Beate Reszat

Die Finanzaufsicht komplexer Märkte – ein Frisbee-Spiel

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Die Finanzkrise hat daran erinnert, wie abhängig die Weltwirtschaft von einem gut funktionierenden Bankensektor und stabilen Finanzmärkten ist. Davon sind wir zur Zeit weit entfernt.

12.09.2012 | 

Mit Basel III wird versucht, die Risiken einzudämmen, doch Beobachter äußern zunehmend Zweifel, ob die dort formulierten Regeln eine angemessene Antwort auf die anstehenden Herausforderungen sind. International viel Beachtung finden in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Andrew Haldane (Executive Director for Financial Stability, Bank of England). Er vergleicht Ökosysteme und Finanzsystem und zeichnet ein Bild großer Banken, die als „super-spreader“ im Mittelpunkt weiter Netzwerke stehen. Ähnlich einem Virus sind diese Banken in der Lage, in einer Finanzkrise Ansteckung zu verbreiten. Auf sie sollte sich daher das Hauptaugenmerk der Finanzaufsicht richten.

Das Problem, das Haldane dabei sieht, ist der Grad der Komplexität des Systems. In seinem jüngst in Jackson Hole präsentierten Papier „The Dog and the Frisbee“ plädiert er für eine Vereinfachung der Basel III-Regeln, um dieser Komplexität Herr zu werden. In einem atemberaubenden Rundumschlag stellt er Verbindungen her zwischen den Grundzügen der Komplexitätstheorie, dem Bounded-Rationality-Ansatz von Herbert Simon und den Argumenten der Verhaltensökonomen Daniel Kahneman and Amos Tversky, und verweist auf Beispiele aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Sport und Medizin.

Sein Argument lautet: In komplexen Systemen benötigen Entscheidungsträger viel zu viele Informationen, um mit Feinsteuerung auf Fehlentwicklungen zu reagieren. Auch der Hund, der einen Frisbee fängt – ein durchaus komplexes Unterfangen, dessen Erfolg von einer Vielzahl von Einflüssen wie Geschwindigkeit und Windverhältnissen abhängt – , wendet nicht die Newtonschen Bewegungsgesetze an, sondern läuft, wie Untersuchungen gezeigt haben, instinktiv einer einfachen Verhaltensregel folgend dem Frisbee entgegen. Entsprechend erlauben einfache Regeln der Finanzaufsicht, Krisen unter Kontrolle zu bekommen.

Ob diese Sicht jedoch zutrifft, hängt unter anderem davon ab, was unter Komplexität zu verstehen ist.

Komplexe Netzwerke?

In wissenschaftlichen Studien erfährt zur Zeit die Erforschung von Netzwerken in der Ökonomie einen großen Aufschwung. Für die Finanzmärkte sei neben den erwähnten Texten von Andrew Haldane beispielhaft auf die Arbeiten von Greg Fisher von Synthesis verwiesen, einem Think Tank, der sich der Erforschung komplexer Netzwerke in den Sozialwissenschaften widmet, oder auf  Stefania Vitali  und Stefano Battiston und ihre Kollegen von der ETH Zürich, die die globalen Netzwerke von Firmen untersuchen, und DebtRank, eine Methode zur Messung von Systemrisiken, entwickelt haben. Komplexität entsteht hier aus der Vielzahl der Verbindungen von Banken untereinander, die als Ursache dafür angesehen wird, dass sich Krisen in unkontrollierbarer Weise ausbreiten.

Warum wird der Aspekt der Komplexität so stark betont? Das internationale Finanzsystem ist riesig und verzweigt und in all seinen Ausprägungen und Spielarten wenig überschaubar. Was macht es da aus, ob es – nicht im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs, sondern in wissenschaftlich definierter Weise – auch noch komplex ist?

Der Grund ist, dass Komplexität die Herausforderungen, denen sich Wissenschaft und Politik gegenüber sehen, ganz erheblich verschärft. Generell wird für ein nicht-komplexes System, so groß und unübersichtlich es auch sein mag, davon ausgegangen, dass sich Wirkungszusammenhänge auf wenige, allgemeingültige Relationen reduzieren lassen, und dass eine direkte Beziehung zwischen Ursache und Wirkung besteht, die – abgesehen von zufälligen Abweichungen aufgrund kleiner vorübergehender Störungen – ohne Einwirkungen von außen immer gleich bleibt und sich beobachten oder zumindest aus der Analyse vergangener Entwicklungen herleiten lässt. Die so gewonnenen Erkenntnisse erlauben dann, Handlungsoptionen zu beurteilen und daraus Politikempfehlungen abzuleiten.

Komplexe Systeme dagegen lassen sich in der Regel nicht auf wenige, immer gültige Grundzusammenhänge reduzieren. Was sich in der Vergangenheit beobachten ließ, erlaubt in diesen Systemen keine Rückschlüsse auf die Zukunft.

In der Literatur finden sich zahlreiche Definitionen für Komplexität. Der Vergleich mit Ökosystemen stellt auf sogenannte komplexe adaptive Systeme ab. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Informationen über ihre Umwelt sowie über die eigene Wechselwirkung mit dieser Umwelt aufnehmen und verarbeiten. Lernen und Interaktion stehen bei dieser Definition im Mittelpunkt. Jeder Mensch ist ein komplexes adaptives System, wie auch der Hund, der den Frisbee fängt. Jenes Beispiel für Komplexität geht übrigens auf eine Anekdote von Murray Gell-Mann, dem Physik-Nobelpreisträger, zurück, die er in seinem Buch Das Quark und der Jaguar zum Besten gibt:

Der verstorbene Biochemiker Isaac Asimov … erzählte mir, er habe einmal eine Auseinandersetzung mit einem theoretischen Physiker gehabt, der bestritt, dass ein Hund die Newtonschen Bewegungsgesetze kennen könne. Asimov fragte entrüstet: „Und das behaupten Sie auch dann noch, wenn Sie gesehen haben, daß ein Hund einen Frisbee mit seinem Maul aufschnappt?“ Offensichtlich verknüpften beide mit dem Wort „kennen“ unterschiedliche Bedeutungen …

Eine wichtige Eigenschaft komplexer adaptiver Systeme ist die Selbstorganisation. Die Bestandteile der Systeme stehen miteinander in einer Weise in Wechselwirkung, die zur Herausbildung eines Phänomens führt, das als „Emergenz“ bezeichnet wird. Emergenz ist eine kollektive Eigenschaft des Systems in seiner Ganzheit. Andrew Haldane erwähnt in diesem Zusammenhang das Beispiel von Lawinen, wie sie etwa in Sandhaufen entstehen. Per Bak, ein dänischer Physiker, der sich mit der Erforschung emergenter, komplexer Systeme befasste, hat die Abläufe hierzu in seinem Buch How Nature Works sehr anschaulich beschrieben. Ich versuche mich einmal an einer sinngemäßen inhaltlichen Übersetzung (der Originaltext ist hier zitiert):

-          Man stelle sich eine Tischplatte vor, auf die jemand ganz langsam, Körnchen für Körnchen Sand fallen lässt. Zunächst bleiben die Sandkörner mehr oder weniger dort liegen, wo sie gerade landen. Wenn mehr Sand hinzukommt, wird der Haufen steiler und es kommt hier und da zu kleineren Lawinen, wenn neue Körner hinzugefügt werden. Dann kann es passieren, dass ein Korn auf einem anderen landet, von dort herunterrollt und dabei andere Körner ebenfalls ins Rollen bringt. Es entsteht so eine örtlich begrenzte Störung, von der der Haufen als Ganzes weitgehend unberührt bleibt.Was an der einen Stelle des Haufens geschieht, hat auf weiter entfernte Teile keinen Einfluss. In diesem Stadium gibt es (noch) keine übergreifende Kommunikation innerhalb des Haufens, nur viele einzelne Körner.

-          Mit zunehmender Steigung des Haufens wird es immer wahrscheinlicher, dass ein Korn bei seiner Landung andere ins Rollen bringt. Schließlich kann ab einem kritischen Wert die Steigung nicht länger zunehmen, weil im Durchschnitt für Sand, der beispielsweise in der Mitte zu dem Haufen hinzugefügt wird, Sand an den Rändern herunterfällt. … Wie unmittelbar einsichtig ist, muss für diesen Vorgang des Dazukommens an einer Stelle und des gleichzeitigen Verlustes an einer anderen Stelle  (eine Art von) Kommunikation innerhalb des  Systems stattfinden … 

-          Durch das Hinzufügen von Sand veränderte sich das System von einem Zustand, in dem einzelne Körner ihrer eigenen örtlich begrenzten Dynamik folgen, hin zu einem kritischen Zustand einer emergenten, systemweiten Dynamik (die den gesamten Haufen erfasst). … Und diese Emergenz des Sandhaufens wäre in keinster Weise durch eine Analyse der Eigenschaften der einzelnen Körner vorhersehbar gewesen.

Das Beispiel des Sandhaufens zeigt, dass hier offenbar unter Information und Kommunikation sehr viel mehr verstanden wird als im alltäglichen Sprachgebrauch. Murray Gell-Mann schreibt dazu in seinem Buch:

Beispiele für die Funktionweise komplexer adaptiver Systeme liefert uns nicht allein Lernen im gewöhnlichen Sinne. Viele weitere Beispiele finden wir im Bereich der biologischen Evolution. Während Menschen im wesentlichen durch individuellen oder kollektiven Einsatz ihrer Gehirne Wissen erwerben, erhalten die übrigen Tiere einen viel größeren Teil ihrer lebenswichtigen Informationen im Wege direkter genetischer Vererbung; diese Information, die sich über Jahrmillionen entwickelt hat, liegt dem zugrunde, was man mitunter, recht vage, „Instinkt“ nennt. In den Vereinigten Staaten geschlüpfte Monarch-Schmetterlinge „wissen“, welche Richtung sie auf ihrer Wanderung in riesigen Schwärmen zu den kiefernbedeckten Abhängen der Vulkane unweit von Mexico City, ihrem Überwinterungsareal, einschlagen müssen.

Komplexe adaptive Systeme weisen neben der Interaktion mit ihrer Umgebung und der Emergenz noch eine weitere Eigenschaft auf, die in dem hier betrachteten Zusammenhang wichtig ist: eine hohe Sensitivität gegenüber den Ausgangsbedingungen. Sie ist die Ursache dafür, dass ursprünglich sehr ähnliche Entwicklungen schon nach kurzer Zeit auseinanderlaufen und es nicht möglich ist, allgemein gültige Vorhersagen darüber zu treffen. Ein Sandkorn mag genügen, um an einer ganz anderen Stelle des Systems eine Lawine hervorzurufen, oder wie es der Mathematiker und Meteorologe Edward Norton Lorenz in dem Titel einer Arbeit ausdrückte: Das Flattern eines Schmetterlingsflügels in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen (The flap of a butterfly’s wings in Brazil may set off a tornado in Texas).

Das Problem ist: Die Forscher wissen, dass diese Effekte existieren.  Um aber Aussagen darüber zu treffen, wie sich ein System in der Zukunft verhalten wird und in welcher Weise es sich beeinflussen lässt, müsste der Verlauf der Vielzahl der Sandkörner oder Schmetterlingsbewegungen und ihrer Wechselwirkungen mit Millionen von anderen systemrelevanten Einflüsse im Einzelnen vorausbestimmt werden – eine unmögliche Aufgabe.

Finanzkrisen

Das weltweite Finanzsystem weist alle Merkmale eines komplexen adaptiven Systems auf, dessen Mitglieder untereinander und mit ihrer Umgebung in den Volkswirtschaften in vielfältiger Weise in ständigem Austausch stehen. Es ist ein lernendes System, das sich ständig weiterentwickelt, und dessen Funktionsweise sich nicht auf wenige allgemeingültige Beziehungen reduzieren lässt. Zeiten starker und geringer Aktivität wechseln. Es gibt örtlich begrenzte Störungen und solche, die sich urplötzlich oder auch ganz allmählich zu globalen Krisen entwickeln. Dabei gibt es keine Möglichkeit vorherzusehen, ob und wann ein lokales Phänomen zu einer Bedrohung für das globale System wird.

Wie sich gerade in der Eurokrise zeigt, stellt diese Unsicherheit eine große Herausforderung für die Politik dar. Wird die Situation beherrschbar bleiben, oder wird sie trotz aller Rettungsbemühungen irgendwann unhaltbar werden? Können die Banken und Volkswirtschaften Europas eine Abschaffung des Euro und den Rückgang zu nationalen Währungen verkraften, oder wäre das der Auslöser für einen Zusammenbruch? Wäre bereits der Austritt Griechenlands oder eines anderen Landes aus dem Eurowährungsgebiet der Schmetterlingshauch, der das System zum Einsturz bringt? Ist es denkbar, dass schon der Ausfall einzelner Banken einen solchen Effekt hat? Lassen sich im Fall eines Zusammenbruchs die Folgen auf Europa begrenzen, oder werden sie, wie einige Beobachter fürchten, auf andere Regionen übergreifen und diese mit in den Abgrund reißen?

Verständlicherweise drängt es Politik und Finanzaufsicht, in dieser Situation einzugreifen und zu versuchen, die Krise unter Kontrolle zu bringen und das System sicherer zu machen. Ob dies gelingen kann, hängt unter anderem davon ab, auf welche Weise sich Komplexität manifestiert. Sind es, wie Haldane und andere Autoren schreiben, die Netzwerke der Banken, die das internationale Finanzsystem zu einem komplexen adaptiven System machen?

Nach meinem Empfinden trifft diese Vorstellung nicht zu. Durch die Bankennetzwerke können Kettenreaktionen hervorgerufen werden, die eine Krise verschärfen und Entwicklungen an einem Ort weltweit übertragen. Hier greift die Vorstellung von der Ansteckungsgefahr. Was jedoch fehlt, ist der Aspekt der Interaktion mit der Umwelt und die Rückkoppelung, das Wechselspiel unterschiedlicher Einflüsse, die in ihrem Miteinander und Gegeneinander Emergenz entstehen lassen und das System zwischen Ruhe und Turbulenzen hin- und herwerfen.

Netzwerkreaktionen spiegeln Krisenwirkungen wider. Emergenz aber, als das gleichgerichtete Handeln vieler, das das System als ein kohärentes Ganzes erscheinen lässt, entsteht nicht dort, sondern auf den Märkten.

Ausgangspunkt jeder Krise ist eine Reaktion Einzelner, die auf einem Sichtwandel beruht. Andere Marktteilnehmer schließen sich dem an. Allmählich – oder manchmal auch ganz abrupt – zieht die Reaktion immer weitere Kreise. Die veränderte Einschätzung kann sich auf Risiken beziehen und auf Preise oder Erträge, die plötzlich als unangemessen empfunden werden, Angebots- und Nachfragebedingungen mögen sich subjektiv oder objektiv geändert haben, oder die Liquidität oder Solvenz von Handelspartnern erfährt eine Neubewertung. Der Grund hierfür kann eine solide  Information sein, aber auch nur ein Gerücht oder ein „Bauchgefühl“.

Es gibt Situationen, in denen die Marktreaktionen, die dieser Sichtwandel nach sich zieht, durch andere Entwicklungen überholt oder kompensiert werden, örtlich begrenzt bleiben und kaum Wirkung haben. In anderen Fällen dagegen verbreiten sie sich unter Umständen sehr schnell und zeigen schon bald Anzeichen von vielfachem gleichförmigem Verhalten und „Schwarmintelligenz“  (oder –dummheit). Herdentrieb und „Instinkt“ regieren zunehmend das Marktgeschehen. Rückkoppelungseffekte verstärken die Bewegung: Je mehr Menschen sich der neuen Sicht anschließen, desto mehr gewinnen zusätzlich die Überzeugung, auf den Zug aufspringen zu müssen, um nichts zu verpassen. Das Finanzsystem wandelt sich von einem System mit örtlich begrenzter Unruhe in einen Zustand globaler Instabilität. Die Krise ist da.

In jeder derartigen Entwicklung gibt es Gewinner und Verlierer. Sind „super-spreaders“,  also große Banken mit ihren weltumspannenden Netzwerken, unter den Verlierern, ist die Funktionsfähigkeit des Systems weltweit bedroht und mit ihm die Volkswirtschaften und der Wohlstand vieler Länder.

Einfache Regeln

Kann die Finanzaufsicht, wie Andrew Haldane fordert, eine Krise durch eine Vereinfachung ihrer Regeln eindämmen? Wenn Komplexität, wie skizziert, ihren Ursprung  im Marktgeschehen und nicht in den Netzwerken der Banken hat, sind Zweifel daran angebracht.

Haldane argumentiert im Rahmen der bestehenden Basel III-Vorschriften.  Beispielsweise plädiert er für eine Abschaffung der Möglichkeit, Kredit- und Marktrisiken mit Hilfe interner Modelle zu messen, und möchte die drei Säulen, auf denen Basel III beruht, modifiziert und vereinfacht sehen. Dem Überprüfungsprozess möchte er auf der Grundlage bankenaufsichtlicher Erfahrungen größeren Raum geben. Ferner plädiert er für eine Besteuerung von „Komplexität“, die der zunehmenden Vernetzung und gegenseitigen Exponiertheit innerhalb des Finanzsystems Rechnung trägt, sowie für eine Größenbegrenzung und für eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken.

Die Aufzählung ist nicht erschöpfend. Dabei ist sehr gut vorstellbar, dass diese Reformvorschläge geeignet wären, das internationale Finanzsystem robuster und überschaubarer zu machen, dass Banken damit in die Lage versetzt würden, Krisen besser durchzustehen, und ihre Aktivitäten für Aufsichtsbehörden eher nachvollziehbar würden. Nicht erkennbar ist jedoch, wie dadurch die Komplexität des Systems, die sich aus dem Wechselspiel der Vielzahl von Akteuren auf den Märkten untereinander und mit ihrer Umwelt ergibt, verringert werden kann.

In dem komplexen adaptiven System der Finanzmärkte treffen Akteure ihre Entscheidungen, ohne die Wirkungsweise des Ganzen zu überschauen und zu verstehen. Jeder Marktteilnehmer hat seine eigene Art, sein eigenes „Rezept“, damit umzugehen. Aus der Fachliteratur kennen wir die Unterscheidung in Chartisten und Fundamentalisten. Dazu gibt es zahllose Variationen und Kombinationen. Sie alle tragen in wechselseitiger Beeinflussung zu dem Auf und Ab der Märkte bei, wobei es immer wieder zu Situationen kommt, in denen „der Markt“ zu einer weitgehend einheitlichen Auffassung gelangt, und die Dynamik von gleichgerichtetem Handeln bestimmt wird.

Die Frage stellt sich, welche Rolle Bankenaufsicht und Politik in diesem System spielen können. Haldane betrachtet diesen Aspekt nicht, aber seine Vorschläge wären unter Umständen dadurch, dass sie eine deutliche Veränderung der Spielregeln mit sich brächten, in unbeabsichtigter Weise durchaus geeignet, die Krisenhäufigkeit und -anfälligkeit des Systems zu verringern – oder umgekehrt (auch über die Wirkungsrichtung lässt sich in einem komplexen System keine Aussage treffen) zu erhöhen

Bleibt abschließend die Überlegung: Wenn es darum geht, Krisen als Begleiterscheinung von Komplexität zu verhindern oder abzuschwächen, wäre es dann nicht sinnvoll, direkt eine Beeinflussung der Märkte ins Auge zu fassen (womit, das sei betont, nicht ein Verbot von Leerverkäufen, die Einführung von Preis- oder Mengenbeschränkungen oder ähnliches gemeint ist, sondern eher die Erwägung einer wie auch immer gearteten Marktpräsenz)? Würde sich unter diesem Aspekt nicht, unabhängig von Basel III, ein Nachdenken über einen völlig neuartigen Ansatz lohnen?

Die Manias, Panics, and Crashes, die Charles Kindleberger beschrieben hat, sind, so scheint es, längst noch nicht Vergangenheit.
 
Übersetzung eines englischsprachigen Texts von Reszat online – herzlichen Dank dafür!

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22 Kommentare

  1. Etwas über “die Märkte” « … Kaffee bei mir? |  12.09.2012 | 14:11 | permalink  

    [...] fragen sich ja immer, wer denn nun, verdammt noch mal, diese Märkte sind: Beate Reszat hat das in Die Finanzaufsicht komplexer Märkte – ein Frisbee-Spiel auf Carta großartig erklärt. Nein, das ist nicht einfach zu lesen oder besonders unterhaltsam, [...]

  2. A. G. |  12.09.2012 | 19:43 | permalink  

    Sehr interessant.

    “Wenn es darum geht, Krisen als Begleiterscheinung von Komplexität zu verhindern oder abzuschwächen, wäre es dann nicht sinnvoll, direkt eine Beeinflussung der Märkte ins Auge zu fassen …”
    Gerade die Beeinflussung wurde als Krisenbeschleuniger zuvor benannt. Mem (statt Gen wie bei den Tieren: “erhalten die übrigen Tiere einen viel größeren Teil ihrer lebenswichtigen Informationen im Wege direkter genetischer Vererbung”) finde ich bedenklich.

    Aber:
    “sowie für eine Größenbegrenzung und für eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken.”
    —> ISOLATION (und Vereinfachung) als Lösung zum Aufbrechen von komplexen Systemen. Vorteil: Meme (des einzelnen Individuums) spielen keine Rolle. Das System wird vereinfacht.

    Reszat vertritt offenbar hier eine andere Auffassung:
    “Kann die Finanzaufsicht, wie Andrew Haldane fordert, eine Krise durch eine Vereinfachung ihrer Regeln eindämmen? Wenn Komplexität, wie skizziert, ihren Ursprung im Marktgeschehen und nicht in den Netzwerken der Banken hat, sind Zweifel daran angebracht.”

    Wenn „Marktgeschehen“ und „Netzwerke der Banken“ als sich gegenseitig verzahnte und beeinflussbare Systeme betrachtet werden (Emergenz hoch 3), dann kann nicht „Marktgeschehen“ als Ursprung gesehen werden; der Ursprung ist viel weiter. Mit „direkt eine Beeinflussung der Märkte ins Auge zu fassen“ kommt es zu einem hysteron proteron, einem Zirkelschluss. Error-Meldung.

    Lieber die Systeme mit den Erfahrungswerten, dem Wissen, dem Austausch, dem politisch Sinnvollen (ok, besonders schwierig) vereinfachen – als auf Beeinflussung (Manipulation?) zu setzen.

  3. Die Finanzaufsicht komplexer Märkte – ein Frisbee-Spiel « reszatonline |  12.09.2012 | 20:46 | permalink  

    [...] The complexity of financial markets is a rather special topic. This is a slightly shortened  German language version of my comments  to Andrew Haldane’s speech  on “The Dog and the Frisbee” which I wrote for Carta. [...]

  4. Art Vanderley |  12.09.2012 | 21:34 | permalink  

    Je mehr Komplexität vorzuliegen scheint , desto wahrscheinlicher handelt es sich um Blendwerk zum Schutz der eigenen Interessen.

  5. Dr. Beate Reszat |  12.09.2012 | 21:51 | permalink  

    Danke für Ihren ausführlichen Kommentar. Ich denke, wir müssen hier unterscheiden, was mit einer Vereinfachung der Regeln erreicht werden soll. Es macht, da stimme ich mit Haldane überein, keinen Sinn, Regeln immer stärker zu verfeinern, wenn Aufsichtsbehörden dadurch – um es salopp auszudrücken – nicht mehr wissen, was sie tun. Ich kann mir auch vorstellen, dass kleinere Banken mit begrenzten Geschäftsbereichen robuster sind als große, die jede Art von Risiken eingehen.
    Nur, wenn wir von Komplexität sprechen, meinen wir ja eigentlich etwas anderes: ein System, das aufgrund seiner besonderen Beschaffenheit Krisen verursachen kann, die die Politik weder voraussehen, noch gezielt bekämpfen kann. Diese Systemeigenschaft wird meiner Ansicht nach nicht – oder wenn, dann eher zufällig und wenig effektiv – durch eine wie auch immer geartete Veränderung der Basel III Regeln beeinflusst.
    Mit Beeinflussung der Märkte meine ich, wie ich in meinem vorletzten Absatz betone, nicht Manipulation im Sinne herkömmlicher Markteingriffe. Im Grundsatz sehe ich zwei Dinge, die hier vonnöten sind: Zum einen gilt es, das Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit dafür zu wecken und zu schärfen, wie ein komplexes Finanzsystem funktioniert und welche Handlungsoptionen überhaupt bestehen. Hierzu würde ich gern auf einen Artikel von J. Doyne Farmer und Duncan Foley in der Zeitschrift Nature vom 6. August 2009 verweisen mit dem Titel: The economy needs agent-based modelling. Ich denke, dieser Ansatz wäre ein guter Ausgangspunkt, wenn auch vielleicht nicht der einzige. Zum zweiten wird dringend ein funktionierendes Krisenmanagement benötigt, das sowohl Präventivmaßnahmen vorsieht als auch Regeln für ein Verhalten im Ernstfall. Ein Hauptgrund dafür, warum die Politik in der Eurokrise beispielsweise so zögerlich reagiert und vor Situationen wie einem Bankenkonkurs, der Abschaffung des Euro oder dem Austritt einzelner Staaten aus der Eurozone zurückscheut, ist ja gerade, dass sie offenbar überhaupt keine Vorstellungen davon hat, was in einem solchen Fall vorab und bei Eintritt des Ereignisses zu tun wäre, um die Auswirkungen zu mildern oder zu bekämpfen. Stattdessen ist sie Unheilsbeschwörungen, Manipulationen und Stimmungen jeder Art hilflos ausgeliefert.
    In der Bewusstseinsschärfung und aktivem Krisenmanagement liegt meiner Ansicht nach die einzige Möglichkeit, der Instabilität eines komplexen Finanzsystems zu begegnen. Beides sollte direkt an den Märkten ansetzen. Wie das konkret aussehen könnte, wird zu überlegen sein. Mehr dazu demnächst auf reszatonline.

  6. A. G. |  12.09.2012 | 22:28 | permalink  

    @Dr. Reszat, als konservative Auffassung kann ich Ihre nachvollziehen. Es bleibt wie’s ist, mehr Bewusstseinsschaerfung (im Posting noch als “Beeinflussung” bezeichnet), mehr Krisenmanagement, klingt erstmal gut. Eine echte System-Änderung ist damit nicht verbunden, sondern gezielte Lenkung… Die Vermutung von @Art ist naheliegend.

  7. Tim |  13.09.2012 | 10:04 | permalink  

    Es gibt ja noch einen weiteren Aspekt: je komplexer die Regulierung, desto größer der relative Vorteil für größere Institute. D.h. je mehr wir regulieren, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß wir uns Monsterinstitute heranzüchten, die dann später too big too fail werden.

  8. Dr. Beate Reszat |  13.09.2012 | 21:05 | permalink  

    Das ist auch meiner Ansicht nach ein wichtiger Aspekt. Nur haben wir diesen Zustand nicht eigentlich schon erreicht? Große Banken sind in der Lage, auf Regulierung mit immer neuen Instrumenten und Strategien zu reagieren, die immer weniger transparent sind, und die Aufsichtsbehörden sind hier schon jetzt hoffnungslos im Hintertreffen. Man denke nur an die Zulassung interner Modelle zur Risikomessung oder die Diskussion darüber, was unter Hedging zu verstehen ist.

  9. Hinweise des Tages | NachDenkSeiten – Die kritische Website |  14.09.2012 | 09:01 | permalink  

    [...] Die Finanzaufsicht komplexer Märkte – ein Frisbee-Spiel Die Finanzkrise hat daran erinnert, wie abhängig die Weltwirtschaft von einem gut funktionierenden Bankensektor und stabilen Finanzmärkten ist. Davon sind wir zur Zeit weit entfernt. Quelle: Carta [...]

  10. Tante Jay |  14.09.2012 | 12:24 | permalink  

    Hallo,

    diese ganzen Erklärungsversuche berücksichtigen eins niemals: Den menschlichen Faktor. Finanzmärkte sind kein natürlich-chaotisches System, für das man physikalische Regeln entdecken kann.

    Finanzmärkte werden gesteuert, die Menschen handeln dort und sie handeln aufgrund ihrer Erfahrungen. Eingesetzte Computerprogramme spiegeln die Erfahrugen dieser Menschen wider.

    Es kommt mir immer so vor, als ob Erklärungsansätze wie diese die handelnden Personen entschuldigen wollen: “Nein, nein, wir sind nicht gierig, das sind die Systeme des Finanzmarktes” – und das ist, mit Verlaub, großer Mist.

    Es werden auch nicht die richtigen Fragen gestellt. Wie kann es sein, dass Ratingagenturen als privatwirtschaftlich und gewinnorientierte Firmen inzwischen ganze Staatengebilde mit einem völlig anderen Aufgabenspektrum an den Rand der Zahlungsunfähigkeit raten können?

    Wie kann es sein, dass diese Ratingagenturen mächtiger sind als diese Staaten? Und wieso trauen die sich nicht an China oder Russland ran?

    Das ist keine Frage, die man mit “das ist ein komplexes System” beantworten kann. Jemand (oder mehrere Jemands) haben diese Ratingagenturen mächtiger gemacht, es wird Zeit, dass man herausfindet, wie man das rückgängig machen kann.

    Auch die Austeritätspolitik ist zu hinterfragen. Wenn man sich mal vergegenwärtigt, welche Aufgaben ein Staat in einer Sozialen Demokratie hat, dann wird schnell klar, dass das nicht komplett mit Steuern gegenfinanzierbar ist. Kredite sind irgendwann eine Sackgasse – also muss man hier neue Wege der Finanzierung finden.

    Der Artikel wirft zumindest für mich mehr Fragen auf als dass sie gelöst werden. Denn die Theorie des Sandhaufens impliziert, dass die Staaten nur wenig in der Hand haben, um die Finanzkrisen in den Griff zu bekommen und das stimmt nicht.

    Finanztransaktionssteuer: Muss kommen, so schnell wie möglich. Die Getreidebörsen müssen für Spekulanten wieder geschlossen werden, das war der schlimmste Fehler, dass die geöffnet wurden, es sind deswegen Menschen verhungert.
    Das wären auf die Schnelle 2 Punkte, die wichtig sind und schnell umgesetzt werden müssen und die den Amoklaufenden Finanzsektor nachhaltig disziplinieren würden.

    Denn letztendlich: Was ist Geld? Geld ist ein Tauschmittel für das man Güter ohne Tauschhandel beschaffen kann. Geld ist nur soviel Wert, wie reale Güter dagegenstehen.

    Aber genau das ist ins Hintertreffen geraten. Geld hat inzwischen durch die Börsenspekulationen einen Wert bekommen und auch die Menge des vorhandenen Geldes übersteigt die Menge der vorhandenen Güter inzwischen beträchtlich. Und solange diese Schere nicht aufgelöst ist, werden wir aus der Finanzkrise nicht herauskommen.

    Und egal wie sehr man den Sandhaufen bemüht: Er entschuldigt nur das Handeln der Akteure als “unvermeidlich” und entzieht ihnen die Verantwortung dafür, dass viele Menschen ins Elend gestürzt werden.

  11. Alex |  14.09.2012 | 12:52 | permalink  

    Leider fehlt mir der Ansatz, Komplexität durch Verbote zu reduzieren. Freie Märkte gab es nie und der Finanzmarkt ist am Ende so komplex, wie wir zulassen, dass er komplex wird/ist. Man kann OTC-Handel verbieten und Marktakteure zwingen, nur an Börsen Geschäfte zu tätigen, die dann registriert werden können. Und auch wenn es realiwrtschaftliche Argumente für bestimmte Konstrukte gibt, kann man Leerverkäufe, Optionen, … verbieten. Man kann Banken dazu zwingen, jedem Geschäft eine realwirtschaftliche Komponente zu geben. Es werden Kredite ausgegeben, um realiwirtschaftliche Investitionen zu finanzieren. Alles, was weit darüber hinaus geht, muss man das wirklich haben? Wer mit Aktien kein Geld verlieren will und deswegen Puts kaufen will… dann kauf doch keine Aktien! Verbietet doch Finanz-Instrumente, die sich entwicklen wir irgendein (!) Underlying. Warum ist der Rohstoffmarkt ein Vielfaches größer als die eigentlich zugrundeliegenden Rohstoffe? Weg damit. Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken? Verbietet Investmentbanken, verbeitet Geschäftsbanken den Eigenhandel. Fertig, aus. Der Finanzmarkt ist zu groß und zu teuer für den Steuerzahler und den kleinen Mann geworden, um sich nicht mit radikalen Ansätzen zu beschäftigen. Ich kann mit zehntausenden arbeitslosen Investmentbankern gut leben. Es gibt auch kein Vertragsfreiheits-Argument, man muss das nur als sittenwidrig einstufen (und moralisch sind die derzeitigen politischen Auswirkungen schon sehr nah daran) und Schluss. Der Staat sind wir und wir dürfen festsetzen, was man darf und was nicht.

  12. Dr. Beate Reszat |  15.09.2012 | 19:28 | permalink  

    Zu den beiden letzten Kommentaren: Erst einmal vielen Dank für die ausführlichen Anmerkungen, die meiner Ansicht nach für sich schon genug Stoff zum Nachdenken bieten.

    Tante Jay :
    - Als Entschuldigung wäre der Ansatz tatsächlich “großer Mist”. Aber das ist nicht bezweckt. Es geht darum, dass das Reagieren der Akteure aufeinander und miteinander eine Eigendynamik entwickelt, die zu instabilen Marktergebnissen führen kann (nicht muss). Dass damit Gier, ebenso wie andere Motive, nicht nur angefacht wird, sondern in diesem Zusammenspiel immer neue Nahrung erhält, ist eine mögliche Erklärung für die Dynamik, aber keine Entschuldigung.
    - Chaotische Systeme treten in ganz verschiedenen Bereichen auf. In den Naturwissenschaften lassen sich Reaktionen im Labor beobachten, aber die Physik war nicht die erste – und ist bei weitem nicht die einzige – Disziplin, in der chaotische Zusammenhänge eine Rolle spielen. Die Ursprünge dieser höchst interdisziplinären Forschungsrichtung gehen auf die Arbeiten von Benoît Mandelbrot zurück, dessen erste Untersuchungen spekulative Preise im Baumwollhandel zum Gegenstand hatten (für die es besonders lange statistische Zeitreihen gab, was für die Sichtbarkeit chaotischer Prozesse notwendig ist). Also ein ökonomisches Phänomen! Die Arbeit ist im Internet zu finden: https://web.williams.edu/go/math/sjmiller/public_html/341Fa09/econ/Mandelbroit_VariationCertainSpeculativePrices.pdf (womit ich nicht einmal ansatzweise andeuten möchte, dass ich irgendetwas davon verstanden habe.)
    - Nein, man hat mit der Erkenntnis oder Vermutung, dass es sich hier um ein komplexes System handelt, noch keine Missstände wie das Fehlverhalten von Ratingagenturen (über die ich an anderer Stelle geschrieben habe: http://reszatonline.wordpress.com/2011/07/19/rating-agencies-dont-blame-the-messenger/) oder die Austeritätspolitik in einer Wirtschaftskrise behoben. Das hat man aber mit der Feststellung, es handele sich um ein traditionelles ökonomisches Gleichgewichtsmodell, auch nicht. In beiden Fällen ist nur der Rahmen abgesteckt, in dem Entscheidungen getroffen werden, und in einem komplexen System sind die Handlungsspielräume, wie ich versucht habe zu zeigen, begrenzt.
    - Auf die Finanztransaktionssteuer möchte ich hier nicht eingehen. Ich halte unter den gegebenen Umständen (in anderen Zusammenhängen mag das anders sein) wenig davon und habe meine Argumente an anderer Stelle ausführlich beschrieben: http://reszatonline.wordpress.com/2011/09/03/a-tobin-tax-for-europe/

    Alex:
    Das Gefühl, dass unsere Finanzmärkte zu groß geworden sind, wird von vielen geteilt und ist, wie ich es verstanden habe, auch der Hintergrund von Haldane’s Argumenten. Ich bin mir da nicht so sicher. Auch die Realwirtschaft ist stark gewachsen und profitiert davon, dass für nahezu jede Aktivität eine Finanzierung und eine Absicherung gegen die damit verbundenen Risiken gefunden werden kann. Wird ein Markt rein auf die realwirtschaftlich notwendigen Finanzierungsvorgänge begrenzt, ist nicht gesichert, dass Geschäfte auch tatsächlich zustande kommen. Dass sich hieraus große Wachstumshemmnisse ergeben, hat zum Beispiel die Diskussion um “Missing Markets” in Entwicklungsländern deutlich gemacht.
    Ein großes Problem erscheint mir, dass die Exzesse im Finanzwesen, die wir beobachten, oftmals geduldet oder sogar willkommen sind, solange nichts schiefgeht. Das fängt mit dem Händler in einer Bank oder einem anderen Unternehmen an. So lange seine Limitüberschreitungen Gewinne mit sich bringen, greift niemand ein. Das gleiche gilt im Großen: Gesetze werden nicht ausgeschöpft und Bankenvorstände z.B. müssen sich selten vor Gericht für Fehlverhalten verantworten.
    Mit der Komplexität des Systems hat das alles aber wenig zu tun, so lange durch politische Maßnahmen nicht die “Spielregeln” in einer Weise beeinflusst werden, die die Dynamik (!) des Miteinanders und Gegeneinanders verändert.
    Mit Verboten laufen Politik und Aufsichtsbehörden in der Regel Entwicklungen hinterher. Wie die Erfahrung zeigt, wird darauf im Regelfall mit Ausweichstrategien reagiert, die erst einmal wieder studiert und verstanden werden müssen, bevor ein erneutes Verbot ausgesprochen werden kann. Ein endloser Kreislauf, der mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

  13. Tim |  17.09.2012 | 11:06 | permalink  

    @ Dr. Beate Reszat

    Große Banken sind in der Lage, auf Regulierung mit immer neuen Instrumenten und Strategien zu reagieren, die immer weniger transparent sind, und die Aufsichtsbehörden sind hier schon jetzt hoffnungslos im Hintertreffen.

    Ja, das sehe ich auch so. Wir haben es ja 2007/2008 in Deutschland erlebt: Die BaFin hatte auch damals schon alle nötigen Informations- und Zugriffsbefugnisse und hat trotzdem die zunehmenden Risiken nicht gesehen. Der Grund ist natürlich trivial, man kann Marktentwicklungen nicht vorhersehen. Mehr Regulierung wird daran nichts ändern, die geplante europäische Bankenaufsicht mit noch komplexerer Kontrolle ist einfach eine lächerliche Farce zur Wählerberuhigung. Genauso gut könnte man schlechteres Wetter regulieren, indem man mehr Wetterstationen aufstellt.

  14. Art Vanderley |  17.09.2012 | 20:16 | permalink  

    @ Tim

    “Mehr Regulierung wird daran nichts ändern.”

    Natürlich kann sie das. Entgleisungen sind menschengemacht , also ist es Menschen auch möglich , sie zu korrigieren.

    ” man kann Marktentwicklungen nicht vorhersehen. ”

    Gab genug Leute , die die Krise sehr wohl vorhergesehen haben.
    Wer diese Kritiker aber immer abbürstet , verhält sich eigentümlich , wenn er sich hinterher über die Folgen wundert.

  15. Tante Jay |  21.09.2012 | 14:44 | permalink  

    Ich habs ehrlich versucht, aber ich kann die Artikel nicht ansatzweise verstehen. ;-)
    Mein englisch ist nicht schlecht, aber mein Wirtschaftsenglisch ist es offensichtlich. Ich verstehe die Worte, aber nicht die Zusammenhänge.

    Das liegt nicht an ihnen, sondern definitiv an mir. Mir fehlt da auch ein Gutteil theoretischer Unterbau, ich denke zwar viel nach, aber ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler. Ich hab nur die Höhere Handelsschule vor 20 Jahren abgeschlossen :)

    Ich wollte auch nicht unterstellen, dass sie Entschuldigungen für den galoppierenden Finanzmarktwahn suchen, mir kommen diese Erklärungen nur immer wieder wie eine solche vor.

    “Wir sind nicht gierig, das ist ein so komplexes System, das ist nicht mehr beherrschbar und darum ist das alles so aus dem Ruder gelaufen”. Wenn das wirklich so sein sollte, müssen wir Wege finden, das zu simplifizieren. Ein System, das zum Eigenläufer wird, weil keiner es mehr beherrschen kann, ist obsolet geworden, das hat seinen Zweck, worin immer er auch bestand, überlebt.

    Welche Wege das sein können oder sogar müssen, kann man gerne diskutieren. Ein dringender Weg ist meines Erachtens, dass man den Ratingagenturen Zügel anlegt. Sie sind nicht mehr nur allein Boten, sie sind Handelnde geworden. Sie raten gezielt Länder runter, auf die es Spekulanten abgesehen haben und wichtiger: Andere Länder raten sie eben NICHT runter. Die USA, um ein Beispiel zu nennen. Deren Wirtschaftsdaten sind, wenn ich das richtig im Kopf habe, noch deutlich mieser als die von Griechenland.

    Die Spekulation mit Lebensmitteln, die *direkt* Menschen tötet, weil sie aufgrund der Getreidepreise verhungern: Muss aufhören.

    Und wir müssen Ayn Rand als das brandmarken, was sie ist: Eine geistige Brandstifterin.

  16. Dr. Beate Reszat |  22.09.2012 | 14:00 | permalink  

    Vielen Dank für diesen aufrichtigen Kommentar, mit dem ich in weiten Teilen übereinstimme. Wenn ein System so kompliziert geworden ist, dass Teilnehmer und Verantwortliche es nicht mehr verstehen – und wenn es dabei nicht funktioniert, sondern immer wieder großen Schaden anrichtet – muss sich etwas ändern. Wenn Gruppen oder Einzelne die Fehlentwicklungen und Schwächen des Systems auf Kosten anderer ausnutzen, um sich zu bereichern und eigene Interessen durchzusetzen, muss dem ein Riegel vorgeschoben werden. Das gilt für Bankenvorstände genauso wie für Ratingagenturen und für Akteure, die sich etwa in Offshore-Zentren außerhalb des gesetzlichen Rahmens unserer Märkte bewegen – um nur einige Beispiele zu nennen.

    Komplexität und Chaos sind theoretische Konzepte, die generell schwer nachvollziehbar sind. Das ist nach meinem Eindruck ein Grund dafür, warum sie sich gegenüber den traditionellen Ansätzen der Ökonomie kaum durchsetzen können, obwohl deren Schwächen mittlerweile weitgehend erkannt sind. (Ein zweiter, vielleicht noch wichtigerer Grund ist, dass diese Konzepte in letzter Konsequenz keine Vorhersehbarkeit von Entwicklungen und praktische Handlungsanweisungen bieten.) Was allerdings die Ausbildung betrifft:

    Aus meiner Sicht bleiben gerade unter denen, die sich im Internet austauschen, die wenigsten bei dem, was sie „offiziell“ einmal gelernt haben, stehen. Manchmal ist es höchst faszinierend zu beobachten, wie Neugier und der Wunsch, zu verstehen und beizutragen, eine Diskussion vorantreibt, bis etwas Neues herauskommt und auch die traditionellen Medien den Gedanken aufgreifen und verbreiten.

    Gerade für das Geschehen auf den Finanzmärkten und die damit verbundenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wirkungszusammenhänge bietet die Universitätsausbildung bislang nach meinem Eindruck keine adäquate Ausbildung. Erste Anfänge in der Forschung, den Finanzsektor in makroökonomische Modelle zu integrieren und mit Hilfe von Simulationen komplexe Zusammenhänge nachzubilden, sind vielversprechend – nur sind sie nicht das, was in der Regel an Universitäten gelehrt wird. Und sie nehmen uns natürlich das Denken und Bemühen um Verstehen nicht ab. Wie Sie in Ihrem letzten Kommentar geschrieben haben: Eingesetzte Computerprogramme spiegeln die Erfahrungen von Menschen wider. Entsprechend kritisch müssen auch sie im Licht der zu lösenden Probleme und unserer Erfahrungen betrachtet werden – mit und ohne Universitätsabschluss.

  17. Tante Jay |  22.09.2012 | 14:12 | permalink  

    Kleiner Seitenhieb auf die Universitäten: Die sind grad im BWL-Bereich nicht darauf ausgelegt, dass die Studenten lernen, wie Märkte funktionieren. Wer das lernen will, belegt Kurse in Volkswirtschaft. Das ist übrigens die Zunft, die wir dringend fördern müssen. Denn es sind die Volkswirte, die sowas erforschen. Nicht die Betriebswirte.

    BWL zementiert die herrschenden Verhältnisse, hier werden Schicksale in Zahlen gegossen und die Protagonisten können so tun, als würden sie tatsächlich wertvolle Arbeit leisten.
    Allerdings tun sie das meiner Erfahrung nach nicht, im Gegenteil, gerade durch BWLer und ihre Zahlenfixierung wurde viel Unheil angerichtet. Und die Aufteilung in “Volkswirte sind Theoretiker und Betriebswirte Praktiker” geht nicht auf.

    Und so langsam komm ich auch hinter den Sinn des Artikels. Und das ist richtig: Will ich etwas verändern, muss ich verstehen, was ich tue und ich muss die richtigen Hebel setzen. Setze ich die falsch, potenziere ich die Probleme. Yay, ich hab was begriffen. *g*

    Und einfache Lösungen auf ein komplexes System zu setzen wird nicht funktionieren. Hats ja noch nie.

    Aber hier wäre ich auch vorsichtig, denn hier liegen auch Gefahren. Um den menschlichen Faktor in die Theorie reinbringen: Menschen sind faul. Und die meisten Menschen mögen keine Veränderungen, was in unserer Realität tragisch ist.

    Und diese Mischung alleine sorgt in der Tat dann mit der Gier der Protagonisten in der Finanzwelt dafür, dass sich so schnell leider nichts ändern wird.

    Seufz. Aber man kann träumen und versuchen, oder?

  18. Steinbrücks Papier zur Bankenregulierung enthält für alle etwas |  26.09.2012 | 01:15 | permalink  

    [...] nötig. Leider bleiben ganz moderne Überlegungen zur Regulierung, wie sie etwa von Haldane oder Reszat in die Diskussion gebracht werden, vollkommen außen vor. Das hätte mich begeistert. Steinbrücks [...]

  19. Steinbrücks Papier: Für jeden etwas — Carta |  26.09.2012 | 08:51 | permalink  

    [...] bleiben ganz moderne Überlegungen zur Regulierung, wie sie etwa von Haldane oder Reszat in die Diskussion gebracht wurden, vollkommen außen vor. Das hätte mich begeistert. [...]

  20. A. G. |  30.09.2012 | 22:25 | permalink  

  21. Dr. Beate Reszat |  01.10.2012 | 12:05 | permalink  

    Danke für den Link! Wie der Autor dieses spannenden Beitrags schreibt: „Wer heutzutage Stadien oder Flughäfen baut, muss gewährleisten, dass alle Besucher heil herauskommen, wenn eine Panik ausbricht.“ Genau darum geht es letztlich ja auch auf den Finanzmärkten. Ohne die ständige Bedrohung eines Bankenruns oder einer Kettenreaktion auf den Märkten wäre der Handlungsspielraum der Politik sehr viel größer und sie könnte sehr viel gelassener an die Aufgabe der Krisenbewältigung gehen. Die Frage ist, welche Schlussfolgerungen hieraus zu ziehen sind. Computersimulationen sogenannter agent-based models, die der Artikel beschreibt, liefern wertvolle Erkenntnisse über die Dynamik komplexer Systeme. Handlungsanweisungen lassen sich daraus allerdings nicht so ohne Weiteres ableiten. Aber um Panik zu begrenzen ist das auch nicht erforderlich. Um in einem komplexen System zu leben, muss man es nicht im Detail kennen (was auch nicht möglich ist), man muss lernen, darin zurecht zu kommen. Mehr dazu demnächst …

  22. Dijsselbloems zündeln an einem Fass |  28.03.2013 | 01:12 | permalink  

    [...] im Finanzsektor schon jetzt für hochgradig ineffizient und viel zu komplex (siehe dazu “Die Finanzaufsicht komplexer Märkte – ein Frisbee-Spiel” ) Regeln wie Basel II/III oder EMIR, die eigentlich das Finanzsystem sicherer machen sollen, [...]

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