Sarrazin weiß es auch nicht

Es scheint endlich alles gesagt zu sein zum kränkelnden Euro. Wenn selbst Thilo Sarrazin in einer im Voraus voreilig skandalisierten Talkrunde nichts mehr Neues zu den Nord- und Südländern einfällt, Peer Steinbrück wie erwartet dagegen hält und sich beide auf Geburtsfehler der Währung einigen, dann könnte Europa sich eigentlich in Ruhe daran machen, einen Weg aus der Krise finden. Leider ist das Palaver bequemer.

Alle Zutaten standen bereit: Die Duellanten Thilo Sarrazin und Peer Steinbrück, die sich auf offener Fernsehbühne das SPD-Du verweigerten, der Moderator Günther Jauch, der endlich über das „Stern TV“-Format hinauswachsen wollte und das Buch, das die Nation die nächsten Wochen bitte beschäftigen soll: „Europa braucht den Euro nicht.“ Garniert mit verheißungsvollen Worten wie Südländer, Nordländer, Holocaust, Romanischer und Germanischer Finanzstil. Doch, ach, das Gericht schmeckte nach einer Stunde einfach nur fade. Irgendwie durchgekaut.

Vielleicht konnte sich der eine oder andere Fernsehzuschauer noch ordentlich aufregen, über die Naivität der Vertreter von Nordzucker und DIHK, die im Einspieler mit glänzenden Augen von den Vorteilen des Euros schwärmten. Oder manch einer zu dem Schluss kommen, dass jemand, der bei aller intellektuellen Schärfe Wörter wie Dumpfbacke benutzt, vielleicht noch ein klein wenig am Kanzlerformat arbeiten muss.

Doch dass Thilo Sarrazin einräumte, nach gründlichen empirischen Studien, wie sie sein selbsternanntes Markenzeichen sind, zum Schluss gekommen zu sein, dass „der Euro uns immerhin nicht geschadet hat“, nahm doch deutlich Schwung raus aus der Debatte. Da half es auch kaum, dass er rasch versicherte, auch keine messbaren Vorteile gefunden zu haben und darauf hinwies, dass die Währung seit der Krise Unfrieden stiftet. Peer Steinbrück konterte mit integrierten Finanzmärkten und entfallenen Währungsrisiken, er sprach von der politischen Union, von Verantwortung, Solidarität – um schließlich und endlich in einem Satz den Grund für das Unbehagen vieler mit dem Geld in ihrer Tasche zu nennen: Es handele sich einfach um komplexe ökonomische Zusammenhänge, die schwer zu erklären sind.

Ja, es ist kompliziert. So kompliziert, dass selbst der Agent Provocateur Sarrazin in seinem Buch offenbar keinen Lösungsvorschlag hat, wie ein Europa ohne Euro konkret aussehen soll. Zumindest hat Günther Jauch keinen gefunden und der Autor wollte sich vor laufenden Kameras nicht festlegen. Auch die künftigen Sarrazin-Leser werden wahrscheinlich beim 464 Seiten starken Werk rasch zu den saftigen Stellen mit der Buße für Holocaust, sich sonnenden Griechen, die man ja durchaus persönlich gern haben kann, oder der Finanzmentalität der Italiener durchblättern, auf dass sie, je nach Gesinnung, ein eisiger oder wohliger Schauer überläuft.

Das Zahlenwerk mit anderen Statistiken zu überprüfen, das werden die wenigsten auf sich nehmen. Es ist wie mit der endlosen Diskussion über den Teuro. Man kann darüber schimpfen, dass alles teurer wird und uns der Euro das Leben versaut hat, oder sich Inflationsdaten und den Warenkorb der Statistiker vornehmen und mal reinschauen. Vielleicht sind alle irgendwann ja endlich so gelangweilt von den ewig gleichen Argumenten, dass man sich dieser Arbeit mal gemeinsam unterziehen kann.

Was ist, abgesehen von persönlichen Empfindlichkeiten, eigentlich eine Währung? Ein Mittel um den Transfer von Waren und Dienstleistungen zu ermöglichen – ohne eine Gegenleistung in Form von anderen Waren und Dienstleistungen zu liefern. Wie wollen wir also in Zukunft damit arbeiten? Und wie können wir den Euro, der sich bislang durch alle Finanzkrisen so wacker und stabil geschlagen hat, dafür nutzen, dass in Europa wieder Zufriedenheit einkehrt? Das wäre mal eine interessante Diskussion. Wenn auch eine anstrengende.