Wie neutral ist die Presse in eigener Sache?

Urheberrecht und Internet sind zu Schlagzeilenthemen geworden. Doch eine neutrale Berichterstattung findet kaum statt, denn die Printmedien sind in dieser Auseinandersetzung Partei. Ist die Funktion der Presse durch die Presse gefährdet?

Das Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist seit Jahren ein Megathema im Netz. Der Widerstand dagegen ist beträchtlich. Doch in der Presse schlägt sich die Debatte kaum nieder. Sie wird ignoriert, ja totgeschwiegen.

Das Thema Urheberrecht ist um ein Vielfaches größer. Und es ist – anders als das Leistungsschutzrecht – zu einem Schlagzeilenthema avanciert. Kein Tag vergeht ohne ausufernde Berichterstattung quer durch die Ressorts: Die Politik-, Wirtschafts- und Kulturteile sind voll mit Internet- und Urheberrechtsthemen. Doch die Berichterstattung ist oft einseitig und voreingenommen, denn die Medien sind in dieser Auseinandersetzung Partei. Ihre Neutralität ist nur eine Floskel, ihre Ausgewogenheit eine Farce. Die Medien fahren in eigener Sache eine politische Kampagne – und tarnen ihre PR-Kampagne als unabhängigen Journalismus.

Vor allem die Kampagnen der letzten Wochen sehen stark nach gemeinsamer “Offensive” aus. Fast über Nacht wurden die Bilder ausgetauscht. Plötzlich rückte der hässliche Bierbauchpirat in den Blickpunkt der Printmedien. Denn da war sie wieder: die feindliche „Spezies“ aus verantwortungslosen Webkommunisten.

In den Feuilletons geben sich seit Wochen die Urheber-Promis die Klinke in die Hand und wettern (meist unterschiedslos) gegen Grüne, Piraten und Linke – gegen die ganze freche Bande, die das schöne Urheberrecht zu Fall bringen und die Kreativschaffenden enteignen will.

Auch die Berichterstattung über Google (YouTube), Facebook und Apple kann guten Gewissens nicht als wirklich neutral bezeichnet werden. Denn auch hier sind die Verlage Partei, und sie verschärfen ihre Gangart immer dann, wenn sie sich von ihren Konkurrenten bzw. Geschäftspartnern gerade angegriffen oder über den Tisch gezogen fühlen.

Die Verlage sind zu Unternehmen in eigener Sache geworden. Es fehlt ihnen die Gelassenheit, journalistische Prinzipien auch dann zu beherzigen, wenn sie selbst betroffen sind.

Bis vor einigen Jahren schien das kein Problem zu sein. Das Urheberrecht war ein abseitiges Thema für eine Handvoll Juristen. Und die neuen, internet-getriebenen Konzerne wilderten noch nicht so intensiv auf dem Feld der Verlage. Doch heute, wo Gesellschaften mit Urheberrechten mehr Geld umsetzen als mit Automobilen, wo „geistiges Eigentum“ (intellectual property) – laut EU-Kommission – zu Europas Wirtschaftsfaktor Nr.1 aufgestiegen ist, gerät die Funktion der Presse durch ihr eigenes Verhalten in Not. Sie ist dabei, den Nimbus ihrer Unabhängigkeit bei einer ganzen Generation von Internetnutzern nachhaltig zu beschädigen.