Die „Oscars des Freien Wissens“: Wikimedia Deutschland verleiht Zedler-Preise 2012

| 01.07.2012 | 4 Kommentare

Am Sonntag Nachmittag wurden in einer Feierstunde der Wikipedia-Artikel des Jahres, das Community-Projekt und das Externe Wissensprojekt des Jahres ausgezeichnet.

Am Rande der Wikipedia Academy, die in den vorangegangenen Tagen dem wissenschaftlichen Austausch rund um Wikipedia diente, ist am 1. Juli 2012 in Berlin der Zedler-Preis für Freies Wissen 2012 von Wikimedia Deutschland verliehen worden. Moderiert vom Vorstand des Vereins Pavel Richter, wurden die drei Hauptpreise sowie zwei Sonderpreise vergeben, die das Engagement für Freies Wissen im vorangegangenen Jahr auszeichnen.

Preisträger des Zedler-Preises für den Wikipedia-Artikel des Jahres ist der Beitrag zur Nuklearkatastrophe von Fukushima (nominiert in dieser Fassung vom Ende des Jahres 2011). Der Jury zufolge steht der als lesenswert ausgezeichnete Artikel beispielhaft für einen ausführlich und umsichtig recherchierten Text, der die Chronologie der Ereignisse wiedergibt und dem Leser einen guten Überblick vermittelt. Auch die Konsequenzen für die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge sowie die globalen Bezüge werden berücksichtigt. Der Artikel steht deshalb für das Bemühen von Wikipedia, ein breites Publikum zeitnah und sachlich über aktuelle Ereignisse zu informieren, was dazu geführt habe, dass er vielfach als Quelle auch für Journalisten und Experten gedient habe. Weil die Hauptautoren, die Benutzer PM3 und Trigonomie, anonym bleiben möchten, nahm Wikipedia-Autor Achim Raschka, der „nicht einen Edit in diesem Artikel gemacht“ hatte, den Preis stellvertretend für sie im Empfang.

Die Verleihung trägt dem Umstand Rechnung, dass Artikel zu aktuellen Themen auf ein großes Interesse bei den Wikipedia-Lesern treffen und vielfach neue Autoren zu einer ersten Mitarbeit bewegen, während ihre Erstellung in der Community durchaus umstritten ist. Es gilt als ehernes Grundprinzip, dass Wikipedia „kein Newsticker“ sei und das Tagesgeschehen nicht in der Enzyklopädie, sondern in dem Schwesterprojekt Wikinews verarbeitet werden sollte, bis es hinreichend geklärt und damit enzyklopädie-würdig ist.

Als „Community-Projekt des Jahres“ wurden die Denkmallisten des WikiProjekts Denkmalpflege Österreich ausgezeichnet. Die Wikipedianer, die sich hieran beteiligt hatten, haben es zur Vorbereitung des Fotowettbewerbs Wiki loves monuments geschafft, von den 36.955 Denkmälern, die es derzeit in Österreich gibt, in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt 24.980 zu erfassen und mit Beschreibungen, Fotos und den genauen Geo-Koordinaten zu dokumentieren. Eine Vertreterin des österreichischen Bundesdenkmalamts bedankte sich bei der Preisverleihung ebenfalls für das Engagement der ehrenamtlichen Autoren und erklärte, ihre Behörde hätte „nie und nimmer“ die Ressourcen gehabt, um das zu leisten, was der Enthusiasmus der österreichischen Wikipedianer zustandegebracht hat.

Als „Externes Wissensprojekt des Jahres“ wurde das VroniPlag Wiki ausgezeichnet, das es sich in der Nachfolge des GuttenPlag Wiki zur Aufgabe gemacht hatte, Promotionsbetrug insbesondere von Politikern auf die Schliche zu kommen und für die Redlichkeit im Wissenschaftsbetrieb einzutreten. Angesichts des Umstands, dass viele Mitarbeiter an dem Projekt selbst als Akademiker noch in keiner gesicherten beruflichen Stellung sind, war es aus Sicht der Jury vertretbar, in Kauf zu nehmen, dass sie lieber anonym bleiben möchten – jedenfalls sei dies besser, als über die betrügerischen Promotionen zu schweigen. Das Problem der Plagiate in der Wissenschaft sei vor der Aufdeckung durch die Wikis völlig unterschätzt worden. Der größte Wunsch ihrer Community sei es aber, sich selbst eines Tages überflüssig zu machen.

Sonderpreise gingen an die Autoren Southpark und Salino01 für ihren Wikipedia-Artikel über den Pizzakarton und an den Benutzer Ephraim33 für seine liebenswürdige Aktion Blume der Woche, in der er an andere Autoren, die ihm in Wikipedia positiv aufgefallen waren, zum Dank Bilder mit schönen Blumen auf deren Benutzerseiten verteilt.

Der Zedler-Preis ist nach Johann Heinrich Zedler benannt, dem Begründer der umfassendsten deutschsprachigen Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts. Er wird bereits seit 2007 in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnerorganisationen und Unterstützung aus der Wirtschaft vergeben.

Nachdem das mit der „Zedler-Medaille“ ursprünglich verfolgte Ziel, neue Autoren für Wikipedia, insbesondere aus der Wissenschaft, zu gewinnen, nicht erreicht werden konnte, hatte man sich nach der Preisverleihung 2010 für eine grundlegende Neuausrichtung entschieden. Die Auszeichnung wurde daraufhin in „Zedler-Preis“ umbenannt und würdigt seitdem konsequent die Arbeit der ehrenamtlichen Community, die sich in der Wikimedia-Bewegung und in weiteren Projekten der Erstellung freier Inhalte zu Bildungszwecken widmet und die im jeweils vorangegangenen Jahr durch eine besondere Leistung hervorgetreten sind.

Dr. Jürgen Fenn bloggt auf Schneeschmelze