„Bild“ als Hüterin der Pressefreiheit – eine Irreführung macht Zeitgeschichte

Die Analyse der „Bild“/Wulff“-Affäre - geleistet anhand von 1528 „Bild“-Texten, die zwischen 2006 und 2012 erschienen sind - belegt auf eindrucksvolle Weise: „Bild“ macht vielleicht dumm, ist aber bestimmt nicht dumm gemacht.

„Bild“, die so einfach, platt, so holzhammermäßig daherkommt, ist eine kommunikative Komposition. In der „Bild“-Redaktion wird mit Intelligenz, Routine, Radikalität und gnadenloser Geschäftstüchtigkeit – Menschenverachtung und Killerinstinkt bei Bedarf inklusive – ein Massenmedium hergestellt, das auf publizistischen und ökonomischen Erfolg getrimmt ist.

Anhand der „Bild“/Wulff-Affäre lässt sich zweierlei vorzüglich illustrieren: Wie „Bild“ es gelang, sich dank blinder Unterstützung vieler anderer Medien sogar als Heldin der Pressefreiheit zu profilieren. Und wie „Bild“ zunächst über Jahre reine PR für einen Politiker betrieb,  dann von einem Tag auf den anderen Journalismus aus Notwehr praktizierte, weil sie nur so die eigene Haut retten konnte.

„Bild“ hat im Vergleich zu Publikationen, die sich auf das Handwerk des Journalismus konzentrieren, eine unternehmerisch gesehen modernere, massenmedial und betriebswirtschaftlich erfolgreichere Strategie. Das Catch-all-Konzept – mit allen massenmedialen Mitteln, insbesondere der Unterhaltung und der Eigenwerbung, möglichst alle zu erreichen und dabei selbst als der Größte zu erscheinen – bildete auf dem deutschen Mediensektor lange Jahre ein Alleinstellungsmerkmal. Erst der Privatfunk setzte dieselben Erfolgsmethoden ein.

Heute ist „Bild“ für viele Leitmedium, weil sich das Mediensystem unter den Zwängen des Marktes verändert und der „Bild“-Strategie zunehmend recht gibt: Wer mit tagesaktuellen Veröffentlichungen längerfristig wirtschaftlich erfolgreich sein will, kann das – von Ausnahmen abgesehen – nicht auf dem ‚Tugendpfad‘ des Journalismus – wie Fernsehen und Internet bereits beweisen. Diese strukturelle medienökonomische Entwicklung bildet die eigentliche Basis und tieferliegende Erklärung für die wachsende Beachtung und Anerkennung der „Bild“-Arbeit von Seiten der Repräsentanten und Institutionen des traditionellen Qualitätsjournalismus. „Bild“ ist zum publizistischen und betriebswirtschaftlichen Vorbild geworden.

Der Weg vom Schmuddelkind zum Leitmedium hat mit der Wulff-Affäre eine neue Gipfelstation erreicht: Es setzte sich in der Öffentlichkeit eine oberflächliche und irreführende Deutung der Beziehung zwischen „Bild“ und Wulff durch. Den Anruf des Bundespräsidenten bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann am 12. Dezember 2011 als Angriff auf die Pressefreiheit darzustellen, hat „Bild“ wohlweislich anderen Medien überlassen. „Bild“ in der Opfer- und Wulff in der Täter-Rolle, das ist eine Deutung, die „Bild“ lanciert, aber nicht selbst verbreitet hat. Weshalb? Weil für die „Bild“-Verantwortlichen klar war, dass sie sich damit lächerlich gemacht hätten.

Das Blatt hat mindestens seit 2006 bis zu diesem 12. Dezember 2011 zu Christian Wulff eine enge Geschäftsbeziehung unterhalten, bei der interne und intime Details aus dem Leben des Politikers, Familienvaters und Liebhabers exklusiv mit „Bild“ getauscht wurden gegen eine allzeit uneingeschränkt positive, geradezu glorifizierende Berichterstattung über Wulff in allen Lebenslagen. Keine der beiden Seiten, weder „Bild“ noch Wulff, wären jemals auf die Idee gekommen, hier eine Beziehung zwischen Journalist und Politiker zu sehen; es ging immer nur um Deals zwischen zwei Geschäftspartnern zum wechselseitigen Nutzen.

„Bild“ ist in den Dezembertagen 2011 eine Getriebene und kann sich aus dieser Lage nur befreien, indem sie sich selbst als Treiber profiliert – aber diese aktive Treiberrolle darf sie wiederum nicht überziehen, sie muss in der öffentlichen Präsentation fein dosieren. Warum? Niemand weiß besser als die „Bild“-Verantwortlichen, was sie mit und für Wulff in den zurückliegenden Wochen, Monaten und Jahren gemacht und welches Bild von Wulff sie bei ihrem Publikum produziert haben.

Ihre eigenen Recherchen in der Hauskredit-Angelegenheit zeigen einen ganz anderen Christian Wulff, einen Wulff der Vorteilsnahme und der Parlamentstäuschung. Der größte anzunehmende Unfall für die „Bild“-Chefredaktion muss der folgende Fall sein: Andere Medien decken die Kreditaffäre auf und „entlarven“ den Wulff im wunderbaren „Bild“-Pelz als moralisch, eventuell sogar juristisch angreifbar. Dass „Spiegel“ und „Stern“ ihre eigenen – erfolgreichen – Recherchen betreiben und in diesen Tagen potenziell jederzeit mit der Enthüllung  herauskommen könnten, wissen Insider der Medienbranche, also weiß es auch die „Bild“-Chefredaktion. Deshalb hat sie es eilig. Sie will und muss als Erste mit der Kreditaffäre in die Öffentlichkeit. Nur dieser Schritt kann sie davor retten, dass „Bild“ zum Gespött der Branche wird. Nur wenn sie selbst den wunderbaren Wulff zerstört, denn sie über Jahre aufgebaut hat, wird sie nicht zum Verlierer.

Dass sie später sogar zum großen Sieger wird, davon hat sie in diesen Dezembertagen nicht einmal geträumt. Hier und jetzt, an diesem 12. Dezember 2012, ging es nur darum, einen Alptraum abzuwenden. „Bild“ hat es mit einem beeindruckenden Gespür für die richtige Dosierung gemacht. Denn ein abrupter öffentlicher Wechsel vom Jubler zum Jäger hätte Unverständnis und Fragen ausgelöst. „Bild“ hat sich zunächst überhaupt nicht als der große Enthüller profiliert, sie hat – für ihre Verhältnisse – mit aller Vorsicht und Zurückhaltung über den „Wirbel um Wulff“ berichtet und fast beiläufig einfließen lassen, dass sie selbst den Wirbel ausgelöst hat. „Bild“ hat im Fall Wulff vom 13. Dezember 2011 bis zum Rücktritt des Bundespräsidenten am 17. Februar 2012 mit mehr Distanz und Vernunft berichtet als die meisten anderen Medien, die sich in diesen vielen Wochen meist ungeschickt in der Rolle versuchten, die sonst „Bild“ eigen ist: der des fast hemmungslosen Treibers. „Bild“ dagegen praktizierte Journalismus – aus Notwehr. Interessante verkehrte Welten.

Die Studie der beiden Autoren „‚Bild‘ und Wulff – Ziemlich beste Partner: Fallstudie über eine einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung“ erschien bei der Otto-Brenner-Stiftung und ist dort online oder als Printversion zu erhalten.