WDR: Zwischenbilanz der Radioretter

Die von WDR-Mitarbeitern und -Hörern gestartete „Initiative für Kultur im Rundfunk - Die Radioretter“ hat ein enormes Echo ausgelöst. Jetzt ziehen die Radioretter in einem Schreiben an ihre Unterstützer erste Zwischenbilanz. Carta dokumentiert den Brief in voller Länge.

Sehr geehrte Unterzeichnerinnen, sehr geehrte 
Unterzeichner unseres Offenen Briefes,

die öffentlichen Proteste gegen die geplante weitere Reform des einst legendären Kulturradios WDR 3 und gegen seine schon vor Jahren begonnene schrittweise Zurichtung zu einem magazinierten Wort-Häppchen-Programm mit computergenerierter Musikplanung dauern nun seit sechs Wochen an. Inzwischen haben mehr als 17.000 Menschen den Offenen Brief an die Intendantin des Westdeutschen Rundfunks unterschrieben. Diese große Resonanz wird, so hoffen wir, auch Eindruck auf die WDR-Geschäftsleitung machen. Vor allem aber hoffen wir auf die Nachdenklichkeit der Rundfunkratsmitglieder und auf ihre Entschlossenheit, einen schon lange in die falsche Richtung getriebenen Reformzug anzuhalten und umzuleiten.

 

1. WDR-Geschäftsleitung will WDR 3-Reform um jeden Preis durchsetzen

Die für den 20. März im WDR-Programmausschuss angesetzte Diskussion über die von der WDR-Geschäftsleitung geplante Organisations- und Programmreform von WDR 3 wurde wegen einer Erkrankung des Hörfunkdirektors vertagt und die Bildung einer Arbeitsgruppe unter Einbeziehung des Hörfunkdirektors beschlossen, die sich am vergangenen Montag, 2. April, getroffen hat. In der Programmausschusssitzung am 24. April soll die WDR 3-Reform erneut beraten – und spätestens in der Rundfunkratssitzung am 30. Mai, so hofft die Geschäftsleitung, der Reform dann endgültig zugestimmt werden.

Die „Radioretter“ hatten gehofft, dass die Arbeitsgruppe des Programmausschusses die Aussetzung der „Reform“ empfehlen und damit Raum für eine intensive und differenzierende Diskussion über die Zukunft eines modernen Kulturradios schaffen würde.
Geplant ist aber offenbar das Gegenteil.
Die Reformpläne, so war nach dem Treffen der Arbeitsgruppe zu hören, sollen mit kleinen Alibi-Veränderungen durchgewinkt werden, erst danach soll es eine vom Rundfunkrat initiierte Debatte über die Fehlentwicklungen bei WDR 3 in den letzten zehn Jahren geben: Zerstörung der Substanz von WDR 3, Abbau von Fachkompetenz usw.
Was aber macht das für einen Sinn? Erst die Fortführung der Fehlentwicklung, dann das Grundsatzgespräch?
Sinn macht allein ein Moratorium mit der Chance, das Grundsatzgespräch vorzuziehen und Wege für die Korrektur der Fehlentwicklungen zu suchen.
Wir dürfen also in unseren Bemühungen nicht nachlassen, dieses Ziel zu erreichen.
Noch ist es nicht zu spät.

 

2. WDR 3-Reform ist Thema auf der Öffentlichen Rundfunkratssitzung am 16. April

Am Montag, 16. April, findet übrigens eine öffentliche Rundfunkratssitzung statt, auf der sich die Intendantin zu WDR 3 äußern will. Auch das Publikum darf reden. Diese öffentliche Rundfunkratssitzung in der WDR-Kantine (WDR-Arkaden, Elstergasse 1, 50667 Köln) sollte unbedingt zahlreich besucht werden. Beginn der öffentlichen Sitzung ist um 16 Uhr.

 

3. Erfolge und Perspektiven der „Initiative für Kultur im Rundfunk“

Tages-, Wochen- und Monatszeitungen haben die Proteste der „Radioretter“ aufgegriffen und unsere Argumente mit Zustimmung kommentiert. Nicht zuletzt im Internet wird über unsere Initiative diskutiert, und ganz anders, als sich die Hörfunkleitung des WDR das vorstellen mag, sind auch die Aktivisten des Netzes an einem qualitativ hochstehenden Rundfunk lebhaft interessiert. 
Unsere Initiative scheint einen wichtigen Punkt getroffen zu haben: Offenbar geht der Unmut, der sich jetzt artikuliert, über seinen unmittelbaren Anlass deutlich hinaus. Exemplarisch werden am Fall von WDR 3 Probleme diskutiert, die den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Bundesrepublik, namentlich seine Kulturprogramme, betreffen. Für uns bedeutet dies, hartnäckig am Fall des WDR weiterzuarbeiten und dazu beizutragen, der Reform des Kölner Kulturprogramms eine völlig neue Richtung zu geben. Das bedeutet zugleich, die Diskussion anzustoßen und auszuweiten. Vorgesehen ist u.a. eine öffentliche Arbeitskonferenz der Initiative für Kultur im Rundfunk. Termine und weitere Informationen zu den geplanten Veranstaltungen folgen in Kürze.

 

4. Diskussion im Kölner Schauspielhaus mit den „Radiorettern“: am 9. Mai um 20 Uhr

Am 9. Mai lädt das Schauspielhaus Köln um 20.00 Uhr (in seiner Veranstaltungsreihe „Streitbar“) zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion im Großen Haus ein, zu der neben Vertretern der „Radioretter“ auch die Intendantin des WDR, Frau Monika Piel, eingeladen ist. Wir hoffen sehr, dass sie dieser Einladung Folge leistet. Gemeinsam mit weiteren Podiumsgästen soll über die Zukunft des Kulturradios und die geplante WDR 3-Reform gestritten werden.

 

5. Die Gefahr für das Musikprogramm von WDR 3

Laut WDR-Gesetz, auf das der Hörfunkdirektor gerne verweist, soll WDR 3 ein „musikgeprägtes Kulturprogramm“ sein, „das sich im Schwerpunkt auf Themen der Kultur aus Nordrhein-Westfalen, Deutschland und der Welt stützt und auch der kulturellen Darstellung der Region dient“. Das Gesetz enthält also keinerlei Vorgaben, die das Verhältnis von Musik und Wort in quantitativer Hinsicht betreffen. Selbstverständlich ist unbestritten, dass die Musik – wie schon immer – den größten Teil des Programms von WDR3 bestimmt. Zudem aber meint die „Prägung“, von der das Gesetz spricht, traditionell das gesamte klassische, romantische Repertoire – mit Ausflügen ins Avantgardistische oder ins Mittelalterliche, zur Kirchenmusik oder zum Jazz. WDR 3 ist also geprägt von Musik, die (mit Ausnahme des Jazz) auf keiner anderen Welle gespielt wird; von Musik, die selbst Kunst bzw. Kultur ist; von einem Musikprogramm, das nicht einfach ein Klangteppich ist und für dessen Vermittlung und Präsentation es hoher Kompetenz bedarf.
Durch die neusten Reformpläne wird diese Musikprägung weiter geschwächt. Stichworte sind da die Zerschlagung der Programmgruppe Musik, die Ausweitung der Musikplanung per Computer oder die Abschaffung der Musikpassagen. (Ausführliche Beschreibungen der geplanten Reformen und ihre Auswirkungen, aber auch der Argumentationstricks der Geschäftsleitung finden Sie u.a. in den „Handzetteln“ (erster, zweiter) in der Rubrik „Das Neueste“ auf unserer Webseite.

 

6. Die Verarmung des Wortprogramms von WDR 3

Im vergangenen Jahrzehnt ist WDR 3, wie der Hörfunkdirektor immer wieder stolz verkündet, zu einem „tagesaktuellen Kulturradio mit Live-Moderation und acht Stunden Kulturmagazinen werktäglich weiterentwickelt worden“. Hinter dieser „Weiterentwicklung“ verbirgt sich die systematische Zerstörung von Qualität. Verschwunden sind Essays und andere Formen der Reflexion, vertiefende Hintergrundberichte und Themen jenseits des Mainstream, Lesungen, ausgiebige Gespräche und Debatten. Verschwunden sind Wortbeiträge, die auch zehn oder fünfzehn Minuten lang sein dürfen (und für viele der oben genannten kulturjournalistischen Formen auch sein müssen). Verschwunden sind Themen und Autoren, deren Behandlung oder Präsentation nicht mehr in ein immer mehr formatiertes Begleitmedium passen. Verschwunden sind Programme, die sich inhaltlich und sprachlich an ein an ungewöhnlichen Denkanstößen interessiertes Publikum wendet: überall mit dem Argument, so ein Programm sei elitär und bediene nicht alle.
Möglichweise ist es so, dass das gesamte WDR-Programm „alle“ bedienen sollte – aber sicher nicht jede einzelne Welle. Sonst müssten auch Opernhäuser und Theater geschlossen werden, weil nicht alle in die Oper oder ins Theater gehen. Gleichzeitig müssten aber auch die „Sportschau“ gestrichen und der deutsche Schlager aus dem Programm verbannt werden, weil sich nicht alle für Sport interessieren und nicht alle deutsche Schlager hören wollen.

Zuhören heißt, sich zu konzentrieren, sich auf ein Gegenüber einzulassen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Wer zuhört, erweitert seinen Horizont, eröffnet sich neue Welten und gewinnt Einblick in das Denken anderer Menschen. Zuhören hilft bei der Lösung von Konflikten, fördert den zwischenmenschlichen Dialog und belebt den gesellschaftlichen Austausch. (Ausschnitt aus: Stiftung Zuhören e.V., Auftrag). Die schrittweise Zurichtung des einst legendären Kulturradios WDR3 zu einem formatierten Häppchen-Programm setzt nicht mehr aufs Zuhören, sondern verschreibt sich der Idee des Nebenbeihörens. Es ersetzt Tiefe durch Oberflächlichkeit, Fachkompetenz durch Beitragsverwaltung („Planungsredaktion“), es ersetzt Kultur durch leicht konsumierbare Kulturinformation.

 

7. Einschüchterungsversuche gegenüber WDR-Mitarbeitern

Ende der vergangenen Woche erreichten uns beunruhigende Informationen über hausinterne Einschüchterungsversuche gegen einige der Unterzeichner eines hausinternen (!) Briefes, mit dem um Gespräche über die Schärfung des öffentlich-rechtlichen Profils des WDR und über Reformalternativen für WDR 3 gebeten wurde. Auf einer Leitungs-Konferenz soll die Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff die Namen aller Fernsehkolleginnen und -kollegen vorgelesen haben, die mit ihrer Unterschrift den Inhalt des Briefes unterstützen. Zudem hat Frau Kulenkampff offenbar darum gebeten, dass die direkten Vorgesetzten mit den Unterzeichnern reden und ihnen die Missbilligung der Fernsehdirektorin vermitteln. Die „Initiative für Kultur im Rundfunk“ hat der WDR-Intendantin in dieser Angelegenheit einen Brief geschrieben und die belegbaren Vorgänge öffentlich gemacht, da wir derartige Einschüchterungsversuche und Angriffe auf die freie Meinungsäußerung für gravierend halten. Brief der WDR-Redakteure; Brief an die Intendantin

 

8. Osterüberraschung: Leiter der WDR-Internetredaktion hat ein Ei gelegt

Ohne Angaben seiner Funktion hat Stefan Moll, Leiter der WDR-Internetredaktion, unter der hämischen Überschrift „Die Radiorentner“ eine (schlechte) graphische Kopie unserer Internetseite angefertigt.
Im Sinne der Geschäftsleitung plädiert er für die Modernisierung von WDR 3 (siehe oben), er hält mehr Inhalte von WDR 3 im Internet für die Rettung der Kultur – doch wo sollen die Inhalte herkommen, wenn es sie schon im Programm nicht mehr gibt? – und wirft den Unterstützern der Radioretter „geriatrische Entwicklungsverweigerung“ vor. Selbstverständlich haben wir diese stilistisch wie argumentativ überragende Webseite auf der unseren verlinkt – schließlich wollen wir Ihnen den Spaß am herrschenden WDR-Klima und dessen exponierten Vertretern nicht vorenthalten.

 

9. Wir brauchen weiter Ihre Unterstützung

Sie – die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Offenen Briefes – können uns bei unseren Bemühungen auch weiterhin unterstützen.

Zunächst: Sollten Sie Gelegenheit haben, an der Veranstaltung am 9. Mai im Kölner Schauspielhaus teilzunehmen, so würden wir uns freuen, mit Ihnen bei dieser Gelegenheit ins Gespräch zu kommen. Bereits seit einiger Zeit veröffentlichen wir auf unserer Internet-Seite Zuschriften, mit denen Sie die WDR-Leitung über Ihre Haltung zu Programm und Programmreform des WDR in Kenntnis setzen. Solche Stellungnahmen bringen viele unterschiedliche Gesichtspunkte zur Sprache; sie tragen zur Formulierung von Fragestellungen bei, die in künftigen Diskussionen aufgegriffen werden sollten. Schreiben Sie deshalb weiterhin an die Intendantin des WDR, an den Hörfunkdirektor und den Rundfunkrat. Berichten Sie von Ihren Hörerfahrungen und Erwartungen an ein künftiges Kulturradio. Und schicken Sie uns eine Kopie Ihrer Stellungnahmen mit der Erlaubnis, sie auf unserer Internet-Seite zu veröffentlichen.

Machen Sie Ihre Freunde und Bekannten bitte auch weiterhin auf unsere Initiative aufmerksam. Fordern Sie die Menschen in Ihrer Umgebung bitte dazu auf, unseren Offenen Brief zu unterzeichnen. Und schauen Sie regelmäßig auf unsere Internet-Seite (www.die-radioretter.de). Wir bemühen uns, Sie mit aktuellen Informationen, Diskussionsbeiträgen und Stellungnahmen laufend auf dem neuesten Stand zu halten.

Mit freundlichen Grüßen

Initiative für Kultur im Rundfunk – „Die Radioretter“