Crowd-Journalismus hat ein Trittbrettfahrerproblem

Die Idee des Crowd-finanzierten Journalismus ist in Deutschland angekommen: Neue Projekte wollen die gemeinschaftliche Recherchefinanzierung ausprobieren.

Wer ein Produkt entwickeln will, für das er einen Markt vermutet, sammelt auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter Geld ein. Die Kunden versprechen, im Voraus zu bezahlen, sollte eine bestimmte Summe mindestens zusammenkommen, und finanzieren sich so ihr eigenes Wunsch-Produkt zum Vorzugspreis – Banken überflüssig.

Das Crowd-Modell wurde schon auf viele andere Bereiche wie die Unternehmensfinanzierung übertragen, es könnte auch im Journalismus funktionieren.  Das neue Verhältnis von Lesern und Journalisten passt zu den Regeln der Online-Welt: Die Kunden bekommen kein Gesamt-Paket an Nachrichten vorgesetzt, das sie nur als ganzes annehmen oder ablehnen können, sondern sie wählen gezielt aus, was sie interessiert.

Schon 2010 gewann mit ProPublica eine durch Spenden finanzierte 32-köpfige Online-Redaktion in den USA den Pulitzer-Preis in der Königsdiziplin Investigation. ProPublica bedient sich allerdings nicht des Crowd-Prinzips, sondern wird von reichen Gönnern finanziert.

Allerdings lässt sich das Kickstarter-Modell auch auf den Journalismus übertragen: So, wie potentielle Kunden ihr Interesse an einem Produkt äußern können, indem sie es vorbestellen und vorfinanzieren, können potentielle Leser Interesse an einer investigativen Geschichte bekunden und so die Recherche vorfinanzieren.
 


 

Die Leser bestimmen die Themen

In Deutschland will das Projekt Feodo ein “Crowdfunded Magazin” gründen - eine Kombination aus Crowdfunding-Plattform und Online-Magazin. “Journalisten stellen bei Feodo ihre Themen, Ideen und Konzepte vor. Die Leser, die Crowd, suchen die vielversprechendsten heraus, indem sie sie mit Geldbeträgen unterstützen”, heißt es auf der Website des Projekts. Als Anschubfinanzierung wollen die Macher 10.000 Euro per Crowdfunding sammeln – bisher kamen durch Spenden allerdings nur knapp 2000 Euro zusammen. Wie beim Crowdfunding üblich, wäre die Zusage zur Finanzierung nur ein Versprechen, falls insgesamt durch alle Nutzer genug Geld für die Recherche zusammenkommt. Kommt der vorher festgelegte Betrag nicht zusammen, wird auch nicht recherchiert, und die Spender behalten das Geld.

 

 

Ein ähnliches deutschsprachiges Projekt versucht die Initiative Media Funders um Stefan Hertach aus St. Gallen anzustoßen. Bereits seit Juni 2011 ist eine sehr schicke Website online, die das Konzept ausführlich erklärt. Unterstützt werden kann das Projekt unter anderem durch den Social-Micropayment-Service Flattr – doch davon haben bislang nur 31 Unterstützer Gebrauch gemacht. Die meisten dürften damit, wie bei Flattr üblich, einen Cent-Betrag gespendet haben.

Immerhin kann die Plattform eine ganze Reihe Partner vorweisen. Im Gespräch mit dem Journalist kritisierte Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg, dass Projekt-Gründer Hertach kein Journalist sei, und bemerkte, das Vorhaben rieche nach Geschäftsmodell. Hertach entgegnete in den Kommentaren, dass es sich um ein gemeinnütziges Non-Profit-Projekt handle.

 

USA als Vorbild

In den USA gibt es mit Spot.us bereits eine funktionierende Crowdfunding-Plattform für Journalismus. Dort wird mit finanzieller Unterstützung der Leser beispielsweise der Entstehung von Waldbränden nachgegangen oder recherchiert, wie behindertengerecht die Nationalparks sind. Sich selbst bezeichnet Spot.us mit Sitz in San Francisco als Nonprofit-Plattform für “community powered reporting”.

 

Bürger in Recherchen einbinden

Nicht immer muss beim Crowd-Journalismus Geld fließen, um die “Weisheit der Masse” zu nutzen. Schon 2009 gründete der britische Online-Journalist, Blogger und Professor für Online-Journalismus, Paul Bradshaw (Twitter), die Crowdsourcing-Plattform ”Help Me Investigate“. Journalisten oder andere interessierte Bürger können dort Recherche-Fragen einstellen und die Crowd nutzen, um sie zu beantworten.

Dabei geht es in diesen Fällen weniger um den nächste Watergate-Skandal, wobei eine Recherche aufwendig und teuer wäre. Auf der Plattform dominieren Alltagsfragen wie “Wo gibt es die teuersten Parkplätze?” oder “hyperlokale” Recherchefragen direkt vor der Haustür, etwa “Warum wurde der Baum in meiner Straße einfach gefällt?”. Nicht selten sind Bürger vor Ort am besten informiert. Die Informationen müssen natürlich überprüft werden, können aber interessante Ansätze für Recherchen oder schlichte Anfragen bei Behörden sein. Die Plattform hat sich damit über die Zeit für britische Journalisten zu einer Art Nachschlagewerk für alle möglichen Fragen entwickelt.

Wozu “Help me investigate” alles eingesetzt wird, hält Bradshaws auf dem Online Journalism Blog fest. So überwacht die Crowd auf der Website beispielsweise, wie das insgesamt 60 Millionen Pfund umfassende Budget der Clinical Commissioning Groups in Großbritannien verwendet wird.

 

Das Trittbrettfahrerproblem

Der ganz große Durchbruch ist dem Crowd-Journalismus allerdings noch nicht gelungen. Fraglich ist, ob das Kickstarter-Modell für Journalismus wirklich funktioniert. Das ökonomische Problem der Direktfinanzierung: Von der Aufdeckung von Missständen profitieren alle Bürger – ob sie vorher für die Recherchearbeit bezahlt haben oder nicht. Das ist anders als bei allen anderen Formen des Crowdfundings, die bislang funktionieren: Bei Kickstarter erhält der Spender das fertige Produkt zum Vorzugspreis, bei der Unternehmensfinanzierung bekommt er einen Anteil des Unternehmens, den er verkaufen kann – immer profitiert der Spender individuell. Guter, funktionierender Journalismus ist in diesem Sinn – ähnlich wie beispielsweise eine intakte Umwelt – ein Allgemeingut, von dessen Nutzen niemand ausgeschlossen werden kann. Wer nicht bezahlt, ist Trittbrettfahrer: Er profitiert, ohne beizutragen.

 

Journalismus im Gefangenendilemma

Für den Einzelnen gibt es daher nur wenig Anreize, Journalismus zu finanzieren, insbesondere in Zeiten des Internets, in denen man den Einzelnen weniger als je zuvor vom Nutzen ausschließen kann. Obwohl gut finanzierter Journalismus in einer funktionierenden Demokratie gesamtgesellschaftlich wünschenswert ist, kann so durch die Anreizstrukturen für den Einzelnen eine Situation entstehen, die sich niemand wünscht. Ökonomen sprechen hier vom Gefangenendilemma.

Im Bereich des hyperlokalen Journalismus mag es Chancen geben, weil sich kleine, direkt betroffene Bürgerinitiativen zusammenschließen können, um gemeinsam Recherchearbeit zu finanzieren. Schwieriger wird es im großen Maßstab, wie in dem Beispiel von Spot.us mit den Waldbränden.

Auch, die Informationen nur denjenigen zur Verfügung zu stellen, die für die Recherche im Vorhinein bezahlt haben, ist kein wirklicher Ausweg. Entweder geht es gerade um die öffentliche Wirkung, wie bei der Aufdeckung von Missständen, dann ist exklusiver Zugang zu den Informationen für die Wirkung hinderlich. Oder es handelt sich tatsächlich um heiße Infos, die den Lesern einen Vorteil bringen – die würden aber schnell von anderen Medien zitiert werden und wären damit “befreit”. Tatsächlich stellt Spot.us die fertigen Artikel der Öffentlichkeit unter Creative-Commons-Lizenz zur freien Verfügung; das deutschsprachige Projekt Media Funders will es dem US-Vorbild gleichtun, bei Feodo steht die Lizenz noch nicht fest.

Heinz Wittenbrink (Twitter), Dozent für Soziale Medien und Online-Journalismus an der FH Joanneum in Graz, kam 2010  in einem Gastbeitrag für das Blog zurPolitik.com zu folgender Einschätzung:

Was beiden [Crowdfunding]-Modellen gemeinsam ist: Sie haben noch nicht bewiesen, dass sie wirtschaftlich tragfähig sind. Mit Spot.us sind schon wichtige Projekte finanziert worden – eines hat es bis in die New York Times geschafft – aber der Gründer selbst arbeitet nach wie vor unbezahlt, kann also seine eigenen Kosten noch nicht decken.

Es gibt also noch keine empirisch belastbaren Argumente, um die Frage zu entscheiden, ob crowd funded journalism sich zu mehr als einem Nischenphänomen entwickeln kann, ob also diese Modelle z.B größere, kontinuierlich arbeitende Redaktionen finanzieren können.

Daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. Letztlich sind zwei Fragen dafür relevant, wieviel Potential im Crowd-finanzierten Journalismus steckt: Wieviel ist es Lesern wert, das Programm selbst zu bestimmen, und wie altruistisch sind sie? Wittenbrink ist optimistisch:

Das Problem liegt ja nicht darin, dass die Leute nicht für Qualität zahlen würden, das Problem liegt darin, ein Modell zu finden, dass zur Online-Umgebung passt. Dazu muss es benutzer- oder kundenzentriert sein.

Und das ist per Crowdfunding finanzierter Journalismus in jedem Fall.
 
Crosspost vom Online-Journalismus-Blog