Wolfgang Michal

Die Überreaktion auf Günter Grass ist dämlich

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Ziemlich unsouverän reagiert die israelische Regierung auf die unpräzise Kritik des Literatur-Nobelpreisträgers. Sie erklärt Grass einfach zur unerwünschten Person.

08.04.2012 | 

Günter Grass hat ohne Zweifel eine Dummheit begangen. Ohne Not hat er ein Tabu gebrochen, das nie existiert hat. Seit Beginn der Präsidentschaft Mahmud Ahmadinedschads im Jahr 2005 wird über die Vorbereitung eines Präventivkrieges gegen Iran geredet und geschrieben (es hat nur bislang niemanden vom Hocker gerissen): Der bekannte Enthüllungs-Journalist Seymour Hersh hat über Kriegsvorbereitungen berichtet, ebenso der Sunday Telegraph, die New York Times oder die Sunday Times. In der New York Times wurde z.B. über die Manöver auf Kreta geschrieben, mit denen Israel den Angriff auf Irans Nuklearanlagen übe („Glorreicher Spartaner 08“).

Daniel Ellsberg, in Zeiten des Vietnamkriegs Enthüller der Pentagon-Papiere, heute Träger des Alternativen Nobelpreises, schrieb schon im Dezember 2006 über konkrete US-Pläne für einen „Atomkrieg“ gegen Iran. Der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Michel Chossudovsky warnte nicht nur vor dem präventiven Atomkrieg im Nahen Osten, er sprach gleich vom bevorstehenden „Dritten Weltkrieg“.

Eine seltsame Melange aus sehr linken und sehr rechten Analysten heizt das Thema immer aufs Neue an. Denn die Falken auf beiden Seiten wissen: Nur durch öffentliche Atomkriegs-Spielchen (und die daraus resultierenden Ängste in der Bevölkerung) können sich Netanjahu und Ahmadinedschad in ihren Ämtern halten. Auch die Springer-Presse mischt da kräftig mit. Im Sommer 2008 berichtete die Welt am Sonntag über den „kommenden Atomkrieg zwischen Iran und Israel“; vor wenigen Monaten, im November 2011, bezeichnete die Welt einen israelischen Angriff auf die Nuklearanlagen Irans als wahrscheinlich, die BILD-Zeitung legte drei Tage später nach und dozierte: „So könnte ein Atomkrieg die Welt erschüttern“.

Doch die Meldungen erschütterten niemanden. Außer Grass. Er nahm das perfide Atomkriegs-Spiel der politischen Falken (und ihrer Strippenzieher) ernst. In jenen aufgeladenen November-Tagen könnte auch das umstrittene Gedicht erste Form angenommen haben. Grass war wütend, weil auf die Schreckens-Berichte kein Aufschrei folgte. Kein Politiker (ausgenommen der greise Fidel Castro) intervenierte öffentlich. Die EU? Schwieg. Die deutsche Regierung? Schwieg. Die deutsche Opposition? Schwieg.

Günter Grass aber, der sich schon immer gegen atomare Bewaffnung und atomare Kriegsvorbereitungen eingesetzt hatte – 1984 demonstrierte er in Mutlangen vor den Pershing-Depots -, wollte gegen das Schweigen etwas unternehmen. Als Schriftsteller, der die Einmischung in öffentliche Angelegenheiten als Bürgerpflicht begreift, bezog er Stellung. Dass ihm die Wortwahl dabei etwas verrutschte, dass er meinte, seine Warnung vor der Kriegsgefahr im Nahen Osten auch noch mit der deutschen Vergangenheit, der befürchteten atomaren Auslöschung ganzer Völker und dem Holocaust anreichern zu müssen, ist sicher seinem Jahrgang und seiner konkreten Erfahrung mit der Apokalypse des Zweiten Weltkriegs geschuldet.

Ist das für uns Nachgeborene so unannehmbar? Muss man in der Empörung über ein Gedicht (!) zu derart peinlichen Verbalexzessen Zuflucht nehmen, ja sogar Denkmalschändung betreiben?

Wenn die israelische Regierung jetzt ein Einreiseverbot gegen Günter Grass verhängt, so begeht sie einen schweren Fehler. Wenn der israelische Innenminister Eli Jischai (von der orthodoxen Schas-Partei) ätzt, Grass möge „seine verdrehten und lügnerischen Werke“ von nun an vom Iran aus verbreiten, da würde er sicher ein gewogenes Publikum finden, dann verkennt er zweierlei – von der hämischen Herabsetzung der Lebensleistung eines engagierten und weltweit geehrten Demokraten einmal abgesehen: Das iranische Volk und die iranische Regierung darf man ebenso wenig gleichsetzen wie das israelische Volk und seine derzeitige Regierung. Könnten beide Völker angstfrei wählen, würden sie ihre Falken-Regierungen wahrscheinlich lieber heute als morgen in Rente schicken.

Das ist es, was Günter Grass hätte sagen sollen. Er hatte nicht die Kraft dazu. Jetzt rudert er zurück und bemüht sich, sein Gedicht zu erklären. Aber muss man diesen Mann deshalb derart lustvoll (und rachsüchtig) mit Jauche übergießen? Die Reaktionen deutscher Kritiker, die jedes Maß vermissen lassen, sind schon erstaunlich genug. Aber dass der Vertreter eines souveränen Staates derart unsouverän reagiert, ist peinlich. Diese überzogene Haupt- und Staatsaktion beleidigt all jene israelischen Bürger, die mit ihrer dialog-unfähigen Regierung höchst unzufrieden sind. Einen Schriftsteller, der sich ein Leben lang für das Existenzrecht Israels eingesetzt hat, sperrt man nicht aus, nur weil er ein missliebiges Gedicht geschrieben hat. Man lädt ihn ein und redet mit ihm.

Update 12.4.: Möglicherweise gibt es nun ein Treffen zwischen Grass und dem israelischen Innenminister “auf neutralem Boden” – vorher haben beide Seiten aber verbal noch einmal nachgelegt – Nachhutgefechte.

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25 Kommentare

  1. reg4tel |  08.04.2012 | 19:23 | permalink  

    Heute Morgen ließ Bundesaußenminister Westerwelle per “BamS” Günter Grass noch belehren, es sei “absurd, Israel und Iran moralisch auf eine Stufe zu stellen”. Wie um ihn zu widerlegen, reagierte das israelische Innenministerium um 11 Uhr auf eine Art, wie man sie eigentlich eher vom iranischen Regime erwartet haben würde.

    Im Übrigen widerspricht Westerwelles Standpunkt flagrant dem Grundgesetz des Völkerrechts und dem Geist der westfälischen Ordnung, der souveränen GLEICHHEIT aller Staaten. In einem Konflikt der einen von zwei Seiten die moralische Berechtigung abzusprechen, hat noch immer in die bewaffnete Auseinandersetzung geführt. Westerwelle operiert auf dem Boden der Schurkenstaaten-Doktrin der US-Außenpolitik und sicherheitspolitischem Stammtischniveau; sein Vorbild Genscher dürfte über Westerwelle entsetzt sein.

  2. Christian Benduhn |  08.04.2012 | 19:59 | permalink  

    Grass habe sich lebenslang für das Existenzrecht Israels eingesetzt, schreiben Sie. Dann bringen Sie doch bitte mal die Zitate, die diese Behauptung belegen.

  3. Jonathan |  08.04.2012 | 20:00 | permalink  

    …. wobei “angstfrei wählen” im Iran wohl eher durch inneren politischen Druck erzeugt wird, während in Israel höchstens die Angst vor den Nachbarn + mediale Propaganda der Falken Angst erzeugt. In Israel wird niemand bedroht, wenn er die Linke wählt. Das ist eine unzulässige Gleichsetzung im Artikel!

  4. Daniel Leisegang |  08.04.2012 | 20:15 | permalink  

    Ich kann das Gedicht von Günter Grass wie auch die Debatte darum nicht besonders ernst nehmen. Dennoch habe ich Schwierigkeiten, Grass hier einfach zu entlasten.

    “Dass ihm die Wortwahl dabei etwas verrutschte, dass er meinte, seine Warnung vor der Kriegsgefahr im Nahen Osten auch noch mit der deutschen Vergangenheit, der befürchteten atomaren Auslöschung ganzer Völker und dem Holocaust anreichern zu müssen, ist sicher seinem Jahrgang und seiner konkreten Erfahrung mit der Apokalypse des Zweiten Weltkriegs geschuldet.”

    Da machst Du es Dir etwas leicht, finde ich. Grass stilisiert “uns” als mögliches Opfer eines drohenden israelischen Atomangriffs auf Iran (“an deren Ende als Überlebende / wir allenfalls Fußnoten sind”).

    Es gibt jedoch zum einen keinen ernst zu nehmenden Hinweis darauf, dass Israel einen atomaren Angriff gegen den Iran plant. Vielmehr ist von einem Präventivschlag gegen die vermeintlichen Atomanlagen Irans die Rede gewesen (mit wahrscheinlich äußerst dramatischen Folgen für die ganze Welt). Und in der Tat hat das Säbelrasseln in den vergangenen Wochen zugenommen. Ein Krieg vor den US-Wahlen ist dennoch eher unwahrscheinlich.

    Grass’ Behauptung eines drohenden Atomkriegs stimmen also nicht. Sie ist aber Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Und diese haben es im Kern in sich. Denn Grass Gedicht erfüllt zum zweiten die Kriterien eines sekundären Antisemitismus: Der Dichter möchte sich seines “Makels” und/oder der deutschen Täterschuld entledigen, indem er auf Israel zeigt und sich selbst als mögliches Opfer eines atomaren Holocaust beschreibt. Und das kann man nicht einfach beiseite wischen.

    “Könnten beide Völker angstfrei wählen, würden sie ihre Falken-Regierungen wahrscheinlich lieber heute als morgen in Rente schicken.”

    Auch hier habe ich Zweifel. Zumindest in Israel existiert doch seit Jahren keine ernst zu nehmende Friedensbewegung. Im Gegenteil ist die Linke dort arg geschwächt. Im übrigen: Die Drohungen des iranischen “Maulhelden” sind äußerst real. Angstfrei würde ich in Israel auch nicht leben. Dennoch wäre ich sehr an Friedensgesprächen interessiert. Eine anderen Ausweg gibt es nicht.

  5. Wolfgang Michal |  08.04.2012 | 22:34 | permalink  

    Lieber Herr Benduhn,
    ich weiß, Sie verlangen gerne Belege. Und Sie haben recht damit. Also:

    1967 hielt Grass auf einer Israelreise sowohl in Tel Aviv als auch in Jerusalem seine „Rede von der Gewöhnung“ (siehe FAZ, 20.3.1967); kurze Zeit später, im gleichen Jahr, folgte die Rede „Wir und Israel“ („Das Land Israel wurde seit Wochen mit Krieg bedroht…Ich bitte besonders die Schüler, Lehrlinge und Studenten dringlich, Adolf Arndts Aktion ‚Hilfe für Israel’ von früh bis spät zu unterstützen…Wir können helfen, wir dürfen helfen, wir müssen helfen…“ Die Rede endet folgendermaßen: „Abseits aller Ideologien, die nur schwarz und weiß kennen, also mündig ergreifen wir Partei für ein Land, dessen Freiheit und Existenz bedroht war und ist. Frieden für Israel: Schalom.“) Das war auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, zu einer Zeit also, als das Palästinenserproblem und der Schah von Persien die Studenten sehr viel mehr interessierten.

    Aber, Herr Benduhn, vermutlich verlangen Sie noch mehr Belege. Bitte:

    Im Dezember 1973 – Grass hatte Israel zuvor drei Mal besucht – veröffentlichte er den Essay „Israel und ich“. Der Text beginnt so: „Seitdem ich das (nach christlichem Kalender) zu Ende gehende Jahr in einem Aufsatz überdenke, umkreisen meine Überlegungen – obgleich es folgenschwere Anlässe genug gegeben hat – den letzten Nahostkrieg und die Zukunft des Staates Israel.“ Zentraler Satz ist ein Wort von Bundeskanzler Willy Brandt, den er im Juni 1973 auf seiner Israelreise begleitet hat: „Das Existenzrecht des Staates Israel kann nur durch einen Friedensvertrag gesichert werden“ (der Bezug zu Brandts Ostpolitik war offensichtlich. Auch Israel, so der Tenor, bräuchte eine aktive Ostpolitik).

    Im September 1985 befasst sich Grass mit „Ein Jahrhundert jüdisch-deutsche Geschichte“. Letzter Satz des Redners: „Anlässlich einer Familienfeier wünscht er (Grass) seinen Enkeln und Urenkeln, ‚dass sie eine Zeit erleben sollten, in der Israel in Frieden mit seinen Nachbarn leben würde’.“

    Diese „Belege“ sind natürlich nur das Ergebnis einer oberflächlichen Suche in meinen Beständen. Es gibt sicher noch mehr. Aber vielleicht genügt Ihnen das fürs erste?

    Grass hat natürlich auch nie mit Kritik an Israel gespart. Weder 1967 noch heute. Diese Werke sollten seine Kritiker wenigstens kennen. Ein bisschen mehr Respekt vor diesem Mann wäre angebracht.

    @Daniel: Nein, ich mache es mir nicht leicht. Ich halte – wie Du – einen atomaren Krieg für eher unwahrscheinlich. Warum, das steht oben im Text. Aber ich kann eine Generation verstehen, die sich da nicht so sicher ist wie wir – schließlich passierte in deren Lebenszeit so manches, was vorher ziemlich unwahrscheinlich klang.

  6. Daniel Leisegang |  08.04.2012 | 23:14 | permalink  

    Ich habe nichts dagegen, wenn Grass auf die Gefahren der atomaren Aufrüstung hinweisen wollte. (Wir stimmen überein, dass ein atomarer Krieg derzeit recht sicher ausgeschlossen werden kann.) Und bestimmt hast Du recht: Menschen, die bereits zu Zeiten des Kalten Krieges bzw. des Zweiten Weltkrieges gelebt haben, verspüren eine größere Sorge vor einem drohenden nuklearen Krieg als die Nachgeborenen, die im weitgehend friedlichen Europa aufgewachsen sind.

    Allerdings habe ich bei dem Lesen des Gedichts den Eindruck, dass Grass mehr als nur die Sorge um die Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens umtreibt. Ihm geht es auch um die deutsche Geschichte und/oder seine persönliche Schuld. Diese Instrumentalisierung seines vermeintliches Friedensappells halte ich nicht für redlich. Denn damit wird die Kriegsgefahr im Nahen Osten zum Mittel zum Zweck für Grass, um Täter- mit der Opferrolle zu tauschen.

    Auch wenn die politische Einschätzung mglw. fehl ging – ein Schriftsteller wie Grass ist sich zumindest der Auswahl und Wirkung seiner Worte bewusst. Der “Tabubruch” liegt daher in meinen Augen nicht in dem Hinweis, dass Israel über per se bedrohliche Atomraketen verfügt (was gemeinhin bekannt ist), sondern in der Verknüpfung, die Grass vornimmt. Aber ich stimme Dir ebenfalls zu, dass die ganze Sache die verzerrte Reaktion in den Medien und bei den israelischen Falken nicht wert ist. (Zumindest hierzulande gilt auch: Die Causa Wulff liegt halt schon einige Wochen zurück. Ein neuer Aufreger musste her.)

  7. Wirtschaftsphilosoph |  09.04.2012 | 00:58 | permalink  

    Christian Benduhn, Jonathan sowie Daniel Leisegang haben Recht:

    “Einen Schriftsteller, der sich ein Leben lang für das Existenzrecht Israels eingesetzt hat” – schließt das seine Zeit bei der Waffen-SS ein, zu der er sich freiwillig gemeldet hat, um es dann lange zu leugnen und sich über andere für viel Geringeres zu ereifern? Meines Wissens nach dürfen Personen mit einer solchen Vergangenheit und Falschangaben bei früheren Reisen grundsätzlich nicht nach Israel einreisen. Warum sollte man den schlechten Poeten besser behandeln?

    “Könnten beide Völker angstfrei wählen, würden sie ihre Falken-Regierungen wahrscheinlich lieber heute als morgen in Rente schicken.” Das ist eine sehr unpassende Gleichsetzung der iranischen Theokratie mit demokratischen Elementen einerseits und der bislang einzigen im westlichen Sinne funktionierenden Demokratie in der gesamten Region andererseits.

    “Das iranische Volk und die iranische Regierung darf man ebenso wenig gleichsetzen wie das israelische Volk und seine derzeitige Regierung.” Genau das macht doch Herr Grass in seinem Gedicht. Wirklich “dämlich” und peinlich ist dessen Verteidigung.

  8. Benno Stieber |  09.04.2012 | 10:16 | permalink  

    Lieber Wolfgang,

    Ich kann Dir da in vielem folgen. Aber ich finde, dass sich Grass noch viel mehr durch die Wahl der Gedichtform diskreditiert hat. Erstens ist es erschreckend schlechtes Gedicht und Zweitens gibt es seinem Statement dieses irritierend verdrugste, das Raum für den Antisemitismusverdacht lässt und zu solchen dummen Verharmlosungen wie “Maulheld” für den iranischen Ministerpräsidenten erst verführt. Ja, Grass ist alt, aber der Nobelpreisträger ist in seiner eigenen Disziplin gescheitert. Der Sprache. Auf dem Weg zur Legende nochmal rechts abgebogen.

  9. Wolfgang Michal |  09.04.2012 | 13:25 | permalink  

    Lieber Benno,
    ist dir eigentlich klar, wie niederträchtig der Satz “Auf dem Weg zur Legende nochmal rechts abgebogen” ist? Lies doch einfach mal die Grass-Rede “Wir und Israel”, gehalten im Juni 1967 in Berlin, Bonn, Düsseldorf und Hamburg. Okay, du bist entschuldigt, denn da warst du noch nicht auf der Welt…

  10. Jasper R. |  09.04.2012 | 16:27 | permalink  

    Und dann schauen wir uns einmal dieses Video an. Ein kurzes Interview

  11. Stefan Wehmeier |  09.04.2012 | 17:10 | permalink  

    Über ein triviales „Gedicht“, das bestenfalls geeignet ist, von der eigentlichen Kriegsursache abzulenken, diskutiert die ganze Welt.

    Doch ein wissenschaftlich einwandfreier Artikel, der den Kern des Problems anspricht, wird von den Allermeisten gar nicht erst zur Kenntnis genommen:

    http://www.deweles.de/files/krieg.pdf

    Wer die tiefere Ursache – nicht nur – für dieses irrationale Verhalten verstehen will, muss tatsächlich bei Adam und Eva anfangen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

  12. theo |  09.04.2012 | 20:04 | permalink  

    Immerhin diskutiert Christian Benduhn in jüngster Zeit nicht mehr unter diversen Alias-Nicks, das ist ja schon mal was. Die Belege, die Wolfgang Michal für ihn herausgesucht hat, hätte Benduhn auch selber sammeln können. Aber so gänzlich kann der Troll das Trollen nicht lassen…

    Man sollte nicht so viel Energie aufwenden, um platte Zwischenrufe zu beantworten.

    Womit ich schon beim Grass angelangt bin. Man könnte fast meinen, das deutsche Feuilleton habe diese Debatte herbeigesehnt. Endlich wieder ein Thema! Das Geschnatter wächst täglich, es ist nicht mehr auszuhalten.

    Da kann man nur dankbar sein, dass es noch ein paar besonnene Autoren gibt. Wolfgang Michal gehört unzweifelhaft dazu.

  13. Lesetipps für den 11. April | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 |  10.04.2012 | 09:18 | permalink  

    [...] Die Überreaktion auf Günter Grass ist dämlich: Ziemlich unsouverän reagiert die israelische Regierung auf die unpräzise Kritik des [...]

  14. M. Schneider |  10.04.2012 | 10:51 | permalink  

    @ Wolfgang Michal
    Was helfen Reden von Grass aus dem Jahr 1967, wenn er JETZT so ein Gedicht schreibt? Was soll das für ein Argument sein? Lebensleistung ist keine Entschuldigung, dann dürfte jeder, der die 80 überschritten hat (oder schon ab 65, 67, mit der Rente?), jeden Unsinn öffentlich verbreiten, ohne dass man ihm widersprechen dürfte. Ihre Darstellung des Grass’schen Engagements gegen Krieg und Atomkrieg in allen Ehren, aber mir erscheint es (ebenfalls als nach 1967 Geborener) doch so, dass da ein schlechter Unterton in Grass’ Gedicht wabert: Der mit diesem vermeintlichen Tabubruch operiert und etwas raunt und herumschwurbelt, statt es klar zu sagen. Da sind dann auch harsche Urteile erlaubt, selbst bei einem Literaturnobelpreisträger.

  15. Wolfgang Michal |  10.04.2012 | 11:03 | permalink  

    @M.Schneider: Sie fragen, was die Rede aus dem Jahr 1967 für ein Argument sein soll?? Ich bitte Sie! Grass wurde (von Leuten, die es wirklich besser wissen) als Antisemit bezeichnet. Deshalb ist es notwendig, seine lebenslange positive (aber nicht unkritische) Haltung zu Israel deutlich zu machen.
    http://is.gd/M0jQ9m

  16. TinyViper |  10.04.2012 | 13:34 | permalink  

    Hier ein m.E. sehr lesenswerter Beitrag zum Thema Antisemitismusvorwurf von Moshe Zimmermann
    http://www.taz.de/Debatte-Guenter-Grass/!91171/

  17. Eric B. |  10.04.2012 | 15:11 | permalink  

    Grass hat zumindest in einem Punkt recht: Die Bundesregierung behandelt ihre Israel-Politik wie ein Staatsgeheimnis und blockiert auf EU-Ebene jeden Ansatz der Kritik an der aktuellen Regierung in Jerusalem. Damit macht sie auch die EU-Politik, die sich um mehr Ausgewogenheit bemüht (siehe derzeit die Atomgrspräche mit Iran) unglaubwürdig. http://lostineurope.posterous.com/119632054

  18. Daniel Leisegang |  10.04.2012 | 15:51 | permalink  

    @Wirtschaftsphilosoph: Nur zur Klarstellung: Ich denke nicht, dass die israelische Regierung hier besonders klug handelt, wenn sie Grass die Einreise nach Israel untersagt. Sie hätten ihn durchaus einladen sollen, wie Wolfang Michal schreibt. Dann wäre sehr schnell deutlich geworden, auf welch wackligen Füßen Grass’ politische Einschätzungen stehen. (s. auch das hilflose SZ-Interview am Wochenende)

    Auch gibt es triftige Gründe, die Regierungspolitik Israels zu kritisieren – die Diskriminierungen gegenüber Nichtjuden in dem Land selbst und den Palästinensern, die brutale Siedlungspolitik in der Westbank, die Belagerung des Gaza-Streifens u.v.m. Aber dann sollten wir auch sprechen über die Kriegsdrohungen des Iran, den innenpolitischen Unterdrückungsapparat, Irans machtpolitischen Ansprüche in der gesamten Region, die militärische Unterstützung der Hisbollah und der Hamas sowie die langjährige Kooperation mit Syrien (nicht zuletzt im Libanon).

    All das lässt Grass jedoch unerwähnt. Im Gegenteil verharmlost er die Auslöschungsdrohungen der iranischen Führung und sieht stattdessen einseitig Israel als Gefahr für den Weltfrieden. (Dass sich vor diesem Hintergrund auch Teile der bundesdeutschen Friedensbewegung positiv auf das Gedicht beziehen, finde ich geradezu absurd.)

    Wenn viele Grass’ geo- bzw. friedenspolitischen Einschätzungen nun nicht teilen wollen, hat das vielleicht weniger mit Gleichschaltung der Medien, sondern vor allem mit dem getrübten politischen Spürsinn eines – ja, doch – verdienten Literaten der Bundesrepublik zu tun.

    Und last but not least: Ich denke nicht, dass Grass ein Antisemit ist. Er hat aber ein schlechtes Gewissen und versucht dieses auf merkwürdige Art reinzuwaschen.

    Frank Schirrmacher hat das gut auf den Punkt gebracht: “Man muss sich klarmachen, was dieser Meister der Sprache assoziativ aufruft. Es spricht ein potentiell „Überlebender“, der „allenfalls Fußnote der Geschichte“ sein wird, wenn man Israel nicht Einhalt gebietet. Im semantischen Kontext dieses Gedichts raubt er sich das Wort „Überlebende“ und damit die moralische Autorität der überlebenden Verfolgten des Dritten Reichs. Mehr noch, er spielt fast wörtlich auf die Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht vom 9.November 2008 an, auf der Charlotte Knobloch davor warnte, dass die Opfer des Holocaust zu „Fußnoten der Geschichte“ werden könnten.” (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eine-erlaeuterung-was-grass-uns-sagen-will-11708120.html)

    Ähnlich argumentiert Micha Brumlik in der “taz”: “Grass suggeriert hier nicht mehr und nicht weniger als einen von Israel ausgeführten atomaren Holocaust am iranischen Volk. [...] Grass beschwört hier – nach der Schuld an der Ermordung der europäischen Juden – eine „zweite Schuld“ – eine mögliche Mitschuld, diesmal an der Auslöschung des iranischen Volkes. Das Verhindern der künftig möglichen Schuld erlöst vom Druck der wirklichen Schuld.” (https://www.taz.de/!90951/)

  19. M.Schneider |  10.04.2012 | 16:12 | permalink  

    @ Wolfgang Michal:
    Verstehe ich immer noch nicht: Grass hat früher etwas Richtiges gesagt, meinetwegen auch bis vor kurzem – und deshalb darf dann sein jüngstes Gedicht nicht falsch sein? Ich bitte Sie! Das macht es ja gerade so unverständlich, dass dort – raunend – etwas zumindest höchst Seltsames in ihm hochkommt. Was die Beurteilung seines “Gedichts” übrigens mit dem Alter des Kritisierenden zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht. (Und ja, das Einreiseverbot ist natürlich alberner Quatsch, der gleichwohl politisch nicht harmlos ist, weil es zu billigen politischen Zwecken missbraucht wird.)
    Nur der Vollständigkeit halber, und wenn’s schon Renommee sein muss, ebenfalls ein Link:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/das-israel-gedicht-von-grass/marcel-reich-ranicki-ueber-grass-es-ist-ein-ekelhaftes-gedicht-11710933.html

  20. Daniel Leisegang |  10.04.2012 | 16:22 | permalink  

    @Eric B.: Das Reden von der “Verantwortung für Israel als deutsche Staatsräson” könnte tatsächlich bald vor eine Bewährungsprobe gestellt werden.

  21. Wolfgang Michal |  10.04.2012 | 16:53 | permalink  

    Noch mal: Ich verteidige nicht das Grass-Gedicht, ich verteidige Grass gegen den unsäglich albernen Vorwurf des “Antisemitismus”. (Er hat in mehreren Reden im März 1967 in Israel auch über seine Hitlerjugend-Zeit gesprochen und durfte trotzdem 1973 wieder einreisen).

    Ich glaube übrigens, Daniel – aber dies hier nur als Fußnote -, dass die Interpretation Schirrmachers in die Irre führt. Ich kenne Grass ganz gut, ich habe in den achtziger Jahren viel über die Friedensbewegung geschrieben. Er verbindet seither “Auslöschung” mit Atomrüstung und Atomkrieg, siehe seinen Roman “Die Rättin”, der ja auch eine maßlose Übertreibung war. Es geht Grass sehr viel mehr um die derzeit (unkontrollierten) Atommächte, als dies seine Kritiker in ihrer Küchenpsychologie wahrhaben wollen.

    Zur Verantwortung für Israel: Die von Grass politisch unterstützten Kanzler Brandt und Schröder haben den (z.T. kostenlosen) U-Boot-Lieferungen an Israel immer zugestimmt. Grass hat – soweit ich mich erinnere – nicht dagegen protestiert.

    Politische Vermittlung wäre allerdings nützlicher als Aufrüstung. Da könnte Deutschland sehr viel mehr tun. Auch das hat Grass immer schon angemahnt (z.B. dass Israel eine Ostpolitik braucht, die vom Gewaltverzicht ausgeht).

  22. Jonet Das Journalistennetz. Seit 1995. » Medienlog 10. April 2012 |  11.04.2012 | 09:52 | permalink  

    [...] Günter Grass im Fernsehen Was bleibet aber, richten die Dichter an (FAZ, Der Tagesspiegel, carta.info via [...]

  23. Yoko |  12.04.2012 | 13:02 | permalink  

    War sehr überrascht, als ich zuerst über diesen selbst gemachten “Skandal” der deutschen Journalisten gehört habe, dachte ich alle deutschen stünden auf deren Seite. Doch sogar in den Kommentaren der “”Zeitungen”” sind die Gegenstimmungen zur Grass Hetze stärker. Die Taz wollte eine Diskussion, und was deutsche Medien unter Diskussion verstehen, kann man ja nachlesen. Pranger.

    Aber naja interessiert mich eigentlich auch nicht so, jetzt da ich weiß das die deutschen doch nicht so dumm sind wie ihre Medien sie aussehen lassen :-)

  24. VonFernSeher |  14.04.2012 | 00:00 | permalink  

    @M.Schneider
    Sie wollen nicht sehen, dass das hier

    Lebensleistung ist keine Entschuldigung, dann dürfte jeder, der die 80 überschritten hat (oder schon ab 65, 67, mit der Rente?), jeden Unsinn öffentlich verbreiten, ohne dass man ihm widersprechen dürfte.

    doch eher die Regel als die Ausnahme ist. Siehe eben Reich-Ranicki (über Grass), oder Walser (über Grass) oder Karasek (raten Sie mal).

  25. Der kommentierte Wochenrückblick für KW 15 (8.4. bis 14.4.) | Holger Herz |  16.04.2012 | 13:09 | permalink  

    [...] carta.info gibt es einen interessanten Kommentar [...]

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