Videostreams: Die besseren Talkshows

| 29.09.2012 | 27 Kommentare

Seit es Google+ Hangouts gibt, ist "Talkshow machen" mit einfachen Mitteln von und für jedermann möglich. Die informativen Gespräche sind den bekannten Quasselrunden schon jetzt überlegen.

Google+ Account anmelden, Hangout herunterladen, die Kamera einstellen, ein paar Freunde einladen, Headset auf – und los. Eine genial einfache Lösung mit Riesenpotential: Zu Ende gedacht, könnte man damit unzählige Flugmeilen und Millionen Gallonen Kerosin sparen, Reise-, Hotel- und Verpflegungskosten senken, und, und, und.

Vorher müsste allerdings dringend noch flächendeckend für schnelles Internet gesorgt und eine hirnrissige Regelung wie die Genehmigung durch die Landesmedienstalten abgeschafft werden:

Wer Hörfunkprogramme ausschließlich im Internet verbreitet, bedarf keiner Zulassung. Er hat das Angebot der zuständigen Landesmedienanstalt anzuzeigen (vgl. § 20 b RStV). Die unterlassene Anzeige kann als Ordnungswidrigkeit verfolgt werden (§ 49 Abs. 1 Satz 1 Nr. 18 RStV). Nachdem § 2 Abs. 3 Nr. 1 RStV aber Angebote vom Rundfunkbegriff des RStV ausnimmt, die weniger als 500 potenziellen Nutzern zum zeitgleichen Empfang angeboten werden, stellt ein Internetradio mit weniger als 500 gleichzeitigen Zugriffsmöglichkeiten gem. der Definition in § 2 Abs. 1 Satz 3 RStV ein Telemedium dar, das nach § 54 Abs. 1 Satz 1 RStV zulassungs- und anmeldefrei ist, d. h. weder einer Rundfunkzulassung noch einer Anmeldung nach § 20b RStV bedarf.

Aber fangen wir etwas kleiner an.

 

Digitales Quartett

Am 2. September, mitten in der Streitwelle um Manfred Spitzers Buch „Digitale Demenz„, war der Autor bei Günter Jauch zu Gast. Thomas Knüwer und Daniel Fiene fanden die verschrobenen Thesen ebenfalls diskussionswürdig und organisierten aus dem Stand eine Sendung nach der Sendung. Dazu luden sie sich Menschen ein, die abseits des üblichen Talkshow-Rasters Substantiiertes zum Thema beitragen können: Das Digitale Quartett war entstanden.

Unter dem Hashtag #Quartett kann man auf Twitter Fragen an die Runde stellen und Anregungen geben – was bei der rundshow noch arg ruckelig mit herkömmlicher Fernsehtechnik gemacht wurde, kommt hier ohne Zwischenmedium kurzweilig und sympathisch rüber. Dass auch ein Hangout nur so gut ist wie die Internetanbindung von Beteiligten und Zuschauern, ist ein Problem, das sich mit der Zeit von alleine lösen wird.

Gleich das erste Quartett kam gut an und läuft seit dem 9. September regelmäßig nach dem Tatort, sonntags um 21:45 Uhr. Twitterati sind es ja schon länger gewohnt, den #tatort bimedial zu verfolgen, und so ist die anschließende Talkrunde für viele auch eine angenehme virtuelle Verlängerung.

Vor allem aber ist sie ein blendender Ersatz für die zeitgleich gesendete Politiksubstitution in der ARD, die krampfhaft bemüht Antworten auf nicht gestellte Fragen gibt und bei der erwartbare Gäste erwartbare Sätze sagen. Während dort Arnulf Baring immer Arnulf Baring gibt, ist es beim Quartett spannend, was die einzelnen Gäste sagen und wie sich die Diskussion entwickeln wird. Daniel Fiene ist Profi und leitet die Sendung locker und souverän, Franziska Bluhm (die leider erst einmal dabei war) hat ebenfalls schon Radio gemacht, und auch Thomas Knüwer ist ein Medienjunkie.

Leider fehlt der Sendung noch ein wenig der rote Faden. Ich wünsche mir anregende Diskussionen, kann aber auf die 104. Abhandlung irgendwelcher Gadgets gut verzichten. Die gibt es schon, mehr als genug, auf anderen Kanälen. In den Fernseh-Talkshows wird auch wiederholt, was man in der vergangenen Woche schon zehn Mal oder öfter gehört hat. Wer viel im Netz unterwegs ist, kennt analog das neueste iPad schon bestens, ohne es jemals berührt zu haben, und wird sich freuen, wenn er ein anderes Menu serviert bekommt: Wirklich stark ist das Quartett, wenn es Themen und Aufreger der jeweils vergangenen Woche jenseits der Gerätekunde behandelt. Gespräche über Endgeräte sind letztlich immer „ich find das gut“/“ich find das doof“-Bestandsaufnahmen, sie bieten nichts wirklich Neues, während persönliche Meinungen zu Tagesthemen von Leuten, die man aus dem Netz zu kennen glaubt, oft erstaunliche Erkenntnisse bringen.

 

Bloggercamp

Einen anderen Weg gehen Gunnar Sohn, Hannes Schleeh, Heinrich Rudolf Bruns und Bernd Stahl mit einem kompletten Programm, das über einen Tag verteilt verschiedene Slots mit verschiedenen Teilnehmern anbietet und auch Zuschaltungen erlaubt. Das virtuelle Bloggercamp (#bcn12) ist als Ersatz für ein geplantes persönliches Treffen entstanden und wurde unversehens zum Medienexperiment.

Die Camper haben vorab bei der Landesmedienanstalt eine Sendelizenz beantragt, das Thema wurde in der Vorbereitung wie in der ersten Sendung auch ausführlich beleuchtet. Es ist rückständig und beschämend, dass die Nutzung neuer Technologien noch mit Maßstäben aus dem letzten Jahrhundert reguliert wird. Spontanität lässt sich kaum besser ersticken.

Deshalb war es überaus passend, dass sich am Rand einer Bertelsmann-Party am 27. in Berlin ein Gespräch zwischen Daniel Fiene, Hannes Schleeh und Bundeswirtschaftsminister Rösler ergab, bei dem es um diese medienrechtliche Genehmigungspflicht ging: Die technischen Möglichkeiten für spontane Hangouts seien vorhanden, wenn man sie aber nutzen wolle, stehe man ständig mit einem Fuß im Gefängnis. Der Minister meinte launig, Daniel und Hannes mögen doch einen Verbesserungsvorschlag aufschreiben und sich dann mit ihm treffen.

Den Vorschlag werden die Beiden natürlich annehmen: Sie wollen bis zum IT-Gipfel am 13. November in Essen einen Entwurf verfassen und auch darüber bloggen. Das Video mit dem Minister hat Gunnar in voller Länge, Hannes geht noch einmal auf das Gespräch ein.

Nach sorgfältiger und gut gelaunter Vorbereitung mit Test zum Anschauen wurde es am Freitag um 11:00 Uhr ernst. Gunnar Sohn führte durch alle 5 Panels.

Was mich gestört hat: Es waren zum Start keine Frauen eingeladen. Nicht eine. Ja, das Thema nervt, viel mehr nervt aber die Tatsache an sich. Ich hätte sehr gerne zur Vorbereitung und den Panels 1 und 2 beigetragen, leider habe ich eine grottenschlechte Internetanbindung. Es gibt aber jede Menge fitte Frauen mit schnellem Internet, es wäre schön, wenn die Camper vor der nächsten Sendung mal herumfragten.

Die lockere Atmosphäre und das umfangreiche Themenspektrum haben mir gut gefallen, auch die rechtzeitig bekannt gegebene Einteilung in Panels, so konnten die Zuschauer ihr Interessengebiet vorher heraussuchen und die Zeit einplanen, falls sie selbst teilnehmen wollten. Bei den Gästen fürchtete ich erst, dass der Schwerpunkt zu sehr auf Marketing, Beratung und PR liegen könnte, aber die Mischung sorgte doch für sehr unterschiedliche Sichtweisen, so dass es keine Minute langweilig war. (Und es ging auch nur ganz am Rand um Apps. ,)

Fazit

Mein Favorit ist das Quartett, weil eine Dreiviertel- bis eine Stunde ein überschaubarer Zeitrahmen ist, und der Sendetermin nach dem Tatort ist einfach großartig. Fünf Panels sind sehr lang, auch wenn man sich vielleicht nicht für alle interessiert, oder sie nachträglich häppchenweise sieht. Meist kommt dann doch wieder etwas dazwischen, das wichtiger ist, und so verpufft ein ganzer Teil, weil man einfach nicht mehr zum Anschauen kommt. Auch der Freitag ist problematisch, sowohl für die Gäste als auch für die Zuschauer. Die Meisten sind dann entweder noch an ihrem Arbeitsplatz, schon beim Einkaufen oder auf dem Weg ins Wochenende.
Thematisch lag mir eher das Bloggercamp, das kann sich aber mit jeder neuen Folge wieder ändern. Auch die Zusammenstellung der Teilnehmer war abwechlungsreicher; das Quartett wird von einem Kreis bestritten, der sich oft zu einig ist. (Allerdings sendet das Quartett morgen schon zum fünften Mal, während es beim Camp erst die Premiere war, also ist das vielleicht ein bisschen ungerecht.)

Das Format erlaubt spontane Diskussionen, Live-Übertragungen oder Interviews, es eignet sich aber noch zu viel mehr, wenn die Kinderkrankheiten erst überwunden sind (in einem der Talks wurde das „50er-Jahre-Fernsehen“ genannt). Die Talkrunden sind völlig ungezwungen und decken viele Themen ab, naturgemäß auch netzbezogene, die im Mainstream gar nicht vorkommen oder erst umständlich von Erklärbären für die C-Welt übersetzt werden. Das größte Plus sind jedoch die Gäste, die nicht nach Schema F ausgewählt werden und, statt Sprechblasen abzusondern, wirklich etwas zu sagen haben. Ganz gleich, ob man sie bereits aus dem Netz kennt oder nicht, es ist interessant, andere oder neue Standpunkte kennenzulernen. Die meisten Gäste kennen sich mit den Gepflogenheiten im Internet bestens aus, ‚Neulinge‘ werden kurz gebrieft, und selbst kleine Pannen werden ganz unverkrampft bewältigt.

Die trotz jeweils vorgegebener Themenrahmen relative Unvorhersehbarkeit, wie sich das Gespräch entwickeln wird, macht Spaß. Kein Moderator unterbricht mit albernen Einspielern, wenn es gerade spannend wird, keiner hebt den Zeigefinger, niemand wiederkäut tausend Mal gehörte Statements. Und es gibt weit und breit keinen Arnulf Baring.

Ganz wunderbar ist der Rückkanal, sei es per Twitter oder direkter Zuschaltung. Die Möglichkeit, seinen Senf dazugeben zu können – und das in Echtzeit – trägt zu der ohnehin lebhaften Atmosphäre bei und bezieht endlich auch die Zuschauer mit ein. Man kann mitwirken, muss aber nicht. Allein, dass es geht, steigert den (Unterhaltungs-)Wert noch einmal erheblich. Dass man sich bei Bedarf die Aufzeichnung ansehen kann, ist in Zeiten der eingeschränkten Verfügbarkeit in der Mediathek und des erzwungenen Depublizierens öffentlich-rechtlicher Programme der schiere Luxus, zumal die Macher kein Problem damit haben, wenn Zuschauer sich die Sendungen herunterladen. Außerdem sind alle Mitwirkenden offen für Anregungen und Vorschläge, und sie werden auch umgesetzt, wenn sie taugen; noch so etwas, das man beim Fernsehen arg vermisst. Also nicht meckern, sondern melden.

Die Hangouts sind viel unterhaltsamer, spannender und erkenntnisstiftender als ihre öffentlich-rechtlichen Vorgänger: Experiment gelungen, wird fortgesetzt. Ich freu mich drauf.
 

  • Falls es jemand ausprobieren möchte: Hannes Schleeh hat aufgeschrieben, wie es geht (dort nach unten scrollen).
  • Über Chancen, Anwendungsmöglichkeiten und (rechtliche) Probleme sprechen im 2. Panel des Bloggercamps Gunnar Sohn, Hannes Schleeh, Heinrich Rudolf Bruns, Bernd Stahl, Frank Schulz, Thomas Schwenke und Gerhard Schröder
  • Noch was gelernt: Ein Hangout ist auf die eingeladenen Personen begrenzt, bei Hangouts on Air können sich weitere Teilnehmer zuschalten.
    Update: Hannes korrigiert in den Kommentaren:

    Jeder Hangout kann öffentlich gemacht werden. Das legt man in der Einladung fest. Ich habe zu den Hangouts des Blogger Camps einen extra Kreis bei Google+ erstellt und diesen jeweils eingeladen. Sind mehr als 9 Personen eingeladen, dann ist der Hangout mit 10 Personen voll. (inkl. dem “Veranstalter”) Dann kann erst wieder jemand neu rein, wenn ein anderer raus geht.