Mehr Respekt! Kandidaturen sind kein Pflichtprogramm

| 04.09.2012 | 5 Kommentare

Bei den Piraten wird mal wieder über den Frauenmangel in den Vorständen diskutiert. Aber "Frau sein" allein ist noch kein sinnvolles Auswahl-Kriterium.

Der tatsächliche oder gefühlte Frauenmangel in der Piratenpartei führt angesichts diverser Vorstandsneubesetzungen oder Kandidierendenlisten für kommende Parlamentswahlen zu merkwürdigen Reflexen. Da wird von Personen jedweden Geschlechts gewettert, daß zu wenige Frauen überhaupt antreten, und von denen auch nicht alle gewählt werden. Manchmal auch keine. Das ist blöd. Aber im Rahmen von demokratischen Wahlverfahren ist es möglich und zulässig, eine gegebene Person nicht zu wählen. Sonst könnte man sich den ganzen Aufriss mit den Wahlen sparen und einfach per Losverfahren den Vorstand bilden und paritätisch besetzen.

Das Wort „Wahl“ ist bekanntermaßen Bestandteil des Wortes Auswahl. Wenn ich (als Frau) von beispielsweise fünf Kandidatinnen alle auf die Liste wählen soll, fühle ich mich als Wählerin um mein Wahlrecht betrogen, weil ich ja keine Auswahl mehr habe. Soll ich ernsthaft eine esoterische Verschwörungstheoretikerin (willkürliches Beispiel) wählen, nur, um den Frauenanteil in einem Vorstand oder auf einer Liste zu erhöhen? Geschlecht ist keine Leistung. Und erzähle mir bitte niemand, dass das dann etwas anderes sei als die vielgescholtene Alibi- oder Quotenfrau. Ist es Sexismus, wenn niemand die beispielhafte esoterische Verschwörungstheoretikerin in Amt und Würden sehen möchte? Oder kann es auch im Sinn der Frauenmangelzustandsbeklagenden zulässig sein, aus sachlichen Gründen sogar eine Frau nicht zu wählen?

Hinsichtlich des passiven Wahlrechts werden die Anforderungen nicht wirklich besser. Ginge es nach einigen rigorosen Frauenanteils-Verfechter[inne]n, müsste jede Piratin automatisch für Ämter und Mandate zur Verfügung stehen, und das ungeachtet der persönlichen Präferenzen. Das hat dann mit weiblicher Selbstbestimmung nichts mehr zu tun. Und ich (als Frau) möchte auch gerne selbst entscheiden, ob ich mich zur Wahl stelle oder nicht. Und dann bitte auch, ohne von verschiedenen Seiten angemotzt zu werden, wenn ich mich dagegen entscheide. Es haben nicht zwingend alle, die sich politisch engagieren, ausreichend Spaß an Parlaments- oder Gremienarbeit. Es gibt bei allen Geschlechtern Personen, die ihrem Brotberuf den Vorzug geben, und die Parteiarbeit in der Freizeit machen wollen. Das muß so akzeptiert werden, und ich erwarte hier einfach mehr Respekt vor den persönlichen Entscheidungen anderer.

Crosspost von dyfustifications. In weiteren Artikeln will sich Nicole Britz der Ursachenforschung widmen.