No Copyright – eine radikale Streitschrift

Die Niederländer sind in gesellschaftspolitischen Fragen meist etwas freizügiger als die Deutschen. Sie trauen sich mehr (zu). Soeben ist im Alexander Verlag Berlin die holländische Streitschrift „No Copyright“ erschienen. Ilja Braun hat sie ins Deutsche übertragen.

In der Streitschrift „No Copyright“ sprechen sich die beiden Utrechter Wissenschaftler Joost Smiers und Marieke van Schijndel – in provozierender Absicht – für eine komplette Abschaffung des Urheberrechts aus. Begründung: Dieses Recht sei pervertiert und nütze nur einigen Großkonzernen und Stars, während die erdrückende Mehrheit der Urheber und kleinen Verwerter über den Löffel balbiert werde. Für die Masse der Nutzer wirke das restriktive Urheberrecht sogar wie Zensur: durch künstliche Verknappung des Wissens und der Kommunikation (per Exklusivrecht) verhindere es die Entfaltung vernetzter Gesellschaften. Im derzeitigen „Machtkampf der Kulturkonzerne“, in dem sich die Urheber als willige Fußtruppen für die Beibehaltung eines möglichst rigiden Urheberrechts aussprächen, gehe es letztlich darum, dass sich nur wenige Player die Erzeugnisse einer Kultur aneignen und für die Profit-Steigerung monopolisieren.

Das ist starker Tobak. Doch es kommt noch besser. Die Verfasser erteilen nicht nur dem bestehenden Urheberrecht eine klare Absage, sie verwerfen auch alle gut gemeinten Versuche, das Urheberrecht durch Reformen zu retten – egal, ob es sich dabei um die Einführung von Fair Use-Regeln, um Kulturflatrates, Creative Commons-Lizenzen oder die Reformvorstellungen der Piratenpartei handelt.

Smiers und van Schijndel gehen mit ihrer Streitschrift aufs Ganze: Jedem Menschen soll nach ihren Vorstellungen künftig erlaubt sein, die geistigen Erzeugnisse der anderen nach Belieben zu kopieren, zu verwerten und zu verändern. Geistige Schöpfungen, die einmal in der Welt seien, stünden grundsätzlich allen Menschen zur Nutzung und zur Weiterverarbeitung zur Verfügung. Nicht nur der Tausch nicht-kommerzieller Privatkopien solle erlaubt sein – auch die kommerzielle „Vervielfältigung“ fremder Werke stünde jedem absolut frei.

Das klingt wie heller Wahnsinn, doch genau mit dieser „Schockstrategie“ wollen die beiden Autoren einen „Paradigmenwechsel“ beim Nachdenken über das Urheberrecht erzwingen.

Wie sieht ihre „No Copyright“-Alternative aber konkret aus? Smiers und van Schijndel plädieren dafür, den Markt nach der Abschaffung des Urheberrechts allein über das Wettbewerbsrecht zu regulieren – und mit Hilfe einer „Aufpassermentalität“ der Nutzer dafür zu sorgen, dass sich niemand auf Kosten anderer an fremden Werken schadlos hält.

Die Anwendung des Wettbewerbsrechts würde zunächst verhindern, dass sich marktbeherrschende Konzerne bilden können. Bestehende Monopolisten würden zerschlagen, d.h. entflochten (wie seinerzeit AT & T oder American Tobacco durch die amerikanische Regierung). Übrig blieben überschaubare Produktionseinheiten, die Musik, Filme, Fotos, Romane, Software etc. verlegen, die sie zuvor von Künstlern erworben haben. Würde z.B. der Verlag A viel Geld und Vorleistungen in einen Künstler „investieren“ und dessen Werk nach langer Vorbereitungszeit herausbringen, so könnten theoretisch alle anderen Verlage dieses Werk vom Tage seines ersten Erscheinens kopieren und selbst günstiger auf den Markt werfen – ohne dafür auch nur einen Cent in den Künstler investiert zu haben. Klingt krank, oder? Nein, sagen Smiers und Schijndel. Aufmerksame Nutzer würden ein derart mieses Spiel nicht dulden. Der düpierte Verlag würde nämlich öffentlich machen, von welchem „Gelegenheitsdieb“ er betrogen worden ist. Und die Nutzer würden einen solchen Trittbrettfahrer in allen sozialen Netzwerken sofort an den Pranger stellen. Der üble „Nachdrucker“ wäre gesellschaftlich diskreditiert und geschäftlich erledigt. Niemand würde bei einem solchen ‚Verwerter‘ noch etwas kaufen.

Das klingt so verblüffend naiv, dass es einem fast die Sprache verschlägt. Glauben die beiden Wissenschaftler ernsthaft, dass das funktioniert? Oder wollen sie nur mit einer gelungenen Satire auf die wunden Stellen der Urheberrechtsdebatte aufmerksam machen?

Vermutlich meinen es die beiden Autoren aber bitter ernst. Sie wollen den Neoliberalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen, und plädieren deshalb für eine reine – nicht durch Kartelle, Monopole und Investitionsschutzgesetze verzerrte – marktradikale Lösung. Sie plädieren für den täglichen Kampf der Urheber und Verwerter ums Dasein, und vertrauen dabei auf die korrigierende Kraft moralisch integrer Verbraucher. Das ist so heroisch und zugleich so überaus blauäugig, dass man fast schon wieder schmunzeln muss.

Doch vielleicht finden wir die konkrete Utopie der beiden Niederländer nur deshalb so abwegig, weil die Urheberrechts-Debatte hierzulande schon drei Jahre weiter ist – die Originalausgabe von „No Copyright“ erschien 2009, der Denkansatz stammt bereits aus dem Jahr 2005!

Möglicherweise ist das tollkühne Buch aber auch eine Ermahnung, dass wir gerade dabei sind, unsere besten Denkansätze in den unbarmherzigen Mühlen des pragmatischen (und faulen) Kompromisses zermahlen zu lassen.

Joost Smiers, Marieke van Schijndel, Alexander Verlag Berlin, Köln 2012, 168 Seiten, € 9,95

Hier als pdf in englischer Sprache

P.S. Am Dienstag, den 26. Juni um 20:00 Uhr stellt Joost Smiers sein Buch in Berlin vor (HBC, Karl-Liebknecht-Straße 9). Im Anschluss daran diskutiert er seine Thesen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Dr. Leonhard Dobusch von der Freien Universität Berlin. Die Veranstaltung wird gemeinsam vom Alexander-Verlag und von iRights.info präsentiert.