Redaktion Carta

Kony 2012: Wie die Facebook-Generation die Welt rettet

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Seit einer Woche macht ein Video über Joseph Kony, Kopf der ugandischen Rebellenarmee “Lord’s Resistance Army”, in der Netzwelt Furore.

10.03.2012 | 

Über 63 Millionen Mal wurde das Video bisher angeklickt. Nun reagieren auch die traditionellen Medien. Sie reagieren einerseits pikiert auf den sensationellen „Hype“, andererseits versuchen sie, die von der Organisation „Invisible Children“ und Millionen Internet-Nutzern erzeugte „Welle“ am emotionalen Überschwappen zu hindern.

„Wer kämpft nicht gerne gegen das Böse – vor allem wenn es so leicht ist?“ fragt z.B. stern.de, und schreibt:

„Die Aufnahmen in dem Video sind… zum Teil fast zehn Jahre alt… Auch der afrikanische Junge Jacob Acaye, den die Filmemacher bereits vor zehn Jahren für ihren Film interviewten, meldete sich nun zu Wort. In seiner Heimatregion rund um die Stadt Gulu sei es mittlerweile friedlich, sagte der inzwischen 21-jährige ehemalige Kindersoldat dem “Guardian” in einem Telefoninterview.“

Auf zeit.de werden die politischen Hintergründe ausgeleuchtet:

„Das Video suggeriert, die Gewalt in Norduganda könne nur beendet werden, die entführten Kinder erst dann zu ihren Familien zurückkehren, wenn Joseph Kony gefasst werde. Falsch. Der Bürgerkrieg ist seit Jahren vorbei. Die Menschen sind auf ihre Felder zurückgekehrt, die Flüchtlingslager existieren nicht mehr. Zwar fehlt es den lokalen Behörden an Geld und anderen Ressourcen, es gibt viel zu wenige Lehrer und die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist schlecht. Aber auch wenn Joseph Kony festgenommen würde: Daran würde sich rein gar nichts ändern. Vor sechs Jahren, schreibt der ugandische Journalist Angelo Izama, hätten die Kinder in Norduganda nichts mehr gefürchtet als die LRA. Heute seien die Probleme andere: “Die wirklich unsichtbaren Kinder sind jene, die an der ‘Nodding Disease’ leiden. Über 4.000 sind Opfer dieser unheilbaren Krankheit.”

Auch mit der umstrittenen Organisation „Invisible Children“ setzen sich viele auseinander. Neben kritischen US-Bloggern z.B. auch Spreeblick:

„Die Invisible Children Inc ist eine NGO, die von drei Filmemachern geleitet wird und in US-amerikanischen Blogs schon länger zumindest mit Argwohn, aber auch mit klaren Warnungen betrachtet wird. Nur etwa 31% der recht hohen Einnahmen der Organisation fließen tatsächlich in die vorgegebenen Anlässe, also auch die Unterstützung von Anti-Kony-Maßnahmen. Gerade diese sind jedoch mehr als fragwürdig und einer der Hauptkritikpunkte an Invisible Children, denn die Organisation unterstützt offen die Armee von Uganda (und andere Militäreinheiten, mit denen die Invisible-Children-Macher auch mal posieren) und somit ein militärisches Vorgehen gegen den Wahnsinnigen Kony.“

BoingBoing sammelt kritische Stimmen aus Afrika und Wikipedia räumt der Kritik ebenfalls viel Raum ein:

„Beispielsweise wird bemängelt, dass der Film nicht ebenfalls die Kriegsgräuel anderer beteiligter Konfliktparteien wie der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee beleuchtet und den Einfluss der schwierigen politischen Lage im Allgemeinen auf die Anheizung des Konflikts unberücksichtigt lässt. Der Film unterteile so vereinfacht in Gut und Böse, ohne ein differenziertes Bild zu liefern. So heißt es auch, Invisible Children und andere Organisationen manipulierten Tatsachen, indem sie das Ausmaß der Verbrechen zu sehr dramatisierten. Außerdem wird kritisiert, dass die Kampagne auf keine der anderen bereits im Krisengebiet Hilfe leistenden Organisationen eingehe und die obligatorische Beteiligung der ugandischen Regierung an der Problemlösung außer Acht lasse.“

Nun könnte eine Diskussion darüber beginnen, ob solche Agitprop-Videos als Anstoß sinnvoll, desinformativ oder gar gefährlich sind. Möglicherweise führt die provozierte Aufregung tatsächlich zu politischem Handeln, möglicherweise produziert die Video-Aktion aber auch nur zahlreiche Nachahmer- und Absahnerprojekte. stern.de:

„Das Action Kit, das “Invisible Children” im medialen Kampf gegen Kony vermarktet, ist bereits ausverkauft. Es beinhaltet Aufkleber, Buttons, Poster und kostet 30 Dollar.“

 

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9 Kommentare

  1. Fritz |  11.03.2012 | 09:22 | permalink  

    Die Aktion hält uns, so wie wir alle als Publikum mit den Leitmedien verbandelt sind, den Spiegel vor. So, genauso emotionalisiert und bildergeil, entlang von Gut-Böse-Dramaturgien, im Voraus konzipiert und geschickt eingefädelt, genauso blöd funktioniert der Kampf um unsere Aufmerksamkeit heute – beim Publikum genauso wie in den Redaktionen. Die Verkaufsmedien sind geradezu durch die falschen Prioritäten charakterisiert. Wer diese falschen Prios aufbrechen will, der muss sich was einfallen lassen – insbesondere bei einem Thema aus einem Land, wo keiner genau weiß, wo das liegt und was da los ist, ein Land, das praktisch keine Chance hat, in den Nachrichten stattzufinden. Da muss man wohl ein professionelles Riesenrad bauen und die Kommunikation so generalstabsmäßig projektieren. In den USA ist man da immer schon pragmatischer gewesen – siehe die Filme von Michael Moore, auch die Occupy-Bewegung ist im Prinzip eine solche kommunikative Maßnahme.

    Die Frage, ob solche marketingförmigen Mittel für politische Zwecke legitim sind, führt so zurück zu der Frage, wem wir Aufmerksamkeit schenken und wem nicht. Wohl kann man sich damit nicht fühlen. Auch wenn es ein Therapieversuch ist, gehört es zum Krankheitsbild der politischen Öffentlichkeit.

    Interssant hier der Vergleich mit den Marketingmethoden von NIke:
    http://wp.me/pG3WK-P1

  2. Fritz |  11.03.2012 | 21:54 | permalink  

    Oder eben so: “Sorg für Schlagzeilen”
    So drückt es Yassin C. mit Kampfnamen Abu Ibrahim aus. Laut “Welt”. http://is.gd/sDtddV
    Auch eine Kampagne von Leuten, die keiner anhören will, um ein bisschen Aufmerksamkeit.

  3. Daniel Kruse |  12.03.2012 | 11:59 | permalink  

    Sicher: Tonart, Mittel und Hebel von Invisible Children sind absolut kritisierenswert. Ich möchte aber davor warnen, die Aktion einfach als zu billig, zu amerikanisch abzutun. Dazu ist der Erfolg einfach zu durchschlagend und deswegen setzen wir uns hier und in hunderten anderen Blogs zum ersten Mal (!) überhaupt mit dem Thema auseinander. Ich bin nicht damit einverstanden, dass sich NGOs in dieser Medienwelt, die Nike & Co. nun mal geschaffen haben, nicht mit den selben Mitteln Gehör verschaffen dürfen. Wenn Apple am Potsdamer Platz ein Megabanner aufhängt, sagen alle: “Krass, Apple halt, cool!”. Und kein Schwein fragt nach den Produktionsbedingungen des iPhone und anderer Gadgets. Hängt der WWF oder Amnesty so ein Ding auf, dann wäre die Reaktion: “Woher haben die die Kohle, da muss doch was im Busch sein!”. Ganz schlecht finde ich auch die Diskussion über die richtigen Maßnahmen – klar ist die Unterstützung lokaler Projekte direkt effektiver. Aber eine WELTÖFFENTLICHKEIT kennt jetzt dieses Thema und ich kann nichts falsches darin finden, wenn ein Massenmörder und 40.000facher Kinderentführer endlich geschnappt wird. Das mag nicht des Pudels Kern sein, wird aber bei den Betroffenen eine immense Erleichterung auslösen. Und IC hat eben die perfekte psychologische Brücke geschlagen – “ich in der weißen Welt” habe jetzt einen Bezug zu Kony und den Verbrechen, “wir das Netz” ändern den Lauf der Geschichte. Mehr auch auf meinem Blog…

  4. Vera Bunse |  12.03.2012 | 13:31 | permalink  

    Martin Weigert auf netzwertig.com:

    Wer einen in puncto Qualität und Dramaturgie an eine Hollywood-Produktion heranreichenden Spendenauruf in Videoform einer bisher weitgehend unbekannten Hilfsorganisation weiterempfiehlt, ohne sich zumindest kurz bei externen Quellen über die Macher und den im Film dargestellten Sachverhalt zu informieren, handelt verantwortungslos.

    Was von dem Informations-Überangebot oft verhindert wird, aber deshalb nicht weniger richtig ist.

  5. Franz |  13.03.2012 | 00:17 | permalink  

    Ich frage mich auch: Warum jetzt das Thema Joseph Kony in Uganda? Ist doch eigentlich ein alter Hut. Stecken vielleicht auch politische Gründe hinter der Kampagne? Wahlkampf, Image der US-Army, Öl in Afrika…

    Dazu zwei kurze Berichte von RT, hier auf dieser Blogseite unten… http://egonon.wordpress.com/2012/03/09/kritik-an-kony-2012/

    “The goal of modern propaganda is no longer to transform opinion but to arouse an active and mythical belief” — Jacques Ellul

  6. Fritz |  13.03.2012 | 10:30 | permalink  

    Es gibt hier zwei Themen, die man trennen muss.

    Das eine ist der konkrete Inhalt dieser Kony-Aktion. Darüber wird im Netz auf und ab diskutiert – und das ist festzuhalten: So einfach flutscht da nichts mehr durch, egal wie perfekt oder suggestiv die angewendete Überredekunst sein mag. Es finden sich immer welche, die fragen: “Stimmt das denn?!”

    Das zweite Thema ist die Form. Uns Europäer erschreckt die Professionalität, die Amerikaner sind da – glaube ich – unempfindlicher bzw. “pragmatischer”.
    Das Erschrecken vor der Form zeigt sich auch in dem Weigert-Zitat:

    “Wer einen in puncto Qualität und Dramaturgie an eine Hollywood-Produktion heranreichenden Spendenauruf in Videoform einer bisher weitgehend unbekannten Hilfsorganisation weiterempfiehlt … handelt verantwortungslos.”

    Verantwortungslos ist ein starker Vorwurf an die Milionen Weiterverlinker, der sich interessanterweise vor allem an der “Hollywood-Produktions”-artigen Form festmacht. Denn wenn man sich an die Nase fasst, gilt doch eigentlich: Sollte man nicht jeden Spendenaufruf aus dubioser Quelle prüfen – unabhängig von seiner Darstellung? Sollte man nicht überhaupt prüfen, was man so an mehr oder weniger emotionaler Meinungsmacherei weiterverlinkt?

    Man kann ja auch ästhetische Armut nur simulieren, also Authentizität und Ehrlichkeit vortäuschen (“Ich sammel für den Tierschutz … ich bin selbst auf einem Bauernhof groß geworden …”/ “Susa ist ein Waisenkind aus Maili. Ihre Mutter starb … Ihr Vater wurde von Rebellen … Susa braucht dringend Schulbücher … Wir engagieren uns ganz persönlich …”).

    Wir haben in den Medien und in unserer eigenen Aufmerksamkeit einen Wettbwerb um Prioritäten, um das Agenda-Setting. Wer ein wichtiges Thema hat und jahrelang vor einer Mauer des redaktionellen Desinteresses steht (“unsere Leser finden spannend, wer Nachfolger von Gottschalk wird…” /”die ZEIT-Leser interessieren sich momentan lebhaft für den Freiheitsbegriff von Gauck … sehr zentrale Debatte … Gauck wird darauf eine Antwort finden müssen … Uganda machen wir, wenn Uganda für unsere Leser ein Thema ist …”), darf meiner Meinung nach auch zu solchen Mitteln greifen, das heißt nach den wirksamsten Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, wobei eben aus medien-/filmtheoretischer Sicht völlig egal ist, ob die jetzt billig oder teuer sind, filmisch raffiniert oder extra plump und direkt.

    Die Legitimität entsteht im Nachhinein: Sich so laut auf die Agenda der Weltöffentlichkeit zu setzen, ist kein Zuckerschlecken. Die Netzöffentlichkeit prüft ziemlich gnadenlos und lückenlos. Das ist wie bei beim GuttenPlag Wiki.

    Diese Korrekturmechanismen für Falschdarstellungen sind ein ganz wichtiger Unterschied der neuen, netzgestützten Öffentlichkeit gegenüber früher. Das Netz ist weit lernfähiger als die “alten”, zentralistischen Medien.

  7. Stefan Herwig |  21.03.2012 | 22:59 | permalink  

    Ich glaube wir müssen langsam erkennen, dass die Berichterstattung in Informationskanälen wie YouTube NOCH anfälliger für Propaganda und schwarz/weiss Zeichnungen ist als die Berichterstattung in den traditionellen Medien. Insofern bin ich glücklich, dss hier mal Propaganda als Propaganda entlarvt wurde. Das war ja im Fall ACTA-Video nicht wirklich der Fall.

    Was daraus folgt? Ganz konservativ: Dass wir klassische medien und Redaktionsarbeit eigentlich um so mehr brauchen, denn alleine kann der Konsument diese Fehlinformationen kaum mehr als solche erkennen.

    Und: Wieso die Presse “pikiert” reagiert, wie das im Eingang behaupet wird, kann ich hier nicht ersehen.

    Gruß,

    SH

  8. Fritz |  22.03.2012 | 15:40 | permalink  

    QED: “Sich so laut auf die Agenda der Weltöffentlichkeit zu setzen, ist kein Zuckerschlecken.” Vier Tage später ist Jason Russell in Klinik eingeliefert worden.

    Das lenkt das Licht noch auf einen Punkt: Allein an/gegen alle ist schwer. Die Kampagne hatte im Vorhinein wenig sozialen Konnex. Sozusagen kein Fundament und keinen Begleitschutz. Das könnte ein wichtiges Learning sein für jedes Anliegen, das nachhaltig etwas erreichen will.

  9. Wolfgang Michal |  22.03.2012 | 19:35 | permalink  

    @Fritz: Das scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein bei solchen Kampagnen, denen nach dem Aufpumpen schnell wieder die Luft ausgeht.

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