TED Talks: Hans Rosling über Religionen und Bevölkerungswachstum

| 12.06.2012 | 2 Kommentare

Gibt es in einigen Religionen eine höhere Geburtenrate als in anderen - und wie wirkt sich das auf das Wachstum der Weltbevölkerung aus?

Hans Rosling ist Arzt und gleichzeitig einer der Pioniere der Darstellung komplexer Daten als verständliche Grafiken. Dieses Mal fragt er bei einem Vortrag in Qatar, was Religion und Bevölkerungswachstum miteinander zu tun haben.

Transkript

Ich werde über Religion sprechen. Aber das ist ein breites und ziemlich schwieriges Thema, also musste ich mich einschränken. Und daher werde ich in meinem Vortrag nur über die Verbindungen zwischen Religion und Sexualität sprechen.

(Lachen)

Das ist ein sehr ernsthafter Vortrag. Ich werde also darüber sprechen, woran ich mich als das Wunderbarste erinnere. Das ist der Moment, wo das junge Paar sich zuflüstert: “Heute Nacht machen wir ein Baby.” Mein Vortrag wird sich um den Einfluss der Religionen auf die Anzahl der Babies pro Frau drehen.

Das ist tatsächlich wichtig, denn jeder wird einsehen, dass es eine Art obere Grenze gibt wie viele Leute wir auf diesem Planeten sein können. Und es gibt einige Leute, die sagen, dass die Weltbevölkerung so anwächst – 1960 waren es drei Milliarden, erst letztes Jahr sieben Milliarden – und sie wächst weiter, denn einige Religionen halten Frauen davon ab, wenige Kinder zu bekommen, und es kann durchaus so weitergehen.

Inwiefern haben diese Leute recht? Als ich geboren wurde, gab es weniger als eine Milliarde Kinder auf der Erde, und heute, 2000, gibt es fast zwei Milliarden. Was ist seitdem passiert, und was sagen die Experten voraus, was mit der Anzahl der Kinder in diesem Jahrhundert passieren wird?

Das ist ein Quiz. Was denkt ihr? Ob sie wieder auf eine Milliarde zurückgeht? Wird sie gleich bleiben: zwei Milliarden am Ende des Jahrhunderts? Wird die Anzahl der Kinder weitere 15 Jahre jedes Jahr steigen, oder wird sie mit der selben schnellen Rate weitersteigen und dann haben wir vier Milliarden Kinder? Am Ende meines Vortrags werde ich es verraten.

Doch zunächst: Was hat Religion damit zu tun? Wenn man Religion einordnen möchte, ist das schwieriger als man annehmen könnte. Auf Wikipedia ist die erste Karte, die man findet, diese. Sie teilt die Welt in abrahamitische Religionen und östliche Religionen, aber das ist nicht detailliert genug. Also suchten wir auf Wikipedia weiter und fanden diese Karte. Aber die unterteilt Christentum, Islam und Buddhismus in so viele Untergruppen, dass es uns zu detailliert war.

Daher haben wir bei Gapminder unsere eigene Karte erstellt, und die sieht so aus. Jedes Land ist eine Blase. Die Größe entspricht der Bevölkerung – hier großes China, hier großes Indien. Und die Farbe entspricht der Religion der Mehrheit. Es ist die Religion, zu der sich mehr als 50 Prozent der Leute zugehörig fühlen. In Indien, China und den asiatischen Nachbarländern sind es östliche Religionen. Islam ist die Religion der Mehrheit zwischen dem Atlantischen Ozean bis hinüber zum Nahen Osten, Südeuropa und bis nach Asien, bis nach Indonesien. Dort finden wir eine islamische Mehrheit. Und die christliche Mehrheit sehen wir in diesen Ländern, sie sind blau. Und das sind die meisten Länder in Amerika und Europa, viele Länder in Afrika und ein paar in Asien. Die weißen hier sind Länder, die wir nicht einordnen konnten, denn eine Religion erreicht nicht 50 Prozent, oder es bestehen Zweifel an den Daten, oder ein anderer Grund. Also waren wir dabei vorsichtig.

Verzeihen Sie mir also die Vereinfachung im nächsten Bild. Das hier ist 1960. Und nun zeige ich hier die Anzahl der Babies pro Frau: zwei, vier oder sechs – viele Babies, wenig Babies. Und hier ist das Einkommen pro Person in vergleichbaren Dollar. Viele Leute behaupten ja, man müsse zuerst reich werden, bevor man wenige Babies bekommt. Also hier niedriges Einkommen, dort das hohe.

Und ja, 1960 musste man ein reicher Christ sein, um wenig Kinder zu haben. Die Ausnahme war Japan. Japan wurde als Ausnahme angesehen. Sonst waren es nur christliche Länder. Aber es gab auch christliche Länder, wo es sechs bis sieben Babies pro Frau gab. Aber die lagen in Lateinamerika oder in Afrika. Und in Ländern mit dem Islam als Religion der Mehrheit, dort hatten in fast allen die Frauen sechs bis sieben Kinder, unabhängig vom Einkommen. Und bei allen östlichen Religionen außer Japan war das Niveau gleich.

Nun schauen wir uns mal die Veränderungen auf der Welt an. Ich lasse die Welt loslaufen, schon geht’s los. 1962 – könnt ihr schon sehen, wie sie ein bisschen reicher werden, aber die Anzahl der Babies pro Frau abnimmt? Seht euch China an. Es nimmt recht schnell ab. und alle mehrheitlich muslimischen Länder nehmen einkommensunabhängig ab. So wie auch die christliche Mehrheit mit mittlerem Einkommen. Und beim Eintritt in dieses Jahrhundert befindet sich mehr als die Hälfte der Menschheit hier unten. Und 2010 sind es 80 Prozent der Menschen, die in Ländern mit ungefähr zwei Kindern pro Frau leben.

(Applaus)

Diese Entwicklung ist ziemlich beeindruckend. (Applaus) Und das hier sind Länder wie die USA, mit $40.000 Pro-Kopf-Einkommen, Frankreich, Russland, Iran, Mexiko, Türkei, Algerien, Indonesien, Indien, bis hin zu Bangladesch und Vietnam, das weniger als 5 % des Pro-Kopf-Einkommens der USA hat, und dieselbe Anzahl von Babies pro Frau.

Ich kann euch sagen, dass die Angaben über die Anzahl der Kinder pro Frau in allen Ländern erstaunlich gut sind. Das erfahren wir über die Volkszählung. Diese Statistiken sind recht zuverlässig.

Also können wir daraus schließen, dass man nicht reich werden muss, um wenige Kinder zu haben. Es ist überall auf der Welt geschehen.

Und wenn wir uns Religionen anschauen, dann können wir sehen, dass es bei den östlichen Religionen tatsächlich nicht ein einziges Land mit dieser Religionsmehrheit gibt, wo eine Frau mehr als drei Kinder hat. Obgleich beim Islam und Christentum als Mehrheitsreligion die Länder überall auf der Karte verteilt sind, gibt es aber keinen großartigen Unterschied. Es gibt keinen großartigen Unterschied zwischen diesen Religionen. Es gibt einen Unterschied im Einkommen. Die Länder mit vielen Babies pro Frau hier haben ein ziemlich niedriges Einkommen. Viele von ihnen liegen in Schwarzafrika. Aber es gibt hier auch Länder wie Guatemala, Papua Neuguinea, Yemen und Afghanistan.

Viele denken, dass Afghanistan hier und der Kongo, die unter ernsthaften Konflikten leiden mussten, dass sie kein hohes Bevölkerungswachstum haben. Aber es ist andersherum. Die Länder mit den größten Sterblichkeitsraten sind heute die Länder mit dem schnellsten Bevölkerungswachstum. Denn der Tod eines Kindes wird mit einem weiteren Kind kompensiert. Diese Länder haben sechs Kinder pro Frau. Sie haben eine traurige Todesrate von ein bis zwei Kindern pro Frau. Aber in 30 Jahren wird Afghanistan von 30 Millionen auf 60 anwachsen. Der Kongo wird von 60 auf 120 anwachsen. Dort haben wir das schnelle Bevölkerungswachstum. Und viele glauben, dass diese Länder stagnieren, aber dem ist nicht so.

Ich möchte den Senegal, ein vorherrschend muslimisches Land, mit einem vorherrschend christlichen Land, Ghana, vergleichen. Ich nehme sie mit zurück bis zu ihrer Unabhängigkeit, Anfang der Sechziger, als sie hier oben waren. Schauen wir uns an, was sie getan haben. Es ist eine verblüffende Verbesserung, von sieben Kindern pro Frau sind sie nun beide bei vier bis fünf angekommen. Das ist eine unglaubliche Verbesserung.

Was braucht man dafür? Wir wissen recht gut, was in diesen Ländern gebraucht wird. Man braucht Kinder zum Überleben. Man muss aus der tiefsten Armut entkommen, damit Kinder nicht mehr zum Unterhalt der Familie beitragen müssen. Man muss Zugang zu Familienplanung haben. Und wir brauchen den vierten, wahrscheinlich wichtigsten Faktor.

Aber lasst mich diesen vierten Faktor illustrieren. Schauen wir uns Qatar an. Hier ist Qatar heute und dort ist Bangladesch heute. Wenn ich diese Länder zum Jahr ihrer Unabhängigkeit zurücknehme – was fast dasselbe Jahr ist, 1971, ’72 – hat seitdem eine faszinierende Entwicklung stattgefunden. Schauen wir uns Bangladesch und Qatar an. Mit so unterschiedlichen Einkommen ist die Abnahme in der Anzahl der Babies pro Frau fast gleich.

Und was ist der Grund in Qatar? Nun, ich gehe dabei vor wie immer. Ich ging zum statistischen Amt von Qatar, auf ihre Webseite. Es ist eine sehr gute Webseite, ich kann sie empfehlen – und suchte nach – oh ja, dort kann man viel Spaß haben – und ich fand ganz kostenlos Qatars soziale Entwicklungen. Sehr interessant. Viel zu lesen. Ich fand etwas zu Fruchtbarkeit bei Geburt und rief die gesamte Fruchtbarkeitsrate der Frauen ab. Das sind die Gelehrten und Experten in der Regierung Qatars, und sie halten Folgendes für die wichtigsten Faktoren: “Höheres Alter bei der ersten Heirat, höheres Bildungsniveau von Frauen aus Qatar und mehr in die Arbeitswelt integrierte Frauen.” Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Die Wissenschaft hat dem nichts hinzuzufügen. Das ist ein Land, das eine sehr, sehr interessante Modernisierung durchlaufen hat.

Was sind also diese vier Faktoren: Kinder sollten überleben, Kinder sollten nicht zum Unterhalt benötigt werden, Frauen brauchen Bildung und sollten Arbeit haben und Familienplanung sollte verfügbar sein.

Schauen wir uns wieder dies an. Die durchschnittliche Anzahl von Kindern auf der Welt ist wie in Kolumbien – es sind 2,4 heute. Es gibt Länder hier oben, die sehr arm sind. Dort braucht man Familienplanung, bessere Überlebensraten für Kinder. Ich kann Melinda Gates’ letzten TEDTalk nur empfehlen. Und hier unten gibt es viele Länder mit weniger als zwei Kindern pro Frau. Ich werde jetzt mein Quiz von vorhin auflösen: Es ist zweitens.

Wir haben “Peak Child” erreicht. Das globale Kindermaximum ist erreicht und die Zahl der Kinder steigt nicht weiter. Wir streiten immer noch über “Peak Oil”, aber das globale Kindermaximum haben wir erreicht. Und die Weltbevölkerung wird aufhören zu wachsen. Die Vereinten Nationen, Abteilung Bevölkerung sagt, dass sie bei 10 Milliarden nicht weiter zunehmen wird. Aber wieso wächst sie weiter, wenn die Kinderanzahl nicht zunimmt?

Ich zeige euch das mal. Ich werde dazu diese Kartons verwenden, in denen eure Notizbücher waren. Sie haben einen tollen Lehrwert. Jeder Karton steht für eine Milliarde Menschen. Und hier sind zwei Milliarden Kinder auf der Welt. Hier sind zwei Milliarden junge Leute zwischen 15 und 30. Die Werte sind gerundet. Dann gibt es eine Milliarde zwischen 30 und 45, fast eine zwischen 45 und 60. Und dann kommt mein Karton. Das bin ich: 60 und drüber. Wir sind hier oben.

Und was jetzt passiert, nenne ich “das große Auffüllen”. Ihr seht, hier fehlen noch um die drei Milliarden. Sie fehlen nicht, weil sie gestorben sind – sie wurden nie geboren. Denn vor 1980 wurden weitaus weniger Leute geboren als in den letzten 30 Jahren. Was also jetzt passiert, ist wenig überraschend. Die Alten, leider, wir werden sterben. Der Rest von euch wird älter und bekommt zwei Milliarden Kinder. Dann sterben die Alten. Der Rest wird älter und bekommt zwei Milliarden Kinder. Und dann sterben wieder die Alten und ihr bekommt zwei Milliarden Kinder.

(Applaus)

Das ist das große Auffüllen. Es ist unvermeidlich. Und hier könnt ihr sehen, dass dieser Zuwachs stattfand, ohne dass das Leben länger wurde und ohne mehr Kinder?

Religion hat sehr wenig mit der Anzahl der Kinder pro Frau zu tun. Alle Religionen auf der Welt sind in der Lage, ihre Werte beizubehalten und sich an diese neue Welt anzupassen.

Und wir werden nur 10 Milliarden auf der Welt sein, wenn die ärmsten Menschen der Armut entkommen, ihre Kinder überleben, ihnen Familienplanung möglich ist. Das wird benötigt. Aber es ist unvermeidbar, dass wir zwei bis drei Milliarden mehr werden. Wenn ihr also die Ressourcen und die benötigte Energie diskutiert und plant, die in der Zukunft für menschliche Wesen auf dem Planeten gebraucht werden, dann müsst ihr für 10 Milliarden planen. Vielen herzlichen Dank. (Applaus)

TED Talks, Hans Rosling: Religions and babies unter CC BY-NC-ND