Wolfgang Michal

Wie neutral ist die Presse in eigener Sache?

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Urheberrecht und Internet sind zu Schlagzeilenthemen geworden. Doch eine neutrale Berichterstattung findet kaum statt, denn die Printmedien sind in dieser Auseinandersetzung Partei. Ist die Funktion der Presse durch die Presse gefährdet?

28.05.2012 | 

Das Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist seit Jahren ein Megathema im Netz. Der Widerstand dagegen ist beträchtlich. Doch in der Presse schlägt sich die Debatte kaum nieder. Sie wird ignoriert, ja totgeschwiegen.

Das Thema Urheberrecht ist um ein Vielfaches größer. Und es ist – anders als das Leistungsschutzrecht – zu einem Schlagzeilenthema avanciert. Kein Tag vergeht ohne ausufernde Berichterstattung quer durch die Ressorts: Die Politik-, Wirtschafts- und Kulturteile sind voll mit Internet- und Urheberrechtsthemen. Doch die Berichterstattung ist oft einseitig und voreingenommen, denn die Medien sind in dieser Auseinandersetzung Partei. Ihre Neutralität ist nur eine Floskel, ihre Ausgewogenheit eine Farce. Die Medien fahren in eigener Sache eine politische Kampagne – und tarnen ihre PR-Kampagne als unabhängigen Journalismus.

Vor allem die Kampagnen der letzten Wochen sehen stark nach gemeinsamer “Offensive” aus. Fast über Nacht wurden die Bilder ausgetauscht. Plötzlich rückte der hässliche Bierbauchpirat in den Blickpunkt der Printmedien. Denn da war sie wieder: die feindliche „Spezies“ aus verantwortungslosen Webkommunisten.

In den Feuilletons geben sich seit Wochen die Urheber-Promis die Klinke in die Hand und wettern (meist unterschiedslos) gegen Grüne, Piraten und Linke – gegen die ganze freche Bande, die das schöne Urheberrecht zu Fall bringen und die Kreativschaffenden enteignen will.

Auch die Berichterstattung über Google (YouTube), Facebook und Apple kann guten Gewissens nicht als wirklich neutral bezeichnet werden. Denn auch hier sind die Verlage Partei, und sie verschärfen ihre Gangart immer dann, wenn sie sich von ihren Konkurrenten bzw. Geschäftspartnern gerade angegriffen oder über den Tisch gezogen fühlen.

Die Verlage sind zu Unternehmen in eigener Sache geworden. Es fehlt ihnen die Gelassenheit, journalistische Prinzipien auch dann zu beherzigen, wenn sie selbst betroffen sind.

Bis vor einigen Jahren schien das kein Problem zu sein. Das Urheberrecht war ein abseitiges Thema für eine Handvoll Juristen. Und die neuen, internet-getriebenen Konzerne wilderten noch nicht so intensiv auf dem Feld der Verlage. Doch heute, wo Gesellschaften mit Urheberrechten mehr Geld umsetzen als mit Automobilen, wo „geistiges Eigentum“ (intellectual property) – laut EU-Kommission – zu Europas Wirtschaftsfaktor Nr.1 aufgestiegen ist, gerät die Funktion der Presse durch ihr eigenes Verhalten in Not. Sie ist dabei, den Nimbus ihrer Unabhängigkeit bei einer ganzen Generation von Internetnutzern nachhaltig zu beschädigen.

 

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17 Kommentare

  1. Peter (ein Urheber) |  28.05.2012 | 12:58 | permalink  

    Langsam, langsam…
    Wirkliche Unabhängigkeit, Objektivität ist ein Märchen, das wissen wir doch alle. Öffentlich-Rechtliche Medienhäuser erzählen es noch weit lieber als die Presse. Man kann sich darum bemühen, man kann sich dem Ideal annähern (wollen), aber es wird nie ganz gelingen. Wer den Tendenz-Paragraph für Medien-Betriebe aus dem Arbeitsrecht kennt, wird verstehen, was ich meine. Die “Objektivität” oder Unabhängigkeit kann nur über den Leser, Hörer, Zuschauer realisiert werden, wenn die Medien frei sind, wenn sie gleiche (!) Bedingungen auf dem Markt haben und der Zuschauer genug Geld hat, um eine Wahl zu treffen und nicht von vornherein auf eine bestimmte Quelle fixiert ist.
    Insoweit (sicher mit Fehlern und Übertreibungen wie bei jeder Sache) macht es die Presse genau richtig. Sie blickt auf das gesamte aussenpluralistische System und verschafft jenen Gehör, die in der Debatte eben bisher zu wenig vorkommen: Die Schöpfer, Autoren, Urheber..
    Auch bei den Piratenpartei-Mitgliedern wird der Blick auf die Problematik allmählich differenzierter. http://wiki.piratenpartei.de/AG_Urheberrecht

  2. Irene |  28.05.2012 | 14:28 | permalink  

    Also ich weiß nicht. Ist das Ganze nicht eher vom Tagesgeschäft getrieben? In anderen Bereichen greifen die Zeitungen ja auch irgendwelche Kampagnen und Aktionen auf, die gerade aktuell sind, ohne sich jedesmal Gedanken zu machen, wer das steuert und mit welchem Interesse (irgendein Beispiel: Stromknappheit im Winter).

    In der Redaktion der Süddeutschen glaubten damals einige, die Buy-Out-Verträge seien eine kleine Formsache, um die Artikel ohne rechtliche Probleme im Internet veröffentlichen zu können. Und die meisten Freien waren ja auch nicht schlauer, sonst hätten sie die angebliche Formsache nicht massenhaft unterschrieben.

  3. Hans Retep |  28.05.2012 | 14:42 | permalink  

    Neutral? Seit wann sind Zeitungen neutral? Ob ich taz oder Die Welt lese, macht einen großen Unterschied und ich glaub kaum, dass der Leser eine “neutrale” Berichterstattung wünscht, sondern eine, die seinem Weltbild entspricht. Und da Zeitungen privatwirtschaftliche Unternehmen sind, dürfen sie auch Kampagen in eigener Sache fahren. Passt mir das nicht, kauf ich sie nicht mehr. Wer meiner Meinung nach keine Kampagnen in eigener Sachen fahren darf, sind öffentlich-rechtliche Anbieter. Die machen’s aber trotzdem und ich muss sie weiter “kaufen”.

  4. Mimimimi |  28.05.2012 | 16:27 | permalink  

    Seh ich auch so. Journalismus war noch nie völlig neutral – und Glaube/Hoffnung in einen neutralen Journalismus ist eine Illusion, erst recht natürlich in eigener Sache. Er hat sich sicher um Objektivität zu bemühen, wird aber selten frei von verhohlener oder unverhohlener Parteinahme sein.

  5. Wolfgang Michal |  28.05.2012 | 16:59 | permalink  

    Moment, hier wird was verwechselt: Natürlich darf die Presse eine Meinung zu Themen haben, sind ja Tendenzbetriebe. Etwas anderes ist es aber, wenn die eigene Interessenlage (in Sachen Urheberrecht oder in Sachen Werbeaufkommen) in Kommentaren und Berichterstattung ständig verschwiegen wird. Würde man die eigenen Interessen (als Konkurrenten von Facebook oder Google bzw. als Partei im Urheberrechtsstreit) offenlegen, dann könnten die Leser manche Dämonisierung in den Zeitungen etwas besser einordnen.

  6. Mimimimi |  28.05.2012 | 19:05 | permalink  

    Ist dem denn tatsächlich so? Dann wären dazu mal paar Beispiele ganz praktisch. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass viele Urheberrechts-Beiträge durchaus im Kontext mit den journalistischen Medien oder der Musikindustrie und deren ökonomischen Interessen abgefasst sind, wenn es das Thema ist.

  7. Peter (ein Urheber) |  29.05.2012 | 01:37 | permalink  

    Also sorry, bevor nicht die Öffentlich-Rechtlichen mit ihren fetten Garantie-Einnahmen mal ganz gründlich voran gehen und uns zum Beispiel mal erklären, warum Kurt Beck & Co den Eindruck zu erwecken versuchten, die kleinen Betriebe zahlen ja “nur” einen Beitrag also scheinbar wenig, während – liest man den neuen Rundfunkbeitragsstaatsvertrag – in Wirklichkeit lt. der Staffelung dort die kleinen Betriebe pro Arbeitnehmer den größten Anteil entrichten…
    …solange die Öffentlich-Rechtlichen nicht mal deutlich sagen, das sich eben für 95 % der Bevölkerung ganz wesentlich etwas ändert: Alle verlieren die Option, den Fernseher raus zu werfen und nur noch ein Drittel zu zahlen, sondern immer nur das Mantra läuft, für die meisten ändere sich nichts (ja, so lange die sich nicht selbst ändern wollen)
    …solange die Öffentlich-Rechtlichen nicht mal ganz deutlich erklären, warum man künftig für jedes Auto (auch ohne Radio) als Ehrenamtlicher bestraft wird, wenn man es auch nur einmal für den Verein nutzt, denn es wird dann auch beitragspflichtig …usw., usf.

    Da hat sich so eine ganz besondere Truppe klammheimlich per Rundfunkbeitragsstaatsvertrag ins Paradies befördert und stattdessen soll über die Presse diskutiert werden? Die einzige Frage, die ich an die Presse habe, ist: Wo war die Kampagne gegen diese unverschämte Selbstabsicherung bis in alle Ewigkeit? In den Öffentlich-Rechtlichen Medienhäuser kann man sich nun getrost die Hände reiben und warten, bis alle anderen in Folge fleißigen Kopierens ohne zu Bezahlen kaputt gegangen sind, um dann zu blöken, sie seien doch die einzigen, die noch investigativen Journalismus und niveauvolles Dies und Das anbieten und damit sozusagen noch einmal ihre Unersetzlichkeit unterstreichen…
    Zwar werden die Kosten dann noch einmal exorbitant steigen und das Niveau wird nach unten stürzen, aber das merkt ja dann keiner mehr, denn der einzige Vergleich, den sie dann noch aushalten müssen, ist der zu Hobby-Künstlern und Hobby-Journalisten.

  8. geno |  29.05.2012 | 11:07 | permalink  

    paul sethe, einer der fünf gründungsherausgeber der frankfurter allgemeinen zeitung:
    „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten… Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher…“

  9. Harry |  29.05.2012 | 12:48 | permalink  

    Hi Herr Michal.

    wenn´s so ist: „geistiges Eigentum“ (intellectual property) ist – laut EU-Kommission – “zu Europas Wirtschaftsfaktor Nr.1 aufgestiegen” – dann verwundert nicht, um einen, der sich selbst ironisch jetzt nur noch als “Texteerzeuger” bezeichnet, zu variieren, daß nicht nur dieser Eine schon lange nícht mehr von der publizistischen Verwertung seines “geistigen Eigentums” leben kann … oder war´s so doch wieder nicht gemeint?

  10. Wolfgang Michal |  29.05.2012 | 12:57 | permalink  

    @Harry: Ihre Frage habe ich nicht verstanden.

    Hier die Mitteilung der EU-Kommission zum strategischen Konzept für die Rechte des geistigen Eigentums in Europa (24.5.2011):
    „Alle Formen von Rechten des geistigen Eigentums sind Ecksteine der neuen wissensbestimmten Wirtschaft. Wert, Marktkapitalisierung und Wettbewerbsvorteile der europäischen Unternehmen werden künftig zum großen Teil von deren immateriellen Vermögenswerten abhängen. Geistiges Eigentum ist das Kapital, durch das die künftige Wirtschaft genährt wird.“

  11. Artikel von Presseverlagen zu Internetthemen sind oft in eigener Sache |  29.05.2012 | 15:17 | permalink  

    [...] Wolfgang Michal auf Carta: [...]

  12. Richard Albrecht |  29.05.2012 | 18:04 | permalink  

    Lieber Herr Michal,

    lassen Sie mich bitte mit einer aktuellen Anekdote beginnen und dann doppelt an Ihren €U-Hinweis anschließen (und korrigieren Sie ggf. bitte evtl. Tippfehler. Danke).

    -Zufällig fand ich dieser Tage im Netz, daß der Westdeutsche Verlag aktuell das mit einem Textchen von mir macht[1], was seit Jahren schon der de Gruyter-Verlag[2] mit diversen Texten von mir unternimmt: Ohne mich zu informieren und/oder zu fragen oder/und zu honorieren wird zum Verkauf angeboten, hier ein Rezensionsessay zum Preis von 2.50 T€Uro pro Seite zur eintägigen Nutzung als pdf. „Urheberschutz“ dürfte anders aussehen.

    -Wenn ich das €uro-Zitat, das mit „Geistiges Eigentum ist das Kapital, durch das die künftige Wirtschaft genährt wird“, ausklingt und großkapitalistische “wissensbestimmte Wirtschaft” meint, recht verstand, soll´s nun einen gigantischen Doppelprozess von 1. Ausbeutung und 2. Enteignung der geistigen Eigentümer geben, in einem meiner Arbeitsfelder durch international tätige sogenannte „führende“ Wissenschaftsverlage nach dem Elseviermuster. Und dies wird unterstützt von einem Spektrum: vom milliardenschweren „Forschung“smittelvergabekonzern DEUTSCHE FORSCHUNGSGEMEINSCHAFT in ihrem „open access“-Wahn bis hin zu irgendwelchen „free flow“ und „liquid democracy“ deklamierenden „schwarm“intelligent“ischen Politnarren, die glauben, freischaffende produktive Wissenschaftler und kreative Autoren mit´n paar Hundert Euro monatlich (dem sogenannten gesellschaftlich garantierten „Grundeinkommen“) abspeisen zu sollen.

    -Leider schade, daß der m.E. richtige und wichtige, auf „unmittelbare Produzenten“ als Freie bezogene FREISCHREIBER-Ansatz[3] so wenig wahrgenommen und so gering aktiv vertreten wird, daß er nicht wirksam werden kann.

    [1]
    http://www.vsjournals.de/index.php;do=show_article/sid=066470a488c098dfb8af80ef3f5bd40d/site=ozs/area=soz/id=9287
    [2]
    http://duckhome.de/tb/archives/8561-ANSPRUCHSVOLLE-WISSENSCHAFTLICHE-FACHLITERATUR.html
    [3]
    http://duckhome.de/tb/archives/9884-FREISCHREIBER;-VG-WORT.html

    Freundliche Grüße von Dr. Richard Albrecht

  13. “Fusions-Ranking” Mai 2012: Die 100 einflussreichsten Blogs aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bei ebuzzing.de | world wide Brandenburg |  29.05.2012 | 21:51 | permalink  

    [...] 16. DaWanda (Berlin/57) 17.The European (Berlin/58) 18. weblogit (Thüringen/Gera/59) 19. Carta (Berlin/60) 20. gameone.de (Berlin/62) 21. Gründerszene (Berlin/68) 22. joulijou [...]

  14. Kein-Name |  29.05.2012 | 23:53 | permalink  

    Das bei politischen Themen die Verlegerfamilien die Tendenz bestimmen, ist vielen wohl egal oder es ist Absicht. Ebenso, das vieles nur Agenturmeldungen sind, wie die nachrichten.de-App oder News-Google sofort erkennbar machen. Per google+ kann man bald vermutlich das Internet in seinem Weltbild (neoliberal, links, rechts,…) gefärbt sehen.

    Wenn man älter wird und schon zwei Mal seine Altersersparnisse verloren hat, erkennt man die Optimierungswürdigkeit von Presse. Von 20jährigen Piraten oder Umstürzlern im Ausland kann man solches Wissen noch nicht erwarten. Aber von deren Eltern.

    Kontroll-Instanzen braucht man nur dort, wo sich sonst Chaos und Anarchie breitmachen würden. Presse ist dafür da, das Politiker keine Fehler machen und Staaten immer optimaler funktionieren. So wie bei jedem Formel-1-Rennen die Teams besser werden.

    Legale alternative Informations-Systeme wären in meinungsfreien Demokratien problemlos möglich und auch Normalbürger wären per SmarTV per Internet am TV im Wohnzimmer erreichbar wofür man bisher TV-Sender betreiben musste und es in Italien und anderen Ländern mehr LokalTV-Sender gibt als hier. Leider wollen Piraten sowas anscheinend nicht organisieren sondern lieber gewählt werden und irgendwann mal vielleicht Verbesserungen liefern statt heute schon ungewählt Verbesserungen zu erbringen. rot-grün hat uns auch nicht gerettet.

  15. Richard Albrecht |  31.05.2012 | 10:55 | permalink  

  16. Blogs im Mai 2012 | stadtkindFFM |  01.06.2012 | 00:11 | permalink  

    [...] Interessant wäre ja auch die Frage danach, ob sie es überhaupt ist, aber dennoch: Wie neutral ist die Presse in eigener Sache? via carta [...]

  17. Linkliste zum Thema Urheberrecht « Peter's blog |  20.06.2012 | 11:22 | permalink  

    [...] Michal: »Wie neutral ist die Presse in eigener Sache?« (Carta, [...]

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