Euro-Crash-Propheten: Münchaus große Glaskugel

Ach, diese Kolumnisten. Sie wissen immer alles schon vorher. Und ganz präzise! Anfang Juni schrieb Wolfgang Münchau in seiner Spiegel Online-Kolumne, die Tage des Euro seien gezählt. Höchstwahrscheinlich. Jetzt kritisiert er „Peer Steinbrücks größte Fehleinschätzung“. Seine eigene hat er offenbar schon vergessen.

Wolfgang Münchau weiß es immer ganz genau. Peer Steinbrück, schreibt er, rede heute in der Opposition völlig anders als vor vier Jahren in der Großen Koalition. Doch als gewählter Krisenmanager würde er nicht anders handeln als Angela Merkel. Das ist eine Aussage, deren prognostische Kraft man – aufgrund bisheriger Erfahrungen – nachvollziehen kann.

Warum aber müssen unsere hartkantigen und hoch geschätzten Ökonomie-Kolumnisten immer gleich das ökonomische Voll-Desaster an die Wand malen? „Zusammenbruch“, „Crash“, „Katastrophe“ – darunter tun sie es nicht. Mit dieser Jahrmarktverkäufer- und Prediger-Attitüde schüren sie fahrlässig Ängste und verdienen gutes Geld: Liebe Leute, morgen früh um acht ist Weltuntergang, aber heute gibt’s bei mir noch drei Paar Socken für den Preis von zweien! Kaufen Sie, dann können Sie ihr armseliges Leben vielleicht noch retten!!!

Wolfgang Münchau argumentiert dabei mit schlitzohriger Präzision. Auch sein neuestes Orakel verfährt nach dieser Methode:

„Nach meiner Einschätzung der Krisendynamik werden wir noch vor der Bundestagswahl einige unangenehme Überraschungen erleben, in Griechenland, Portugal und Spanien, möglicherweise auch in Italien. Der hohe Respekt, den Merkel wegen ihres Krisenmanagements in Deutschland genießt, würde sich unter diesen Voraussetzungen schnell in sein Gegenteil umkehren. Dann wäre die SPD mit einem Kandidaten besser bedient, der eine echte Alternative vertritt.“

Ja, wenn es so kommt! Wenn die „unangenehmen Überraschungen“ tatsächlich eintreten. Wenn die Voraussetzungen stimmen. Wenn die Unkenrufe berechtigt waren. Wenn aber nicht?

 

Münchaus größte Fehleinschätzung

Vor vier Monaten, am 6. Juni 2012, schrieb Wolfgang Münchau unter der Überschrift „Ahnungslos in die Euro-Dämmerung“, dass uns das Euro-Armaggedon unmittelbar bevorstehe. Möglicherweise. Der Euro, das habe er bei einer Zugfahrt von Brüssel nach Westfalen unter den Passagieren aufgeschnappt, werde schon in wenigen Wochen zerbrechen – und der große George Soros sei mit seiner Prognose, der Euro habe noch höchstens drei Gnadenmonate vor sich, viel zu optimistisch gewesen. Vermutlich.

Wolfgang Münchau sichert solche Crash-Prognosen gern mit Relativierungsvokabeln ab: vermutlich, vielleicht, möglicherweise, wenn die Voraussetzungen stimmen, früher oder später. Das ist auch bitter nötig, denn bei seiner vermutlich „größten Fehleinschätzung“ – der vom 6. Juni – stützte er seine ‚Analyse’ offenbar allein auf das Geschwätz von irgendwelchen „Managern“ im Zug:

„Einer der Manager war sich sicher, dass der Euro den Monat Juni nicht überleben werde. Dass es früher oder später mit dem Euro zu Ende geht, gilt in der Branche mittlerweile als gesetzt. Und zum ersten Mal höre ich, dass Profis hohe Wetten auf einen Zusammenbruch der Euro-Zone abschließen. Es sind diesmal nicht nur die üblichen Spekulanten. Die Zockerei mit der Euro-Dämmerung hat begonnen.“

Der Untergang des Euro gilt in der Branche also „als gesetzt“. Früher oder später. Und auch die Zwischenüberschrift soll uns den Angstschweiß auf die Stirn treiben:

„Für eine Rettung ist es möglicherweise schon zu spät“

Doch Gottseidank haben wir ja Münchau. Sein schonungsloser Blick in die Glaskugel offenbart seine innersten Glaubens-Sätze:

„Bislang habe ich geglaubt, kein rational denkender Politiker würde einen unkontrollierten Zusammenbruch der Währungsunion zulassen. Ich glaube das letztlich immer noch, doch möglicherweise ist es für eine Rettung schon zu spät. Es besteht die Gefahr, dass sich die Ereignisse überschlagen, bevor die Politik reagieren kann.“

In der Tat!! Es besteht immer die Gefahr, dass sich die Ereignisse überschlagen. Und „früher oder später“ könnte es zu spät sein. Und bei ungünstigen Bedingungen könnte es zur Katastrophe kommen… Glaskugel, Glaskugel, was willst du uns mit derart banalen Sätzen sagen? Doch Münchau spekuliert munter weiter:

„Herman van Rompuy, der Präsident des Europäischen Rates, bastelt jetzt mit Hochgeschwindigkeit an einer Bankenunion, einer Fiskalunion und einer politischen Union. Das ist in der Tat eine bemerkenswerte Entwicklung. Aber kann er das in der kurzen Zeit von wenigen Wochen und Monaten schaffen? Die Investoren an den Finanzmärkten wollen konkrete Beschlüsse sehen, keine Verlautbarungen und vor allem keine Verwässerungen.“

Dummerweise schaffte es van Rompuy doch nicht. Die Investoren warteten vergeblich. Und die von Münchau und seiner geheimnisvollen „Branche“ gesetzte Frist für den Euro („wenige Wochen und Monate“) ist ohne Crash verstrichen. Warum der prophezeite Zusammenbruch nicht erfolgte, werden wir wahrscheinlich – früher oder später – in einer weiteren Münchhausen Münchau-Kolumne erfahren. Falls sich die Ereignisse nicht vorher überschlagen.

Der Schluss der Glaskugel-Geschichte vom nahen Ende des Euro ist dann an Aussagekraft kaum noch zu überbieten:

„Die Narrative dieser Krise sind völlig außer Kontrolle geraten, und die Politik weiß nicht, wie sie sie wieder einfängt. Das geht Merkel nicht anders. Vielleicht kommt die politische Union. Vielleicht kommt der Zusammenbruch. Eines von beiden wird aber kommen, und Deutschland hat sich auf keines der beiden Szenarien vorbereitet.“

So ist es. Morgen wird es vielleicht regnen, vielleicht scheint aber auch die Sonne. Auf keines der beiden Szenarien ist Deutschland vorbereitet. Wie gut, dass wir Wolfgang Münchau haben, der uns mit sicherer Hand durch die ökonomische Großwetterlage führt.

Siehe auch Klaus Jarchow im Stilstand