ZDF-Interview mit dem “wohl gefährlichsten Mann der Welt”

Ahmadinedschad kann man nicht wie Kurt Beck interviewen. Das klassische Frage-Antwort-Frage-Spiel von Claus Kleber brachte keine neuen Einsichten.

Claus Kleber hat für das ZDF heute journal mit Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gesprochen. Von welchen Voraussetzungen gehen wir aus und was wäre das Ziel bei einem solchen Gespräch? Geht es darum, ihn seine Holocaustleugnung auch vor deutschen TV-Kameras wiederholen zu lassen? Die Tatsache an sich ist keine neue Erkenntnis.

Das Gespräch müßte der weiteren Informationsgewinnung dienen. So geht Claus Kleber seinen Auftrag auch an. Er wird im Flugzeug gezeigt, wie er sich vorbereitet. Was belegen diese Bilder? Dass er sich vorbereitet?

Nein, sie setzen das Interview in eine Rahmenhandlung: Der Journalist ist wichtig und der Sender, der dieses Interview bekommt, auch. In meinen Augen, der erste Fehler. In dieser derart aufgeladenen Situation wird Kleber aber unsicher, gar fahrig. Und: Er nimmt nicht die Rolle des unvoreingenommenen Journalisten ein, sondern fragt, wie ein Politiker oder ein Emissär der IAEO. Der zweite Fehler. Der Journalist ist nicht dazu da, seinem Gegenüber Verhandlungszugeständnisse abzuringen, wie ein Egon Bahr im kalten Krieg.

Interview-Schach

Ein Interview dieser Art ist wie ein Schachspiel, in dem man vermutlich sehr viele Züge vorausberechnen kann. Kleber eröffnet, er entwickelt aber sein Spiel nicht und gerät in die Defensive. Er fragt: Warum auf einmal jetzt das Gespräch? Hatte man in der
heute-journal-Redaktion im Ernst auf die Antwort gehofft: Weil mich neulich mein Parlament gegrillt hat und ich jetzt mal was tun muss? Weil ich Angst vor einem Angriff habe und vorher noch einmal sagen möchte, dass wir nur den Frieden wollen?

Und dann stellt der Iranische Präsident plötzlich die Fragen und bringt nach wenigen Minuten Kleber in Bedrängnis: Wer hat Irak besetzt? Wer hat Afghanistan besetzt? Wir sind gegen die Atombombe! Wir haben keine Feldzüge gemacht! Am Ende, nach knapp 45 Minuten, wird der iranische Machthaber den größeren Frageanteil haben.

Was Ahmadinedschad aber sagen würde, war doch klar – spätestens nach der erneuten Holocaust-Leugnung wäre ein anderer Zug zwingend gewesen als der diagonale Springerzug auf ein anderes Fragefeld. Bei diesem Thema hätte er ihn stellen müssen. Es hätte vermutlich eines Philosophen bedurft, geschult in der sokratischen Gesprächsführung, der diesen absurden Gesprächsrhythmus hätte durchbrechen können. Ob es gelungen wäre?

Ahmadinedschad diktiert das Spiel

So aber hat der berechnende Ahmadinedschad dem ehrlichen Journalisten sein Spiel diktiert und kam dabei sogar optisch noch besser weg. Der Präsident, in der Körpersprache offen und die wenigen Spitzen weglächelnd gegen Claus Kleber, den verunsicherten und durch die Sprachbarriere eingeschränkten Angreifer.

Ein in moralischen Kategorien denkender Journalist wie Claus Kleber wird mit den klassischen Methaphern für ein Politiker-Interview dieser Person nicht Herr werden. So war das Interview mehr eine Art Regierungserklärung Ahmadinedschads für die eigenen Leute und das westliche Publikum – beide wurden in ihren Haltungen bestätigt. Und Claus Kleber war nur der einbestellte Stichwortgeber. Erkenntnisgewinn? Man hätte es wohl besser gelassen.

Der Text ist ein Crosspost von JBlog.