Wer den Wandel meistert, kann die Demenz vergessen

Das Blöde bei diesen Hypes ist, dass immer ein Stückchen Pseudowissen hängen bleibt. Am besten, man dreht den Spieß einfach um und spricht statt von digitaler Demenz von analoger Verständnislosigkeit. Und über deren Konsequenzen.

Nachdem wir ziemlich sicher sein können, dass Manfred Spitzers “Digitale Demenz” ein Popanz ist, was ist dann wirklich? Analoge Demenz bei Spitzer & Co.? Ein Generationen- und Kulturkampf zwischen abgehängten Offlinern und digital vernetzten Onlinern? Oder geht es in Wirklichkeit nur um den ganz normalen, ständigen Wandel der zum Leben und Überleben nötigen Fähigkeiten, den aber nicht jeder akzeptieren will?

Akute Anflüge von Hirnleere kennt wohl jeder: Telefonnummer des Klempners verlegt – ausgerechnet beim Rohrbruch; der rätselhafte Gang in den Keller (weswegen noch mal?); nach dem clean install eines neuen Betriebssystems kein Passwort mehr im Kopf; die vergebliche Suche nach einer bestimmten Straße in der Nachbarstadt – obwohl Sie dort schon mehrmals waren; nach nur einem Jahr keine Ahnung mehr, wie Sie Ihren Sat-TV-Receiver dazu bringen können, neue Sender zu empfangen; das Verpassen der richtigen Autobahnabfahrt; das verzweifelte Durchkämmen der Wohnung nach dem verschwundenen Schlüsselbund.

Das alles ist in der Regel weder chronisch noch Zeichen einer Demenz, sondern Folge der manchmal etwas seltsamen Selektionsmethode des Hirns zwischen den Kriterien “wichtig”, “mal zwischendurch merken” und “kannste vergessen”. Die können wir zwar teilweise beeinflussen, etwa durch stures Auswendiglernen, kreatives Basteln von Assoziationsketten oder Verknüpfen mit Emotionen, das Allermeiste passiert aber ohne unser direktes Zutun, weil der unendliche Strom der durch unsere Sinne und Rezeptoren aufgenommenen Datenhäppchen nur automatisiert in den Griff zu bekommen ist.

Das Wertvolle von früher ist der “Müll” von heute

Unbewusst verändert sich diese Speicher-Agenda während unseres Lebens ständig – durch den eigenen Alters- und Erfahrungsfortschritts und die Dynamik der Umwelt. Was vor 20 Jahren noch wichtig war, kann inzwischen total irrelevant geworden sein – etwa die Cocktail-Preise in der Stammkneipe damals. Dafür wissen wir jetzt auf Anhieb, wo die Magentabletten im Badezimmer zu finden sind. Jungen Leuten (so ab Jahrgang 1980) wird heutzutage nachgesagt, sie hielten vieles für Lügen und Müll, was wir Älteren noch als relevantes Wissen ansehen. Manche ziehen sogar den Informationswert der ARD-Tagesschau in Zweifel – potztausend!

Müssen wir deshalb aber gleich in Kulturpessimismus verfallen und den Untergang des Abendlandes befürchten? Ich gebe zu, dass ich das hin und wieder gedacht habe und auch teils noch denke (z. B.: “Privatfernsehen verblödet!”), obwohl es vermutlich grottenfalsch ist. Was uns nämlich in den 1960ern und 1970ern in der Schule und Ausbildung als Wissen, Werte und Fähigkeiten vermittelt wurde (und teilweise auch heute noch den Schülern eingetrichtert wird), ging schon damals großteils am realen Bedarf vorbei und dürfte in diesem Jahrtausend fast komplett wertlos geworden sein.

Das Alter spielt fast keine Rolle

Die von dem Mathematiker und Philosophen Gunter Dueck so treffend als “Flachbildschirm-Rückseitenberater” beschriebenen Schema F- und Kästchendenker-Bürosklaven waren zwar vielleicht einmal Musterschüler, werden aber immer weniger gebraucht. Die Zeiten, in denen der ideale deutsche Staatsbürger alles geglaubt hat, was ihm vermeintliche Autoritäten oder die Obrigkeit vorsetzten, da er beim Massenmorden, Verwalten von Konzentrationslagern, Volkszählen mit Hollerith-Maschinen, Ausspähen der Nachbarschaft und Verdrängen von Grausamkeiten eine unglaubliche Perfektion entwickelte, nie gegen Unrecht aufbegehrte, die wünschen sich nur Dummköpfe zurück.

Manfred Spitzer ist ungefähr in meiner Altersgruppe, dürfte also zumindest anfangs eine ähnliche Bildung mitbekommen haben. Aber die Zahl der Altersjahre spielt in dieser Diskussion eigentlich keine entscheidende Rolle – noch nicht einmal unbedingt die Generation. Er und andere Computer-/Internet-Skeptiker kommen in der gleichen digitalen Realität zu völlig anderen Schlüssen, als zum Beispiel der noch ein paar Jahre ältere Dueck.

Ich neige eher dessen Ansichten und Prophezeiungen zu. Dueck sieht die Jugend mitnichten durch elektronische Medien verdummt, sondern im Gegenteil noch schwere infrastrukturelle und bildungskulturelle Mängel beim Einsatz und der Ausbreitung der von Spitzer verteufelten Medien und Maschinen – mit der Konsequenz, dass die wirtschaftliche und geistige Leistungsfähigkeit des Landes leidet.

Was wirklich zählt, sind nicht die Fakten

Die von Marketingexperten Digital Immigrants getauften Menschen gibt es wegen des schon lange andauernden Digitalzeitalters inzwischen in fast jeder Altersgruppe, ebenso, wie konservative Maschinenstürmer und Verschwörungstheoretiker. Die Trennlinien sind fließend und weitgehend unabhängig von politischen Überzeugungen und Parteipräferenzen. Allenfalls die Sozialisation und die Fähigkeit zur flexiblen Reaktion auf sich schnell verändernde äußere Umstände spielen eine Rolle. Wissbegierigkeit, Toleranz, Weltoffenheit, Kommunikations- und Kritikfähigkeit sind ein paar der Eigenschaften, die den Lebensstil und den Umgang mit Medien aller Art positiv beeinflussen. (Wie heißen eigentlich die entsprechenden Unterrichtsfächer in der Schule?)

Der frühere Bildungskanon mit weitgehend unreflektierter Faktensammlung ist hier irrelevant. Es spielt beispielsweise keine Rolle, ob Sie die Jahreszahlen für Beginn und Ende des 30-jährigen Krieges im Kopf haben. Sie sollten aber unter anderem wissen – um entsprechende Medienberichte relativieren zu können -, dass die Wahrheit das erste Opfer eines Krieges ist. Es ist auch nicht sonderlich wichtig, den genauen Sitz der Belohnungs- und Glücks-Rezeptoren im Gehirn zu kennen. Sehr wichtig ist dagegen die Erkenntnis, dass jeglicher Konsum – im Übermaß genossen – zu einer Sucht werden kann.

Dabei ist es prinzipiell egal, ob es um Internet, Fernsehen, Computerspiele, Beifall, Zucker, Kokain, Nikotin, Pornos, Ruhm oder Rum geht. Jede dieser “Drogen” ist geeignet, die individuelle Lebenstüchtigkeit inklusive der Sozialkontakte erheblich zu reduzieren und Phänomene auszulösen, die an Demenz erinnern. Glauben Sie das einfach mal jemandem, der diverse Nächte “Gran Turismo”, Teile 1 bis 5, an der Playstation durchgespielt oder mit qualmender Zigarette stundenlang an Blogbeiträgen geschrieben hat. Man vergisst jede Menge von dem anderen Zeug, das nichts mit dem zu tun hat, was man gerade exzessiv betreibt. Gut, wenn Sie wissen, wie Sie von dem Trip wieder ‘runterkommen.

Apologeten einer vergangenen Welt

Indizien für ein gehäuftes Vorkommen solcher zweifelhaften Lebensumstände, die die Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit beeinträchtigen, gibt es meines Erachtens im Wissenschafts- und Literaturbetrieb, dort, wo sich Akademiker und selbsternannte Hüter der wahren Werte in Refugien fern der wirklichen Welt ihren eigenen Kosmos basteln, die Scheuklappen enger schnallen, an ihrer Prominenz besaufen und die Frequenz von TV-Talkshow-Einladungen mit Bedeutung verwechseln.

Solche Autoren schreiben gerne Bücher für Menschen, die sich für das Bildungsbürgertum und Talkshows für Informationssendungen halten, die gedruckte Bücher kaufen und diese damit an die Spitze von Bestsellerlisten in gedruckten Magazinen und Wochenzeitungen hieven. Sie glauben offenbar noch an eine Welt, in der fest angestellte Vollzeitkräfte von der Ausbildung bis zur Rente im selben Betrieb bleiben, die immer gleichen Handgriffe und Denkvorgänge ausführen, und von ihrem Lohn problemlos eine vierköpfige Familie ernähren können.

Wenn sie dabei ignorieren oder vergessen, dass da draußen ein anderes Leben spielt – mit hoch flexiblen und niedrig bezahlten Tagelöhnern, mit Netzaktivisten, kritischen Konsumenten und Wählern, vernetzten Aktionsbündnissen, digitalen Genies, Hobby-Publizisten und vielen jungen Leuten, denen solche Akademiker und ihre gläubigen Jünger piepegal sind -, wenn diese ewig Gestrigen immer noch die Paradigmen für ein Bildungssystem liefern, das Kinder auf eine Welt vorbereitet, die es so nicht mehr gibt, dann spricht das durchaus für eine Art von Demenz. Und unter der leiden wir letztendlich alle.

Crosspost von Fastvoice