Um meinetwillen

Gott soll nicht gelästert, religiöse Gefühle sollen geschützt werden - notfalls mit dem Strafgesetzbuch in der Hand. Privilegierte Rechthaberei, weil es geht?

Am Wochenende habe ich im Gottesdienst einen Auszug aus Jeremia 20 gehört, der so auch aus der aktuellen Nachrichtenlage kommen könnte:

Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, ein jeder verhöhnt mich. Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, «Gewalt und Unterdrückung!», muss ich rufen. Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn.

Ähnlich in ihren religiösen Gefühlen beleidigt, fordern derzeit unvermeidliche CSU-Politiker eine Verschärfung des Schutzes religiöser Gefühle.

Die CSU – ja gut, ist halt die CSU: Sie hat nichts außer dem Stolz, nicht zu den Anderen (ob andersfarbig, -gläubig, -denkend, -stämmig) zu gehören, und muß deshalb diesen Stolz mit aller Macht vor jeder Kränkung schützen.

Allesamt Christen, die den Staat in den Dienst nehmen wollen, um die Beleidigung religiöser Gefühle strafrechtlich maßregeln zu können. Wann ist das Christentum eigentlich so heruntergekommen?

Die Forderung nach einem stärkeren Schutz der religiösen Gefühle (zumal, wenn sie in Deutschland aus dem Christentum kommt) ist Ausdruck einer saturierten Wohlstandsreligion, stumpf geworden durch eine jahrtausendealte Domestizierung eines sich im Staatsapparat wohlfühlenden Glaubens, der zur Leitkultur erstarrt ist. Mit Konstantins Sieg in hoc signo hat das Kreuz einen Pyrrhussieg errungen. Konstantin hat weniger das römische Reich christlich als das Christliche staatlich gemacht.

Die Bibel ist voll von Gewaltphantasien gegenüber den Frevlern, voll von Berichten über tatsächliche Gewalt ihnen gegenüber. Was aber auch immer präsent ist: die Betonung des Leidens um Gottes Willen, um Christi willen. Nicht selbst zur Täterin werden, den Kreislauf der Gewalt, die Logik der Vergeltung durchbrechen.

»Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.« Das ist keine Rechtfertigung von Beschimpfung und Verfolgung und Verleumdung, weder moralisch noch religiös. In politischen Forderungen nach einer radikalen Ahndung der Verletzung religiöser Gefühle schwingt nichts von diesem zeichenhaften Erdulden der Beleidigung mit. Die konstantinische Wende hat das Christentum von einer Religion derer, die um Christi Willen leiden und in ihrer Schwäche Zeugnis für einen starken Gott geben, zu einer Religion gemacht, die selbst im weltlichen Kreislauf der Gewalt mitspielt, die sich staatlicher Repressionen bedient, sich mit der Macht der Mächtigen gemein macht.

Es tut der christlichen Botschaft nicht gut, wenn sie für sich solche Privilegien einfordert, den eigenen Glauben als Leitkultur durch staatliche Repression sakrosankt machen will. (Und paradox wird es, wenn einerseits Entweltlichung gefordert wird, andererseits vor einem bürgerlichen Gericht die gekränkte Ehre verteidigt werden soll.) An der Seite der Schwachen auch Opfer verbaler Gewalt unter staatlichen Schutz zu stellen – das ja. Dazu braucht es kein zusätzliches Recht, das explizit auf die Verletzung religiöser Gefühle abzielt.
 
Crosspost von fxneumann