Warum die EU den Friedensnobelpreis verdient hat – und den Spott darüber

Der Friedensnobelpreis für die EU ist Auftrag und Ermahnung, keine Aufforderung zum 'Weiter so'.

Der Friedensnobelpreis ist das Vermächtnis des größten Sprengstoff-Industriellen aller Zeiten, Alfred Nobel. Der wollte die Zinsen seines tödlichen Vermögens an diejenigen ausgeschüttet sehen, „die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben“. Die anderen Nobelpreise prämieren laut Nobels Testament wissenschaftlich-technischen Fortschritt oder literarischen Idealismus. Der Friedensnobelpreis aber soll Engagement für die Völkerverständigung, die Abschaffung stehender Heere und die Organisation von Friedenskongressen belohnen.

Kriterien für die Laudatio

Diese Vorgaben des Stifters bedeuten aber nur, dass das norwegische Nobelkomitee bei seiner Auswahl Argumente finden muss, damit man auf den Friedensnobelpreisträger eine angemessen klingende Laudatio halten kann. Das testamentarische Kriterium, eine Leistung des vergangenen Jahres zu ehren, fiel dabei von Anfang an unter den Tisch. Röntgens Strahlenentdeckung etwa war sechs Jahre her, als er dafür 1901 den ersten Physiknobelpreis erhielt, der Literaturnobelpreis ging im Jahr darauf an Theodor Mommsen für ein Werk, das er fast 50 Jahre früher veröffentlicht hatte. Wäre Mommsen im zarten Alter von 80 gestorben, hätte er den Preis für sein Jugendwerk nie bekommen, da nur Lebende als Preisträger zugelassen sind.

Das ist allerdings auch eher eine Faustregel, da man die EU, das Quäkertum (Friedensnobelpreis 1947) oder Amnesty International (Friedensnobelpreis 1977) nicht ernsthaft als lebend bezeichnen kann. Gandhi hingegen, der Favorit für den Friedensnobelpreis 1948, wurde als Nominierter erschossen, der Preis daraufhin in jenem Jahr gar nicht vergeben.

Auch das Kriterium des größten Nutzens für die Menschheit ist mangels Maßstabs nicht ernst zu nehmen. Der von Nobel definierte Bereich, für den der Friedensnobelpreis verliehen wird, ist mit Völkerverständigung, Abschaffung stehender Heere und Organisation von Friedenskongressen recht spezifisch formuliert – und ziemlich zeitgebunden.

Historische Friedenshoffnungen

Während Völkerverständigung für heutige Ohren nach den 1950ern klingt und deshalb wenigstens noch zum Prozess der europäischen Integration passt, der 2012 ausgezeichnet werden soll, sind Nobels Vorstellungen von der Abschaffung von Berufsarmeen und Friedenskongressen deutliche Kinder des 19. Jahrhunderts und spätestens seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs überholt. Aber als Nobel 1895 sein Testament formulierte, hofften die Friedensfreunde – Pazifisten gab es noch nicht – auf die Lösung aller internationalen Konflikte durch Kongresse.

Die zweite Option, mit der um 1900 echte Träumer die ständige Kriegsgefahr zu verkleinern hofften, war der Zusammenschluss europäischer Staaten: Diese Föderalismus genannte Bewegung war unter den Friedensfreunden so beliebt, dass sich im Jahr 1901 fast die Bezeichnung Föderalist als Ersatz für das naiv klingende Friedensfreund durchgesetzt hätte, wenn nicht der französische Notar Emile Arnaud im August desselben Jahres die Wörter „pacifistes“ und „pacifisme“ als Alternative vorgeschlagen hätte. Die „Vereinigten Staaten Europas“, auf die der Föderalismus zielte, weil die Vereinigten Staaten von Amerika damals ein sehr friedlicher und isolationistischer Bundesstaat waren, erschienen selbst den Friedensfreunden zu irreal, um ihre politische Bewegung danach zu benennen.

Fünfzig Jahre später begann die europäische Integration auf den Ruinen der Weltkriege, nach weiteren vierzig kriegsfreien Jahren in Mitteleuropa war die Europäische Union erreicht, der Föderalismus am Ziel: Innerhalb der Europäischen Union sind zwischenstaatliche Kriege unvorstellbar geworden.

1993 waren die pazifistischen Träume der Jahrhundertwende erfüllt, und die Europäische Union hätte in jenem Jahr den Friedensnobelpreis bekommen müssen. Stattdessen ging der Preis für die Abschaffung des Apartheid-Regimes an Nelson Mandela und seinen Vorgänger als Präsident Südafrikas, Frederik Willem de Klerk. Im Jahr darauf wurden Arafat, Peres und Rabin ausgezeichnet. Sie alle waren in ihren Friedensbemühungen Helden, keine Frage, wenn auch teilweise tragische. Aber gemessen an den fast fünfzig kriegsfreien Jahren in Europa, der über die Jahrhunderte zerstrittensten Region der Welt, die wegen ihrer Zerstrittenheit auch nach der Weltherrschaft gegriffen und weltweit blutige Konflikte ausgelöst hatte, waren das Ende der Apartheid und die versuchte Beilegung des Nahostkonflikts kleine Fische. Beide waren doch zu guten Teilen Konflikte, die aus der innereuropäischen Zerstrittenheit und dem (auch) daraus erwachsenen Imperialismus entstanden waren. George Monbiot hat das bis heute nachwirkende Gift des Imperialismus jüngst aus britischer Perspektive eindrucksvoll beleuchtet.

Warum erhält die Europäische Union den Friedensnobelpreis jetzt?

Mitte der 1990er Jahre war Europa in den Köpfen der Europäer nicht mehr als Kriegsschauplatz präsent – der damals blutige Balkan zählte nach verbreiteten Vorstellungen ohnehin nicht zum „zivilisierten“ Europa. Gekämpft wurde in Nahost oder in Afrika. Dort benötigten die Friedensbemühungen Unterstützung. Und die international anerkannte Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis wirkte als eine der größtmöglichen symbolischen Verstärkungen – das war lange bekannt, und so war der Preis auch schon lange früher vergeben worden:
Als in den 1920ern und 1930ern drei Deutsche mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, geschah das nicht, weil Deutschland ein so friedliebendes Land gewesen wäre oder so große Errungenschaften auf dem Gebiet des Friedens hervorgebracht hätte. Vielmehr war der Pazifismus im Deutschen Reich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg so stark unter Druck, dass er dringend symbolische Unterstützung brauchte. Die anderen Nobelpreise waren hoch angesehen, schließlich schmückten sich die national begeisterten Deutschen gern mit den Errungenschaften ihrer Dichter und Denker. So konnte man auch dem Friedensnobelpreis nicht allen Respekt versagen.

Gustav Stresemann wurde von rechts als „Erfüllungspolitiker“ beschimpft, da er die Verständigung mit Frankreich und den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund erreicht hatte. Die Zusammenarbeit des Außenministers mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand galt vielen als Verrat, die deutschnationale Presse geiferte. Der Friedensnobelpreis für Stresemann und Briand 1926 spielte den Nationalstolz – Wir sind Preisträger! – gegen den Nationalstolz – Wir hassen Franzosen! – aus.

Ludwig Quidde erhielt 1927 wiederum im deutsch-französischen Verständigungspakt mit Ferdinand Buisson den Friedensnobelpreis. Das zeigt, dass es Mitte der 1920er Jahre zwischen Deutschland und Frankreich so ähnlich brannte, wie in den 1990ern in Südafrika und Nahost: Die Pazifisten brauchten dringend Unterstützung.

Das Beispiel Quidde kann noch genauer zeigen, wofür der Preis verliehen wurde: Der ausgebildete Historiker war wegen seiner linksliberalen Überzeugungen aus der Historikerzunft ausgeschlossen; die Inflation hatte seine Erbschaft aufgefressen; für pazifistische Politiker gab es keine Planstellen in der Weimarer Republik – nicht mal bei Parlamentswahlen hatte Quidde nach 1919 Chancen. Er war fast pleite und musste ernsthaft darüber nachdenken, den Vorsitz der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) aufzugeben, den er seit 1914 inne hatte. Quidde legte mehrfach befreundeten Pazifisten nahe, ihn doch beim Nobelkomitee vorzuschlagen. Von 1924 bis 1927 empfahlen daraufhin Dutzende Vorschlagsberechtigte Quidde. Walther Schücking zum Beispiel führte dabei neben Quiddes Verdiensten um die Völkerverständigung auch dessen wirtschaftliche Bedrängnis an. Es ist zu hoffen, dass die Europäische Union nicht wegen einer solchen Begründung den Preis bekommt.

Bei Carl von Ossietzky, dem dritten deutschen Preisträger der Zwischenkriegszeit, ist die Unterstützungsfunktion der Preisverleihung noch offensichtlicher: Die Rettet-Ossietzky-Kampagne vor allem deutschsprachiger Pazifisten im Exil speiste sich 1935/1936 stärker aus der Notlage des KZ-Gefangenen Ossietzky, als aus dessen pazifistischen Leistungen. Neben anderen schlug auch Quidde, der als Friedensnobelpreisträger nun selbst vorschlagsberechtigt war, Ossietzky in Oslo vor, doch er kommentierte insgeheim, dass er nie auf den Gedanken gekommen wäre, Ossietzky für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen, wenn dieser nicht im KZ säße. Der internationale Druck der Nobelpreiskampagne zahlte sich kurz vor den Olympischen Spielen 1936 aus: Da das NS-Regime zu diesem Zeitpunkt besonders um sein internationales Ansehen bemüht war, brachte man Ossietzky aus dem KZ ins Krankenhaus, wo er 1938 an KZ-bedingter Tuberkulose starb. Hitler war über Ossietzkys Nobelpreis so erbost, dass er kurzerhand allen Deutschen die Annahme von Nobelpreisen verbot und einen eigenen Preis erfand.

Funktionen des Friedensnobelpreises

Die Beispiele zeigen: Auch wenn in der Laudatio die Verdienste des Preisträgers um den Frieden gerühmt werden, wie es in diesem Jahr mit den Friedensverdiensten der EU geschehen wird, erhält man den Friedensnobelpreis nicht primär wegen dieser Verdienste. Seine Funktion ist vielmehr, Friedensbemühungen und ihre Protagonisten zu unterstützen, die ohne Friedensnobelpreis vielleicht noch einiges für den Frieden leisten könnten, mit dem Friedensnobelpreis aber nach Hoffnung des Nobelkomitees noch viel mehr.

Auch die Verleihung an Barack Obama 2009 folgte dieser Regel. Dass für 2011 und 2012 Wikileaks und Bradley Manning nominiert wurden, passt ebenfalls ausgezeichnet zu der etablierten Praxis: Auch Ludwig Quidde und Carl von Ossietzky waren jeweils wenige Jahre vor ihrer Auszeichnung wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse – über die illegale und geheime Aufrüstung der Reichswehr – als Whistleblower angeklagt und eingesperrt worden. Die modernen Whistleblower müssen sich also – wie ihre Werkstatt Internet – noch etwas gedulden.

Dass nun die EU Friedensnobelpreisträgerin wird, ist also eher nachrangig ihren unbestreitbar vorhandenen friedlichen Errungenschaften zu verdanken. Vielmehr ist es, da sind sich die Kommentatoren auch weitgehend einig, ein Auftrag, sich künftig für friedliche Konfliktlösungen einzusetzen.

Implizit enthält der Auftrag auch die Kritik, dass sich die EU stärker als bisher für friedliche Konfliktlösungen einsetzen sollte. Und schließlich ist der Preis ein Indiz dafür, dass die Friedensbemühungen der EU in einer Krise stecken, in der der Staatenbund symbolische Unterstützung gut brauchen kann: Es klingt wie Hohn, wenn eine an zahlreichen Kriegen in aller Welt – nur nicht in ihrem Inneren – beteiligte Organisation den Friedensnobelpreis erhält. Die militärische Option hat sich seit dem Ende des Ost-West-Konflikts zu einem beliebten Mittel zur Steuerung regionaler Konflikte entwickelt. Beim Umbau der „stehenden Heere“ in multinationale Eingreiftruppen im Verbund mit Söldnerfirmen wollte die EU nicht den Anschluss an die USA verlieren. Und wenn man sich nicht einig ist, schicken nur ein paar EU-Mitglieder ihre Truppen an die Kriegsschauplätze, um „Europa“ dort als Machtfaktor zu repräsentieren.

Doch auch im Inneren ist nicht alles so friedlich, wie es bei einer Friedensnobelpreisträgerin sein sollte. Die nationalen Armeen treffen zwar nur noch zu gemeinsamen Manövern aufeinander. Die eigentliche Aufrüstung findet aber anderswo statt. Die EU-Außengrenzen werden ausgebaut, bis sie besser funktionieren als die DDR-Grenzen – nur mit dem Unterschied, dass niemand in die DDR hinein wollte, sondern alle hinaus. Und in innereuropäischen Konflikten treten nur dann noch Nationalstaaten als Akteure auf, wenn diese Nationalstaaten gegensätzliche Interessen repräsentieren: Meist Arm gegen Reich, manchmal auch Sparpolitik gegen Konjunkturpolitik.

Die Kluft, die zwischen der reichen Festung Europa und der armen Umgebung liegt, trennt auch die reichen europäischen Länder von ihren armen Nachbarn. Die Alternative lautet in der Krise stets: Rauswurf oder Stützzahlung? Der Friedensnobelpreis plädiert nachdrücklich für letztere Option, denn der Rauswurf eines Mitglieds aus dem eingegangenen Staatenbund würde – auch in den realistischeren abgeschwächten Versionen – das Erfolgsmodell des Föderalismus für gescheitert erklären und Europa neuen internationalen Spannungen aussetzen.

Doch auch innerhalb der Einzelstaaten ist Frieden nicht einfach da, nur weil kein Staatsoberhaupt den Krieg erklärt hat. Das ideologische Gift des Imperialismus, das Monbiot für Kolonialgräuel, Weltkriege und industriellen Massenmord verantwortlich macht, wirkt noch heute, mitten im friedensnobelpreiszertifizierten Europa: „die Anderen“ gelten in der imperialen Logik als „bar jener Eigenschaften und Gefühle, die unsere gemeinsame Menschlichkeit begründen“. Und „die Anderen“, das sind nach Ansicht „weiter Teile der Elite“ heute nicht mehr „die Wilden“ in den Kolonien oder „die Juden“ im eigenen Land und in Osteuropa, sondern die „Sozialhilfeempfänger, ‚Problemfamilien‘, Muslime und Asylbewerber. Der für das koloniale Projekt so notwendige Prozess der Entmenschlichung verlagert sich nach Innen.“

Schließlich ist die Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU auch Ansatzpunkt für pazifistische und humanitäre Kritik an solchen bestehenden Praktiken. Wenn die EU die symbolische Anerkennung für sich nutzen will, muss sie solche Kritik ernst nehmen. Nichts wäre schädlicher als der regelmäßige Verweis auf den Friedensnobelpreis und das zeitgleiche öffentliche Bewußtsein von den vergifteten Stacheln, die aus der schönen friedlichen EU heraus – und in ihr eigenes Fleisch hinein – ragen.