So droht dem Fernsehen der Tod

Anbieter von Fernsehprogrammen, Kabelnetzbetreiber und Gesetzgeber arbeiten mit Nachdruck daran, die herkömmlichen TV-Verbreitungswege in die Bedeutungslosigkeit zu katapultieren - mit zahlreichen Beschränkungen, gegenseitigen Schuldzuweisungen, technischen und politischen Unsicherheiten und zusätzlichen Kosten für die Konsumenten. Indiz dafür: Der teilweise misslungene Start der neuen öffentlich-rechtlichen HDTV-Angebote am 30. April.

Zugegeben: Der Weg zu einem störungsfreien Fernsehempfang war in früheren Zeiten nicht ungefährlich. Wenn das “Zweite” mal wieder nur mit “Grisselschnee” zu sehen war, musste Papi möglicherweise auf’s Dach, um in lautstarker Abstimmung mit Mutti (Qualitätskontrolle an der Fernsehtruhe) durch’s offene Fenster die Antenne zu justieren (”Jetzt besser?!” – “Nee, dreh’ nochmal zurück!” – “Und jetzt?!” – “Ja, jetzt ist der Schnee weg, aber es ist nur noch schwarz-weiß! Kipp’ die Antenne doch mal nach oben!”). Häufig stellte sich bei diesen akrobatischen Versuchen heraus, dass sich das Bild nicht wesentlich verbesserte, wenn Papi mitsamt Antennenmast abgestürzt war, an der Dachrinne hing oder gar im Hinterhof lag.

Wohl dem, der mit einer Zimmerantenne auf dem Fernseher oder der Schrankwand im Wohnzimmer schon ausreichenden Empfang hatte. Hier waren die Fallhöhe und Verletzungsgefahr beim Justieren deutlich geringer.

 
Verborgene Fallstricke

Ähnliche Abenteuer konnte man natürlich auch in den achtziger Jahren noch erleben, wenn man versuchte, sich im Alleingang ins Satelliten-TV-Zeitalter zu beamen. Das unfallträchtige Montieren und Justieren der “Schüssel” überließen die meisten Konsumenten aber den erfahrenen und höhenangstfreien Fachkräften.

Die echten Fallstricke lagen jedoch in Deutschland nicht auf dem Dach, sondern im Verborgenen. Die Deutsche Bundespost fungierte bis Ende 1988 als exklusiver “Gatekeeper” für Rundfunksignale aller Art. Was sie als Wahrer der “Rundfunkhoheit” nicht über Sendemasten oder durch Kabelnetze verbreitete, das kam auch nicht am heimischen Fernseher an. Erst der Start des privaten ASTRA-Satellitenrundfunks im Dezember 1988 brach dieses Monopol großflächig auf. Der Versuch der Bundespost, dies mit drei eigenen Satelliten namens “DFS-Kopernikus” zu kontern, scheiterte an der mangelnden Empfänger-Nachfrage.

Parallel dazu hatte die Post aber auch begonnen, Kabelnetze aufzubauen, um Rundfunksignale ohne Antenne oder Schüssel in die Haushalte zu bringen. Ab 1995 erweiterte der Nachfolger “Deutsche Telekom” die Kopfstationen und Netze – die dann vor gut einem Jahrzehnt privatisiert wurden. Seither haben bundesdeutsche TV-Haushalte gleich mit mehreren “Gatekeepern”, einer stetig wachsenden Zahl von Verbreitungswegen, Programmen und TV-Normen (kennen Sie z.B. noch den HDTV-Vorläufer “D2-MAC”?) sowie mit steigenden Kosten zu kämpfen.

 
Alle wollen abkassieren

Auf dem Weg zwischen Senderegie und TV-Empfänger wollen gleich mehrere Institutionen und Unternehmen Geld verdienen und versuchen daher, möglichst viele Kassenhäuschen und Mautstationen mit Wegezoll zu installieren. Das beginnt mit der so genannten “GEZ-Gebühr” (ab 2013 “Rundfunkhaushaltsabgabe”) und dem bei fast jedem Einkauf bezahlten Marketingaufschlag für die im TV beworbenen Produkte und Dienstleistungen, setzt sich mit “Grundgebühren” für’s Kabel fort und endet noch lange nicht mit zusätzlichen Gebühren für Digital-, HDTV– (oder “HD+”-) Empfang.

Kräftig kassieren kann auch noch die Geräteindustrie mit den jeweils aktuellen oder angesagten Bildschirmen, Receivern, Decodern, Schüsseln, LNBs, Kabelverstärkern und Zusatzgeräten – die man alle fünf Jahre austauschen muss, wenn man auf dem neuesten Stand bleiben will.

“Neuester Stand” heißt aber erstens für jeden TV-Konsumenten etwas anderes und bedeutet zweitens nie das theoretisch mögliche Optimum, weil es immer wieder massive technische, finanzielle und unternehmenspolitische Probleme im Zusammenspiel der Beteiligten und Konkurrenten gibt.

Ende April/Anfang Mai konnten wir dies wieder live und in Farbe erleben: Zeitgleich mit der Abschaltung des analogen Satellitenrundfunks gingen zehn neue öffentlich-rechtliche HDTV-Angebote an den Start: Die dritten Programme von BR, NDR, SWR und WDR, die ZDF-Digitalkanäle “ZDFkultur”, “ZDFneo” und “ZDFinfo” sowie die Partnerprogramme “Phoenix”, “3sat” und “KI.KA”. Empfangen kann sie aber nur, wer sein TV-Signal über den “ASTRA”-Satelliten oder als Kabelkunde des relativ kleinen Anbieters “Tele Columbus” bekommt.

Alle anderen gucken in die Röhre, weil sich das Duopol Kabel Deutschland und Unitymedia/Kabel BW bisher nicht mit ARD und ZDF über die Einspeisungsmodalitäten und -kosten einigen konnte. Und weil die öffentlich-rechtlichen Sender schon angekündigt hatten, ab 2013 überhaupt nichts mehr für die Einspeisung zu bezahlen (die Privaten hatten das übrigens schon 2010 angeregt), ist derzeit Kriegsbeil statt Kuschelkurs im Kabel angesagt. Jeder schiebt die Schuld auf den anderen und die Kundschaft muss sich unterdessen in Verzicht üben. Der Hörer- und Zuschauerservice des SWR in Stuttgart zum Beispiel beantwortet entsprechende Anfragen so:

… nach Rücksprache mit unserer Technikhotline verweise ich Sie an Kabel BW. Ausschließlich der Kabelnetzbetreiber ist für die Verbreitung der Programme innerhalb des Kabelnetzes und der damit verbundenen Kanalbelegungen verantwortlich.

Eine gesetzliche Verpflichtung für die Kabelnetzbetreiber, öffentlich-rechtliche HD-Programme einzuspeisen, gibt es übrigens nicht. Die “must carry”-Regeln der einzelnen Bundesländer bzw. Landesmedienanstalten sehen jeweils nur die Bereitstellung der Basisprogramme vor – egal, in welcher Auflösung.

 
Auch über Satellit hat’s geruckelt

Aber selbst für einige Satellitenkunden gab’s Ärger mit den neuen HD-Angeboten: Teils funktionierte der Ton nicht, teils gab’s Aussetzer, Ruckler und unschöne “Klötzchen” im Bild. Offenbar vertrugen sich die neuen Signale nicht mit bestimmten Satellitenempfängern bzw. deren Software. Reparaturversuche “nach alter Väter Sitte” (auf dem Dach herumklettern, Schüssel ausrichten, siehe oben) hätten nichts verbessern können. Und wer dann doch störungsfreien Empfang hatte (übrigens auch mit dem Telekom-“Entertain”-Grundpaket möglich), musste feststellen, dass der größte Teil des in den neuen HD-Programmen gesendeten Materials nicht in “nativem HD” produziert wurde, sondern nur hochskalierte Altware in Standardauflösung ist. Von echtem HDTV kann man in diesem Fall nicht reden.

Bei uns in Deutschland hilft da nicht mal der Verweis auf das digitale “Antennenfernsehen” DVB-T als Alternative. Auch hier können Sie an der Dachantenne herumdrehen wie Sie wollen, Sie bekommen in vielen Gebieten nur zwölf öffentlich-rechtliche Programme in Standardauflösung. In Frankreich dagegen bietet der “TNT“-Dienst durchweg 18 SD- und vier HD-Sender (plus einige Pay-TV-Angebote) – immerhin.

 
Nervenkollaps statt Knochenbrüche

Halten wir also fest: Wer regelmäßig, brav und fleißig alle Gebühren und Programmpakete bezahlt, bekommt unter Umständen nicht mal alle so genannten “frei empfangbaren” Programme. Die größte Gesundheitsgefahr beim Versuch, den TV-Empfang zu verbessern, ist nicht mehr – wie früher – ein multipler Knochenbruch beim Absturz vom Dach, sondern ein Nervenkollaps als ohnmächtiger Kunde bei der Auseinandersetzung mit Ihrem Kabelnetzbetreiber oder den Rundfunkanstalten.

Stellen Sie sich das mal sinngemäß für Ihren Internetanschluss vor: Ihr Provider sperrt einen Teil der Websites. Wie würden Sie reagieren? Zwar ist in Deutschland die Versorgung mit DSL-Anschlüssen vor allem im ländlichen Raum noch stark verbesserungsbedürftig, aber insgesamt haben wir doch eine recht ordentliche Internet-Infrastruktur ohne derartige Barrieren und Einschränkungen, wie sie (noch) bei der TV-Verbreitung existieren.

 
Fernsehen wird überflüssig

Wäre das anders, müssten wir uns ernsthaft Sorgen machen über den Erfolg und die Zukunftsaussichten dieses Internets. So aber knabbert auch die Entwicklung des Netzes als “Second Screen” parallel zum TV-Konsum an der Bedeutung des herkömmlichen linearen Fernsehens. Zu den ohnehin systemimmanenten Nachteilen kommen immer mehr nutzerunfreundliche Einschränkungen und Konkurrenzkämpfe, die das Fernsehen zum Nebenbei-Medium degradieren und letztendlich weitgehend überflüssig machen.

Einem durchschnittlichen Konsumenten kann es dabei völlig wurscht sein, wer für diese Malaisen verantwortlich ist. Technisch und inhaltlich hochqualitatives Bewegtbild kann er sich schon heute woanders und besser besorgen (auch in den Mediatheken der Sender) als über den traditionellen “Stream”; in Zukunft wird das noch umfassender möglich sein. Ob die aktuell in Streitereien verstrickten TV-Anstalten und Kabelnetzbetreiber begreifen, dass sie gerade an ihrem eigenen Grab schaufeln und sich zumindest als Fernsehveranstalter und -verbreiter überflüssig machen?

Crosspost von Fastvoice