Teuer auf Papier, umsonst im Netz?

So lautete die Leitfrage des diesjährigen Reporterforums im neuen Spiegel-Hochhaus. Es diskutierten Ines Pohl (taz), Georg Mascolo (Der Spiegel), Stefan Niggemeier (Blogger/Der Spiegel), Giovanni di Lorenzo (Die Zeit), Jakob Augstein (Freitag/Spiegel Online) und Peter-Matthias Gaede (Geo). Das Gespräch leitete Christoph Kucklick (freier Autor).

Auch wenn die Tontechnik nicht immer so funktionierte, wie sie sollte: Es lohnt sich, die 80-minütige Diskussion des Reporterforums bei Spiegel-TV noch einmal nachzuhören: Wie können gedruckte Medien angesichts des „kostenlosen“ Web-Angebots die Nase vorn behalten? Hier einige Aussagen in subjektiver Zusammenfassung:

Jakob Augstein: Das World Wide Web wird journalistische Inhalte weiterhin kostenlos anbieten. Das bedeutet: Die Zeitungen und Zeitschriften müssen ihre Probleme selber lösen. Sie müssen so attraktiv und interessant sein, dass sie weiter gekauft werden (Zustimmung von Giovanni di Lorenzo).

Folgende Idee wird kurz ventiliert: Wenn sich die 10 größten Medienhäuser auf eine einheitliche Bezahlschranke einigen würden (Paywall 2.0), dann wäre das eine praktikable Lösung. Worauf Christoph Kucklick in die Runde fragt: Handelt es sich dabei nicht um ein Kartell? Und sofort wird die Idee fallen gelassen.

Stefan Niggemeier: Wenn die Zeitungen Paywalls oder Bezahlschranken errichten, dann finden die Debatten eben außerhalb dieser Mauern statt.

Georg Mascolo: Gute Tageszeitungen sind heute inhaltlich schon weitgehend Magazine. Wochenzeitungen oder wöchentlich erscheinende Nachrichtenmagazine müssen zu solchen hochwertigen Tageszeitungen einen gewissen Abstand halten, d.h. noch hintergründiger und noch analytischer sein als diese Tageszeitungen. Selbst Online-Medien bemühen sich heute, mehr vertiefenden Hintergrund zu Ereignissen zu bringen, um sich abzuheben. Alle Medien sind auf der Suche nach dem Besonderen, nach dem ungewöhnlichen Blick, nach der ungewöhnlichen Geschichte. Das Thema ist deshalb nicht Print oder Online, sondern „Wie können wir erstklassigen Journalismus liefern und finanzieren?“

Ines Pohl: Autorenschaft wird immer wichtiger. (Siehe „Die Rückkehr des Autorenjournalismus“, Carta 2009)

Jakob Augstein: Haltung, Meinung, Charakter, Emotion, Fragestellung und Einordnung werden im Gedruckten wichtiger.

Stefan Niggemeier: Es geht auch nicht mehr so sehr um das ganze Produkt, um die Zeitung als Gesamtkunstwerk, sondern um Bündel oder Pakete, die sich der Leser selbst zusammenstellen kann. Hier müssen die Zeitungen umdenken.

Peter-Matthias Gaede: Wir stellen bei jüngeren Lesern ein zurückgehendes Interessenspektrum fest. Narzisstische, egoistische Themen (Liebe, Beziehung) funktionieren heute besser als ökologische oder gesellschaftspolitische Themen.

Giovanni di Lorenzo: Dramatische Ereignisse (wie Fukushima) sind auch keine automatischen Auflagenbringer mehr. Es gibt das Gefühl: Der Medien-Mainstream verkauft mich für dumm (siehe Euro-Krise). Eine der bestverkauften Titelgeschichten der ZEIT hieß „Keine Lügen mehr!“ Diese Medienverdrossenheit hat aber nichts mit der Strukturkrise zu tun.

Stefan Niggemeier: Die Generationen, die mit dem Internet aufwachsen, sind mit den eingeschränkten Möglichkeiten der Zeitung nicht mehr zufrieden. Bei Print können sie Inhalte nicht mit Freunden teilen, sie können nicht verlinken oder unmittelbar mitdiskutieren. Das ist aber bei den Jüngeren Standard.

Jakob Augstein: Springer schickt jetzt Kai Diekmann (den BILD-Chefredakteur) zum Lernen ins Silicon Valley. Ist das nicht toll?

Viel Neues wurde in dieser Runde zwar nicht diskutiert (dafür sitzen die meisten der Beteiligten auch auf zu vielen Podien), aber es wurde immerhin sehr nachdenklich und ernsthaft argumentiert.

Nur in den letzten zehn Minuten meinten die Chefredakteure, den Ernst ihrer Veranstaltung mit etwas Volksnähe aufbrezeln zu müssen. Sie wollten unbedingt den Halbzeitstand des gerade laufenden EM-Spiels Italien – Kroation verkünden. Anschließend durften die Zuhörer noch drei, vier Fragen stellen. „Zuhause an den Bildschirmen“ waren die Fragen aus dem Publikum aber leider nicht zu verstehen.