Sarrazin, Höhler, Spitzer: Ist der deutsche Buchmarkt reaktionär geworden?

Bücher, die als Bestseller angelegt sind, verkaufen sich nur mit steilen Thesen. Das war schon immer so. Neu ist aber, dass die jüngsten Bestseller alle in die gleiche Richtung tendieren: Bildungswutbürger flüchten in eine vermeintlich bessere Vergangenheit.

Thilo Sarrazin (“Deutschland schafft sich ab”) will ein gesellschaftlich stubenreines Deutschland mit möglichst wenig dummen Ausländern, möglichst wenig Sozialgedöns, möglichst wenig Euro und vielen gebärfreudigen deutschen Frauen aus der Mittelschicht.

Gertrud Höhler (“Die Patin”) will eine klare liberalkonservative Politik, die im übersichtlichen und strenggläubigen Wertesystem katholischer westdeutscher weißer Männer verankert ist und nicht im pragmatischen Utilitarismus und Relativismus einer protestantischen ostdeutschen Hausfrau, der das richtige System im Zweifel wurscht ist.

Manfred Spitzer (“Digitale Demenz”) will eine übersichtliche Erziehungs-Welt, in der junge Menschen freiwillig auf Computer und anderen technischen Schnickschnack verzichten, Hausmusik betreiben und sich im Religionsunterricht im rechten christlichen Glauben unterweisen lassen.

Alle diese Bestseller-Autoren verfolgen – auf unterschiedlichen Gebieten (Gesellschaft, Politik, Familie) – ein Leitbild von vorgestern, und die Buchverlage, die einmal für Fortschritt und Moderne und Aufbruch und Öffnung standen, schenken diesen gedanklichen „Modernisierungsverlierern“ außerordentlich viel Raum und Aufmerksamkeit.

Die Rückwärtsgewandtheit der wütenden deutschen Bildungsbürger (die in der Rückwärtsgewandtheit mancher Talkshow-Moderatoren einen idealen Transmissionsriemen finden, weil diese dem gleichen Milieu entstammen) ist für die übergroße Mehrheit der Menschen nur beschränkt unterhaltsam oder nützlich, denn die kulturpessimistische Dauerklage darüber, dass die Welt nicht mehr so ist, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert in einer bestimmten kleinen Schicht vielleicht einmal war, hat etwas Ermüdendes und Verzagtes.

Wo ist eigentlich jener Teil des Bildungs-Bürgertums abgeblieben, der mit dem Fortschritt, mit der Globalisierung, mit komplexen gesellschaftlichen Verhältnissen und Entscheidungsstrukturen, mit Technik und Internet, mit Bildungs- und Vernetzungsmöglichkeiten – also mit der heutigen Welt – etwas anzufangen weiß?