Julius Endert

ZDF-Interview mit dem “wohl gefährlichsten Mann der Welt”

 | 11 Kommentar(e)


Ahmadinedschad kann man nicht wie Kurt Beck interviewen. Das klassische Frage-Antwort-Frage-Spiel von Claus Kleber brachte keine neuen Einsichten.

20.03.2012 | 

Claus Kleber hat für das ZDF heute journal mit Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gesprochen. Von welchen Voraussetzungen gehen wir aus und was wäre das Ziel bei einem solchen Gespräch? Geht es darum, ihn seine Holocaustleugnung auch vor deutschen TV-Kameras wiederholen zu lassen? Die Tatsache an sich ist keine neue Erkenntnis.

Das Gespräch müßte der weiteren Informationsgewinnung dienen. So geht Claus Kleber seinen Auftrag auch an. Er wird im Flugzeug gezeigt, wie er sich vorbereitet. Was belegen diese Bilder? Dass er sich vorbereitet?

Nein, sie setzen das Interview in eine Rahmenhandlung: Der Journalist ist wichtig und der Sender, der dieses Interview bekommt, auch. In meinen Augen, der erste Fehler. In dieser derart aufgeladenen Situation wird Kleber aber unsicher, gar fahrig. Und: Er nimmt nicht die Rolle des unvoreingenommenen Journalisten ein, sondern fragt, wie ein Politiker oder ein Emissär der IAEO. Der zweite Fehler. Der Journalist ist nicht dazu da, seinem Gegenüber Verhandlungszugeständnisse abzuringen, wie ein Egon Bahr im kalten Krieg.

Interview-Schach

Ein Interview dieser Art ist wie ein Schachspiel, in dem man vermutlich sehr viele Züge vorausberechnen kann. Kleber eröffnet, er entwickelt aber sein Spiel nicht und gerät in die Defensive. Er fragt: Warum auf einmal jetzt das Gespräch? Hatte man in der
heute-journal-Redaktion im Ernst auf die Antwort gehofft: Weil mich neulich mein Parlament gegrillt hat und ich jetzt mal was tun muss? Weil ich Angst vor einem Angriff habe und vorher noch einmal sagen möchte, dass wir nur den Frieden wollen?

Und dann stellt der Iranische Präsident plötzlich die Fragen und bringt nach wenigen Minuten Kleber in Bedrängnis: Wer hat Irak besetzt? Wer hat Afghanistan besetzt? Wir sind gegen die Atombombe! Wir haben keine Feldzüge gemacht! Am Ende, nach knapp 45 Minuten, wird der iranische Machthaber den größeren Frageanteil haben.

Was Ahmadinedschad aber sagen würde, war doch klar – spätestens nach der erneuten Holocaust-Leugnung wäre ein anderer Zug zwingend gewesen als der diagonale Springerzug auf ein anderes Fragefeld. Bei diesem Thema hätte er ihn stellen müssen. Es hätte vermutlich eines Philosophen bedurft, geschult in der sokratischen Gesprächsführung, der diesen absurden Gesprächsrhythmus hätte durchbrechen können. Ob es gelungen wäre?

Ahmadinedschad diktiert das Spiel

So aber hat der berechnende Ahmadinedschad dem ehrlichen Journalisten sein Spiel diktiert und kam dabei sogar optisch noch besser weg. Der Präsident, in der Körpersprache offen und die wenigen Spitzen weglächelnd gegen Claus Kleber, den verunsicherten und durch die Sprachbarriere eingeschränkten Angreifer.

Ein in moralischen Kategorien denkender Journalist wie Claus Kleber wird mit den klassischen Methaphern für ein Politiker-Interview dieser Person nicht Herr werden. So war das Interview mehr eine Art Regierungserklärung Ahmadinedschads für die eigenen Leute und das westliche Publikum – beide wurden in ihren Haltungen bestätigt. Und Claus Kleber war nur der einbestellte Stichwortgeber. Erkenntnisgewinn? Man hätte es wohl besser gelassen.

Der Text ist ein Crosspost von JBlog.

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11 Kommentare

  1. JUICEDaniel |  20.03.2012 | 11:37 | permalink  

    Ist das mit “Cleber” Absicht? Ansonsten wäre es schön, seinen Namen zu vereinheitlichen. ;)

  2. Daniel Florian |  20.03.2012 | 11:42 | permalink  

    Vielleicht hätte Markus Lanz das Interview führen sollen? “Mahmud, mal unter uns: wer ist denn bei euch im Iran der Frosch?”

  3. adrianoesch |  20.03.2012 | 13:10 | permalink  

    ich wär für jon stewart als interviewer?

  4. Karl Bruck |  20.03.2012 | 18:20 | permalink  

    Schon lange nicht mehr so ein unglaublich schlechtes Interview gesehen. Wie naiv darf ein so angesehener Journalist wirken? Claus Kleber saß da wie das Kaninchen vor der Schlange und hat brav seine Fragen abgelesen, die der katholische Frauenbund zusammengestellt hat.
    Sobald einer Holocaust-Lügen auftischt ist man völlig wehrlos. Könnte man einen Staatsmann nicht wie einen Staatsmann befragen? Direkt, mit richtigen Fragen, die vielleicht auch mal etwas schwieriger sind, als die dauernde Bitte nach der sensationellen Friedensbotschaft, die man sich erhofft hat.
    Ich habe neulich den ehemaligen pakistanischen Staatschef, Pervez Musharraf, im Radion bei BBC in Hard Talk gehört. Der wurde echte Fragen gefragt, die auch kontrovers debattiert wurden und der ist auch nicht gleich weggelaufen, obwohl manches wirklich etwas forscher vorgetragen wurde.
    Unglaublich wie viel Geld die Deutschen für schlechten Journalismus mit nicht vorhandenem Informationsgewinn ausgeben. Zeit mehr zu fordern!

  5. Splitter 20.03.2012 « … Kaffee bei mir? |  20.03.2012 | 20:45 | permalink  

    [...] Das Interview mit dem wohl gefährlichsten Mann der Welt hat Julius gut analysiert. Aber mal ehrlich: Ich hätte nicht in Klebers Haut stecken [...]

  6. Berliner Blogs bei ebuzzing.de – Ranking für März 2012 | world wide Brandenburg |  21.03.2012 | 00:25 | permalink  

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  7. Andreas |  21.03.2012 | 15:41 | permalink  

    Ich finde das Interview einfach nur schlecht.
    Claus Kleber ist einfach der falsche Mann für sowas. Auch bin ich vom ZDF enttäuscht, denn man muss sich erst mal die Unterschiede zwischen der originalen und ausgestrahlten Version ansehen. Da stellt sich die Frage wer wen interviewt hat.
    Hier mal eine Videoanalyse:
    http://e-newschannel.de/2012/03/1929-zdf-subjektive-berichterstattung-uber-iran/

  8. Nero |  22.03.2012 | 01:56 | permalink  

    Die Videoanalyse mag zwar eine tolle Übung sein – die Kommentierung ist aber mit mindestens so vielen historischen Fehlern geschmückt wie die ZDF-Übersetzung des Interviews… Eigentlich ist jedes dort erwähntes historische Ereignis schlicht falsch und die politischen Äußerungen des Webreporters gehören nicht in eine Video-Analyse. Sie sind Beweis dafür, dass Webreporter Okan T. hier genau das macht, was er der ZDF-Übersetzung vorwirft: die Analyse mit seiner subjektiven Meinung vermischen. Darüber hinaus ist seine subjektive Meinung voll mit Fehlern und hetzerischen Spitzen.

    Die Palästinenser wurden ebenso gefragt wie die Juden/Zionisten in Palästina, wie ihre Haltung gegenüber dem Palästina-Problem im Jahre 1947 vor der UN-Abstimmung war. Leider boykottierten sie die Zusammenarbeit mit der zuständigen UN-Kommission. Bei der entscheidenden Abstimmung hatten die Juden/Zionisten ebenso wenig eine Stimme wie die Palästinenser, dafür aber die zur damaligen Zeit bereits existierenden arabischen Staaten. Sie machte vor der Weltgemeinschaft klar, was eine Teilung des Mandatsgebietes bedeuten würde: Krieg. Es basiert also nichts hier auf “teilweisen Wahrheiten”, sondern auf übelster anti-israelischer Propaganda. Denn die arabischen Staaten und die naive Führung der Palästinenser war mindestens genauso schuld daran, dass ein palästinensischer Staat nicht schon 1948 neben Israel gegründet wurde.

    Egal wie lange Okan T. wohl gebraucht hat, alle israelischen Siedlungen zu zählen, in jedem Fall ist “Tausende” maßlos übertrieben! Neben der Verdrehung von historischen Tatsachen wird de kritikwürdige Siedlungspolitik Israels hier auch noch dämonisiert.

    Der Vergleich mit der Berliner Mauer ist lächerlich und beschmutzt das Andenken an die Mauertoten, die versucht haben, in die Freiheit nach Westdeutschland zu gelangen. Die israelische Mauer kennt solche Mauertoten nicht. Tatsache ist, dass die Mauer in Israel/Palästina die Anzahl getöteter Menschen deutlich reduziert. Sie ist nämlich nicht mehr und nicht weniger als eine physische Barriere für palästinensische Terroristen, die bis zu ihrer Errichtung nicht nur Siedlungen angriffen, sondern auch Städte innerhalb israelischen Staatsgebietes. Und natürlich sind dort keine Selbstschussanlagen installiert, wie es bei dem “antifaschistischen Schutzwall” der DDR der Fall war. Wie gesagt: lächerlich und eine Verhöhnung der Opfer.

    Und was genau sollen bitte die “Machenschaften des israelischen Regimes” sein? Das erinnert leider doch sehr an die “Machenschaften der Juden” (Stichwort: Die Protokolle der Weisen von Zion).

    Webreporter Okan T. hat sich mit seiner “Video-Analyse” als politisch naiver und historischer unwissender Reporter unter Beweis gestellt, der noch deutlich weniger als Herr Kleber diesen Titel verdient.

  9. Tim |  22.03.2012 | 09:57 | permalink  

    Ich habe mich beim Zuschauen geschämt. Warum schickt das ZDF nicht einen richtigen Journalisten in so ein Gespräch? Oder wenigstens jemanden mit politischem Interesse? Ach, stimmt ja, diese Spaßtruppe hat ja weder das eine noch das andere …

    Tja, öffentlich-rechtliches Qualitätsfernsehen. Der gesamte Moloch gehört abgeschafft und sinnvoll neu aufgebaut.

  10. Tim Spencer |  22.03.2012 | 18:19 | permalink  

    “So aber hat der berechnende Ahmadinedschad dem ehrlichen Journalisten sein Spiel diktiert …”

    Falsch. Es muss heißen: “So aber hat der ehrliche Ahmadinedschad dem berechnenden Journalisten sein Spiel diktiert…”

  11. Aurora |  23.03.2012 | 04:35 | permalink  

    Sehr schöner Beitrag, danke dafür.

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