Wie war’s denn nun, Herr Trittin? Erzählen Sie mal…

Es hat etwas Aufreizendes, wenn demokratisch gewählte Politiker und bedeutende Journalisten den wirklich Mächtigen begegnen dürfen, aber im Gegenzug auf Geheimhaltung verpflichtet werden. Wie jetzt bei der 60. Bilderberg-Konferenz in Chantilly, Virginia.

Ja, ich kann sagen, ich bin dabei gewesen. Ich war dabei, als Joschka Fischer Ende der achtziger Jahre im Berliner Aspen-Institut transatlantisch ‚eingenordet‘ wurde und Margarita Mathiopoulos, die Gastgeberin, noch ihren ehrgeizig erworbenen Doktortitel besaß, Thema: „Amerika, das Experiment des Fortschritts“.

Ich war ein „Young Professional Leader“. Und in den Kaffeepausen der Konferenz blickten wir „Young Professional Leaders“ bedeutungsvoll und dankbar auf den Wannsee hinunter, denn wir waren uns bewusst, nun als (Ein-)Geweihte in den Kreis derer aufgenommen worden zu sein, die ungeheuer exklusiv „überparteiliche, private, nichtkommerzielle Denkfabriken“ (höhö) bevölkern dürfen.

Joschka Fischer hat sich damals übrigens hervorragend geschlagen. Unten wippte er noch ein wenig mit seinen Turnschuhen, oben war er schon ein richtiger Weltstaatsmann, der eingesehen hatte, dass auch die Grünen mit der NATO irgendwie ihren Frieden machen müssten.

Wer in Westeuropa als Politiker etwas werden wollte, musste nicht nur demokratische Wahlen gewinnen, er musste auch in den entscheidenden Clubs und Zirkeln und „Kreisen“ akzeptiert werden. Dazu gehörte natürlich nicht der Wiener Opernball, aber das Weltwirtschaftsforum in Davos, die Atlantikbrücke oder die Münchner Sicherheitskonferenz.

Der Soziologe und telepolis-Autor Rudolf Stumberger glaubt, in solchen Hochsicherheits-Zirkeln „Tendenzen einer Re-Feudalisierung“ zu erkennen, also geeignete Mittel, um die offiziellen, demokratischen Strukturen zu unterlaufen. „Diese selbst ernannten Eliten“, so Stumberger, „schotten sich zunehmend ab.“

Zugegeben, das klingt alles wie aus den verstaubten Tagen des Kalten Krieges. Als gäbe es noch kein Google+-Hangout, kein Facebook, keine Piratenpads und kein OccupyBilderberg. Doch die angejahrten Elite-Clubs wollen einfach nicht sterben (da ähneln sie der britischen Monarchie).

Zu den allergeheimnisvollsten Treffen zählen seit jeher die „Bilderberger“ Zusammenkünfte (weil Bilder von diesen Konferenzen paradoxerweise verboten sind). Die Illuminati des 21. Jahrhunderts trafen sich in der vergangenen Woche in Virginia (in der Nähe Washingtons) zu ihrer 60. Konferenz. Und Jürgen Trittin, der Grüne (der einmal Kommunist war), durfte dabei sein. Dies könnte als erster Hinweis darauf gelten, dass er 2013 als Spitzenkandidat der Grünen ins Rennen gehen wird. Sozusagen mit dem Segen von „Goldman Sachs und der NATO“ (so jedenfalls würden es die ganz linken und die ganz rechten Kritiker wohl ausdrücken).

Bilderbergkonferenzen haben auf kreative Verschwörungstheoretiker die gleiche Anziehungskraft wie das Licht auf die Motten. Fidel Castro vermutete in den Bilderbergern die heimliche Weltregierung, und rechte Spökenkieker sehen in ihnen das geheimbündlerische Zentrum der Weltfinanzherrschaft. Eins freilich ist gewiss: In Zeiten des Internets ist die burschenschaftliche Geheimniskrämerei eine anachronistische Albernheit.

P.S. Auch Sie, Herr Schlömer, werden als Vorsitzender der Piratenpartei erst dann zu einer Bilderberg-Konferenz eingeladen, wenn Sie zusichern, dass das (mit letzter Geheimtinte verfasste) Protokoll der Konferenz nicht gleich am nächsten Tag ins Internet gestellt wird.

Update 5.6.: Jürgen Trittin hat jetzt auf die Kritik an der Bilderberg-Konferenz reagiert und einige FAQ beantwortet. Weiter so! Kommt raus aus euren Großlogen Hinterzimmern!