Petra van Cronenburg

Wir sind die Urheber? Ohne mich

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Meine Kolleginnen und Kollegen tragen wieder Buttons. Und weil es so bequem ist, kann man sich heutzutage sogar welche klicken und sich online in Schubladen sortieren.

11.05.2012 | 

Es ist womöglich eine sehr “deutsche” Reaktion: Anstatt sich an einen Tisch zu setzen und Zukunft aktiv zu gestalten, steckt man sich Buttons an: Für oder gegen Atomkraft, für oder gegen Fleisch, für oder gegen das Urheberrecht. Die Schützengräben verlaufen durchs Wohnzimmer, die Gegner sind klar gekennzeichnet und immer ist der andere der Feind. Ich habe das mit den Buttons in den frühen 1980ern auch gemacht. Aber dann bin ich älter geworden und aus einem unserer Körnerfresser mit Turnschuhen und Buttons wurde ein Außenminister im Anzug. Spätestens da konnte man sehen: Menschen sind nicht schwarz oder weiß, nicht eindeutig, nicht immerwährend zu kategorisieren. Menschen, die noch ein bißchen Leben in sich haben, sind bunt, sie changieren, sie ändern ihre Meinung, sie sitzen zwischen den Stühlen, sie lieben womöglich Freund und Feind. Wie viele Menschen mögen sich keinen Button anstecken, weil sie eigentlich beide tragen müssten, weil sie sich mit gegensätzlich scheinenden Meinungen identifizieren? Oder weil sie von keinem von beiden vertreten werden?

Meine Kolleginnen und Kollegen tragen wieder Buttons. Und weil es so bequem ist, kann man sich heutzutage sogar welche klicken und sich online in Schubladen sortieren. Die etwas gediegeneren Herrschaften machen das noch mit Unterschrift, ausgedruckt. “Wir sind die Urheber!” platzte es plötzlich aus allen Kanälen und schließlich auch aus der ZEIT. Namhafte, wirklich sehr namhafte Menschen vor allem aus der Buchwelt haben unterschrieben, es liest sich wie ein Who is Who der Feuilletongesegneten. Auch ich wurde aufgefordert, zu unterschreiben.

Meine erste Reaktion war, eine Aktion der Bildzeitung zu vermuten. Nach “wir sind Papst und Fußball und überhaupt” jetzt also noch ein “Wir sind wieder wer”? Als typisch individualistische Urheberin bin ich immer sehr vorsichtig, wenn mich ein “Wir” vereinnahmen will. Was will dieses Wir von mir?

Ganz ehrlich: Ich habe mich geschämt. Zutiefst geschämt. Dass all diese hochintelligenten UnterzeichnerInnen sich in ihrer gewiss verständlichen Rage offensichtlich keine großen Gedanken gemacht haben, was sie da unterzeichnen. Oder vielleicht doch? Was mag das über das Wir aussagen?

Ich kann “Wir sind die Urheber” nicht unterzeichnen. Vielleicht, weil ich mir über das Urheberrecht schon viel zu viele Gedanken gemacht habe? Ich fühle mich nämlich nicht von feudalen Mächten bedroht und weiß, dass es im 19. Jahrhundert, vor dem Urheberrecht, auch richtig wild lukrative Zeiten für Schriftsteller gab. Bedroht fühle ich mich dagegen von Zeitungsredaktionen, die mir Buy-out-Verträge andienen, um im Gegensatz damit zu drohen, mich abzumahnen, wenn ich auf meiner Website aus einer Buchrezension zu viel zitiere. (Übrigens oft genau die Zeitungen, in denen sich diese “Wir” tummeln). Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht durch die Existenz des Urheberrechts, sondern durch knallharte Verhandlungen mit immer sparsameren Auftraggebern. Es geht mir nicht schlecht, weil ich meinen Buchtrailer bei youtube verschenke oder 1000 Menschen meinen Roman kostenlos herunterladen. Es geht mir schlecht, weil die Vorschüsse kontinuierlich sinken, sich die Tantiemen an keine Inflation anpassen, Buchhandlungen Lesehonorare verweigern, ich am Ende der Nahrungskette Buch stehe, obwohl ich mein Buch überhaupt erst ermögliche. Wo sollen Menschen wie ich unterschreiben?

Und warum merkt keiner von diesen intelligenten Menschen, dass man ein Urheberrecht nicht stehlen kann, schon gar nicht böswillig rauben? Es ist unveräußerlich – und das, was da geraubt wird, ist eigentlich eine wundersame Vermehrung. Wie will ich klar und deutlich über solch wichtige Gesetze diskutieren, wenn ich nicht einmal die einfachsten Rechtsbegriffe verstehe?

Ich kann die Polemik nicht unterschreiben, weil mir das Urheberrecht leider nicht ermöglicht, von meiner Arbeit als Buchautorin leben zu können – im Gegensatz zu den Berühmtheiten unter den UnterzeichnerInnen. Ich kann sie aber auch deshalb nicht unterschreiben, weil diese bösen “globalen Internetkonzerne” mich nicht entrechten, sondern mir überhaupt erst ermöglichen, endlich anständig für meine künstlerischen Projekte entlohnt zu werden – und das weltweit. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Buchhändler irgendwelchen Büchern verweigern und Verlage Regalplätze bezahlen – wir haben die größte demokratische Verkaufsmaschinerie im Internet. Vorbei sind die Zeiten, wo man mir für E-Books lächerliche Tantiemen geben will, ich mach mir das selbst! Vorbei sind die Zeiten, wo ich Artikel wie diesen im Total Buy Out ans Feuilleton lieferte – ich bringe ihn auch so unters Volk und finanziere ihn durch Blogbücher.

Nehmen wir eine Gedenkminute für das Branchenjammern, das jetzt einsetzen mag. Ich habe kein Ohr mehr dafür. Als ich als Autorin einmal auf Sozialhilfe war, hat auch niemand Mitleid mit mir gehabt. Sie müssen unabhängiger werden, mit der Zeit gehen, die neuen Chancen ergreifen, hat man mir damals auf dem Amt gesagt. Wie lange wollen wir alle noch verschlafen, was wir von den Kids lernen könnten? Wann wollen wir uns endlich gemeinsam an einen Tisch setzen, uns einbringen, diskutieren, miteinander – für eine Welt, in der sich alle in Kompromissen wiederfinden können? Wann reden wir Urheber endlich darüber, dass die Nutzungsrechte-Regelungen teilweise völlig veraltet sind?

Das sei deutlich gesagt: Ich bin für das Urheberrecht. Es ist eine wunderbare Errungenschaft. Ich bin aber auch für eine Reform. Und da stehe ich in manchen Punkten fast auf der ach so falschen Seite. Deshalb gibt es für mich kein “Wir” – weil mich dieses “Wir” ausstoßen würde.

Ich passe längst nicht mehr zu diesem papierenen Wir. Meine Arbeit ist global, digital und multimedial, vereint mehrere Berufe. Ich kann nur ein paar einzelne Punkte streifen, die mir durch den Kopf gehen:

Ich brauche keinen Urheberrechtsschutz über meinen Tod hinaus. Nicht, dass ich Tante Erna nicht das fette Erbe von Büchern gönnen würde, die sie bei meinen Lebzeiten nie gelesen hat. Aber was, wenn sich Tante Erna benimmt wie die Witwen von Brecht oder Beuys? Ich kann ein Lied von den Witwen singen, den Sammlungen und Privateignern. Bei der Recherche zu historischem Fotomaterial für Sachbücher kann einem das Urheberrecht graue Haare bescheren! Wer mag der unbekannte Fotograf eines bestimmten Studios gewesen sein, wer sind seine Erben und was verlangen die?

Längst habe ich mir abgewöhnt, solche Arbeiten in Deutschland zu erledigen. Fotorechte? Können Sie haben, macht 300 Euro pro Bild, wir sind kulant. In den USA bekomme ich die gleichen Fotos umsonst, weil die Eigner dort Bildung und Kultur zuliebe die Abdruckrechte umsonst abgeben oder allenfalls einen kleinen Obolus für spezielle Datenaufbereitungen verlangen, für die Arbeit damit. Ganze Bibliotheken, Archive und digitale Sammlungen stehen mir im Ausland online zur Recherche zur Verfügung. Ich muss die Urheberrechte achten, aber die Nutzungsrechte werden mir einfach und preiswert angeboten. Da greife ich umso lieber zu – und das kommt meinen LeserInnen zugute. Sie erfahren mehr.

Ich bin dagegen, Kids und Jugendliche zu kriminalisieren, wie es hier in Frankreich geschieht. HADOPI ist eine einzigartige Steuergeldervernichtungsmaschine geworden, bei der man Schulkinder fängt und deren Eltern anklagt. Ich bin dafür, die ganz großen Fische zu jagen, die Macher der Piratenbörsen, die wirklich Verantwortlichen. Dafür bräuchten wir globale Aktionen und Möglichkeiten, konzertiertes Arbeiten. Piratenjagd auf die wahren Piraten – vielleicht helfen uns die anderen Piraten mit ihren Kenntnissen dabei? Wie wäre es mit einer kleinen Bekehrung auf beiden Seiten? Dazu müsste aber jeder vom eigenen hohen Ross herunter, statt Grabenkampf wäre Aufklärung angesagt, Erziehung zu Unrechtsbewusstsein – und jede Menge guter Beispiele, denen es nachzueifern lohnt.

Was habe ich in meinem jugendlichen Leichtsinn Radiosendungen aufgenommen, kopiert, verschenkt und noch mehr kopiert, ganze Bücher vervielfältigt, weil sie der Studentin zu teuer waren und mich keineswegs kriminell gefühlt! Wie viele Kinder der Unterzeichnenden mögen es heute noch so halten, heimlich? Irgendetwas ist dann mit mir passiert, dass ich trotzdem Geld für Musik und Bücher ausgegeben habe. Dieses Etwas sollten wir hegen und pflegen! Dieses Etwas wächst nicht aus Kriminalisierung.

Natürlich bin ich gegen Piratenbörsen. Aber verfolgen wir doch bitte bitte die wahren Schuldigen!

Da wäre noch ein Punkt, warum ich Schreiben nicht unterzeichnen mag, die mir vorgaukeln, nur die reine Existenz des Urheberrechts sichere mir Urheberin meine Existenz. Das ist eine Lüge. Gewiss bekomme ich von der VG Wort jährlich einen manchmal lächerlichen Scheck für all die ausgeliehenen Bücher, die Pressespiegel, das Anhören meines Hörbuchs. Gewiss werde ich von Buchverlagen bezahlt. Aber das ist eben nicht mehr selbstverständlich. Zeitungsverlage haben mir die überlebenswichtige Möglichkeit der Mehrfachverwertung genommen, während sie selbst – ohne mir Honorare dafür zu zahlen – meine Stoffe zigfach bei Dritten verwerten können. Manche meiner Buchverträge, als ich noch jung und doof war, wollten mich gar lebenslänglich binden, global, sozusagen jenseits von Zeit und Raum. Wo sind die Aufschreie der Urheber gegen unsittliche Verträge?

Nein. Das Urheberrecht sichert den meisten von uns längst nicht mehr die Existenz. Bei den Nutzungsrechten sind wir teilweise zu modernen Sklaven ganz neuer Feudalstrukturen geworden. Viele KollegInnen empfinden sich als BittstellerInnen, nicht mehr als SchöpferInnen. Es wird höchste Zeit, über Nutzungsrechte zu reden; über neue, moderne Möglichkeiten und vor allem über Geld. Darüber, dass uns alte, etablierte Institutionen zunehmend im Regen stehen lassen und die ach so bösen globalen Internetkonzerne bieten, was jene verschlafen. Ich wage, aus eigener Erfahrung zu behaupten, dass die Menschen da draußen, sogar Piraten darunter und Grüne und was es da alles an Feindbildern gibt, durchaus gewillt sind, Künstler zu bezahlen. Geben wir ihnen die Möglichkeit!

Klopfen wir aber auch mal den alten Institutionen auf die Finger. Warum bekomme ich für meine E-Books z.B. keinen Scheck von der VG Wort? Der Feudalismus ist Historie. Das reine Papierzeitalter jedoch auch.

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35 Kommentare

  1. Seradest |  11.05.2012 | 18:23 | permalink  

    Ich mag diesen Blog hier sehr ^_^

    Nun möchte ich ihnen speziell ein kleines Video zeigen.

  2. Ich bin Urheber - Aponaut |  11.05.2012 | 19:19 | permalink  

    [...] Weile damit probieren?darauf trinken wir.noch mehr:Wir sind die Urheber? Ohne mich >>> cartaweiter:Im Schützengraben der Urheberrechtsdebatte – eine Analyse des Aufrufs “Wir sind die [...]

  3. Harald |  12.05.2012 | 00:11 | permalink  

    Ich hätte es auch nicht unterschrieben. Und als Button kommt bei mir höchstens “Punks not dead” an die Jacke. Und zur Frage “Wo sind die Aufschreie der Urheber gegen unsittliche Verträge?” – na hier bei carta :-)

  4. Links Fürs Wochenende |  12.05.2012 | 09:36 | permalink  

    [...] außerdem einmal ein erbostes, verdammt zutreffendes Wir auch., einmal ein verdammt zutreffendes Ohne mich sowie den Versuch einen Konsens-Findung zum einen von Tom Hillenbrand unter dem Titel Wer hat an [...]

  5. autorinbloggt |  12.05.2012 | 10:55 | permalink  

    Genauso! schon mit Ü30 viel es mir zunehmend schwerer die Welt in pro und contra, schwarz und weiß, Freund und Feind einzuteielen. Heute mit 50 ist es mir nahezu unmöglich! Dies halte ich für das Ergebnis eines natürlichen Reifeprozesses. Umso erstaunter war auch ich darüber, wer da “bestickert” ist und unterschreibt und zwar auf Seiten der Schaffenden, der Kreativen.

  6. Mirko Lange |  12.05.2012 | 11:02 | permalink  

    “Ich bin aber auch für eine Reform.”

    Wie soll denn diese Reform konkret aussehen? Mir erschließt sich das nie. Also ich bin wirklich ernsthaft interessiert, und ich meine hier alles komplett ernsthaft, ohne jegliche Polemik

    Ich lese aus Ihrem Beitrag folgendes heraus:

    1. “Kein Urheberschutz über den Tod hinaus.” Okay. Macht Sinn. Das kann im Zweifel aber auch bedeuten, dass ein Werk auch noch 70 Jahre lang geschützt ist. Und wird es dann nicht kompliziert, wenn man vor der Nutzung eines Werkes immer erst schauen muss: Ist der denn schon tod? Und wenn man die Schutzfrist auf 2, 5 oder 10 Jahre verkürzte, dann besteht doch die große Gefahr des Verlustes des Urheberrechtssschutzes zu Lebzeiten…

    2. “Freies zur Verfügung stellen von Inhalten der Kultur zuliebe”. Ist das eine Frage des Urheberrechts? Oder ist das eine Frage der Kultur? Denn auch nach Deutschem Urheberrecht steht es jedem frei, “Bildung und Kultur zuliebe” die Abdruckrechte umsonst abzugeben. Warum macht es denn hier niemand? Ist es Aufgabe des Staates, das zu erzwingen? Oder ist es Aufgabe der Kulturschaffenden, dafür Lösungen zu finden?

    3. “Kids und Jugendliche zu kriminalisieren”. Ja, das ist schlimm. Immer. Egal, warum Kids “kriminalisiert” werden. Aber braucht es dafür eine “Reform des Urheberrechts”. Kinder die Ladendiebstahl begehen, werden nach Möglichkeit auch nicht kriminalisiert. Deswegen wird Ladendiebstahl aber nicht legal. Man wendet das Gesetz eben auf Kinder nur mit Maß an. Und ist “Aufklärung”, die sie 100&ig zu Recht fordern, eine “Reform des Urheberrechts”?

    Wenn ich mir das alles so anschauen, dann habe ich folgenden Eindruck: Nicht das Urheberrecht ist das Problem, sondern wie wir damit umgehen: “Wir” als Nutzer, die aus den bestehenden Spielregeln lange nicht das rausholen, was möglich ist. Und (manche) Verwerter, die (teils sogar kriminell) viel mehr rausholen wollen, als ihnen zusteht. Nebenbei gesagt sind die Urheber selbst ziemlich außen vor. Die wollen nur “spielen” (alternativ: Schreiben). Ich denke: Auch das bestehende Urheberrecht gibt uns Bürgern alle Freiheit die wir “brauchen”. Und es ist dem Grundsatz nach sehr fair. Wir müssen nur einmal angemessen mit ihm umgehen (lernen), anstatt zu verlangen, dass sich die Umstände ändern, nur damit wir uns nicht ändern oder etwas lernen müssen. Das (einzige) Problem sind die “Ausreißer”: Nämlich die Nutzer und Verwerter, die das bestehende Urheberrecht missbrauchen. Und wir haben ganz viel Macht, gegen beide vorzugehen!

    Und dann habe ich noch eine Frage: Ist die Postion der Verwerter wirklich so stark und auch oft so illegitim? Wenn ich Ihren Text lese, dann geht es am Ende des Tages gar nicht um “Urheberrechtsschutz” im Sinne eines Schutzes gegen unberechtigte Nutzung, sondern um ein “Urheberrechtsschutz” gegen die Ausbeutung und die Willkür der Verwerter? Also eine Analogie zu den “Arbeitnehmerschutzgesetzen”. Ist das nicht eine andere Konnotation?

  7. Gegen-Kampagne “Wir sind die Bürger” | Fiete Stegers | Multimedia-Journalist |  12.05.2012 | 12:37 | permalink  

    [...] Carta: Wir sind die Urheber – ohne mich Tom Hillebrand: Wer hat an dem Ur gedreht [...]

  8. Harald |  12.05.2012 | 13:24 | permalink  

    Der Status ist, dass mit Mitteln gegen Geringverdiener und Jugendliche vorgegangen wird, die für Konzerne ersonnen wurden und dass die Menschen für digitale Produkte zahlen wie für physikalische, aber nahezu keine Rechte an der Nutzung haben und absolut keinen Werterhalt – nur um ein paar Beispiele zu nennen – und dass sich die Nutzung von vielen kulturellen Gütern grundlegend geändert hat. Das rechtfertigt nicht, alles umzuschmeissen und abzuschaffen, was bisher gewesen ist, aber so weiter gehen kann es auch nicht.

  9. dot tilde dot |  12.05.2012 | 14:52 | permalink  

    vor allem kommt der “diskussionsbeitrag” der “urheberseite” rund fünfzehn jahre zu spät.

    mit großer empörung werden nicht mehr ganz neue realitäten wegvereinfacht, die andere schon zu ausbaufähigen zusammenhängen entwickelt haben.

    durch lautstärke lässt sich kaum verbergen, dass man seine hausaufgaben nicht gemacht hat.

    .~.

  10. kopfkompass |  12.05.2012 | 16:49 | permalink  

    Im Gegensatz zu “den Urhebern” gibt es aber offenbar so etwas wie “die Verwertungsindustrie”. Ich hoffe ja sehr, dass diese noch ein paar Jahre bei ihrem bockigen Mimimi bleibt und sich weiterhin nicht konstruktiv mit den inzwischen de facto herrschenden Bedingungen auseinandersetzt. Das würde nämlich dazu führen, dass sie einfach überflüssig oder wenigstens sehr viel kleinteiliger wird. Was mir von hier aus wie ein großer Gewinn für das vorkommt, was ich als Kultur empfinde.

  11. Wirtschaftswoche - Sebastian Matthes: Urheberrecht: Um was es wirklich geht « ungedruckt |  12.05.2012 | 18:00 | permalink  

    [...] die Sache – soviel auch im Detail gestritten wird – ist im Prinzip simpel: “Das Internet verändert dramatisch die Rahmenbedingungen für [...]

  12. Thomas Knip |  12.05.2012 | 18:13 | permalink  

    Wo kann ich bei dir unterschreiben? :o)

  13. Florian Diehl |  12.05.2012 | 21:40 | permalink  

    Danke Fr. van Cronenburg für diesen Blogbeitrag. Es ist sehr angenehm endlich mal die (zu leisen) Stimmen der normalen Leute unter dem Geschrei der Entrechteten und der Freiheitskämpfer zu hören.
    Ich bin mit ihnen ganz auf einer Linie, aber ich denke ich habe u.a. einen Grund für diese (typisch) deutsche Misere. Ich arbeite z.Zt. in den USA; nebenbei bin ich auch Fotograf – und es ist wirklich faszinierend wie manche Fotografen hier arbeiten und sich neue Branchen einfach selbst erschließen; hier in den USA gibt es das Problem des Bilderklaus bestimmt genauso wie in Deutschland; zwar ist die Gesetzeslage eine ganz andere (fair-use etc.) aber das grundlegende Problem ist das gleiche: die moderne Technik der digitalen Fotografie und des Internets ermöglichen es beinahe jedem seine Fotos zu veröffentlichen und damit Geld zu verdienen. Das bringt professionelle Fotografen die hauptsächlich auf Auftragsarbeiten von Privatpersonen (Hochzeiten, gebuchte Shootings etc.) angewiesen sind in die Bredouille.

    Nun kann man natürlich wirtschaftlich argumentieren: der Markt ist übersättigt mit Angeboten (Fotografen) aber es gibt nur eine begrenzte Zahl an Auftraggebern; also müssen halt ein paar (hauptberufliche) Fotografen dran glauben und sich was anderes suchen.
    Diese Argumentationsweise ist aber zu kurzsichtig und schlichtweg dämlich, denn sie verkennt das Potential des Internets.
    Beispiel: Froknowsphoto.com ist die Homepage eines Fotografen in Pennsylvania. Er hat vor 2 Jahren damit begonnen Podcasting zu machen und Otto-Normalbürger das Fotografieren näher zu bringen; mittlerweile macht er regelmäßig Workshops mit Leuten die sich ausschliesslich über seine Webseite anmelden; das ist ein besonders schönes Beispiel wie neue Web-Marktwirtschaft funktionieren kann:
    Anstatt auf die anderen zu schießen die ihm den Arbeitsplatz wegnehmen, bringt er ihnen von seinem Wissen etwas bei; er verdient durch Merchandising und Workshops Geld, und die Leute lernen etwas von ihm.

    Warum zum GEIER funktioniert das bei uns nicht?

    Anyway, vielen Dank für Ihren Beitrag. Flattr-Knopf wurde gedrückt ;-)

    Liebe Grüße,

    @FloDiehl

  14. Martin Lindner |  12.05.2012 | 23:40 | permalink  

    “Es geht mir schlecht, weil ich am Ende der Nahrungskette Buch stehe, die ich mit meinem Text erst ermögliche.”

  15. Carla Berling |  13.05.2012 | 14:29 | permalink  

    Eine Lanze für die Solidarität

    Es gab 1967 das Ziel, einen Schriftstellerverband mit gewerkschaftlicher Durchsetzungskraft zu gründen. Die “Einigkeit der Einzelgänger” wollte man erreichen. Daraus entstand der VS, der Verband Deutscher Schriftsteller.
    Viele Ziele wurden erreicht, viele nicht. Die Einigkeit der Einzelgänger wurde nicht erreicht.
    Ich bin Autorin. Ich schreibe Bücher. Ich brauche ein knappes Jahr für ein Buch, das ist eine lange Zeit für ein Projekt, dessen Erfolg ungewiss ist.
    Wir sind Autoren.
    Wir schreiben Bücher.
    Wir sind die ersten, die eine riesige Maschinerie in Gang setzen. Und am Ende wollen alle was von uns. Am liebsten Geld.
    Wir haben einen Gedanken, der zur Idee wird und dann zur Vision. Wir verwandeln ihn in ein Konzept, ein Exposé, ein Manuskript. Dann wird ein Verlag an uns verdienen. Und ein Lektorat, Illustratoren, Grafiker, Setzer und Drucker. Werbeabteilung, Vertrieb, Buchhändler, Verkäufer, Kritiker – sie alle verdienen an uns, an den Autoren, den Urhebern.
    Wir verdienen auch, ein bisschen, wenn es gut läuft. Es läuft immer seltener gut. Nein, ich will nicht jammern, ich liebe meinen Beruf. Aber essen und trinken muss ich trotzdem. Also kämpfe und schreibe ich weiter.
    Wir wollen – denke ich – alle verdienen. Dass sich der Markt gewandelt hat, die Möglichkeiten der Veröffentlichung andere geworden sind, dass man Gesetze anpassen muss, das verstehe ich.
    Wie das getan werden kann, verstehe ich nicht.
    Dass es durch die Piraten eine Bewegung gibt, die fordert, dass nicht-kommerzielles Kopieren in Zukunft generell erlaubt und gefördert werden soll, ist mir zu hoch. Wolfgang Michal hat darüber bei CARTA einen sehr guten Artikel geschrieben.
    Ich bin kein Politiker, ich bin Autorin. Und meine eigene Marketingexpertin, Social-Media-Managerin, Lesungsagentur, Presseabteilung, Webdesignerin, Verhandlungsführerin, Buchhaltung. Nein, ich bin keine Indie-Autorin, meine aktuellen Bücher werden im Verlag Kulturmaschinen verlegt. Dass ich meine “Jesses Maria“-Bücher als BoD herausgegeben habe, ist eine Ausnahme. (Obwohl ich mit diesem Weg allerbeste Erfahrungen gemacht habe, er eignet sich aber nicht für jedes Buch.)
    Ich kann nicht alles können. Politik kann ich nicht.
    Wenn es eine Bewegung oder Vereinigung mit gewerkschaftlicher Durchsetzungskraft gäbe, wäre ich dabei. Weil ich alleine nicht viel erreichen kann.
    Aber ich kann mich solidarisch zeigen mit denen, die ich – bei aller Einzelgängerei – als Kollegen empfinde.
    Und deswegen sage ich:
    WIR sind die Urheber.
    Carla Berling

  16. Gelesen in Biblioblogs (19.KW’12) « Lesewolke |  14.05.2012 | 06:18 | permalink  

    [...] Der offene Brief “Wir sind die Urheber!” brachte das Thema Urheberrecht wieder in die Medien. Inzwischen melden sich jedoch auch Autoren, die das Thema realitätsnah betrachten (siehe dazu Netbib), wie zum Beispiel Petra van Cronenburg in ihrem Blogbeitrag. [...]

  17. Gedanken zum Copyright II - Martin Diller: Online + Dialog Marketing |  14.05.2012 | 11:51 | permalink  

    [...] via telepolis und so manche, Petra van Cronenburg, kann den Aufruf nicht unterzeichnen “Wir sind die Urheber? Ohne mich” via [...]

  18. Petra van Cronenburg |  14.05.2012 | 11:55 | permalink  

    Ich bedanke mich für das reichhaltige und reiche Feedback an dieser Stelle, im Moment komme ich selbst kaum nach, alles zu lesen.
    Deshalb kurz

    @Mirko Lange:
    Wie ich mir das mit dem Erben vorstelle (nur eine Theorie), habe ich in der Diskussion mit Matthias Ulmer vom Börsenverein (Vorstandsmitglied des Verlegerausschusses) in den Kommentaren meines Blogbeitrags erläutert: http://cronenburg.blogspot.com/2012/05/wir-sind-ohne-mich.html

    Ansonsten denken Sie genau das, was ich nur sehr pauschal antippen konnte: Ja, die Urheberrechtsdebatte wird längst für ganz andere Debatten missbraucht, lenkt sogar von vielen notwendigen Debatten in der Buchbranche ab. Sei es Umgang mit Nutzungsrechten, Umgang mit Endkunden oder die finanzielle Lage und die Arbeitsbedingungen der Kreativen. Genau deshalb finde ich es wichtig, die Extreme aufzugeben (Kultur muss umsonst sein – die klauen mir alles) und endlich darüber zu reden, was Sache ist. Nicht unter dem Deckmäntelchen des Urheberrechts. Das Positionspapier der VG Wort zeigt, was mit dem geltenden Recht alles möglich ist und wo Erklärungsbedarf besteht (Links in meinem Blog).

    @Florian Diehl
    Dieses Konzept funktioniert auch bei uns, wenn denn die Autoren so beweglich sind. In den USA und anderen Ländern ist es gang und gäbe, dass ein Schriftsteller mehr tun muss, als im Elfenbeinturm Texte zu produzieren. Im deutschsprachigen Raum hört man immer wieder: Ja, aber ich will doch schreiben, einfach nur schreiben! Dieses genialische Bild stammt noch aus dem 19. Jhdt., aber einzelne Autoren sind schon im 21. angekommen. Ich kenne einen Kollegen, der “nebenher” im Self Publishing Ratgeber für die neuen Techniken schreibt, die die E-Bestsellerlisten gar nicht mehr verlassen.

    @Carla Berling
    sehr starker Text! Schade, dass du nicht für die Kampagne getextet hast – ich hätte sie dann nicht derart zerpflücken können …

  19. Aktuelles 14. Mai 2012 |  14.05.2012 | 11:56 | permalink  

    [...] Wir sind die Urheber? Ohne mich "Ich brauche keinen Urheberrechtsschutz über meinen Tod hinaus. Nicht, dass ich Tante Erna nicht das fette Erbe von Büchern gönnen würde, die sie bei meinen Lebzeiten nie gelesen hat. Aber was, wenn sich Tante Erna benimmt wie die Witwen von Brecht oder Beuys? Ich kann ein Lied von den Witwen singen, den Sammlungen und Privateignern. Bei der Recherche zu historischem Fotomaterial für Sachbücher kann einem das Urheberrecht graue Haare bescheren! Wer mag der unbekannte Fotograf eines bestimmten Studios gewesen sein, wer sind seine Erben und was verlangen die?" [...]

  20. Wikimedia Blog » Blog Archive » Camouflierte Interessen: Auf Du und Du mit dem Urheberrecht |  14.05.2012 | 12:23 | permalink  

    [...] orchestriert wurde und in einer Publikation des Holtzbrink-Verlags sein Forum fand, wird durch den CARTA-Kommentar von Petra von Cronenburg deutlich: “Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht durch die Existenz [...]

  21. Ulf J. Froitzheim |  14.05.2012 | 15:40 | permalink  

    Liebe Petra,

    Du meinst:

    “Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht durch die Existenz des Urheberrechts.”

    Indirekt schon. Dass Du mit einem Verlag (mehr oder weniger hart) verhandeln kannst, dass Du dabei überhaupt eine Verhandlungsposition hast, liegt daran, dass es ein Urhebergesetz gibt. Dass dieses nicht toll ist, wissen wir alle, aber besser als nichts ist es.

    Und wenn Du keinen Schutz über Deinen Tod hinaus brauchst, kannst Du Deine Werke ja der Public Domain vermachen. Ich möchte jedoch nicht, dass im Fall, dass ich morgen unters Auto komme, alles, was ich bis heute geschrieben habe, gemeinfrei wird. Die Zeitschrift, der ich einen Text für eine der kommenden Ausgaben exklusiv verkauft habe, hätte damit automatisch keine Verwertungsrechte mehr und meine Kinder bekämen das vereinbarte Honorar nicht, weil die Geschäftsgrundlage mit meinem Tod hinfällig geworden wäre. Bei einem Bestseller mit angemessener Erfolgsbeteiligung wäre der Fall noch krasser.

    Insofern schadest Du mit Deinen Äußerungen Kolleginnen und Kollegen, die das nicht so sehen. Du machst Dich nämlich zur Kronzeugin derer, die das Urheberrecht am liebsten ersatzlos streichen würden, statt es zu modernisieren.

    Niemand verlangt von Dir, dass Du Teil des Wir wirst. Aber toleriere bitte, dass dieses Wir genauso legitim ist wie Dein Ich.

    Danke.

  22. Petra van Cronenburg |  14.05.2012 | 16:08 | permalink  

    Lieber Ulf,
    ich toleriere die Kampagne und respektiere jeden, der dort unterschreibt – ich sage nur meine persönliche Meinung zum Kampagnentext. Das mit der Kronzeugin lasse ich mir nicht unterschieben, ich sage überall harsch und deutlich, dass ich FÜR das Urheberrecht bin.
    Was das Erbe betrifft, so habe ich in den Kommentaren im Ursprungsartikel im Gespräch mit Matthias Ulmer vom Börsenverein genau dargelegt, worum es mir geht, bitte dort nachlesen, ich kann im Moment nicht alle Kanäle bedienen:
    http://cronenburg.blogspot.fr/2012/05/wir-sind-ohne-mich.html

    Lebensunterhalt: Das Urheberrecht sieht vor, dass Urheber “angemessen” zu vergüten seien – bei Buchverlagen wird das inzwischen sehr deutlich in den Verträgen verlangt. Wenn mir eine Zeitung Buy-out vor die Füße knallt, und ich, wenn ich ablehne, einfach nicht “eingekauft” werde, dann ist das für mich sogar eine Missachtung des Urheberrechts. Soll ich die Leute mit den Buy-outs verklagen?
    Auch darum garantiert mir das Urheberrecht alleine und in sich keinen Lebensunterhalt. Wir müssten also dringend über sittenwidrige Verträge sprechen, wie das z.B. die Freischreiber tun – und nicht glauben, das Urheberrecht würde schon alles richten.

  23. Thomas Elbel |  14.05.2012 | 17:12 | permalink  

    Ich finde es polemisch und nicht besonders fair, diejenigen, die sich Buttons an ihre virtuellen Bildchen heften, als Leute zu bezeichnen, die sich selber in Schubladen stecken und für die man sich folglich schämen muss. Gilt das dann auch für Leute mit Aids-Schleifen? Warum darf ich mein Engagement nicht zeigen? Ich habe eher das Gefühl, dass Du nun mich in einen Schublade sortierst, Susanne, nämlich in die arrivierter und daher betonköpfiger Schriftsteller-Schublade. Das ist schon deswegen Unsinn, weil die Kampagne auf die Du Dich beziehst, mittlerweile von weit mehr als 6000 ganz normalen Künstlermenschen und nicht nur Großkopferten unterschrieben wurde. Mittlerweile bin ich fast stolz darauf, dass wir nun von Anonymous in faschischtoider Manier mit unseren Kontaktdaten im Netz geoutet werden. Das zeigt mir, wie wichtig dieses Engagement ist.
    Wenn du schreibst, dass es im 19. Jahrhundert vor dem modernen Urheberrecht gute Zeiten für Autoren gab, so scheint Dir nicht bewusst zu sein, dass damals allein die Gutsituierten, d.h. Adeligen und Emporgekommenen überhaupt die Muße hatten zu schreiben. Das Urheberrecht hat die Kunst überhaupt erst demokratisiert, weil es das Schöpfen von Kunst an feste Einnahmen gekoppelt hat.
    Nur weil Dein Zusammenprall mit dem deutschen Verlagswesen für beide Seiten unfruchtbar verlaufen ist, musst Du nicht davon ausgehen, dass das für alle anderen auch so gilt. Schließlich schreibst Du selber, dass die Verträge, die Du früher mal unterschrieben hast möglicherweise eher Deiner Jugend geschuldet waren (und ich vermute, möglicherweise auch der Nichtinanspruchnahme eines seriösen Agenten). Dann solltest Du aber nicht das Urheberrecht dafür verantwortlich machen. Das Urheberrecht kann das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen Autor und Verwerter ohnehin nur vorsichtig mildern, aber niemals völlig ausgleichen. Wenn also eine Bibliothek Dir das nächste Mal eine Lesung ohne Honorar anbietet, gebe ich Dir folgenden Rat: Lehne sie einfach ab.
    Dass Du nun die großen Internetkonzerne als Deine Rettungsengel begreifst, ist schön für Dich. Ich betrachte deren Wirken trotzdem sorgenvoll, denn es handelt sich um Monopole und die haben nun mal die Eigenschaft irgendwann ihre Macht gegen die anderen Marktteilnehmer zu wenden. Und warum? Einfach weil sie es können. Gegen diese Riesen ist unsere deutsche Verwerter -”Contentmafia” ein kleiner Fisch.
    Das mit Dir nun auch eine Kollegin unterstellt, nur weil ich dem Ansinnen der Legalisierung für Tauschbörsen nicht gerade freudig gegenüberstehe, sei ich quasi automatisch für Kinderabmahnen, Hadopi und andere Grausamkeiten zeigt mir, wie sehr diese absurdeArgumentationslinie der Piraten und anderer “Netizens” schon verfängt.
    Ich bin genau wie Du der Meinung, dass die Unzulänglichkeiten des Urheberrechts in einer friedlichen Debatte zu lösen sind. Warum es aber falsch sein soll, sich durch das Tragen von Buttons und Unterschreiben von Listen klar auf einer bestimmten Seite dieser Debatte einzuordnen, ist mir schleierhaft.

  24. Ulf J. Froitzheim |  14.05.2012 | 17:27 | permalink  

    @Thomas Elbel

    “Dass mit Dir nun auch eine Kollegin unterstellt, nur weil ich dem Ansinnen der Legalisierung für Tauschbörsen nicht gerade freudig gegenüberstehe, sei ich quasi automatisch für Kinderabmahnen, Hadopi und andere Grausamkeiten zeigt mir, wie sehr diese absurde Argumentationslinie der Piraten und anderer “Netizens” schon verfängt.”

    Völlig richtig. Wobei die anderen Netizen mir inzwischen mehr Sorgen bereiten als die Chefpiraten, die vor lauter Kreide im Mund kaum noch ein böses Wort rausbringen.

  25. Thomas Elbel |  14.05.2012 | 17:46 | permalink  

    @Ulf J. Froitzheim:
    Ja. Allerdings sieht das hinter den Kulissen teilweise anders aus. Will sagen: Ich kenne durch mein Mitdiskutieren im offenen Urheberrechtsforum der Piraten einige honorige und durchaus bedächtige Mitglieder, aber auch ein paar Gegenteile. Da diskutiert z.B. ein Herr mit, der ist Wissenschaftlicher Assistent an einer deutschen Universität; nagt also nicht am Hungertuch. Er lädt schwarz Bücher herunter, die ins Netz geraten sind, indem Taschenbuchausgaben gefleddert, in industriellem Maßstab gescannt und durch OCR gejagt wurden. Das tut er mit folgender Begründung:
    1. Mein Buchregal ist voll. Deswegen weigere ich mich Papierbücher zu kaufen (meinen Verweis auf die freiwillige Abgabe an Büchertische hat er glaube ich bis heute nicht verstanden).
    2. Ich habe bei dem einen oder anderen Buch bei Amazon jenen Button gedrückt, durch den ein potentieller Kunde signalisieren kann, dass er bei einem Buch, das bis dahin nur in Papierform erschienen ist, gerne eine eBookausgabe kaufen würde. Amazon hat es gewagt, trotz mehrfachen Drückens seinerseits, nicht unverzüglich eine eBookausgabe bereitzustellen.
    Hierdurch erachtet er sich als gerechtfertigt, das Buch aus einer schwarzen Quelle – wie ich sie oben beschrieben habe – umsonst herunterzuladen.
    Die Diskussionsgruppe der Piraten zum Urheberrecht ist auch Mitautorin der Anträge der Piratenpartei zum Urheberrecht. In der Gruppe diskutieren nach meiner Einschätzung etwas zehn bis zwanzig Personen (fast ausschließlich Männer) mit, davon etwa zwei Drittel Piratenmitglieder von denen der von mir Beschriebene wiederum einer ist.
    Ich habe mir das nicht ausgedacht, sondern das ist in dem Forum sogar alles schriftlich dokumentiert. Kann mir irgendwer verdenken, dass ich leichte Zweifel an der Fähigkeit dieser Gruppe hege, sachgerechte Lösungen für ein komplexes Problem wie die Reformierung des Urheberrechts zu finden?
    Kann mir irgendwer verdenken, dass ich das ewige Märchen vom verarmten Sechzehnjährigen der aus purer Kulturnot Bücher herunterlädt um dann von einem gierigen Anwalt durch die Wand gemahnt zu werden, nicht mehr hören kann?

  26. Der Copytexter |  16.05.2012 | 16:17 | permalink  

    Es war zweifellos ein schwerer Schlag für die Initiatoren der Aktion, dass Petra van Cronenburg den Appell nicht unterzeichnet hat. Mir kam die Liste gleich irgendwie – äh, unvollständig vor.

    „Ich verdiene meinen Lebensunterhalt nicht durch die Existenz des Urheberrechts [...]“

    Okay, das erklärt natürlich einiges.

    „Ich brauche keinen Urheberrechtsschutz über meinen Tod hinaus.“

    Logisch. Wer ihn schon zu Lebzeiten nicht braucht …

    Andere Urheber, insbesondere solche, die ihr finanzielles Auskommen eben doch der Existenz des Urheberrechts verdanken, wünschen sich aber natürlich, dass ihre Familien nicht quasi mit dem Tage ihres Todes ohne Einnahmen dastehen. Und sie mögen aus unerfindlichen Gründen auch den Gedanken nicht, dass man ihren Tod herbeisehnen könnte, um ihre Werke endlich ganz legal und kostenlos konsumieren oder ein lukratives Geschäft damit machen zu können. Sind halt nicht nur gierig, diese Künstler, sondern auch sehr sensibel. Also, die meisten jedenfalls.

    Für Produzenten und Verwerter sollte der Wegfall von Schutzfristen erst recht kein Problem darstellen. Sie müssten das Alter, die Gesundheit und den Lebenswandel des betreffenden Künstlers halt einfach in die Risikobewertung mit einbeziehen, bevor sie ein Werk von ihm vorfinanzieren und veröffentlichen. Das funktioniert bei Lebensversicherungen doch auch. Und ganz ehrlich: Wer als Künstler mit 50 noch nicht ausgesorgt hat, bei dem sind Hopfen und Malz sowieso verloren.

    „Ich bin dagegen, Kids und Jugendliche zu kriminalisieren.“

    Völlig richtig. Auch ich frage mich: Was sind das für unmenschliche Gesetze, die einem freien Bürger verbieten, sich kostenlos und unbegrenzt Musik, Filme und Bücher aus dem Netz zu laden, obwohl es doch technisch möglich ist?

    Und wie verbohrt müssen diese unersättlichen Urheber sein, um sich so vehement gegen eine grundlegende Änderung dieser Gesetze zu wehren und tatenlos zuzusehen, wie weiterhin unschuldige Kinder aus ihren Familien gerissen, in Ketten gelegt und in dunkle, schmutzige Verliese gesperrt werden? Es entwickelt sich doch alles weiter. Auch die Moral. Außerdem greifen Künstler ja selbst auch auf Bestehendes zurück. Die sollen sich also darüber freuen, dass ihre Werke so zahlreich konsumiert werden. Das muss doch Anerkennung genug sein. Schließlich waren Künstler früher auch arm.

    „Ganz ehrlich: Ich habe mich geschämt. Zutiefst geschämt.“

    Mit Recht, Frau van Cronenburg, mit Recht. Aber ich denke, Sie haben mit Ihrem flammenden Text das richtige Zeichen gesetzt und deutlich gemacht: Nicht alle Urheber sind so. In diesem Sinne: Danke für die klaren Worte!

  27. Anna |  16.05.2012 | 17:17 | permalink  

    Sehr geehrte Frau van Cronenburg,

    Ihren Text finde ich sehr interessant. Es stimmt: Ein Riesenproblem sind die für die UrheberInnen schlechte Handhabung der Nutzungsrechte. Insbesondere die Buy-out-Verträge, mit denen einen Presse – und übrigens auch Fernsehsender – (als Autorin) erpressen. Stimme ich nicht der ewigen Mehrfachverwertung zu, ohne dafür jeweils erneut bezahlt zu werden wie es korrekt wäre, bekomme ich keine Aufträge mehr.

    Gegen solche ökonomisch ruinöse Erpressungen der “Verwerter” müsste gemeinsam vorgegangen werden!

    Allerdings bin ich auch entschieden gegen eine Abschaffung des bestehenden Urheberrechts, das glücklicherweise 70 Jahre o.ä. über den Tod hinaus gilt. Denn durch die Abschaffung des Urheberrechts über den Tod hinaus würde mein Urheberrecht an meinen Texten extrem entwertet werden, da es nur viel kürzer gelten würde. Ich möchte das Urheberrecht an meinen eigenen Texten nicht zu meinen Lebzeiten verlieren! – Ich bin doch nicht bescheuert.

    Dadurch würde meine Verhandlungsposition gegenüber Verlagen etc. massiv geschwächt werden. Das kann ich nun wirklich nicht gebrauchen, da Presse, Verlage, TV-Sender etc. sowieso schon viel zu schlecht bezahlen!

    Der Herr Ulf J. Froitzheim hat also in meinen Augen recht mit seinen Worten an Sie:
    “Dass Du mit einem Verlag (mehr oder weniger hart) verhandeln kannst, dass Du dabei überhaupt eine Verhandlungsposition hast, liegt daran, dass es ein Urhebergesetz gibt. Dass dieses nicht toll ist, wissen wir alle, aber besser als nichts ist es.
    Und wenn Du keinen Schutz über Deinen Tod hinaus brauchst, kannst Du Deine Werke ja der Public Domain vermachen. Ich möchte jedoch nicht, dass im Fall, dass ich morgen unters Auto komme, alles, was ich bis heute geschrieben habe, gemeinfrei wird. Die Zeitschrift, der ich einen Text für eine der kommenden Ausgaben exklusiv verkauft habe, hätte damit automatisch keine Verwertungsrechte mehr und meine Kinder bekämen das vereinbarte Honorar nicht, weil die Geschäftsgrundlage mit meinem Tod hinfällig geworden wäre. Bei einem Bestseller mit angemessener Erfolgsbeteiligung wäre der Fall noch krasser.”

  28. Applaus |  16.05.2012 | 18:27 | permalink  

    Ich find das so so geil! Bald gehen _alle_ 18-25jährigen wählen und bei der nächsten Wahl kriegen die Piraten gleich noch mal doppelt so viel Stimmen. Dabei fordern die überhaupt nicht die Legalisierung von Filesharing (das _ist_ übrigens schon legal) und was sonst noch so alles behauptet (gelogen) wird.

    Das beste: Seit das Thema präsent ist, wird HQ Entertainment, Realsatire, am laufenden Band produziert, ganz ohne Urheberproblematik.

  29. Thomas Elbel |  16.05.2012 | 18:54 | permalink  

    Die Piraten fordern in der aktuellen Version ihres einschlägigen Antrags PA 0149 die Legalisierung von nichtkommerziellem Filesharing, das derzeit nach § 53 UrhG verboten ist. Lesen bildet ungemein.

  30. Wolfgang Michal |  16.05.2012 | 20:54 | permalink  

    Nur damit wir nicht über Scheinprobleme diskutieren:
    - Den Journalisten (und ihren Erben) nützen lange Schutzfristen in der Regel gar nichts (wenn sie nicht gerade Kurt Tucholsky heißen). Eine lange Schutzfrist macht eigentlich nur Sinn, wenn die Werke auch sehr lange nachgefragt werden.
    - Es ist auch nicht so, dass die Urheberrechte über die Jahre eingeschränkt worden wären, im Gegenteil, sie wurden ausgebaut. Die Rechte der Allgemeinheit (Schrankenregelungen) wurden so gut es geht zurückgedrängt, die Schutzfristen verlängert.
    Eine Diskussion übers Urheberrecht gefährdet noch nicht die Menschenrechte.

  31. Eine Petition ist nur ein kurzer Wurf | Kultur 2 Punkt 0 |  19.05.2012 | 08:57 | permalink  

    [...] oder gegen eine Sache entscheidet. Wenn man mal einen Vergleich zur Diskussion um das Urheberrecht (neu ein Beispiel von vielen) ziehen mag, können wir froh sein, dass nicht jedem “wir-sind-die-Unterstützer” zwei [...]

  32. kulturblog.net – Urheberrecht – Die neue Aufreger-Debatte |  20.05.2012 | 19:58 | permalink  

    [...] Regener Die schöne Seite der Kostenlos-Mentalität Eine Autorin, die nicht unterschrieben hat: Wir sind die Urheber? – Ohne mich! Alternativen zum Urheberrecht Return of the original Urheber Lesezeichen auf Delicious setzen [...]

  33. ebookautorin |  21.05.2012 | 12:52 | permalink  

    Krimi-Idee zu verschenken!

    Urheberrecht nach dem Tod wird abgeschafft. Ein Bestseller-Autor kommt unters Auto. Steckt der Verlag dahinter oder nicht?

  34. rolfmueller |  05.06.2012 | 14:09 | permalink  

    @ebookautorin Natürlich steckt der Verlag nicht dahinter, weil ihm in toter Autor, dessen Urheberrecht ausgelaufen ist, nichts nützt.

    Doch nun zu Frau van Cronenburgs Beitrag, dem ich nur zustimmen kann.

    Als Journalist und (Drehbuch-)Autor erlebe ich das Urheberrecht immer wieder als Blockadeinstrument. Ich habe eine Idee, ich erfahre, dass es dazu ein Buch gibt. Ich versuche das Buch zu kaufen. Es ist schon lange verramscht. Gebraucht nicht mehr zu kriegen. Der Verlag hat nicht einmal so viel Interesse, es als eBook anzubieten…

    Die Veröffentlichung eines Drehbuchs wird fast immer vom Produzenten blockiert, obwohl er nicht im Traum daran denkt, das Script zu publizieren, das ja als eBook fast nichts kosten würde.

    Oder Theaterstücke. Ich habe eine Idee, erfahre, dass es zu diesem Thema ein Theaterstück gibt. Ich kann auch den Theaterverlag googeln, mir eine kurze Synopsis durchlesen, die meine Information bestätigt. Ich kann das Textbuch aber nicht kaufen, ich bekomme es auch nicht aus Kollegialität überlassen, ich darf es nicht einmal lesen, wenn ich ein Amateurtheater betreibe und auf der Suche nach Stücken bin, für die ich Linzenzgebühren bezahlen würde.

    Habe ich mein Drehbuch aber geschrieben und der spätere Film oder die Serienepisode weist zu große Parallelen zu dem Theaterstück auf, wird mich der Theaterverlag natürlich des Plagiats bezichtigen und vielleicht sogar verklagen.

    Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, mit Filmen oder DVDs, die seit langem nicht mehr erhältlich sind, aber dennoch blockiert werden, mit Videoaufnahmen von Theateraufführungen, mit (Kurz-)Filmrollen von Festivals, deren Veröffentlichung aufgrund des geltenden Urheberrechts so unendlich kompliziert ist, dass es – zum Nachteil der Urheber – keiner macht.

    Ich bin dafür, dass die Urheber für ihr Werk finanziell entlohnt werden. Ich bin aber wütend, über das unglaubliche Desinteresse der Rechteinhaber an den Werken selbst – sei es aus Spekulationsgier oder einfach nur Faulheit.

  35. Der Copytexter |  05.06.2012 | 15:32 | permalink  

    @ rolfmüller:

    Ja, so hat halt jeder seine ganz speziellen Interessen, die selbstverständlich alle in seinem Sinne gesetzlich geregelt gehören.

    Aber wäre es nicht sinnvoller, sowas in Berufsverbänden wie dem VDD oder der Dramatiker Union zu besprechen? Oder zumindest als konstruktiven Vorschlag einer Ergänzung des Urheberrechts zu formulieren, die besagt, dass einmal veröffentlichte Werke verfügbar gehalten werden müssen, so nach dem Motto „Eigentum verpflichtet“?

    Obwohl – geistiges Eigentum gibt’s ja neuerdings nicht mehr. Also auch keine damit verbundenen Verpflichtungen. Tja, dumm gelaufen. Man kann eben doch nicht alles haben.

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