Hat Franz Josef Strauß verhindert, dass ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer Spiegel-Chefredakteur wurde?

An diesem Wochenende arbeitet der Spiegel seine Geschichte auf. Dabei lobt sich das Magazin nicht nur für seinen Mut während der Spiegel-Affäre vor 50 Jahren, es betrachtet auch seine weniger ruhmreiche Nachkriegsgeschichte.

Als der Medienwissenschaftler und Journalist Lutz Hachmeister dem Spiegel zum 50. Geburtstag einen taz-Artikel ‚schenkte’, in dem er die Rolle ehemaliger SS-Offiziere beim Nachrichtenmagazin enthüllte (Manfred Bissingers Woche und die Zeit wollten den Text damals nicht drucken), wich der Spiegel einer gründlichen Debatte darüber aus. Ja, es seien Mitarbeiter mit zweifelhafter Vergangenheit beim Spiegel gewesen, aber sie hätten dort ja nichts zu sagen gehabt und wären auch nicht besonders unangenehm aufgefallen.

Nun, zum 50. „Geburtstag“ der Spiegel-Affäre, hat man sich entschlossen, die Realität nicht weiter zu verdrängen. Der 1996 ausgebremste Lutz Hachmeister und der in Fragen der Vergangenheitsbewältigung besonders ausgewiesene Zeithistoriker Norbert Frei ließen zum Auftakt der SpiegelKonferenz die dunkle Zeit vor der Spiegel-Affäre noch einmal Revue passieren – inklusive aller „unangenehmen Tatsachen“. Spiegel Online schreibt dazu:

„Diese ‚unangenehmen Tatsachen’ sind, dass unter den Mitarbeitern des frühen SPIEGEL auch eine Handvoll SS-Offiziere waren. Bekannt ist das zwar seit rund 20 Jahren, auch das Magazin selbst hat darüber bereits geschrieben, unter anderem in den Jahren 1997 und 2007. „Nicht allen war das ausreichend und umfassend genug“, sagte Mascolo. „Aus heutiger Sicht – und das ist leicht einzuräumen – war es gewiss ein Fehler, sich dieser Leute mit brauner Vergangenheit zu bedienen“ …

Zwei der SS-Offiziere, von denen in der Debatte immer wieder die Rede war, sind Horst Mahnke (1913 – 1985) und Georg Wolff (1914 – 1996). Sie kannten sich aus dem Studium, beide waren vor 1945 beim SD, dem Nachrichtendienst in Heinrich Himmlers Reichssicherheitshauptamt, jeweils im Rang eines SS-Hauptsturmführers. Nach dem Krieg wurden beide Ressortleiter beim SPIEGEL, Wolff brachte es sogar zum stellvertretenden Chefredakteur. Mahnke schied 1959 beim SPIEGEL aus, Wolff 1979.“

Nicht nur Spiegel Online, auch der soeben gestartete Spiegelblog, nimmt sich dieser neuen Vergangenheitsbewältigung an. So schreibt Spiegel-Autor Stefan Niggemeier, dass Lutz Hachmeister anlässlich der Konferenz die Memoiren Georg Wolffs dem Spiegel-Archiv übergeben habe. Darin schildere Wolff auch seine damaligen Einstellungsgespräche beim Spiegel. Aus denen gehe hervor…

„…dass Wolff und Mahnke beim SPIEGEL 1959 ‚beinahe ganz nach oben gekommen wären’: Wolff habe Chefredakteur werden sollen, Mahnke Leiter des persönlichen Büros von Rudolf Augstein. Dass es dazu nicht kam, habe auch am Kampf Augsteins gegen Franz Josef Strauß gelegen, so Hachmeister: Bei einem SPIEGEL-Chefredakteur mit SS-Vergangenheit hätte Strauß alle Möglichkeiten für eine Gegenkampagne gehabt.“

Zwar sind die Memoiren Wolffs kein zweifelsfreier Beleg dafür, dass Rudolf Augstein solche Beförderungen tatsächlich in Erwägung gezogen hat, aber die Strauß-These hat ihren ganz eigenen Spiegel-Reiz.

Ein Teil der Konferenz wird übrigens im Livestream auf Spiegel Online übertragen