Kony? Schon mal irgendwo gehört??

Erinnert sich noch jemand an Mister Kony? Joseph Kony? Vermutlich nicht - denn Ugandas unfassbarer Topterrorist ist aus den Medien wieder verschwunden. Sein Wirken hat die Welt nicht lange erregt. Was die Frage aufwirft, ob Social Media-Hypes mehr sein können als ein Placebo für ein bequemes Gewissen?

Rund 100 Millionen Mal ist das am 5. März auf YouTube hochgeladene Video Kony2012 bislang abgerufen worden. „Kony2012“ – das ist der Name einer Social-Media-Kampagne der amerikanischen Organisation Invisible Children. Deren Ziel ist es nach eigener Aussage, die Festnahme und Verurteilung des ugandischen Rebellenführers und Kriegsverbrechers Joseph Kony zu erreichen, der seit 26 Jahren Afrika unsicher macht, ohne dass man seiner habhaft werden konnte.

Vor einer Woche veröffentlichte Invisible Children nun ein zweites Video, das die Kritiker des ersten beruhigen soll. Es heißt „KONY 2012: Part II – Beyond Famous“ und erhielt bislang 1,5 Millionen Zugriffe.

Angeblich sind aufgrund der Kony-Kampagne 5000 Soldaten von der Afrikanischen Union in Marsch gesetzt worden, die Kony endlich aufspüren und gefangen nehmen sollen. Aber wen interessiert das eigentlich noch? Und: Ist Kony vielleicht nur ein Mittel zu einem ganz anderen Zweck?

Der Berliner Verleger Klaus Bittermann hat Ende 2010 ein Buch verlegt, das den Fall Kony aus einer ziemlich ungewöhnlichen Perspektive schildert. Die britische Klatschreporterin Jane Bussmann hatte sich im Jahr 2003 entschieden, ihr Leben als Promi-Journalistin, die tagaus tagein eitle Hollywood-Stars ertragen muss, zu beenden. Sie bestieg ein Flugzeug, um einen bekannten Friedensaktivisten in Uganda zu interviewen, doch nach ersten Erfahrungen mit dem real existierenden Uganda recherchierte sie lieber einem äußerst merkwürdigen Entführungs-Fall hinterher: Sie wollte wissen, wer in diesem Land 20.000 Kinder entführen kann, ohne dafür belangt zu werden.

Und damit wären wir bei Joseph Kony. Denn dessen Geschichte ist der zentrale Fall in Jane Bussmanns Buch. Die Reporterin lernt bei ihren Recherchen viel über korrupte Regierungen und hilflose Hilfsorganisationen, die „morgens von ihren teuren Hotels aus mit teuren Geländewagen in den Busch fahren, um dort nach dem rechten zu sehen.“

Man lernt auch viel über die Gutgläubigkeit westlicher Helfer, die Ahnungslosigkeit westlicher Medien und die Gründe, warum Joseph Kony bis heute nicht gefasst worden ist. Im April 2010 schrieb Jane Bussmann darüber in der Huffington Post:

„For over twenty years we’ve read about Kony, who one day got dressed up as Milli Vanilli in dreadlocks and Stetson and, with no military training, declared war on Uganda’s president, taking strategic advice from Missing in Action II and an Italian ghost that previously possessed his crazy aunt. The official line is that this obvious conman outsmarted the 40,000 strong Ugandan army, 2 million fellow Northern Ugandans, President Yoweri Museveni, the UK, the US, the Democratic Republic of Congo, the Central African Republic, Norway, all the world’s charities and the Pope for 24 years.“

Erzürnt über diesen seltsamen Umstand, und erbittert über die bigotte Charity-Show hat sich Jane Bussmann anlässlich der aktuellen Kony-Kampagne jetzt noch einmal zu Wort gemeldet. Im Guardian geißelte sie am 3. April die offensichtliche westliche Komplizenschaft mit Ugandas Dauer-Herrscher Museveni, die das Phänomen Kony in beiderseitigem Interesse am Leben hält:

„Kony stopped being solely an African problem when western charities helped Museveni keep 2 million Ugandans in semi-starvation camps at gunpoint while he “looked” for Kony. These “protected villages” were so badly protected that Kony was able to commit massacres inside them, and simply could not have existed without western complicity. It was President Museveni’s job to stop Joseph Kony, but he’d have been an idiot to stop Kony when half his budget came from foreign aid and a fat chunk of that aid was earmarked for the Kony mess…

Meanwhile, out of sight, the fight against Kony was bungled for 26 years. The World Bank funded a rehab centre for children who escaped Kony. Terrific. Who did they pay to run it? Kony’s “Brigadier” Kenneth Banya. Kony ran a city of kids in Sudan, systematically raping thousands; luckily the international community had maps showing its location. Did they rescue the kids? Of course not, no one was looking. The Ugandan government kept 2 million in those semi-starvation camps at gunpoint for 10 years. The UN issued a press release. Demanding the 2 million be released? No, asking the public to send money to feed these people “fleeing Kony”.

Kony, cash cow of charities and bent governments alike.

It’s about time someone took Africa back from Bono and Bob Geldof. Shouldn’t be long before they find a new pastime that fulfils the same masturbatory function: I predict they’ll end up in a 69, happy for the rest of their days.“

 

Literaturempfehlung:

  • Jane Bussmann, The Worst Date ever, Or How It Took A Comedy Writer To Expose Africa’s Secret War’, Pan Macmillan 2009;
  • Jane Bussmann, Von Hollywood nach Uganda, Kriegsverbrechen, Filmstars und andere Abscheulichkeiten, Edition Tiamat, Berlin 2010, 20 €;