Gehälter der Medienkonzernmanager: Das eine Prozent des einen Prozents

Die Medienkonzerne werden immer größer, die Gehälter respektive Abfindungen ihrer Vorstände auch. Wer glaubt, zwangsläufig müsse auch Journalismus ordentlich bezahlt werden, irrt: Ganze Redaktionen werden entlassen.

Mitte April dieses Jahres wurde bekannt, wie viel Leslie Moonves, CEO des US-Fernsehunternehmens CBS, im vergangenen Jahr verdient hat: Inklusive Boni, Aktienanteilen und Sonderzahlungen erhielt Moonves 69,9 Millionen US-Dollar. Das ist in etwa sieben Mal so viel, wie ein durchschnittlicher Top-Manager in den USA verdient. Als Sonderzahlungen versteht man im Fall des CBS-Managers jeweils eine halbe Million für die Benutzung von Konzernjets sowie die Installation eines Kinos, um Filme und Fernsehepisoden von seiner Villa in Beverly Hills aus zu evaluieren.

Der Slogan der Occupy-Bewegung lautet „We are the 99 percent“. Medienmanager gehören zum übrigen einen Prozent des einen Prozents. Josef Ackermann, hierzulande Inbegriff des amoralischen Bankers und geldgierigen Vorstandsvorsitzenden, verdiente vergangenes Jahr knapp neun Millionen Euro. Über solche Summen können Medienmogule in den USA nur lachen.

Nicht selten führen überzogene Gehaltszahlungen zu Größenwahn. Ein Musterbeispiel ist Craig Dubow, bis vor kurzem CEO von Gannett, dem größten Zeitungshaus der USA. Dubow liefert sich gegenwärtig einen abstrusen Rechtsstreit mit seinem Nachbarn, der es gewagt hat, ein 25,000 Quadratmeter großes Anwesen zu errichten, das die Grundstückspreise für Dubows gerade erst fertig gestellten und etwas kleineren Luxus-Palast nebenan beeinträchtigen könnte. Dabei sollte er eigentlich froh sein. Nach seinem Rücktritt im Herbst 2011 bekam er eine Abfindung von 37 Millionen US-Dollar. Während seiner sechsjährigen Amtszeit sank der Aktienkurs von Gannett um 85 Prozent und zehntausende Journalisten verloren ihren Job.

Neben veränderten Lesegewohnheiten und sinkenden Anzeigenerlösen können auch Millionenvergütungen für Zeitungsmogule als Erklärungsgrund für das in den USA verbreitete Zeitungssterben herhalten. Wie das Columbia Journalism Review vorrechnete, hätten jährlich Hunderte von Journalisten ihren Job behalten, würden die Gannett-Manager auf ein Paar Millionen verzichten.

Ein beunruhigender Trend in der Medienindustrie besteht im Kaputtsparen von erfolgreichen Produkten, um Gewinn und damit auch CEO-Boni und -Gehälter konstant hoch zu halten. Die Erscheinungsweise der seit Jahren profitabel operierenden Zeitung Times Picayune aus New Orleans wurde jüngst auf drei Tage in der Woche reduziert. Damit ist New Orleans die erste große US-Metropole ohne Print-Tageszeitung. Sam Newhouse, Milliardär und CEO des Mutterkonzerns Advance Publications gilt zwar als Philanthrop; wenn er jedoch Geld sparen kann, hat er keine Skrupel, eine 175-jährige Traditionszeitung mit einem Klatsch- und Sportportal zusammenzulegen.

Die Höhe der Gehälter von Medienkonzernmanagern steht häufig in keiner Relation zu deren wirtschaftlicher Performance. Aufsichtsräte, die eigentlich dazu da sind, Gehaltsexzesse zu verhindern, sind häufig mit Vertrauten oder Familienmitgliedern der Geschäftsführung besetzt.

Die inzwischen gefeuerte Carol Bartz, die das Onlineunternehmen Yahoo in eine Identitätskrise manövrierte und nur durch Massenentlassungen auf sich aufmerksam machte, kam in ihrem ersten Amtsjahr auf knapp 48 Millionen US-Dollar Vergütungen – dem bis dato höchsten, jemals an einen weiblichen CEO gezahlte Gehalt. Das ist jedoch nur ein Bruchteil dessen, was Barry Diller, Chef des IAC-Konglomerats (Homeshopping Network, The Daily Beast, Match.com) noch im Jahr 2005 mit nach Hause nahm. 469 Millionen US-Dollar, was 150 000 Dollar pro Arbeitsstunde entspricht, benötigte Diller, um, in den Worten des Aufsichtsrates, für seinen Beruf „motiviert“ zu werden.

Die Frage „Wer beherrscht die Medien?“¹ lässt sich zumindest in den USA leicht pauschal beantworten: Ältere, weiße, männliche Multimillionäre. Obwohl rund ein Drittel aller Amerikaner Minderheiten angehören und mehr als die Hälfte weiblich ist, befindet sich nur ein Bruchteil aller kommerziellen Fernsehsender im Besitz von nicht-weißen Männern oder Frauen.

Wenn die Lebenswelten der Inhalteproduzenten und -konsumenten so weit auseinanderklaffen, hat das weitreichende Konsequenzen für die Selbstwahrnehmung und den öffentlichen Diskurs. Während RTL in Deutschland die Unterschicht als Zielgruppe entdeckt hat, finden in den USA Themen wie Verarmung und grassierende Arbeitslosigkeit nur wenig Aufmerksamkeit. Es ist also wenig verwunderlich, wenn sich die CNN-Moderatorin und ehemalige Goldman Sachs-Analystin Erin Burnett über die politischen Ziele der Occupy-Bewegung lustig macht („seriously?“) oder ihr CNBC-Kollege Rick Santelli vor laufender Kamera Menschen beschimpft („losers“), die im Zuge der Finanzkrise ihre Häuser verloren haben.

Eines der neuesten Formate auf Bloomberg TV, dem Haus- und Hofsender von New Yorks gleichnamigem Bürgermeister und zwölftreichsten Bürger der USA, ist eine Talkshow namens „Titans at the Table“, bei der vier Hedgefonds-Manager beim Dinner in Drei-Sterne-Restaurants erzählen, wie sie sich während der Finanzkrise bereichert haben.

Die Journalisten und einfachen Angestellten der Medienkonzerne sind jedoch seit geraumer Zeit nicht mehr bereit, die Exzesse ihrer Vorgesetzten hinzunehmen – insbesondere nicht, wenn Anti-Piraterie-Maßnahmen wie SOPA, PIPA oder ACTA mit dem Hinweis gerechtfertigt werden, illegale Downloads würden in erster Linie Autoren, Regisseure und einfache Angestellte treffen.

Längst ist in der internationalen Medienindustrie ein Arbeitskampf entbrannt. Bereits seit einem Jahr streitet sich die Belegschaft der New York Times mit dem Management über eine angemessene Bezahlung. Besonders ärgerlich für die Times-Angestellten ist, dass sie länger für eine geringeren Lohn arbeiten und keine Rentenbezüge erhalten sollen, die ehemalige Chefin des Mutterkonzerns, Janet Robinson, jedoch 24 Millionen US-Dollar als Abfindung für ihren vorzeitigen Abschied bekam, was fast der Hälfte des 2011 erwirtschafteten Gewinns entsprach.

Ähnliches gilt für die britische Financial Times, deren Journalisten im Februar dieses Jahres wegen einer Gehaltserhöhung von nur zwei Prozent auf die Barrikaden gingen. Diese Summe muss angesichts positiver Ergebnisse und gestiegener Vorstandsgehälter wie eine Zumutung gewirkt haben: Die zum Pearson-Konzern gehörende Financial Times Group konnte 2011 Gewinn und Umsatz um 27 bzw. sechs Prozent steigern, unter anderem, weil die Nummer der registrierten Benutzer der FT-Website auf über vier Millionen anstieg. FT-CEO John Ridding konnte sein jährliches Gehalt zwischen 2006 und 2010 auf 928 000 Pfund erhöhen, was einer 95-prozentigen Steigerung entsprach.

Bei Comcast, dem größten Medienkonzern der Welt, verdient CEO Brian Roberts etwa eintausendmal so viel wie ein durchschnittlicher Angestellter des Unternehmens. Der Konzern kämpft seit Jahren vehement gegen eine umfassende gewerkschaftliche Organisation seiner Mitarbeiter. Dabei werden Mitarbeiter finanziell bevorteilt, die davon absehen, einer Gewerkschaft beizutreten. Die Gewerkschaft Communications Workers of America (CWA), die auch Comcast-Mitarbeiter vertritt, schloss sich vergangenes Jahr offiziell den „Occupy Wall Street“-Protesten an.

In der deutschen Medienlandschaft sind ähnliche Entwicklungen erkennbar, wenn auch in kleineren Dimensionen. Mathias Döpfner, der 2010 mit elf Millionen Euro das höchste Gehalt aller deutschen Manager verdient haben soll, entließ jüngst 41 Computer Bild-Angestellte, die sich weigerten, in eine ausgegliederte, tarifungebunde GmbH zu wechseln. Immerhin konnte Döpfner in den vergangenen Jahren Rekordzahlen präsentieren, die sein Gehalt bis zu einem gewissen Grad rechtfertigen.

Das ist nicht überall so. Bei Bertelsmann, dem größten deutschen Medienkonzern, stieg die Vergütung des sechsköpfigen Topmanagements 2011 laut Geschäftsbericht um 70 Prozent auf insgesamt 37 Millionen Euro, während Umsatz und Gewinn leicht zurückgingen. Und in Bezug auf ARD und ZDF ist seit geraumer Zeit eine Debatte entflammt, ob die Gebührenzahler den Intendanten Jahresgehälter finanzieren müssen, die zwar deutlich geringer sind als in der privaten Medienindustrie, jedoch immerhin über den Vergütungen der Kanzlerin und des Bundespräsidenten liegen.

Journalismus ist derweil in Deutschland zu einer Profession geworden, von der alleine man nicht mehr leben kann. Berufseinsteiger verdienen durchschnittlich 2,93 Euro pro Stunde. Natürlich wird man den Fortbestand einer funktionierenden Qualitätspresse-Landschaft oder die sich anbahnende Krise des linearen Fernsehgeschäfts nicht durch eine Beschränkung der Manager-Gehälter aufhalten können. Der Öffentlichkeit wird aber immer schwerer zu vermitteln sein, warum hochrangige Medienmanager von Existenzkampf sprechen, gleichzeitig selbst jedoch so gut verdienen wie nie zuvor.

¹ „Wer beherrscht die Medien?“, Hachmeister/Rager 2005, C.H. Beck; jetzt online fortgeführt in der Onlinedatenbank des Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM)