Von der Wichtigkeit politischer Beziehungen und der Schwierigkeit, Neues zu vermitteln

Wer ein Anliegen durchsetzen will, lernt irgendwann: Die fruchtbare Auseinandersetzung mit Ideen ist nur auf der Grundlage respektvoller Beziehungen möglich.

Derzeit kreist ein merkwürdiges Schulterklopfen durchs Internet, bei dem man sich gegenseitig dazu gratuliert, irgendwie Mitte und nicht so radikal zu sein. Nicht so radikal feministisch, nicht so radikal antirassistisch, nicht so extrem, nicht so gaga, nicht so unverständlich, sondern so, dass es an den Mainstream anschlussfähig bleibt.

Ich frage mich, wann es angefangen hat, fehlende Radikalität für etwas Positives zu halten? Jedenfalls bin ich der Meinung, dass jede politische Theorie, die sich nicht um größtmögliche Radikalität bemüht – also darum, wirklich an die Wurzeln eines Problems vorzudringen, anstatt nur an der Oberfläche ein paar Dinge hin und her zu rücken – nichts wert ist. Möglicherweise vielleicht sogar kontraproduktiv, weil sie dazu beiträgt, die krassesten Begleiteffekte des Bestehenden abzumildern, so dass die herrschende Ordnung umso gefestigter aus diesen Korrekturen hervorgeht.

Aber kann man die Sachen nicht wenigstens verständlicher formulieren? Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer. Und wenn eine Idee wichtig ist, ziehe ich es vor, sie in einer kompliziert formulierten Fassung zu haben, als sie gar nicht zu haben. Mag sein, dass manche Texte, die zirkulieren, zu „akademisch“ sind (was aber natürlich auch daran liegt, dass sie aus dem universitären Umfeld kommen, und die Desolatheit der Universitäten wäre noch mal ein ganz anders Thema). Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für die Abwehr ist, die ihnen entgegengebracht wird.

Elisabeth Schüssler-Fiorenza, eine Grande Dame der feministischen Theologie, hat mir mal bei einem Interview erzählt, dass ihre Professorenkollegen ihre Bücher oft zu kompliziert und unverständlich fänden, während gleichzeitig Lehrerinnen, Verkäuferinnen oder Gemeindesekretärinnen begeistert rückmeldeten, es habe nach der Lektüre in ihrem Kopf „Klick“ gemacht. Und das, obwohl sie beim Lesen – anders als die Professoren – ein Fremdwörterlexikon benötigten.

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf eine neue Idee, einen neuen Gedanken wirklich einzulassen (was noch nicht bedeutet, ihm zuzustimmen, sondern erst einmal, ihn wirklich verstehen zu wollen), hängt nicht von den intellektuellen Fähigkeiten ab, oder von der leichten Verständlichkeit des Textes, sondern davon, ob man vermutet, darin etwas zu finden, das für die eigene Existenz von Belang ist – oder eben nicht. Wenn nicht, fällt es Intellektuellen sogar noch leichter als anderen, zu begründen, warum der Text Mist ist.

Wer an patriarchalen oder rassistischen Mustern leidet (und das müssen nicht nur die Benachteiligten sein, denn auch Männer können am Patriarchat leiden und Weiße am Rassismus), wird Theorien, die darauf eine Antwort bieten, auch dann verstehen wollen, wenn die Sprache kompliziert ist, wenn die Behauptungen erstmal steil scheinen und „gegen den gesunden Menschenverstand“. Wem ein Problem existenziell wichtig ist, wird sich mit jedem neuen Lösungsvorschlag ernsthaft auseinandersetzen. Wer aber hier keine Fragen, Anliegen und Probleme hat, wird nicht verstehen, warum er (oder sie) sich die Mühe machen soll, und verlangen, die „Betroffenen“ mögen es bitte in leicht verdaulichen Häppchen servieren.

(Einschub: Es ist übrigens ganz leicht, eine kritische Auseinandersetzung mit einem Text oder einer Idee von einer rein polemischen zu unterscheiden, aber das würde jetzt hier zu weit führen. Jedenfalls geht es mir natürlich nicht um eine kritiklose Annahme von Ideen, sondern um die ernsthafte und offene Auseinandersetzung mit ihnen.)

Das alles bedeutet aber im Umkehrschluss, dass ich Verständnis für „radikale“ Gedanken tatsächlich nur bei denen erwarten kann, die ein Anliegen haben, ein Begehren, auf das diese Gedanken und Ideen eine Antwort sind. Oder anders: Ob meine Ideen aufgegriffen werden, habe ich nicht in der Hand.

Mein Schlüsselerlebnis dazu hatte ich vor vielen Jahren, als ich bei einer großen feministischen Tagung in einem Vortrag Bilanz über die Frauenbewegung ziehen sollte aus der Perspektive einer „jungen Frau“ (wie gesagt, das ist ein paar Jahre her :) ). Jedenfalls habe ich damals (meiner Ansicht nach) die Verdienste der Zweiten Frauenbewegung lang und breit gewürdigt, um dann in der zweiten Hälfte des Vortrags deutliche Kritik an manchen eingeschlagenen Wendungen zu üben. In der anschließenden Diskussion fielen die Frauen regelrecht über mich her (wahrscheinlich war es gar nicht so krass, aber ich war damals noch leicht zu verunsichern): Sie waren empört und fühlten sich von mir total zu Unrecht angegriffen.

Ich war fassungslos und den Tränen nah. Hinterher standen wir in einer kleinen Gruppe zusammen, und ich sagte immer nur „Aber ich habe doch ihre Verdienste ausdrücklich gewürdigt, wie können sie mir nur so böse Dinge vorwerfen!“ Luisa Muraro, die auch dabei stand, erwiderte schlicht: „Es ist dir halt einfach nicht gelungen, das, was du sagen wolltest, zu vermitteln.“

Dieser Satz war eine wahrhafte Befreiung für mich, weil er so lapidar auf den Punkt brachte, was geschehen war, und jede moralische Dimension aus der Angelegenheit entfernte: Ich hatte versucht, eine Idee zu erläutern, aber es war mir nicht gelungen. So what! Niemandes Schuld oder aller Schuld, aber keine Katastrophe, einfach normales Alltagsgeschäft, wenn man politische Ideen in der Öffentlichkeit zur Diskussion stellt.

Seither nehme ich es als Geschenk und freudiges Ereignis, wenn die Vermittlung einer neuen Idee tatsächlich gelingt. Denn ich weiß, dass das ein kostbares Ereignis und keineswegs selbstverständlich ist. Obwohl ich natürlich dazu beitragen kann, indem ich mich um Verständlichkeit bemühe und darum, an das jeweilige Begehren der anderen anzuknüpfen.

Erst im Laufe der Zeit bekomme ich Übung darin, eine neue Idee auch „allgemeinverständlicher“ zu formulieren. Zum Beispiel wusste ich nach dem erwähnten Vortrag um die Befindlichkeiten älterer Feministinnen, um ihre sensiblen Punkte und konnte in späteren Vorträgen darauf eingehen, ohne aber deshalb meine Analyse zu ent-radikalisieren. Je häufiger ich am Versuch der Vermittlung von Ideen scheitere, umso geübter werde ich darin, ohne natürlich jemals an den Punkt zu gelangen, wo es garantiert ist.

Wenn eine Idee neu ist, ist ihre Vermittlung noch nicht in der Praxis erprobt. Vermutlich hat die neue Idee auch noch Schwachpunkte, ist an manchen Punkten vielleicht geradeheraus falsch. In diesem Stadium braucht es gegenseitiges Wohlwollen, wirkliche Aufmerksamkeit, ein gemeinsames Begehren und Vertrauen, um solche Debatten zu führen (weshalb vielgelesene Seiten im Internet vielleicht nicht der beste Ort sind, sie zur Diskussion zu stellen).

Und zwar braucht es Wohlwollen und Vertrauen auf beiden Seiten: Sowohl denen gegenüber, die in ihren Gedanken und Handlungen (noch) im Bisherigen verhaftet sind, und denen vielleicht auch ganz einfach die Fantasie fehlt, über das Gegebene hinaus zu denken, als auch Wohlwollen und Vertrauen denen gegenüber, die momentan (noch) nicht in der Lage sind, ihre Analysen, Ideen und vielleicht auch erst einmal vorläufige Ahnungen hieb- und stichfest zu erläutern, geschweige denn in allgemeinverständlicher Sprache.

„Ein Mensch, der etwas Neues zu sagen hat – denn die Gemeinplätze bedürfen keiner Aufmerksamkeit – kann zuerst nur bei denen Gehör finden, die ihn lieben“, hat Simone Weil geschrieben. Ich glaube, das stimmt. Ob es gelingt, eine radikale Theorie zu vermitteln, liegt nicht daran, wie gut ich sie argumentativ begründet habe. Sondern daran, ob sie auf „fruchtbaren Boden“ fällt, auf eine interessierte Zuhörerinnenschaft, die mir sozusagen einen Vertrauensvorschuss gibt, und die mit mir ein ähnliches Begehren teilt, die Ordnung der Welt möge anders sein, als sie derzeit ist.

Daher meine steile These: Ich trage mehr zur Verbreitung radikaler Ideen bei, wenn ich mir bewusst ein solches Beziehungsnetz aufbaue, und wenn ich mich um gute Beziehungen zu einem großen Kreis potenziell interessierter Menschen bemühe (denn nur, wenn sie mich „lieben“, werden sie bereit sein, mir die nötige Aufmerksamkeit zu widmen), als wenn ich die Details meiner Theorie noch um eine weitere erkenntnistheoretische Schleife verfeinere.

Ich bin wirklich davon überzeugt, dass Politik keine Sache von Programmen, sondern von Beziehungen ist. Die Stärke der Frauenbewegung liegt nicht darin, dass alle Feministinnen einer Meinung sind, sondern darin, dass sich Feministinnen mit unterschiedlicher Meinung füreinander interessieren. Nicht, dass wir alle am selben Strang ziehen, macht uns stark, sondern, dass wir andere Frauen inhaltlich ernst nehmen – auch wenn wir das, was sie sagen, falsch finden und nicht teilen, auch wenn wir bei ihren Projekten nicht mitmachen wollen und sie nicht bei unseren, auch wenn sie X wichtig findet und ich Y.

Wohlgemerkt: Das ist keine moralische Aufforderung, alle Frauen ernst und wichtig zu nehmen, einfach, weil sie Frauen sind. Es geht nicht um weibliche Solidarität, sondern um die Anerkennung weiblicher Autorität. Es kann gute Gründe geben, Beziehungen zu lösen, sich zu trennen. Die feministische Praxis der „Politik der Beziehungen“ bedeutet, Beziehungen an die erste Stelle zu setzen, also ernster zu nehmen als Inhalte und Standpunkte. Diese Praxis beinhaltet aber gerade nicht nur das Eingehen und bewusste Pflegen von Beziehungen, sondern ganz genauso das wohl überlegte Trennen und Aufkündigen von Beziehungen.

Die Entscheidung, zu wem ich Beziehungen pflege und zu wem nicht, ist eine der wichtigsten Entscheidungen meiner politischen Praxis. Denn ohne Beziehungen, in denen Autorität und Wissen zirkuliert, bleibt mir nur die Macht, um Dinge durchzusetzen, und Macht habe ich erstens keine sonderlich große, und zweitens bin ich überzeugt, dass sie sich auch nicht instrumentell für eine gute Sache einsetzen lässt. Deshalb überlege ich es mir tausendmal, bevor ich etwas tue, was meine politischen Beziehungen gefährdet, vor allem die zu anderen Frauen. Nicht, weil ich Angst vor Konflikten hätte, sondern weil diese Beziehungen der wichtigste Hebel sind, den ich habe, um die Welt zu verändern.

Wenn ich mich entscheide, eine Beziehung aufzukündigen (oder, was dasselbe ist, durch mein Verhalten irreparabel zu beschädigen), verzichte ich gleichzeitig darauf, diese Person noch von etwas überzeugen zu können, oder von ihr noch etwas lernen zu können. Das ist ein schwerwiegender Schritt, der schwerwiegendste, den man tun kann.

Jede zerrüttete Beziehung zwischen Feministinnen ist schlimmer, als tausend falsche oder unverständliche Texte, die irgendwo veröffentlicht werden, jemals sein können.
 
Crosspost von Aus Liebe zur Freiheit