Die Überreaktion auf Günter Grass ist dämlich

Ziemlich unsouverän reagiert die israelische Regierung auf die unpräzise Kritik des Literatur-Nobelpreisträgers. Sie erklärt Grass einfach zur unerwünschten Person.

Günter Grass hat ohne Zweifel eine Dummheit begangen. Ohne Not hat er ein Tabu gebrochen, das nie existiert hat. Seit Beginn der Präsidentschaft Mahmud Ahmadinedschads im Jahr 2005 wird über die Vorbereitung eines Präventivkrieges gegen Iran geredet und geschrieben (es hat nur bislang niemanden vom Hocker gerissen): Der bekannte Enthüllungs-Journalist Seymour Hersh hat über Kriegsvorbereitungen berichtet, ebenso der Sunday Telegraph, die New York Times oder die Sunday Times. In der New York Times wurde z.B. über die Manöver auf Kreta geschrieben, mit denen Israel den Angriff auf Irans Nuklearanlagen übe („Glorreicher Spartaner 08“).

Daniel Ellsberg, in Zeiten des Vietnamkriegs Enthüller der Pentagon-Papiere, heute Träger des Alternativen Nobelpreises, schrieb schon im Dezember 2006 über konkrete US-Pläne für einen „Atomkrieg“ gegen Iran. Der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Michel Chossudovsky warnte nicht nur vor dem präventiven Atomkrieg im Nahen Osten, er sprach gleich vom bevorstehenden „Dritten Weltkrieg“.

Eine seltsame Melange aus sehr linken und sehr rechten Analysten heizt das Thema immer aufs Neue an. Denn die Falken auf beiden Seiten wissen: Nur durch öffentliche Atomkriegs-Spielchen (und die daraus resultierenden Ängste in der Bevölkerung) können sich Netanjahu und Ahmadinedschad in ihren Ämtern halten. Auch die Springer-Presse mischt da kräftig mit. Im Sommer 2008 berichtete die Welt am Sonntag über den „kommenden Atomkrieg zwischen Iran und Israel“; vor wenigen Monaten, im November 2011, bezeichnete die Welt einen israelischen Angriff auf die Nuklearanlagen Irans als wahrscheinlich, die BILD-Zeitung legte drei Tage später nach und dozierte: „So könnte ein Atomkrieg die Welt erschüttern“.

Doch die Meldungen erschütterten niemanden. Außer Grass. Er nahm das perfide Atomkriegs-Spiel der politischen Falken (und ihrer Strippenzieher) ernst. In jenen aufgeladenen November-Tagen könnte auch das umstrittene Gedicht erste Form angenommen haben. Grass war wütend, weil auf die Schreckens-Berichte kein Aufschrei folgte. Kein Politiker (ausgenommen der greise Fidel Castro) intervenierte öffentlich. Die EU? Schwieg. Die deutsche Regierung? Schwieg. Die deutsche Opposition? Schwieg.

Günter Grass aber, der sich schon immer gegen atomare Bewaffnung und atomare Kriegsvorbereitungen eingesetzt hatte – 1984 demonstrierte er in Mutlangen vor den Pershing-Depots -, wollte gegen das Schweigen etwas unternehmen. Als Schriftsteller, der die Einmischung in öffentliche Angelegenheiten als Bürgerpflicht begreift, bezog er Stellung. Dass ihm die Wortwahl dabei etwas verrutschte, dass er meinte, seine Warnung vor der Kriegsgefahr im Nahen Osten auch noch mit der deutschen Vergangenheit, der befürchteten atomaren Auslöschung ganzer Völker und dem Holocaust anreichern zu müssen, ist sicher seinem Jahrgang und seiner konkreten Erfahrung mit der Apokalypse des Zweiten Weltkriegs geschuldet.

Ist das für uns Nachgeborene so unannehmbar? Muss man in der Empörung über ein Gedicht (!) zu derart peinlichen Verbalexzessen Zuflucht nehmen, ja sogar Denkmalschändung betreiben?

Wenn die israelische Regierung jetzt ein Einreiseverbot gegen Günter Grass verhängt, so begeht sie einen schweren Fehler. Wenn der israelische Innenminister Eli Jischai (von der orthodoxen Schas-Partei) ätzt, Grass möge „seine verdrehten und lügnerischen Werke“ von nun an vom Iran aus verbreiten, da würde er sicher ein gewogenes Publikum finden, dann verkennt er zweierlei – von der hämischen Herabsetzung der Lebensleistung eines engagierten und weltweit geehrten Demokraten einmal abgesehen: Das iranische Volk und die iranische Regierung darf man ebenso wenig gleichsetzen wie das israelische Volk und seine derzeitige Regierung. Könnten beide Völker angstfrei wählen, würden sie ihre Falken-Regierungen wahrscheinlich lieber heute als morgen in Rente schicken.

Das ist es, was Günter Grass hätte sagen sollen. Er hatte nicht die Kraft dazu. Jetzt rudert er zurück und bemüht sich, sein Gedicht zu erklären. Aber muss man diesen Mann deshalb derart lustvoll (und rachsüchtig) mit Jauche übergießen? Die Reaktionen deutscher Kritiker, die jedes Maß vermissen lassen, sind schon erstaunlich genug. Aber dass der Vertreter eines souveränen Staates derart unsouverän reagiert, ist peinlich. Diese überzogene Haupt- und Staatsaktion beleidigt all jene israelischen Bürger, die mit ihrer dialog-unfähigen Regierung höchst unzufrieden sind. Einen Schriftsteller, der sich ein Leben lang für das Existenzrecht Israels eingesetzt hat, sperrt man nicht aus, nur weil er ein missliebiges Gedicht geschrieben hat. Man lädt ihn ein und redet mit ihm.

Update 12.4.: Möglicherweise gibt es nun ein Treffen zwischen Grass und dem israelischen Innenminister “auf neutralem Boden” – vorher haben beide Seiten aber verbal noch einmal nachgelegt – Nachhutgefechte.