Wolfgang Michal

Maschmeyer, Ahmadinedschad, Wulff & Guttenberg: Was kann ein Interview leisten?

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Die moralische Empörung über falsch geführte Interviews ist derzeit en vogue – und auch ein wenig beckmesserisch.

22.03.2012 | 

Wieder hat ein gestandener Journalist alles falsch gemacht. Im Versuch, einen journalistischen Scoop zu landen und das erste granatenmäßige Interview mit einem Schurkenstaatspräsidenten zu führen, hat der Anchorman des ZDF, Claus Kleber, nach Meinung seiner Kritiker vergessen, die richtigen Fragen zu stellen: Warum, Mister President, leugnen Sie den Holocaust? Warum wollen Sie die Israelis bei nächster Gelegenheit ins Meer treiben? Wieso lassen Sie Regimegegner foltern und ermorden? Warum schicken Sie Geld und Waffen an die Hisbollah und an Syriens verbrecherisches Assad-Regime? Wohin werden Sie Ihre erste selbstgebaute Atombombe werfen? Sehen Sie sich als Witzfigur, Mister President? Und sind Sie nicht auch der Meinung, dass die westlichen Karikaturen ein zutreffendes Bild von Ihrer Persönlichkeit zeichnen?

Solche Fragen erhoffen sich manche Kritiker von einem Interview mit dem Bösen. Es ist für sie unerträglich, mitansehen zu müssen, dass der Interviewer dem Interviewten nicht frontal an die Gurgel geht. Ähnlich entsetzt reagierten Fernseh-Kritiker zuletzt bei Sandra Maischberger, weil sie den Versicherungsmäzen und Politikfinanzier Carsten Maschmeyer ausreden ließ. Oder bei ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der sich mit Freiherr von und zu Guttenberg in einem Londoner Hotel traf, ohne ihm dabei eine Schwarzwälder Kirsch-Torte ins Gesicht zu pfeffern. Oder bei Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten, die es versäumten – wie weiland Fritz Teufel bei einer Talkshow – eine Spritzpistole zu ziehen und den ungeliebten Präsidenten mal ordentlich nass zu machen. Immer wussten die Kritiker hinterher genau, wie schwach, wie peinlich, wie fremdschämerisch die Gesprächsführung gewesen war, die sie da lesen oder mitansehen mussten.

Doch hinter der Empörung derer, die sich bei ihrem Medienkonsum andauernd fremdschämen müssen, stecken drei berechtigte Fragen: Bekommen die Bösen durch solche nicht-aggressiven Interviews eine kostenlose Bühne? Sind die Interviewer des Bösen nur die nützlichen Idioten für eine hundsgemeine Sache? Und werden die Bürger durch solche Interviews nicht hinters Licht geführt? Auf diese Fragen findet man keine eindeutige Antwort.

 

1. Bekommen die Bösen durch solche Interviews eine kostenlose Bühne?

Ja, sie bekommen eine kostenlose Bühne, aber der Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft muss sich auch mit Meinungen auseinandersetzen können, die nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehen oder der herrschenden Moral entsprechen. Er muss Personen der Zeitgeschichte und des öffentlichen Interesses auch dann interviewen dürfen, wenn die Interviewten unsympathisch sind, offensichtliche Tatsachen leugnen, in gestanzter Formelsprache sprechen, in Null-Sätze ausweichen oder sich nicht an das vereinbarte Thema halten, kurz: wenn die Interviewten am Ende als vermeintliche „Sieger“ aus dem Gespräch hervorgehen. Der Interviewer ist – im Gegensatz zum Fernsehkritiker – kein Dompteur, der sein Gegenüber nach Lust und Laune vorführen kann, er kann auch niemanden zwingen, die Wahrheit zu sagen oder einfordern, was man draußen an den Geräten so gerne hören möchte. Claus Kleber hat das treffend auf den Punkt gebracht, als er sagte, ein Gespräch sei kein Tennisspiel, in dem es darauf ankomme, wer die meisten Punkte mache. Entscheidend sind allein journalistische Neugier und der redaktionelle Anspruch, etwas Neues zu erfahren: durch einen Versprecher, eine unbedachte Äußerung, ein Stottern, eine entlarvende Geste, eine peinliche Gesprächspause, eine unwirsche Bemerkung, ein plötzliches Ausrasten.

Wir wollen in einem Gespräch ja etwas erfahren über eine Person, die im Rampenlicht steht. Wir studieren ihr Verhalten, ihre Gesprächsstrategie. Das wird – für alle sichtbar – dokumentiert. Ob man als Interviewer dabei eine Sternstunde erlebt (wie bisweilen Günter Gaus) oder gar einen unverhofften Glückstreffer landet, ist ungewiss. In neun von zehn Fällen klappt es nicht. Denn in einem Live-Gespräch ist man von vielen Äußerlichkeiten abhängig. Die Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit, die von einem Interviewer verlangt werden, sind im Moment des Geschehens oft schwerer zu realisieren als es dem in Ruhe analysierenden Kritiker hinterher erscheinen mag.

Das zwischen zwei Menschen gesprochene Wort gehorcht auch anderen Gesetzen als das geschriebene. Die Gesprächssituation mit ihrer unmittelbaren Nähe zu einer anderen Person bewirkt immer ein größeres Sich-Einlassen als dies der Fall wäre, würde man unbeobachtet und konzentriert mit Block und Bleistift in der hinteren Reihe einer Veranstaltung sitzen und das Geschehen distanziert „überblicken“. Auch der Zeitdruck spielt eine gnadenlose Rolle – wie die freundliche Stimmung aufgrund des endlich zustande gekommenen Interviewtermins.

Und da man all dies seit langem weiß, wäre es die Aufgabe der jeweiligen Redaktion gewesen, das Drumherum des „heiklen“ Interviews so zu gestalten, dass durch ergänzende Dokumentationen, Kommentare und Debatten eine Einbettung und Einschätzung stattfinden kann. Wenn also Fehler gemacht wurden in den hier genannten Fällen, dann lagen sie nicht so sehr im Gespräch selbst als in der mangelnden journalistischen Einrahmung.

 

2. Sind die Interviewer des Bösen nur die nützlichen Idioten für eine hundsgemeine Sache?

Ja und Nein. Journalisten sind keine Oberlehrer oder Moralprediger, auch wenn das derzeit – angesichts der jüngsten Skandalberichterstattung – von ihnen manchmal verlangt wird. Journalisten sind dazu da, Realität, Meinungen, Zeitgeschichte aufzuzeichnen oder abzubilden und ergänzende Informationen bereitzustellen. Immer wenn Journalisten Informationen aufbereiten, die von außen an sie herangetragen werden, sind sie – zunächst einmal – nützliche Idioten. Denn Journalisten sind Medien, durch die ein Geschehen vermittelt wird. Sie sind einer Kamera vergleichbar oder einem Detektor für Vibrationen oder einem Pegelstandsmesser für Wasserstandsänderungen aller Art. Sie zeigen an oder zeichnen auf, was vorgeht. Niemand macht einen Durchlauferhitzer oder einen Messfühler für eventuelle Verbrennungen oder Erdbeben verantwortlich. Nur im Kommentar und in der Reportage kann der Journalist die Realität auch auf eigene Faust durchdringen; hier wird er selbst zum Akteur und kann seine Subjektivität ungefiltert einbringen.

Ein Interview aber wird in der Regel nicht deshalb geführt, um die Sicht des Interviewers auf die Welt vorzustellen, sondern um die Sicht des Interviewten kennenzulernen – auch wenn die Interviewten verlogen, dumm, verrückt, scheinheilig, fies, feige, frech oder was auch immer sind. Deshalb gilt hier wie bei der ersten Frage: Das Interview ist nicht das Problem. Die Redaktion aber muss den Kontext herstellen zu anderen Sendungen, Beiträgen und Diskussionen zum gleichen Thema. Nur so kann der Anschein, als nützlicher Idiot zu fungieren, vermieden werden.

 

3. Werden die Bürger durch solche Interviews hinters Licht geführt?

Kritiker der genannten Interviews unterschätzen möglicherweise die Urteilskraft der lesenden oder zuschauenden Bürger. Diese Urteilskraft muss ja nicht darin liegen, die Feinheiten des Atomwaffensperrvertrags, der Politikerfinanzierung, der wissenschaftlichen Zitierweise oder der Vorteilsnahme im Amt zu kennen, sie kann sich schon dadurch äußern, dass die Bürger einfach abschalten, einschlafen, nicht weiterlesen, auf „Fehler“ achten, sich an der Kleidung, der Haltung oder der Gebärdensprache der Interviewten reiben.

Die Bürger schätzen es nämlich, wenn sie sich ein eigenes Bild machen können; etwa dadurch, dass ein Interviewer sich stark zurückhält und nicht versucht, suggestive Fragen zu stellen oder Meinungen zu transportieren. Beim Fußball z.B. schätzen es viele, wenn die Kommentatoren nicht allzu viel quatschen – man will ja das Spiel sehen – und bei Interviews ist es so ähnlich. Nicht immer waren die Interviews von Günter Gaus das Non-Plus-Ultra der Journalistenkunst, und manchmal hätte man sich kürzere Fragen mit etwas weniger inhaltlichen Vorgaben des Interviewers gewünscht. Denn der Interviewer muss nicht im Mittelpunkt stehen und der von vielen geschätzte „Hardtalk“ des britischen Fernsehens oder das Action simulierende Auflauer-Interview mancher Investigativ-Journalisten am Klingelschild eines Bösewichts ist oft nur eitles Journalistengehabe, Theater, das eine „peinliche Befragung“ durch häufiges Ins-Wort-Fallen oder ein Sich-in-den-Weg-stellen vortäuscht.

Deshalb: Gerechtigkeit für Journalisten, die es wagen, Leute zu interviewen, die keiner mag! Hier waren keine Anfänger am Werk, sondern ausgewiesene und gesprächs-erfahrene Journalisten. Zu kritisieren ist weniger ihre Gesprächsführung als das mangelnde Drumherum.

 

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13 Kommentare

  1. Tim |  22.03.2012 | 17:20 | permalink  

    Natürlich ist bei allen genannten Beispielen vor allem die Gesprächsführung zu kritisieren! Schausten, Deppendorf, Kleber und Maischberger sollten dringend ein Praktikum bei der BBC machen, dann können wir den Kuschel- und Gefälligkeitsjournalismus hierzulande vielleicht endlich mal überwinden.

  2. Tim Spencer |  22.03.2012 | 18:05 | permalink  

    Wer sagt mir, dass Sie nicht das Böse sind? Der den “Holocaust” aufrechterhält, weil er lobbyistischen Kreisen als Sesam-öffne-dich ihrer Interessen dient?
    Haben Sie schon mal hasserfüllte Äußerungen seitens Zionisten gehört? Nein? Dann sollten Sie das schleunigst nachholen. Aber vielleicht wollen Sie das auch gar nicht, weil sie dazugehören?

  3. Klaus Jarchow |  22.03.2012 | 20:28 | permalink  

    Kann es sein, dass du in der letzten Zeit sehr milde gestimmt bist und über alles den Mantel der Vergebung breiten möchtest, Wolfgang? Gut; ich sehe ein, dass man in einer Mainstream-Ökonomie nur Aufmerksamkeit erhält, wenn man wider das löckt, was den Dutzendschreibern der Content-Industrie in die Feder fließt. Das Prinzip gilt natürlich auch für ‘Carta’. Aber deswegen gleich jene PR-Plattform loben, die diese Sandra als Vorlagengeberin eine Stunde lang dem Großabzocker bot, bis noch dem letzten arglosen Zuschauer der Kalauer “Menschen bei Maschmeyer” die Kehle hoch stieg …

  4. llamaz |  23.03.2012 | 09:38 | permalink  

    Scheinbar verwechseln viele Leute ein Interview mit einem schnulzigen Gerichtsfilm made in USA. Der Journalist soll den Interviewer verhören und zum Schluß muss dieser dann gestehen:
    - “Herr Ahmadinedschad, haben Sie den Code Red befohlen?”
    - „Sie haben verdammt Recht, so ist es!“.

  5. Wolfgang Michal |  23.03.2012 | 10:48 | permalink  

    @Klaus: Komisch, ich dachte, dass ich meine Milde gerade verliere. Es gibt so eine “neue Bequemlichkeit” im Netz, die mir Sorgen macht. Vielleicht liegt es daran, dass manche beim Musikhören zu lange Ohrstöpsel getragen haben und einfach schon zu filtersouverän geworden sind. Aber da ich auf dich höre, werde ich drüber nachdenken.

  6. Einspruch |  23.03.2012 | 12:21 | permalink  

    Lieber Herr Michal,
    ich bescheinige Ihnen eine vollständige Themaverfehlung. Hat eigentlich jemand kritisiert, dass der ZDF-Mann jemanden interviewt hat, den “keiner mag”? Nein! Es wurde stattdessen zu recht kritisiert, dass der Interviewer a) grottenschlecht vorbereitet und b) viel zu handzahm war (gerade als ob Cleber schnurstracks in den Teheraner Folterkeller käme, wenn er zu frech würde…).

    Ihr Fazit, Herr Michal:
    “Deshalb: Gerechtigkeit für Journalisten, die es wagen, Leute zu interviewen, die keiner mag! Hier waren keine Anfänger am Werk, sondern ausgewiesene und gesprächs-erfahrene Journalisten.”

    ist daher Unsinn. Cleber mag Profi sein – er agiert aber wie ein blutiger Anfänger. Oder sind die Ansprüche an den sog. “Qualitätsjournalismus” wirklich schon so niedrig?

  7. Daniel Schultz |  23.03.2012 | 13:00 | permalink  

    „Die Bürger schätzen es nämlich, wenn sie sich ein eigenes Bild machen können; etwa dadurch, dass ein Interviewer sich stark zurückhält und nicht versucht, suggestive Fragen zu stellen oder Meinungen zu transportieren.“

    Und eben hier hatte ich im Interview mit Ahmadinedschad den Eindruck, dass Claus Kleber genau das nicht macht. Viel mehr wirkte er wie der verlängerte diplomatische Arm aus Berlin. Der Verweis darauf, Israel habe im Gegensatz zu Iran ja keinen Vertrag unterschrieben und deshalb könne es mit seinen Atombomben tun was es wolle, ist gerade zu lächerlich. Sowohl der Iran als auch Israel sind in der Ecke Aggressoren. Nur schiebt Deutschland dem einen ein U-Boot nach dem anderen in den A****.

    http://www.tagesschau.de/ausland/israel1214.html

    Bei der ganzen Geschichte darf man auch nicht vergessen, dass sich der Westen aus eigennützigen Interessen demokratische Bestrebungen im Iran erfolgreich verhindert und auf Menschenrechte nichts gegeben hat.

    https://presseschauer.posterous.com/ajax-beseitigt-demokratie-porentief

    Jetzt auch im Interview mit Menschenrechten zu kommen, ist doch blanker Hohn. Wer meint, das wäre ein geschichtlich bedauernswerter Einzelfall, sollte sich mal anschauen mit wem Angela Merkel gerade Rohstoffabkommen abschließt. Nur so viel: das Wohl der deutschen Wirtschaft ist offensichtlich allemal wichtiger als irgendwelche daher gelaufenen Menschenrechte.

  8. Hans Hütt |  23.03.2012 | 13:49 | permalink  

    Lieber Wolfgang Michal,

    weise abgewogen, im Falle Klebers aber mit einem Handicap, das die journalistische Rolle und Klebers Abweichen betrifft. Er wechselt durch seine Fragen in die Position eines politischen Verhandlers – ohne Mandat.

    Ich glaube, BBC HARDtalk hätte das besser hinbekommen.

    Zwei weitere Anmerkungen: Der Übersetzer ist grottenschlecht. Und allen Unabhängigkeitsbeteuerungen des ZDF zum Trotz wirkt Kleber wie ein embedded journalist.

    Die amerikanische Debatte gewinnt gerade an Fahrt und an Tiefe. Hier als link der aktuellste Kommentar von Roger Cohen in der NYT, der die Legende der Kriegsgefahr und die Praxis der wechselseitigen Bluffs gut dekonstruiert.

    Kleber war auch einfach schlecht gebrieft, wenn man den Leitartikel mit seinen Fragen vergleicht. http://www.nytimes.com/2012/03/23/opinion/the-false-iran-debate.html?_r=3&partner=rssnyt&emc=rss&pagewanted=print

    Schöner Gruß!

  9. Wolfgang Michal |  23.03.2012 | 22:18 | permalink  

    Lieber Herr Einspruch,
    ich bescheinige Ihnen eine vollständige Leseverfehlung.
    Außerdem würde mich interessieren, wie Sie ein Live-Interview mit Kim Jong Un in Pjöngjang gestalten würden.

  10. Benjamin |  25.03.2012 | 16:43 | permalink  

    Dem Artikel entnehme ich, dass es Leute gibt die Kleber gerne etwas aggressiver (propagandistischer, suggestiver [im Sinne ihrer Meinung]) gesehen haetten. Die Kritik dieser Kritik kann ich durchaus nachvollziehen, allerdings sollte man bedenken: Es kann doch auch Leute geben die sich weniger suggestive Fragen gewuenscht haetten. Die Einschaetzung dieser Eigenschaften resultiert aus der Meinung des Betrachters. Somit kann das, was fuer die genannte Gruppe zu wenig ist, fuer andere evtl. zuviel sein.

    Beim Lesen des Artikels und der Kommentare in chronologischer Reihenfolge koennte der Gedanke aufkommen, der Autor habe diesen Teil der Menge kritischer Menschen schlicht und einfach uebersehen. Der letzte Kommentar des Autors bestaetigt dies allerdings gegenteilig, da seine Kritik eben nur fuer die, von ihm zu Beginn beschriebene Teilmenge der kritischen Menschen gilt und im Kontext der groeßeren- unsinnvoll argumentiert scheint und zu Widerspruechen fuehrt.

    Die mich in diesem Zusammenhang hauptsaechlich interessierende Frage ist, wie Autoren solcher Art von Text mit der breiten Angriffsflaeche ihrer halbfertigen Hypothesen umgehen. In diesem Fall hier kann man eine Trotzreaktion auf eine, zu absolut geaeußerte Kritik beobachten. Was muesste die Kritik fuer Bedingungen erfuellen damit ein Autor sein Werk daraufhin reflektiert?

    ein verwunderter kommentator.

  11. Markus D aus S |  26.03.2012 | 10:25 | permalink  

    Der Kleber war doch derjenige, der sich wie ein Moralprediger, Oberlehrer oder gar Politiker gab. Wie er Kaugummikauend und winkend durch Teheran fuhr, sich im Interview erdreistete fürs deutsche Volk zu reden (ist er vom deutschen Volk auf seine Position gewählt worden? Zeigt das nicht auch das übertriebene Selbstverständnis der Medien, der vierten Macht, das Sprachrohr des deutschen Volkes zu sein), dem Ahmadinedschad unbedingt Zugeständnisse abringen wollte (in etwa so: was soll ich den Leuten denn jetzt sagen, wenn ich wieder nach Hause fahre?) und wie er sich ganz zu Recht vom Ahmadinedschad hat sagen lassen müssen: Sie reden wie ein Politiker! Der Kleber hat doch seine Aufgabe komplett verfehlt. Nicht die Kritiker haben ihn auf die Stufe des Moralpredigers gehoben, er selbst hat sich doch dahin gehieft.
    Er hätte als Qualitätsjournalist die richtigen, unangenehmen Fragen stellen müssen, nicht sich das Heft aus der Hand nehmen lassen und sich stattdessen die ganze Zeit wie ein Politiker oder Diplomat zu geben, der meint, er könne mit Ahmadinedschad verhandeln und als großer Held und Retter der Welt (die ganze Welt schaut auf dieses Interview) zurück nach Deutschland fahren.
    Herr Michal, ich frage mich nun wirklich, ob sie sich das Interview überhaupt angeschaut haben…

  12. Wolfgang Michal |  26.03.2012 | 12:48 | permalink  

    @Markus D aus S: Naja, meine Erwartungen an solche Interviews sind nicht besonders hoch. Kleber hat wahrscheinlich gehofft, er bekommt als erster eine Neuigkeit mitgeteilt, die dann, mit dem ZDF-Stempel versehen, als News um die Welt rast. Aus der einleitenden Frage ist das auch ein wenig herauszuhören: “Warum haben Sie uns das Interview gerade jetzt gewährt?”

    Deshalb bin ich der Meinung, dass der Fehler nicht so sehr in der Interviewführung als darin liegt, das Interview nicht genug vor- und nachbereitet zu haben, denn man musste wohl realistischerweise davon ausgehen, dass die Chance, eine Sensation mitgeteilt zu bekommen, relativ klein ist. Das halte ich für ein Versäumnis der Redaktion.

    Die Interviewsituation selbst, in ihrer ganzen Staatsmännigkeit, erlaubte wenig Überraschungen. Bleibt die Frage, ob man sich auf derart einengende Bedingungen der “Interviewgewährer” überhaupt einlassen soll.

    Kleber hat’s halt versucht.

  13. Manipu |  03.04.2012 | 13:47 | permalink  

    Es ist nicht immer nur entscheidend WER interviewt, sondern fast noch entscheidender, in wessen Auftrag interviewt wird. Da Ahmadinedschad selbst zum Interview geladen hat, hätte man schon recherchieren sollen, was er damit beabsichtigte. Sicher ist Kleber nicht ohne “Order” zum Interview geflogen.

    Wer die Propaganda der US Administration unreflektiert als Wahrheit akzeptiert, hätte auch im Sinne von Bush jun. den damaligen Irakischen Präsidenten Saddam Hussein interviewt und ihn gelöchert, er soll doch die Verstecke seiner atomaren Geheimwaffen preisgeben.
    Im Nachhinein musste die Welt erfahren, dass es diese Waffen gar nicht gab und Bush und sein Kriegsminister die wahren “Lumpen vom Dienst” waren.

    Es ist nicht meine Absicht Ahmadinedschad völlig frei zu sprechen, doch sollte man sich das Gespür bewahren, wer welche Interessen vertritt.

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