Proteste gegen „Innocence of Muslims“: Verzerrte Darstellung

| 19.09.2012 | 24 Kommentare

Die Massen, die während des "arabischen Frühlings" für Demokratie protestierten, waren viel größer als bei den aktuellen Protesten im Nahen Osten. Die mangelnde Objektivität der Medienberichte über die geografische Reichweite der sogenannten "Muslim Rage" hat gefährliche Auswirkungen.

Medienberichte über die Aufstände im Nahen Osten versuchen hauptsächlich, die Menge der Teilnehmer oder den anteiligen Prozentsatz der Bevölkerung abzuschätzen. Sie beschreiben die Reaktionen auf den Anti-Islam Film „Innocence of Muslims“ als „Tage des Zorns“ und als einen Sturm, der durch fast ein Viertel der Weltbevölkerung fege.

Ein einfacher Vergleich der Menschenmengen, die sich in den frühen Tagen des arabischen Frühlings 2010 und 2011 im Nahen Osten und Nordafrika versammelten, zeigt, dass diese erheblich größer waren als die, die sich in den vergangen Tagen formiert haben, mit Ausnahme der Ausschreitungen in Jordanien, Sudan, Kuwait und Qatar.

Ich habe verschiedene Quellen benutzt, die während der Frühphase der Arabischen Revolution veröffentlicht wurden, und eine Tabelle erstellt (Foto), die die niedrigste Anzahl der während des Arabischen Frühlings versammelten Menschen erstmals erwähnt, dazu habe ich den Zeitraum vom 10. Dezember 2010 bis zum 31. Mai 2012 gewählt. Durch das Enddatum wollte ich sicherstellen, dass die Zahlen der frühen Protestphase nicht die neueren beeinflussen, die für die Proteste ab dem 11. September 2012 ausgewertet wurden.

Meine geschätzten Zahlen für die gegenwärtigen antiamerikanischen Unruhen stammen überwiegend von einer Karte von The Atlantic Wire (Karte der weltweiten Muslim-Proteste), die ständig aktualisiert wird, und weitere Quellen wurden eingearbeitet. Um Voreingenommenheit zugunsten meiner Hypothese zu vermeiden, dass die Pro-Demokratie-Versammlungen größer waren, habe ich alle Schätzungen über die Anzahl der Menschen, die gegen den antiislamischen Film protestierten, aufgerundet und die Medienberichten aus den Ländern, die von „Hunderten“ sprachen, als 500 Menschen gezählt, die von „Tausenden“ sprachen, als 5000.

Während die Größe der Menschenmengen in Prozent sowohl im Arabischen Frühling als auch bei den Anti-Film-Unruhen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung eher klein war, sind die Versammlungsgrößen der antiamerikanischen Unruhen erheblich kleiner, gemessen am Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. An dieser Stelle soll auch erwähnt werden, dass die Zahl der Toten des arabischen Frühlings signifikant höher ist.

Es ist interessant, zu beobachten, dass die Medienbilder vom Tahrir-Platz im ersten Halbjahr 2011 im Weitwinkelformat präsentiert wurden, während die Bilder der gegenwärtigen Proteste rund um kleinere, gewalttätige Gruppen zusammengeschnitten wurden und damit den Eindruck erwecken, die Menschenmengen seien groß und bedrohlich. Das kann man selbst einfach nachprüfen, indem man eine Google-Bildersuche nach „Protest Arabischer Frühling“ durchführt und die Ergebnisse mit der Google-Bildersuche „Protest Muslim“ vergleicht. Die Suche sollte dabei auf einen Zeitraum zwischen dem 10. und dem 16. September 2012 beschränkt werden.

Die diversen generationenübergreifenden, multireligiösen Versammlungen beider Geschlechter, die den Untergang autoritärer Regimes in der gesamten Region zur Folge hatten, waren riesig im Vergleich zu den kleineren Versammlungen junger, frustrierter Männer, die dieser Tage in der Nähe der US-Botschaften und -Geschäfte Krawalle veranstalteten. Diese Versammlungen sind im Vergleich jämmerlich. Wir wüssten das aber nicht, hätten wir nicht die vergleichbaren Bilder aus jeweils derselben Weitwinkel-Perspektive.

Der Schwerpunkt der derzeitigen Berichterstattung der Reporter, Experten und Nachrichtenagenturen hingegen will uns glauben machen, dass diese Unruhen weitaus größer und ernster zu nehmen sind als die der arabischen Aufstände.

Da die USA das Ziel dieser Wut sind, ist dieser unverhältnismäßige Schwerpunkt nicht überraschend, aber er ignoriert die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime derzeit weder gegen den Film, noch die US-Politik, noch die amerikanischen Werte protestiert. Darüber hinaus ist die Ungläubigkeit, mit denen die Medien und Kommentatoren angesichts der laufenden Drohnenangriffe auf diesen Ausdruck antiamerikanischer Stimmungsmache reagieren, ein Punkt, der das amerikanische Image in der Region weiter untergräbt. Dabei ist die lange Geschichte amerikanischer Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Länder noch nicht einmal erwähnt.

Muslime werden Amerikaner zunehmend als naiv, wenn nicht gar heuchlerisch wahrnehmen, wenn wir weiter glauben, dass die selektive Unterstützung der libyschen Opposition und einiger anderer pro-Demokratie-Bewegungen uns zum neuen Helden der Freiheit macht. Dabei haben wir entschiedene Aktionen in Syrien strikt vermieden und das Verlangen nach Freiheit in Regionen wie Bahrain, der West Bank und dem Gaza-Streifen ebenso ignoriert wie die Ergebnisse freier und fairer Wahlen, wenn uns die Gewinner nicht passten.
Auch im Hinblick auf die Angriffe des 11. September 2001 hatte Amerika die Sympathie vieler Muslime rund um den Globus, als Botschafter Stevens und seine Kollegen am 11. September 2012 ermordet wurden. Doch im Zug der sensationsheischenden, naiven und übertriebenen öffentlichen Reaktionen auf die Proteste gegen den Anti-Islam-Film hat vieles zur Distanzierung der pro-demokratisch eingestellten Reformer der arabischen Revolution beigetragen, die wir eigentlich unterstützen wollten.
 
Der englischsprachige Originaltext erschien auf Megan Reifs Website. Übersetzung: Kerstin Ludwig
 

  • Auf Neil Gaimans Website steht ein interessanter Brief. Demnach wurde der Film nachträglich verändert und erst so zu dem Machwerk, das wir kennen.