Oliver Nagel

Det fiel ma uff: Was ich zur Urheberrechtsdebatte zu sagen habe

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Lange habe ich gezögert, mich von der grassierenden Stellungnahme-Epidemie anstecken zu lassen, die offenbar gerade viele Menschen zwingt, sich zur Debatte um Urheberrecht, Handelsblatt, Piratenpartei, “Gratiskultur” und verlorenen Köpfen zu äußern.

15.04.2012 | 

Das Gezeter und die Propaganda beider Seiten, das “Contentmafia”-Geschrei von der Piraten-Seite genauso wie der vermeintliche Untergang der Zivilisation, den die Verwertungsindustrie geradezu herbeibetet, weil sie ihre Felle davonschwimmen sieht, gehen mir gleichermaßen auf den Zeiger.

Ich lese die ganze Auseinandersetzung um den Handelsblatt-Schmarrn zwar, bevorzugt die Texte, die Stefan Niggemeier in seinem Blog zusammengetragen hat und all das, worauf diese Texte wiederum verweisen. Aber ich bin es absolut müde, mich in diese Diskussion so zu vertiefen, wie ich müsste, um qualifiziert etwas dazu sagen zu können. Wer das erwartet, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen.

Nach Lektüre des Textes von Johnny Haeusler auf Spreeblick aber bin ich zum Schluss gekommen: Am meisten geht es mir auf den Zeiger, dass ich mittlerweile zum Juristen, Wirtschaftsexperten und womöglich Philosophen werden muss, um weiter das machen zu können, was ich schon seit zig Jahren mache. Und was ich für so legitim halte, dass ich darüber genauso wenig reden möchte wie darüber, dass ich als Radfahrer nicht nachts an einer leeren Kreuzung vor einer roten Ampel stehen bleibe.

Heißt: Aus meiner Lebensrealität, aus dem Alltag eines sowohl kreativ schaffenden Menschen, der gerne für seine Arbeit bezahlt werden möchte, als auch aus meinem Alltag als Konsument (was nicht voneinander zu trennen ist), hat sich ein Umgang mit Medieninhalten ergeben, der mit den Buchstaben des Gesetzes hin und wieder genau so in Konflikt gerät wie ich als Fahrradfahrer mit der StVO kollidiere.

Genau aus dieser völlig subjektiven, privaten Perspektive, die auch den Kern dieses Blogs betrifft, möchte ich jetzt ein paar Worte sagen.

1. Ja, vieles von dem, was ich hier auf Britcoms.de bespreche, kommt aus dunklen Quellen. Zunächst. Allerdings: die 2,40 Meter auf 2,10 Meter DVDs, die hinter meinem Fernseher stehen, hätte mir die Kulturindustrie gewiss nicht verkaufen können, hätte ich den Krempel nicht vorher irgendwo angesehen. Das ist der Gegenwert eines neuen Mittelklassewagens, den ich da in Raten an die Kreativen und die Firmen, die von den Kreativen leben, überwiesen habe. Minimum. Da ist noch gar nicht inbegriffen, was ich für Kino, Musik, Internet, (deutsches) Fernsehen und Bücher ausgebe. Ich bin es absolut leid, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich amerikanische und britische Fernsehinhalte sofort sehen will und nicht erst, wenn ZDF.neo sie schlecht synchronisiert zu nachtschlafender Stunde versendet.

Wie es mein Rechtsempfinden treffen würde, sollte ich je abgemahnt werden für etwas, das ich nicht nur längst via DVD bezahlt habe, sondern womöglich qua Empfehlung hier im Blog auch noch zu verkaufen geholfen habe, wage ich nicht vorauszusehen.

2. Ich schreibe selbst fürs Fernsehen und für Print (ein Buch, an dem ich mitgeschrieben habe, ist in Vorbereitung), meine Frau ist (vorwiegend Print-) Journalistin und Vorstandsmitglied bei den Freischreibern. Aus unserer täglichen Erfahrung kann ich sagen: Das Problem der Urheber ist nicht der Piraten-Punk, der sich Texte umsonst aus dem Internet zieht. Das Problem sind Verwerter, die für Texte nichts mehr bezahlen möchten.

Das Problem sind Knebelverträge, mit denen sämtliche Weiterverwertungen einmal geschriebener Texte an Verlage abgetreten werden sollen. Sei es Weiterverwertung im Internet, in Tageszeitungen, die mit den Zeitungen verschwistert sind, wo der Text zuerst erschienen ist, sei es sogar in Büchern oder in Online-Archiven, die zwar von Nutzern bezahlt werden müssen, die etwas suchen wollen, aber von diesem Geld nichts an die Autoren weitergeben, die all die schönen archivierten Texte geschrieben haben. Das ist die Kostenlos-Kultur, die tatsächlich zu geißeln wäre.

Als Fernsehautor wiederum leuchtet es mir absolut kein bisschen ein, warum etwa “Tatort”-Autoren überhaupt einen offenen Brief zum Thema bösböse Gratiskultur schreiben sollten. Werden Fernsehautoren für ihre Bücher nicht schon bei Abnahme bzw. Ausstrahlung bezahlt? Ich jedenfalls schon. Mit ist es persönlich eher schnurz, ob sich jemand das runterlädt, was ich geschrieben habe — mein Geld habe ich dann schon bekommen. Und zwar nachdem ich einen Total-Buyout-Vertrag unterschrieben habe, der mir sämtliche Verwertungsrechte abgenommen hat.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Ich mache Privatkopien, seit ich denken kann. Ich habe beim letzten Umzug selbst aufgenommene VHS-Kassetten weggeworfen, die drei große blaue Müllsäcke vollgemacht haben, ich habe exzessiv Mixtapes aufgenommen und mir schon mit zehn Jahren Audiokassetten mit Popmusik illegal aus dem Radio runtergeladen (Bayern 3).

Ich sehe, dass Menschen in meiner Umgebung den Glauben an den Rechtsstaat (wo nicht die Zivilisation) verlieren, weil sie sich einmal dusseligerweise eine CD mit 100 Stücken deutscher Unterhaltungsmusik aus dem Netz gezogen haben (um sie im Büro als Hintergrundbeschallung statt Radio abzuspielen) und nun Monat für Monat von immer neuen Verbrecher-Kanzleien Abmahnungen über je 400.- Euro erhalten. Kein Ende abzusehen.

Und ich sehe freie Autoren, die trotz größtem Arbeitseifer kaum noch Honorare erhalten, von denen sie leben können, weil Verlage mittlerweile ihre Qualitätszeitungen von Rentnern und Freiwilligen kostenlos vollschreiben lassen (“Leserreporter”). Das sind, ich wiederhole mich, die Verlage, die fremder Leute Texte ungefragt an Dritte verscherbeln. Und anschließend über die Kostenloskultur heulen.

P.S. In der ursprünglichen Version dieses Textes war noch ein Absatz darüber, dass ich in meiner Arbeit als Autor versucht hätte, den Stil und die Witze der von mir bewunderten (Titanic-)Autoren zu kopieren. Diesen Absatz habe ich wieder entfernt, weil er mir zu missverständlich erschien. Aber tatsächlich gehört dieses Thema entscheidend zu meiner Perspektive auf den Themenkomplex Urheberrecht/Kopieren: dass jeder Künstler, jeder Kreative zunächst das imitiert, mithin kopiert, was er gerne liest/sieht/hört. So fängt jeder einzelne Kreative an: dass er so sein möchte wie seine Helden.

Und natürlich gehört auch die Frage dazu, ob nicht auch Parodien wie “Switch Reloaded” im Grunde von der Arbeit anderer Autoren leben, die die parodierten Figuren und Geschichten ja schließlich erfunden haben. Es baut halt alles aufeinander auf, alles Neue lebt vom und durch das Alte. That’s Dialektik. Vielleicht sollte ich dem mal einen eigenen Blogeintrag widmen.

Crosspost von britcoms.de

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17 Kommentare

  1. A. G. |  15.04.2012 | 18:31 | permalink  

    Ich finde, die Urheberrechtsdebatte nimmt mit dem Haeusler-Text und diesem hier eine interessante Wende. :)

    Die Freaks, die sich die Festplatten mit Gigabytes zuknallen, nutzen davon ohnehin nur einen Bruchteil. Es liegt mehr am technischen Interesse selbst was ‚herstellen‘ zu können und dem Haben als dem Nutzen. Die Verwertungsindustrie beruft sich auf die kopierten Datenmengen, um die Schadenssumme zu pushen.

    Der Konsument zahlt grundsätzlich – wie Hauesler ausführlich darstellt – ´ne Menge für Werke, sofern möglich. Genau, nicht die bösen Kopierer sind’s, sondern das Über- und Unterordnungsverhältnis zwischen Verwertern und Urhebern. Ran an die Verwerter!? Die schaffen es geschickt mit Giga-Schadenssummen und einem LSR einen auf betroffen zu machen. Mehr von solchen Blog-Texten.

  2. Linksammlung Urheberrecht |  15.04.2012 | 18:45 | permalink  

    [...] “Det fiel ma uff: Was ich zur Urheberrechtsdebatte zu sagen habe” (15.4.2012, Oliver Nagel, carta.info) [...]

  3. Henry Steinhau |  15.04.2012 | 19:14 | permalink  

    Guter Text. Den folgenden Absatz würde ich aber gerne verlängert wissen. „Das Problem der Urheber ist nicht der Piraten-Punk, der sich Texte umsonst aus dem Internet zieht. Das Problem sind Verwerter, die für Texte nichts mehr bezahlen möchten.“
    Und zwar: „Und die Verwerter bezahlen so lange nichts mehr für Texte, wie es Text-Anbieter gibt, die für wenig oder eben gar keine Bezahlung etwas liefern, was wiederum den Ansprüchen der Verwerter genügt, um wiederum den Ansprüchen ihrer Leser/Zuschauer/Hörer zu genügen.“
    Wer also tritt aus dieser Kausalkette als erstes aus dem Glied und verweigert sich den scheinbaren Markt-Mechanismen?
    DIE KONSUMENTEN, indem sie bevorzugt „fair gehandelte“ Textprodukte kaufen, und lieber mehr oder gar viel bezahlen? (Biolebensmittel-Modell)
    DIE PROFESSIONELLEN TEXTPRODUZENTEN, indem sie sich allen Dumpings verweigern, und lieber gar nichts verkaufen als zu billig?
    DIE ANSTÄNDIGEN VERWERTER, indem sie fair honorieren und hochpreisig verkaufen, und lieber Nischen- als Massenmärkte bedienen?
    In einer idealen Welt gäbe es keine piratesken – oder wollte ich sagen pittoresken? – Streits sondern eine entschlossene Phalanx von allen drei Gruppen, die sich konstruktiv einigten – und der die Politik dann gefälligst zu folgen hätte …
    „You may say, I’m a dreamer …“

  4. Michael Bechtel |  15.04.2012 | 19:24 | permalink  

    “Das Problem sind Verwerter, die für Texte nichts mehr bezahlen möchten.“ Weil sie glauben, es sich angesichts der Vielzahl von Billigtextanbietern leisten zu können – sich dann aber wundern, dass die Nutzer für das Zeug von Textanbietern, die für wenig oder eben gar keine Bezahlung etwas liefern, eben auch kein Geld bezahlen wollen!
    “Es baut halt alles aufeinander auf, alles Neue lebt vom und durch das Alte. That’s Dialektik. Vielleicht sollte ich dem mal einen eigenen Blogeintrag widmen.” Ja, ich bitte darum!

  5. weiterer guter text zur urheberrechtsdebatte | neues aus der roiberhöhle |  15.04.2012 | 20:12 | permalink  

    [...] weiterer guter text zur urheberrechtsdebatte Categories: Allgemein link | kommentieren | 0x gelesen 15 Apr ’12 ← Late, Sunday evening There’s no way I’m gonna be sleeping [...]

  6. Was ich zur Urheberrechtsdebatte zu sagen habe « Das Urheberrecht |  15.04.2012 | 20:36 | permalink  

    [...] weil sie ihre Felle davonschwimmen sieht, gehen mir gleichermaßen auf den Zeiger, schreibt Oliver Nagel auf seinem Blog Carta. Sharen mit:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser gefällt. Getaggt [...]

  7. Thomas Arbs |  15.04.2012 | 21:34 | permalink  

    Ich finde viel Verlängernswertes in dem Absatz, den du nicht geschrieben zu haben schriebst. Er paßt zu dem, was mir gerade heute beim Backen durch den Kopf ging: Das gegenwärtige Urheberrecht, an das sich einige klammern, und das andere verworfen wissen wollen, spiegelt doch nur einen winzigen Ausschnitt der Zeitachse wider, dummerweise den Beginn der Lebenswirklichkeit unserer Generation. Frühere Autoren hatten keinen Urheberrechtsschutz (Karl May schrieb einmal, als er bereits sehr erfolgreich war, einen langen Fortsetzungsroman und erhielt dafür 35.000 Mark, damals ein Vermögen, sein Verleger aber machte Millionen), kein Autor hat einen anderen Urheberrechtsschutz als genau diesen – auch keinen, der vielleicht weiter gehen könnte als dieser.

    Womit wir bei meiner Keksbäckerei wären: Die Autorin des Kochbuchs, zufällig kenne ich sie persönlich, hat genau einmal Geld erhalten, als ich das Kochbuch kaufte (weil sie Selbstverlegerin ist, ich weiß, der Regelfall wäre, sie hätte genau ein- bis zweimal Geld erhalten, nämlich als sie es ablieferte und als ich es kaufte). In keinem Fall erhält sie Geld, wenn ich eins der Rezepte backe. Selbst die schärfsten Verwertungssheriffs wollen kein Geld sehen, wenn ich ein einmal gekauftes Buch nach ein paar Jahren ein zweites Mal lese, eine Schallplatte heute noch einmal auflege. Ein Buch enthält Tips, die mir ausnahmsweise wirklich nutzen und mich unermeßlich reich, sexy und erfolgreich machen? Mein Glück, nicht das des Autors. (Wobei ich wette, dass es jetzt irgendwo einen Urheber gibt, der denkt, Mist, warum bin ich darauf nicht gekommen?)

    Dass es genau diese Form des Urheberrechts ist, nicht mehr, nicht weniger, an der wir festhalten, ist also letztlich zufällig. Auch das sollten wir nicht vergessen.

  8. Mahdi |  15.04.2012 | 22:27 | permalink  

    “Es baut halt alles aufeinander auf, alles Neue lebt vom und durch das Alte.” Genau dies versteht kein Mensch, ein Blog darüber wäre super :)

  9. Siegfried Brzoska |  16.04.2012 | 07:24 | permalink  

    Vielen Dank für die Erlebnisberichterstattung eines aktiven Kreativen. “Es baut halt alles aufeinander auf, alles Neue lebt vom und durch das Alte.” … dem kann ich nur zustimmen!

  10. Lies mal… » Blog Archive » Det fiel ma uff: Was ich zur Urheberrechtsdebatte zu sagen habe |  16.04.2012 | 09:12 | permalink  

    [...] etwas dazu sagen zu können. Wer das erwartet, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen. [weiterlesen...] Tags: Stefan Niggemeier, Urheberrecht, Verwertungsrechteabgelegt in Blogs, Medien, Politik [...]

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  13. Inna |  16.04.2012 | 21:31 | permalink  

    Hmm, finde etwas schade, dass die Möchtegerne-Autoren, Küns-Bustler und andere Hobby-Kreativen als Kronzeugen in der Urheberrechtsdebatte auftreten…

  14. Oliver Nagel |  16.04.2012 | 21:43 | permalink  

    Hauptsache keine Vollblutsängerinnen mit Herz, Leidenschaft und Verstand.

  15. Urheberrechtsdebatte: Die Zwischenlinie, und noch etwas mehr. — 48techblog |  18.04.2012 | 09:51 | permalink  

    [...] Oliver Nagel “Det fiel ma uff”: “Aus meiner Lebensrealität, aus dem Alltag eines sowohl kreativ schaffenden Menschen, der gerne für seine Arbeit bezahlt werden möchte, als auch aus meinem Alltag als Konsument (was nicht voneinander zu trennen ist), hat sich ein Umgang mit Medieninhalten ergeben, der mit den Buchstaben des Gesetzes hin und wieder genau so in Konflikt gerät wie ich als Fahrradfahrer mit der StVO kollidiere.” Nur ich darf klauen, du nicht. Und ASCII-Art zählt sowieso nicht. [...]

  16. Urheberrechtsdebatte: Verhärtete Fronten | Sleepless Darkhorse |  11.08.2012 | 22:16 | permalink  

    [...] Sascha Lobo in seiner Spiegel Online Kolumne, aber auch Johnny Haeusler auf Spreeblick oder Oliver Nagel im Internetportal [...]

  17. Urheberrecht: Verhärtete Fronten | Sleepless Darkhorse |  12.08.2012 | 16:43 | permalink  

    [...] Sascha Lobo in seiner Spiegel Online Kolumne, aber auch Johnny Haeusler auf Spreeblick oder Oliver Nagel im Internetportal [...]

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