Matthias Spielkamp

Offener Brief an Gabor Steingart

 | 3 Kommentar(e)


Der Widerstand der Autoren gegen Total Buy-Out-Verträge wächst. Höchste Zeit, dass sich die Chefredakteure wieder an ihre journalistische Herkunft erinnern. Zum Beispiel Gabor Steingart.

29.03.2012 | 

Kürzlich habe ich das erste Mal für das Handelsblatt geschrieben (bzw. für dessen Online-Ableger). Es war eine Entgegnung auf Christoph Keese, der in einem Beitrag geschrieben hatte: “Zugleich aber drückt abnehmender Respekt vor geistigem Eigentum den Umsatz”. Er meinte damit (selbstverständlich) den Umsatz der Verlage. Warum das Unsinn ist, habe ich ihm dargelegt.

Heute war ein Brief des Handelsblatt-Chefredakteurs Gabor Steingart in der Post. Es ist der inzwischen schon klassische Versuch eines Verlags, mir per Total-Buyout alle Rechte an meinem Text zu nehmen. Ich könnte darauf antworten: “Abnehmender Respekt vor geistigem Eigentum drückt meinen Umsatz”. Ich könnte auch all die dreisten Falschdarstellungen und Unverschämtheiten des konkreten Schreibens analysieren, aber dafür habe ich keine Zeit. Das ist auch an vielen anderen Stellen bereits passiert. Ebenso die Darlegung, was das alles mit dem Leistungschutzrecht zu tun hat, das die Presseverlage fordern.

Aber ich habe Steingart ein Fax geschickt, in dem ich ihn auch auf diese Aspekte hinweise, und den Text möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten:

 

Sehr geehrter Herr Steingart,

haben Sie vielen dank für Ihr Schreiben vom 21. März 2012, mit dem Sie mich darauf hinweisen, dass Sie – Ihrer Ansicht nach – alle ausschließlichen Nutzungsrechte an einem Text erworben haben, den Sie bei mir in Auftrag gegeben haben.

Daher möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass erstens Ihre Behauptung falsch ist, dass „seit jeher“ mit jeder Honorarzahlung alle diese Rechte ausschließlich an Sie abgetreten wurden. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass das eine dreiste Lüge ist, denn Sie bzw. Ihr Justiziariat (müssten) wissen, dass das nicht so ist. Die Begründung dafür spare ich mir an dieser Stelle; das können Sie sich bei Bedarf sicher von Ihrer Rechtsabteilung erläutern lassen.

Zweitens möchte ich meiner Enttäuschung darüber Ausdruck geben, dass Sie als Chefredakteur mit der Total-Buyout-Politik Ihres Verlags einverstanden sind, was Sie durch Ihre Unterschrift unter dem Schreiben belegen. Es gab Zeiten, in denen sich Chefredakteure als Anwälte ihrer Journalisten verstanden haben, und die sich, wenn es Not tat, auch gegen die Interessen Ihres Verlags gestellt haben, um die Journalisten und den Journalismus zu schützen. Diese Haltung, die auch sehr viel mit der inneren Pressefreiheit zu tun hat, wird nun also nicht einmal mehr behauptet.

Dass dieses Fax genauso gut an die meisten Ihrer Kollegen in anderen Verlagen gehen könnte, von denen ich ähnliche Briefe bekommen habe, macht die Sache nicht besser. Angesichts des Beitrags, den ich für Sie verfasst habe (http://bit.ly/hb-keese), ist in diesem Fall die Ironie allerdings nur schwer erträglich.

Drittens weise ich Sie darauf hin, dass ich Ihre Redakteurin vor Vertragsschluss auf meine AGB hingewiesen habe, so dass diese Geltung erlangt haben, nicht Ihre.

Wenn Sie an Hintergrundinformationen zum Konflikt zwischen Verlagen und Ihren freien Autoren interessiert sind, empfehle ich Ihnen die Lektüre meiner Rede auf dem Publishers’ Forum 2011 „Über Brain Drain in Verlagen“ (http://bit.ly/braindrain-verlage) oder meines Debattenbeitrags auf dem Diskursportal des Deutschlandfunks „Unendliche Geschichte Urheberrecht“ (http://bit.ly/diskurs-urheberrecht).

Der Text dieses Faxes erscheint auch in meinem Weblog.

Auf gute Zusammenarbeit

Matthias Spielkamp

 

Crosspost

 

Mehr zu : | | |

CARTA Kaffeekasse

3 Kommentare

  1. stilstand» Blogarchiv » Jaja – so is dat woll! |  29.03.2012 | 19:33 | permalink  

    [...] Zum Thema auch das … [...]

  2. Tharben |  29.03.2012 | 23:58 | permalink  

    Ich habe von dem Geschäft keine Ahnung. Deswegen dumm gefragt: Wie ist denn so die Position von “Freien” wie Matthias Spielkamp?

    Ich nehme an, dass diese Art von Verträgen mittlerweile üblich ist. Jemand, der nicht nur gegen Total-Buyout rebelliert, sondern dies auch noch öffentlich tun, riskiert wahrscheinlich seinen Ruf, oder? Kann man als Journalist auch als zu kritisch gelten, jedenfalls für Verleger?

  3. Matthias Spielkamp |  30.03.2012 | 09:23 | permalink  

    @Tharebn: Steht in der Rede auf dem Publishers’ Forum 2011 „Über Brain Drain in Verlagen“ (http://bit.ly/braindrain-verlage)

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.