Kony 2012: Wie die Facebook-Generation die Welt rettet

Seit einer Woche macht ein Video über Joseph Kony, Kopf der ugandischen Rebellenarmee "Lord's Resistance Army", in der Netzwelt Furore.

Über 63 Millionen Mal wurde das Video bisher angeklickt. Nun reagieren auch die traditionellen Medien. Sie reagieren einerseits pikiert auf den sensationellen „Hype“, andererseits versuchen sie, die von der Organisation „Invisible Children“ und Millionen Internet-Nutzern erzeugte „Welle“ am emotionalen Überschwappen zu hindern.

„Wer kämpft nicht gerne gegen das Böse – vor allem wenn es so leicht ist?“ fragt z.B. stern.de, und schreibt:

„Die Aufnahmen in dem Video sind… zum Teil fast zehn Jahre alt… Auch der afrikanische Junge Jacob Acaye, den die Filmemacher bereits vor zehn Jahren für ihren Film interviewten, meldete sich nun zu Wort. In seiner Heimatregion rund um die Stadt Gulu sei es mittlerweile friedlich, sagte der inzwischen 21-jährige ehemalige Kindersoldat dem “Guardian” in einem Telefoninterview.“

Auf zeit.de werden die politischen Hintergründe ausgeleuchtet:

„Das Video suggeriert, die Gewalt in Norduganda könne nur beendet werden, die entführten Kinder erst dann zu ihren Familien zurückkehren, wenn Joseph Kony gefasst werde. Falsch. Der Bürgerkrieg ist seit Jahren vorbei. Die Menschen sind auf ihre Felder zurückgekehrt, die Flüchtlingslager existieren nicht mehr. Zwar fehlt es den lokalen Behörden an Geld und anderen Ressourcen, es gibt viel zu wenige Lehrer und die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist schlecht. Aber auch wenn Joseph Kony festgenommen würde: Daran würde sich rein gar nichts ändern. Vor sechs Jahren, schreibt der ugandische Journalist Angelo Izama, hätten die Kinder in Norduganda nichts mehr gefürchtet als die LRA. Heute seien die Probleme andere: “Die wirklich unsichtbaren Kinder sind jene, die an der ‘Nodding Disease’ leiden. Über 4.000 sind Opfer dieser unheilbaren Krankheit.”

Auch mit der umstrittenen Organisation „Invisible Children“ setzen sich viele auseinander. Neben kritischen US-Bloggern z.B. auch Spreeblick:

„Die Invisible Children Inc ist eine NGO, die von drei Filmemachern geleitet wird und in US-amerikanischen Blogs schon länger zumindest mit Argwohn, aber auch mit klaren Warnungen betrachtet wird. Nur etwa 31% der recht hohen Einnahmen der Organisation fließen tatsächlich in die vorgegebenen Anlässe, also auch die Unterstützung von Anti-Kony-Maßnahmen. Gerade diese sind jedoch mehr als fragwürdig und einer der Hauptkritikpunkte an Invisible Children, denn die Organisation unterstützt offen die Armee von Uganda (und andere Militäreinheiten, mit denen die Invisible-Children-Macher auch mal posieren) und somit ein militärisches Vorgehen gegen den Wahnsinnigen Kony.“

BoingBoing sammelt kritische Stimmen aus Afrika und Wikipedia räumt der Kritik ebenfalls viel Raum ein:

„Beispielsweise wird bemängelt, dass der Film nicht ebenfalls die Kriegsgräuel anderer beteiligter Konfliktparteien wie der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee beleuchtet und den Einfluss der schwierigen politischen Lage im Allgemeinen auf die Anheizung des Konflikts unberücksichtigt lässt. Der Film unterteile so vereinfacht in Gut und Böse, ohne ein differenziertes Bild zu liefern. So heißt es auch, Invisible Children und andere Organisationen manipulierten Tatsachen, indem sie das Ausmaß der Verbrechen zu sehr dramatisierten. Außerdem wird kritisiert, dass die Kampagne auf keine der anderen bereits im Krisengebiet Hilfe leistenden Organisationen eingehe und die obligatorische Beteiligung der ugandischen Regierung an der Problemlösung außer Acht lasse.“

Nun könnte eine Diskussion darüber beginnen, ob solche Agitprop-Videos als Anstoß sinnvoll, desinformativ oder gar gefährlich sind. Möglicherweise führt die provozierte Aufregung tatsächlich zu politischem Handeln, möglicherweise produziert die Video-Aktion aber auch nur zahlreiche Nachahmer- und Absahnerprojekte. stern.de:

„Das Action Kit, das “Invisible Children” im medialen Kampf gegen Kony vermarktet, ist bereits ausverkauft. Es beinhaltet Aufkleber, Buttons, Poster und kostet 30 Dollar.“