Deutsche Oberlehrer

Immer öfter verteilen deutsche Politiker und deutsche Medien Betragensnoten an ihre europäischen Nachbarn. Wäre es nicht besser, die dortigen Verhältnisse erst mal kennenzulernen?

Langsam haben wir sie alle durch: Die Schweiz? Ihr hetzen wir die Kavallerie auf den Hals! Frankreich? Mit Sozialistenpack verhandeln wir nicht! Griechenland? Gnade euch Gott, ihr Pleitegriechen, jetzt kommt unser Sparkommissar! Die Ukraine? Diesem Paria werden wir beibringen, wie man richtig Fußball spielt!

Mit großem Behagen hatte Volker Kauder beim CDU-Parteitag im vergangenen Herbst festgestellt: „Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen“. Richtiges Deutsch! Dann verteilte er noch schnell ein paar Kopfnüsse an die Briten, denn Italien, der Klassenclown, stand ja schon in der Ecke.

Je prächtiger sich Deutschlands Elite zur Oberlehrermacht entwickelt (manche halten das auch für „europäische Innenpolitik“), desto unverschämter werden die Anweisungen an die „Schlawiner“, „Faulpelze“ und „Dummerchen“ ringsum. Welchem Land werden wir wohl morgen den Kopf waschen? Unsere Politiker sind großzügig geworden im Verteilen von Betragensnoten an „lernunwillige“ Nachbarn.

Ob Europa auf diese Weise zu einer Herzensangelegenheit wird?

Das fragen sich in der Euro-Krise nicht nur die Elder Statesmen. Daniel Cohn-Bendit und Ulrich Beck haben jetzt ein „Manifest zur Neugründung Europas von unten“ vorgestellt, in dem sie ein „Freiwilliges Europäisches Jahr“ für alle fordern. Jeder Deutsche, jeder Franzose, jeder Italiener, jeder Österreicher soll seinen Nachbarn ein Jahr lang zur Hand gehen.

Dann könnten die deutschen Oberlehrer z.B. in griechischen oder spanischen Arbeitsloseninitiativen aushelfen und dort das Bild der Deutschen, das sich gerade etwas einzutrüben beginnt, wieder aufpolieren.

 

Update 5.5.: Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, kritisiert den Timoschenko-Hype