Ökonomen sind Top, aber nicht Spitze

Wenn Wissenschaftler als Experten in den Medien auftauchen, dann nicht einfach als Ökonomen, Mediziner oder Juristen. Nein, es müssen Top-Leute sein. Ohne Top machen diese Berufe nichts her.

In jüngerer Zeit scheint es einen Trend zu geben, nicht mehr einfach Ökonomen in der Öffentlichkeit zu zitieren, sondern vor allem sogenannte Top-Ökonomen. Was genau einen Top-Ökonomen ausmacht, ist mir nicht so ganz klar, es gibt aber durchaus einige von ihnen. Bei der Financial Times Deutschland (FTD) sind Kenneth Rogoff und Dani Rodrik die Haus- und Hof-Top-Ökonomen (siehe FTD-Top-Ökonomen sowie FTD Top-Ökonomen 2), aber auch Barry Eichengreen, Leszek Balcerowicz, Esther Dyson und Laura Tyson entdeckt Google schnell als FTD-Top-Ökonomen. Die Rheinische Post hat sogar eine schöne Bilderserie über deutsche Top-Ökonomen (RP-Top-Ökonomen), beginnend mit Hans-Werner Sinn und endend bei Wolfgang Franz. Andere schnell durch Google zu entlarvende Top-Ökonomen sind Gustav Horn, Peter Bofinger, Clemens Fuest, Daniel Gros, Robert Skidelsky, Thomas Straubhaar, Nouriel Roubini, Wolfgang Wiegard, Jens Søndergaard, Paul Krugman, Michael Hüther, Armin Falk, Andreas Wörgötter, u.v.m. In der jüngsten Zeit konnte man sich selbst recht einfach in die Gruppe der Top-Ökonomen hineinselektieren, indem man einen der Aufrufe unterschrieb. Mehr oder minder hieß es dann ja, dass 160, 172, 190 oder über 200 Top-Ökonomen vor der Bankenunion warnten oder auch nicht (z B. im Handelsblatt: Top-Ökonomen-Streit). Die Spitze ist also durchaus breit.

Eine Google-Suche nach dem Begriff “Top-Ökonom” in Anführungszeichen bringt mich heute zu ungefähr  29.100 Ergebnissen (in 0,33 Sekunden). Demgegenüber bringt die Suche nach “Top-Soziologe” nur 6 Ergebnisse (dafür aber in 0,16 Sekunden). “Top-Politologe” bringt immerhin 10 Ergebnisse, schon etwas besser. Selbst “Top-Mediziner” bringt nur 16.400 Ergebnisse (in 0,19 Sekunden). Getoppt werden die Top-Ökonomen jedoch von den Top-Juristen: 59.200 Ergebnisse (in 0,19 Sekunden). Naturwissenschaftler scheinen zwischen Ökonomen und anderen Sozialwissenschaften zu rangieren. Ich finde 1.340 Ergebnisse (in 0,35 Sekunden) für “Top-Physiker”, 3.540 Ergebnisse (in 0,26 Sekunden) für “Top-Mathematiker” und 2.190 Ergebnisse (in 0,37 Sekunden) für “Top-Chemiker” (aber nur 20 Fundstellen für “Top-Biologen”, was ist da los?). Zwar weisen nicht alle Treffer auch direkt auf Top-Leute hin, es mag aber ein Indikator für die Bedeutung der “Topness” von Personen in ihren jeweiligen Disziplinen sein.

Im Vergleich zu Top-Ökonomen gibt es hingegen nur 1.880 Ergebnisse für “Spitzenökonom” – Walter Krämer, selbst Top-Ökonom und womöglich sogar Spitzenökonom, aber auch Gründer des Vereins Deutsche Sprache, wird es bedauern. Hier liegen die Mediziner sehr weit vor den Ökonomen: 45.500 Ergebnisse für “Spitzenmediziner” und 8.400 Fundstellen für “Spitzenjurist”. Es scheint somit mehr Spitzen-Mediziner zu geben als Top-Mediziner, aber mehr Top-Juristen als Spitzen-Juristen und eben mehr Top-Ökonomen als Spitzen-Ökonomen.

Als Top-Ökonom ist es im Übrigen nicht notwendig, in Top-Journalen zu publizieren. Dies scheint zwar hilfreich zu sein, aber es ist keine notwendige Bedingung zum Erlangen des Top-Titels. Was genau einen Top-Ökonomen ausmacht, ist mir noch nicht ganz klar, die Phänomenologie des Top-Ökonomen in seinem Habitat steht noch aus….