Maschmeyer, Ahmadinedschad, Wulff & Guttenberg: Was kann ein Interview leisten?

Die moralische Empörung über falsch geführte Interviews ist derzeit en vogue – und auch ein wenig beckmesserisch.

Wieder hat ein gestandener Journalist alles falsch gemacht. Im Versuch, einen journalistischen Scoop zu landen und das erste granatenmäßige Interview mit einem Schurkenstaatspräsidenten zu führen, hat der Anchorman des ZDF, Claus Kleber, nach Meinung seiner Kritiker vergessen, die richtigen Fragen zu stellen: Warum, Mister President, leugnen Sie den Holocaust? Warum wollen Sie die Israelis bei nächster Gelegenheit ins Meer treiben? Wieso lassen Sie Regimegegner foltern und ermorden? Warum schicken Sie Geld und Waffen an die Hisbollah und an Syriens verbrecherisches Assad-Regime? Wohin werden Sie Ihre erste selbstgebaute Atombombe werfen? Sehen Sie sich als Witzfigur, Mister President? Und sind Sie nicht auch der Meinung, dass die westlichen Karikaturen ein zutreffendes Bild von Ihrer Persönlichkeit zeichnen?

Solche Fragen erhoffen sich manche Kritiker von einem Interview mit dem Bösen. Es ist für sie unerträglich, mitansehen zu müssen, dass der Interviewer dem Interviewten nicht frontal an die Gurgel geht. Ähnlich entsetzt reagierten Fernseh-Kritiker zuletzt bei Sandra Maischberger, weil sie den Versicherungsmäzen und Politikfinanzier Carsten Maschmeyer ausreden ließ. Oder bei ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der sich mit Freiherr von und zu Guttenberg in einem Londoner Hotel traf, ohne ihm dabei eine Schwarzwälder Kirsch-Torte ins Gesicht zu pfeffern. Oder bei Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten, die es versäumten – wie weiland Fritz Teufel bei einer Talkshow – eine Spritzpistole zu ziehen und den ungeliebten Präsidenten mal ordentlich nass zu machen. Immer wussten die Kritiker hinterher genau, wie schwach, wie peinlich, wie fremdschämerisch die Gesprächsführung gewesen war, die sie da lesen oder mitansehen mussten.

Doch hinter der Empörung derer, die sich bei ihrem Medienkonsum andauernd fremdschämen müssen, stecken drei berechtigte Fragen: Bekommen die Bösen durch solche nicht-aggressiven Interviews eine kostenlose Bühne? Sind die Interviewer des Bösen nur die nützlichen Idioten für eine hundsgemeine Sache? Und werden die Bürger durch solche Interviews nicht hinters Licht geführt? Auf diese Fragen findet man keine eindeutige Antwort.

 

1. Bekommen die Bösen durch solche Interviews eine kostenlose Bühne?

Ja, sie bekommen eine kostenlose Bühne, aber der Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft muss sich auch mit Meinungen auseinandersetzen können, die nicht auf dem Boden des Grundgesetzes stehen oder der herrschenden Moral entsprechen. Er muss Personen der Zeitgeschichte und des öffentlichen Interesses auch dann interviewen dürfen, wenn die Interviewten unsympathisch sind, offensichtliche Tatsachen leugnen, in gestanzter Formelsprache sprechen, in Null-Sätze ausweichen oder sich nicht an das vereinbarte Thema halten, kurz: wenn die Interviewten am Ende als vermeintliche „Sieger“ aus dem Gespräch hervorgehen. Der Interviewer ist – im Gegensatz zum Fernsehkritiker – kein Dompteur, der sein Gegenüber nach Lust und Laune vorführen kann, er kann auch niemanden zwingen, die Wahrheit zu sagen oder einfordern, was man draußen an den Geräten so gerne hören möchte. Claus Kleber hat das treffend auf den Punkt gebracht, als er sagte, ein Gespräch sei kein Tennisspiel, in dem es darauf ankomme, wer die meisten Punkte mache. Entscheidend sind allein journalistische Neugier und der redaktionelle Anspruch, etwas Neues zu erfahren: durch einen Versprecher, eine unbedachte Äußerung, ein Stottern, eine entlarvende Geste, eine peinliche Gesprächspause, eine unwirsche Bemerkung, ein plötzliches Ausrasten.

Wir wollen in einem Gespräch ja etwas erfahren über eine Person, die im Rampenlicht steht. Wir studieren ihr Verhalten, ihre Gesprächsstrategie. Das wird – für alle sichtbar – dokumentiert. Ob man als Interviewer dabei eine Sternstunde erlebt (wie bisweilen Günter Gaus) oder gar einen unverhofften Glückstreffer landet, ist ungewiss. In neun von zehn Fällen klappt es nicht. Denn in einem Live-Gespräch ist man von vielen Äußerlichkeiten abhängig. Die Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit, die von einem Interviewer verlangt werden, sind im Moment des Geschehens oft schwerer zu realisieren als es dem in Ruhe analysierenden Kritiker hinterher erscheinen mag.

Das zwischen zwei Menschen gesprochene Wort gehorcht auch anderen Gesetzen als das geschriebene. Die Gesprächssituation mit ihrer unmittelbaren Nähe zu einer anderen Person bewirkt immer ein größeres Sich-Einlassen als dies der Fall wäre, würde man unbeobachtet und konzentriert mit Block und Bleistift in der hinteren Reihe einer Veranstaltung sitzen und das Geschehen distanziert „überblicken“. Auch der Zeitdruck spielt eine gnadenlose Rolle – wie die freundliche Stimmung aufgrund des endlich zustande gekommenen Interviewtermins.

Und da man all dies seit langem weiß, wäre es die Aufgabe der jeweiligen Redaktion gewesen, das Drumherum des „heiklen“ Interviews so zu gestalten, dass durch ergänzende Dokumentationen, Kommentare und Debatten eine Einbettung und Einschätzung stattfinden kann. Wenn also Fehler gemacht wurden in den hier genannten Fällen, dann lagen sie nicht so sehr im Gespräch selbst als in der mangelnden journalistischen Einrahmung.

 

2. Sind die Interviewer des Bösen nur die nützlichen Idioten für eine hundsgemeine Sache?

Ja und Nein. Journalisten sind keine Oberlehrer oder Moralprediger, auch wenn das derzeit – angesichts der jüngsten Skandalberichterstattung – von ihnen manchmal verlangt wird. Journalisten sind dazu da, Realität, Meinungen, Zeitgeschichte aufzuzeichnen oder abzubilden und ergänzende Informationen bereitzustellen. Immer wenn Journalisten Informationen aufbereiten, die von außen an sie herangetragen werden, sind sie – zunächst einmal – nützliche Idioten. Denn Journalisten sind Medien, durch die ein Geschehen vermittelt wird. Sie sind einer Kamera vergleichbar oder einem Detektor für Vibrationen oder einem Pegelstandsmesser für Wasserstandsänderungen aller Art. Sie zeigen an oder zeichnen auf, was vorgeht. Niemand macht einen Durchlauferhitzer oder einen Messfühler für eventuelle Verbrennungen oder Erdbeben verantwortlich. Nur im Kommentar und in der Reportage kann der Journalist die Realität auch auf eigene Faust durchdringen; hier wird er selbst zum Akteur und kann seine Subjektivität ungefiltert einbringen.

Ein Interview aber wird in der Regel nicht deshalb geführt, um die Sicht des Interviewers auf die Welt vorzustellen, sondern um die Sicht des Interviewten kennenzulernen – auch wenn die Interviewten verlogen, dumm, verrückt, scheinheilig, fies, feige, frech oder was auch immer sind. Deshalb gilt hier wie bei der ersten Frage: Das Interview ist nicht das Problem. Die Redaktion aber muss den Kontext herstellen zu anderen Sendungen, Beiträgen und Diskussionen zum gleichen Thema. Nur so kann der Anschein, als nützlicher Idiot zu fungieren, vermieden werden.

 

3. Werden die Bürger durch solche Interviews hinters Licht geführt?

Kritiker der genannten Interviews unterschätzen möglicherweise die Urteilskraft der lesenden oder zuschauenden Bürger. Diese Urteilskraft muss ja nicht darin liegen, die Feinheiten des Atomwaffensperrvertrags, der Politikerfinanzierung, der wissenschaftlichen Zitierweise oder der Vorteilsnahme im Amt zu kennen, sie kann sich schon dadurch äußern, dass die Bürger einfach abschalten, einschlafen, nicht weiterlesen, auf „Fehler“ achten, sich an der Kleidung, der Haltung oder der Gebärdensprache der Interviewten reiben.

Die Bürger schätzen es nämlich, wenn sie sich ein eigenes Bild machen können; etwa dadurch, dass ein Interviewer sich stark zurückhält und nicht versucht, suggestive Fragen zu stellen oder Meinungen zu transportieren. Beim Fußball z.B. schätzen es viele, wenn die Kommentatoren nicht allzu viel quatschen – man will ja das Spiel sehen – und bei Interviews ist es so ähnlich. Nicht immer waren die Interviews von Günter Gaus das Non-Plus-Ultra der Journalistenkunst, und manchmal hätte man sich kürzere Fragen mit etwas weniger inhaltlichen Vorgaben des Interviewers gewünscht. Denn der Interviewer muss nicht im Mittelpunkt stehen und der von vielen geschätzte „Hardtalk“ des britischen Fernsehens oder das Action simulierende Auflauer-Interview mancher Investigativ-Journalisten am Klingelschild eines Bösewichts ist oft nur eitles Journalistengehabe, Theater, das eine „peinliche Befragung“ durch häufiges Ins-Wort-Fallen oder ein Sich-in-den-Weg-stellen vortäuscht.

Deshalb: Gerechtigkeit für Journalisten, die es wagen, Leute zu interviewen, die keiner mag! Hier waren keine Anfänger am Werk, sondern ausgewiesene und gesprächs-erfahrene Journalisten. Zu kritisieren ist weniger ihre Gesprächsführung als das mangelnde Drumherum.