Gegenwart, Realität oder Echtzeit?

Eigentlich sollte es nicht heißen, wer bin ich, und wenn ja, wie viele, sondern: Wann bin ich? Und: Bin ich überhaupt noch?

Im Urlaub kann man Glück haben. Ganz weit weg. Also, wenn man so weit weg ist, dass die Roaminggebühren für eine Woche eher das Jahresbudget des deutschen Wirtschaftsministeriums sprengen würden, dann ist es müßig, ins Netz zu gucken. Und dann passiert es …

In den ersten Tagen wird man alle paar Stunden unruhig, weil man schon lange nicht mehr bei den Mails oder SMS nachgesehen hat, was es Neues gibt. Dann, ganz langsam, wird es still im Gemüt. Die Brise rieselt den Kalk aus dem Hirn, die Möwen kreischen sich die Lunge aus dem Leib, und gegrillte Meeresfrüchte tun ihr Übriges: Die Gegenwart hat uns wieder. Also die echte Gegenwart, nicht die Echtzeit. Denn Letztere ist nicht selten ein röhrendes Vakuum. Echtzeit ist alles Mögliche – außer echt.

Gegenwart ist nur das, was man draus macht. Also so eine Art Sinnphilosophie für Pragmatiker. Manche durchforsten alte Häuser und Museen, lassen sich von Autoschlangen in Großstädten vollhupen und vollstinken. Endlich mal wieder mit Tausenden in einer fremden Stadt in einem öffentlichen Verkehrsmittel stehen. Da man nicht zur Arbeit fährt, kann man kleine Triumphe feiern, weil man es ja nicht eilig hat. Oder die Wandersleute, die auf den Kanaren die Vulkanlandschaften durchsteigen. Mit Mütze und Funktionswäsche in 1400 Meter Höhe auf den Atlantik schauen, am besten noch mit Mountainbike unterm Allerwertesten. All das ist Gegenwart. Fast. Denn wenn man diese Ausblicke auch noch per Facebook oder Google+ seinen Followern kundtut, um die Anerkennung für die Mobilität und das Herumgereise einzuheimsen, dann hat man aus der Gegenwart eine Echtzeit gemacht. Man hat das Eine und Ganze des Moments im Wahn des Quantified Dingsbums zur Faktizität degradiert.

„Fakt ist, dass ich hier war. Ätschmann.“

Und dann wird offenbar, woran die digitale Revolution im reichen Westen krankt: Am Erlebnis des echten Lebens. Die Sozialen Medien werden zur Sozialen Kamera, und jeder dreht seine Doku-Soap, ohne zu ahnen, dass ihm oder ihr beim Inszenieren des eigenen Lebens eines abhanden kam. Man sucht nicht den Sinn im Leben, man macht ihn sich im Leben. Aber nicht durch Herumzeigen.

Denn nicht die Anerkennung (eher noch ist es die Beachtung, die man im Netz findet) liefert den Sinn, sondern umgekehrt. Wer Sinn generiert hat, findet darin Anerkennung – ohne, dass einer dabei zugesehen hätte. Extrinsische Motivation ersetzt zu keiner Zeit intrinsische Motive. Aber das ist schon wieder ein anderes Kapitel.

Crosspost von Multiasking