Die ausgebrannte Republik

Die Zahl psychischer Erkrankungen steigt. Depressionen und Burnout sind zu Volkskrankheiten geworden. Droht dem Land ein seelischer Zusammenbruch? Ein paar Gedanken zum Tag der Arbeit und zur Multitasking-Gesellschaft.

Für die Ökologie-Bewegung spielt seit der UNO-Umweltkonferenz von Rio 1992 der Begriff „Nachhaltigkeit“ eine große Rolle. Er stammt ja aus der Forstwirtschaft und besagt, dass nicht mehr verbraucht werden soll als wieder nachwachsen kann. Als klinisch tätiger Arzt stieß ich ebenfalls auf diesen Begriff. Ich erkannte, dass unsere Gesellschaft zwar damit begonnen hat, den Energieumsatz und den Verbrauch von Rohstoffen nachhaltig zu organisieren. Die Ergebnisse dieser Bemühungen sind zwar noch nicht befriedigend und es bleibt noch viel zu tun, aber es sind jedenfalls Ziel und Richtung vorgegeben. Keinerlei Nachhaltigkeit herrscht indes bei der Nutzung des „Humankapitals“, des „Faktors Arbeit“. Brutal gesagt: Das „Menschenmaterial“, die Ware Arbeitskraft, wird derzeit erbarmungslos „verbrannt“ wie kein zweiter Rohstoff.

Diese Raubbauwirtschaft hat Folgen. Regelmäßig berichten wissenschaftliche Studien von einem dramatischen Anstieg der seelischen und der zumindest seelisch mitbedingten Erkrankungen. Die Deutsche Rentenversicherung registrierte für 2010, dass 20 Prozent ihrer stationären Rehabilitationsmaßnahmen wegen seelischer Probleme durchgeführt worden sind: eine Zunahme um 33 Prozent gegenüber dem Jahr 2000. Im Sommer 2011 hat Deutschlands größte Krankenkasse, die Barmer GEK, bekanntgegeben, dass 1990 3,7 von 1000 Versicherten wegen psychischer Probleme in einem Krankenhaus behandelt werden mussten – zwei Jahrzehnte später, also 2010, waren es 8,5, ein Anstieg um 129 Prozent, also um mehr als das Doppelte. Depressionen und Burnout sind zu Volkskrankheiten geworden. Immer mehr Menschen kommen deswegen hierzulande für immer längere Behandlungen ins Krankenhaus.

Die in meinen Augen wahrscheinlichen Ursachen dieser Entwicklung sind:

  1. das immer höhere Tempo aller sozialen Vorgänge,
  2. die ständige, massive Überflutung mit Reizen aller Art und
  3. die permanente Notwendigkeit von immer intensiveren Synchronisationsleistungen.

Was das im Einzelnen bedeutet, werde ich später erläutern.

Zum Thema Burnout ist zuvor noch eine kurze Erläuterung notwendig: Der Begriff stammt von dem in Frankfurt a. M. geborenen Psychiater Herbert Freudenberger (1926 – 1999). Er beschrieb schon 1974 seine eigene Überforderung und Erschöpfung. Freudenberger, der täglich von 8 Uhr bis 18 Uhr in seiner Praxis arbeitete und danach mehrfach die Woche bis in die Nacht hinein ehrenamtlich in einer Klinik für Drogenabhängige und Obdachlose tätig war, prägte damals den klassischen Satz: „Je müder ich wurde, desto mehr trieb ich mich an“. Der New Yorker Arzt erkannte sehr genau, dass gerade überengagierte, sich um das Gemeinwohl kümmernde Menschen gefährdet sind, sich zu überfordern und die eigenen Kraftreserven raubbauartig aufzubrauchen. Im Originalton: „Genau wegen dieses Engagements tappen wir in die Burnout-Falle. Wir arbeiten zu viel, zu lange und zu intensiv. Wir fühlen einen inneren Druck, zu arbeiten und zu helfen, und wir fühlen einen Druck von außen, zu geben…“

So betrachtet, wäre das Ausbrennen quasi eine Facette des drei Jahre später von dem Münchner Psychotherapeuten Wolfgang Schmidbauer beschriebenen „Helfer-Syndroms“ („Die hilflosen Helfer“, 1977). Aber Vorsicht: Engagierte Helfer und „Kümmerer“ mögen zwar in besonderem Maße gefährdet sein, mit sich selbst und den eigenen Kräften nicht-nachhaltig umzugehen – sie bilden sozusagen eine Hochrisikogruppe. Aber der Umkehrschluss gilt nicht, denn auch andere Menschen sind vom Ausbrennen bedroht, wie der Fall des Fußballtrainers Ralf Rangnick deutlich gemacht hat. Ein überhoher Selbstanspruch ist auch auf anderen Tätigkeitsfeldern als in sozialen Berufen möglich. Hinzu kommt, dass in den fast vierzig Jahren, die seit Freudenbergs und Schmidbauers Publikationen vergangen sind, das gesellschaftliche System sich samt dem ihm zugehörigen Umgangsformen radikal gewandelt hat.

Dieser soziale Wandel hat sich indes nicht aus dem Nichts vollzogen. Der amerikanische Soziologe David Riesman (1909 – 2002) hat in seinem kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Bestseller „Die einsame Masse“ die These gewagt, dass der Charakter des modernen Menschen ein „außengeleiteter“ sei. Nicht innere Konflikte bestimmen unser Leben, sondern der Außendruck, der wirkliche oder vermeintliche Zwang, sich nach den Anderen zu richten. Erscheinungsformen dieses Zwanges sind:

  1. die Beschleunigung aller sozialen Abläufe. Mobilität, das Leitmotiv der Epoche, bedeutet ja, dass immer mehr Handlungsvollzüge und vor allem auch Handlungsoptionen in immer kleinere Zeiteinheiten hineingepackt werden. Die Folge davon sind Eile, Hektik, aber auch permanenter Entscheidungsdruck – und die Angst, das Wichtigste zu versäumen.
  2. Das Grundrauschen unserer Industriezivilisation, die Menge der Sinneseindrücke und Informationen, die auf uns einströmen, hat exponentiell zugenommen (in jedem Laden wird man mit Musik zwangsbeschallt!) und verlangt uns immer öfter ein so genanntes „multitasking“ ab, zu Deutsch: mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, was in der Regel bedeutet, eines davon nicht gut zu bewältigen.
  3. Es wächst die Zahl der Synchronisationsleistungen, die wir erbringen müssen, um am Leben überhaupt teilnehmen zu können – Terminkalender führen, Anrufbeantworter abhören, Formulare ausfüllen usw. usw. Die Vielzahl dieser Leistungen – mit denen ja kein Euro verdient, kein Wert geschaffen wird: sie sind schlicht notwendig, um im mainstream mitzuschwimmen! – entspricht der Überfülle der Gebote, die erfüllt werden müssen, um sich alltagspraktisch „richtig“ zu verhalten (etwa die Notwendigkeit, sich eine Vielzahl von Geheimzahlen, PIN-Nummern und Passwörtern merken zu müssen!) und der unerlässlichen Pflichten, uns in einer oft recht genau bestimmbaren Art zu benehmen, wenn wir uns der jeweiligen Kultur oder Subkultur zugehörig fühlen wollen. All das macht müde, erschöpft, unzufrieden. Aber noch mehr: Gerade bei den sensibleren Naturen entsteht oft ein Gefühl der inneren Leere, der Sinnlosigkeit, aber auch jener Ich-Abwertung, die häufig den ersten Schritt auf dem Weg in die Depression bildet.

Zusammengefasst: Die Kultur der Moderne, unsere technokratische Multi-Options-Gesellschaft, wirkt gerade durch ihre verwirrende Überfülle an Angeboten, Stimuli und Möglichkeiten wie eine riesige Vakuum-Pumpe, ein „Exhauster“, der durch seinen Sog unsere innere Stabilisierung durch traditionelle „Ich-Leistungen“ aus ihrer Balance wirbelt. Und wenn diese Stabilisierungsvorgänge nicht mehr oder nur unzureichend funktionieren, wird es äußeren Instanzen leicht gemacht, die Kontrolle über unser inneres Leben zu übernehmen. Es ist daher nicht mehr – oder jedenfalls nur vergleichsweise selten – der klassische „neurotische Konflikt“ mit seinen Folgeerscheinungen (etwa den von Sigmund Freud und Joseph Breuer 1895 beschriebenen Konversionssymptomen), der die seelische Realität der Menschen von heute bestimmt, sondern die auf das verzweifelte Bemühen nach „Dabei-Sein“, nach Mit-tun immer öfter folgende Ermattung, die Erschöpfung, das „Burnout-Syndrom“ und die depressive Herabgestimmtheit aller Art. Überforderung und Übermüdung statt innerem Zwiespalt, statt Widerstreit von „Pflicht und Neigung“, wie es in der Sprache der Klassiker und des deutschen Idealismus hieß. An die Stelle von „Herkules am Scheidewege“ tritt „Herkules, der Überforderte und Ausgebrannte“ – ein trauriger Held der Gegenwart, der sich in seinem Wunsch nach Ruhm, Anerkennung und erfolgreichem Mithalten im Lebenskampf schlicht und einfach zuviel zugemutet hat.

Droht unserer Republik also der seelische Zusammenbruch? Ich halte das für durchaus möglich. Aber was hilft?

„Wacht auf, – denn eure Träume sind schlecht!“, rief der heute leider weitgehend vergessene Dichter Günter Eich (1907 – 1972) seinen Lesern zu. Die Mahnworte waren damals als Warnruf angesichts des atomaren Wettrüstens zu verstehen; rund 70 Jahre später taugen sie auch als Appell angesichts der Technisierung des Lebens schlechthin:

„Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“

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