LiquidFeedback: Gamification der Politik?

„Ich hab LiquidFeedback durchgespielt, ohne ein Leben zu verlieren“: LiquidFeedback enthält Elemente von Online-Rollenspielen. Deren Ziel ist, einen Charakter im Spiel aufzubauen und mit möglichst viel Macht auszustatten. Bei LiquidFeedback geht es um Delegiertenstimmen.

LiquidFeedback wird seit 2009 von Public Software Group e.V. programmiert, der Berliner Landesverband der Piratenpartei setzte das System im Januar 2010 als erster ein. Die Parteimitglieder können im „Liquid“, wie die Software unter Piraten genannt wird,  Anträge erarbeiten, die  dem Parteivorstand vorgelegt und bei Annahme ins Parlament eingebracht werden.

Dabei hat LiquidFeedback den Anspruch, Elemente direkter und repräsentativer Demokratie zu vereinen. Jedes Mitglied kann selbst Anträge einstellen, kommentieren und darüber abstimmen – oder aber seine Stimme themenbezogen an ein anderes Mitglied delegieren, das es auf dem jeweiligen Sachgebiet für kompetent hält. Je mehr Delegiertenstimmen ein Mitglied auf sich vereint, desto mehr Gewicht hat sein Votum. Eine Zahl symbolisiert die übertragenen Delegiertenstimmen, de facto die Macht seines Votums.

Gamification

Da dies, zumindest oberflächlich, an Rollenspiele erinnert, in denen der Machtzuwachs der Spielcharaktere im Mittelpunkt steht, stellt sich die Frage, ob LiquidFeedback spielerische Prinzipien in digitalisierte politische Prozesse implementiert. Das Ziel ist, lust- und effektvollere Teilhabe- und Mitbestimmungsmöglichkeiten zu etablieren, als unsere Parteiendemokratie bisher vorgesehen hat. Tweets und Kommentare von LiquidFeedback-Usern bestätigen die Parallele zu Computerspielen: „Mit meinen Minderheitenmeinungen komme ich nie ins Level 2!“, „Ich hab LiquidFeedback durchgespielt, ohne ein Leben zu verlieren.“, „Habe mal wieder alle Anträge durchgearbeitet => Warten auf den Endgegner“, „Meine liebsten MMORPG: Eve Online und LiquidFeedback“.

Die Tendenz, Spielelemente und -funktionsmechanismen auf andere, nicht-spielerische Kontexte zu übertragen, wird unter dem Label Gamification gefasst. Dabei geht es zunächst um Arbeits-, Lern- oder Konsumumgebungen, sind diese digitalisiert, entstammen Anleihen meistens aus Computerspielen. Die User sollen motiviert werden, sich intensiver mit einem Thema/Produkt auseinander zu setzen oder bestimmte Handlungen zu vollziehen.

Björn Swierczek, Programmierer der Public Software Group, nennt als wesentliche Eigenschaften von LiquidFeedback Transparenz und die objektive Messbarkeit von Entscheidungsprozessen. „Anders als in den sprichwörtlichen Hinterzimmern sind alle Entscheidungsprozesse für alle nachvollziehbar.“ Hinzu kommt ein direktes Feedback auf Aktionen eines Users. Und auch dies ist zentral für Games: Ein transparentes Regelwerk, das einerseits sicherstellt, dass der Spieler durch regelmäßiges Feedback zum weiterspielen motiviert wird, und andererseits, dass am Ende ein Ergebnis nach objektiven Kriterien feststeht.

Spiel und Realität

Eines der wichtigsten Spielelemente ist das Spielziel, dem alles andere untergeordnet ist. Jenseits des reinen Machtgewinns sieht Alexander Morlang, Berliner Abgeordneter der Piratenpartei, „die Lust und den Willen, die Welt zu verändern“ als „Spielziel“ jeder Politik.

Doch zeichnen sich Spiele ja gerade dadurch aus, dass Personen in künstlich geschaffenen symbolischen Räumen agieren, losgelöst von tatsächlichen Konsequenzen. Die Spieler wissen um die Begrenztheit des Spiels in Raum und Zeit, ihnen ist bewusst, dass sie jederzeit aus dem Spiel aussteigen könnten.

Die Anbindung an reales Handeln verändert das Spiel vollkommen. Wenn wir Spielelemente auf nicht-spielerische Lebensbereiche erweitern, bleibt der Spielspaß tendenziell auf der Strecke. Dies macht die Ambivalenz der Gamification aus: Die scheinbare Konsequenzlosigkeit wird auf Bereiche übertragen, die sehr wohl Einfluss auf unser Leben haben.

LiquidFeedback ersetzt  Politik nicht , findet Alexander Morlang. Die Herausforderung von LiquidFeedback bestünde darin, gute Texte zu schreiben, die dann bestenfalls als fertige Anträge herauskommen. Insofern dient die Software den Piraten als Testraum: Politische Ideen werden in Form von Anträgen „durch das Liquid geschleift“.  am Ende dieses  Prozesses sind Kritikpunkte eingebracht, Gegenmeinungen und Verbesserungsvorschläge abgestimmt.

Die Anträge sind umfassender bedacht und geprüft worden – und finden mit höherer Wahrscheinlichkeit Zustimmung beim Vorstand. Hintergrund ist dabei einerseits der demokratische Charakter der Antragsgenerierung, andererseits  ist die Gefahr eines Shitstorms – eine andere Art des Feedbacks, die speziell unter den Piraten weit verbreitet ist – minimiert. Die Kritiker hätten sich ja im Liquid beteiligen können.

Die eigentliche politische Arbeit, die über LiquidFeedback erledigt würde, sei eine recht traditionelle Form, sagt Alexander  Morlang. Bisher seien es die Aufgaben von Referenten gewesen, mit LiquidFeedback hingegen kann sich potenziell jedes Mitglied einbringen.

Politische Teilhabe

Digitale Kommunikation im Politikbereich wird zurzeit vor allem für Marketingzwecke eingesetzt, interessanter ist aber der Rückkanal, die Möglichkeit zur Teilhabe. Der Erfolg der Piratenpartei ist sicher auch auf neue Wege politischer Kommunikation zurückzuführen. LiquidFeedback nimmt dabei einen zentralen Platz ein, da es systematisch versucht, den Rückkanal zu einem demokratischen Mitgestaltungsmedium zu erweitern. Alexander Morlang sieht darin einen Impuls zur Veränderung der bisherigen Praxis unserer Parteiendemokratie im Hinblick auf Transparenz und Teilhabemöglichkeiten.

Die Adaption neuer Techniken, auch Kulturtechniken und Handlungsmuster, auf unsere demokratischen Prinzipien tragen letztlich zu deren Kontinuität bei, passen sie an die veränderten Wahrnehmungs- und Lebensgewohnheiten an. Die jüngste Adaption der politischen Landschaft bestand wahrscheinlich in der an die elektronischen Massenmedien. Im Zuge dessen rückte die Person des Politikers in den Mittelpunkt, da die Telegenität dies erfordert. Folge des aktuellen Adaptionsprozesses an die digitalen Individualmedien könnte sein, dass die persönlichen Eigenschaften von Politikern zugunsten sachorientierter, basisdemokratischer Gestaltung von Politik wieder in den Hintergrund treten.

In der digitalen Welt von LiquidFeedback können, ganz wie in Online-Spielen, mächtige
Charaktere entstehen. Ihre Macht erhalten sie über Sachkompetenz, die ihnen von den anderen zugetraut wird, diese wiederum lässt sich an ihren Kommentaren und Anträgen im System messen. Es handelt sich um eine transparente Welt, deren Mehrheitsbildungsprozesse von jedem objektiv nachvollzogen werden können, der die Spielregeln kennt.

In Abwandlung des Tweets könnte es also heißen: „Ich hab LiquidFeedback durchgespielt, und habe ein besseres Leben gewonnen“. Sicher ist das idealistisch, doch gehört Idealismus eben auch dazu – in der Politik wie beim Spielen.

Der Text basiert auf einer Diskussionsveranstaltung im Berliner Computerspielemuseum („CSM Insider Talk“ vom 23.2.2012), bei der Björn Swierczek und Andreas Nitsche, Programmierer der Public Software Group e.V., sowie Alexander Morlang, Berliner Abgeordneter der Piratenpartei, zu Gast waren.