen Erbe aus wirtschaftlichen Interessen kontrollieren wollen. Konstantin von Notz betonte die gewachsene Bedeutung der Remixkultur in der digitalen Gesellschaft und zeigte sich von den ungeheuren Potenzialen durch das globale Teilen von Wissen begeistert, weshalb er sich für das finanziell teure und politisch schwierige Vorhaben der Förderung der Gemeinfreiheit von kulturellen Werken aussprach. Beger prophezeite Bibliotheken, die auf der Gemeinfreiheit und der parallelen Existenz von funktionierenden Geschäftsmodellen basieren. Till Jäger rückte die Nutzer wieder in den Mittelpunkt des Gestaltungsinteresses, denn diese Gruppe wird in Zukunft die Bedeutung von kulturellen Werken mitbestimmen, nicht mehr nur die Experten.

Den Veranstaltern der Konferenz “Zukunft gestalten!” ist ein zweitägiger Höhepunkt in der Diskussion um die Gestaltung des Zugangs zu unserem kulturellen Erbe gelungen, in der beide Seiten zu Wort kamen und viele innovative Projekte zum Umgang mit freiem Wissen vorgestellt wurden. Die Gäste zeigten sich in Beifallsbekundungen vor Ort und auf diversen Kommunikationskanälen ebenfalls begeistert und lobten die besondere Qualität und das hohe Niveau der Veranstaltung. Es bleibt zu wünschen, dass es in einem Jahr eine dritte Konferenz zur Bedeutung und den Möglichkeiten des kulturellen Erbes in einer digitalen Gesellschaft geben wird, und mit der Umsetzung einiger Forderungen bis dahin bereits begonnen wurde.
 
Tobias Schwarz bloggt im Logbuch des Isarmatrosen

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