Warum kann der Markt das nicht richten? Zum Leistungsschutzrecht deutscher Verlage

Leistung muss sich lohnen, daran besteht kein Zweifel. Aber ob dafür ein Leistungsschutzrecht erforderlich ist, darf bezweifelt werden. Eine Clearingstelle nach Vorbild der amerikanischen NewsRight-Gründung wäre die bessere Alternative.

Es kommt also, das Leistungsschutzrecht nebst einer Verwertungsgesellschaft. Bei aller berechtigten Kritik an dieser Entwicklung darf nicht übersehen werden, dass der Kern der Sache auf ein Problem zurückgeht, das Blogs schon lange kennen: RSS-Feeds und ihre Reader-Software. RSS-Reader ziehen sich bekanntlich alle neuen Artikel aus den abonnierten Blogs und bilden diese in ihrem eigenen Layout ab. Für das Lesen vieler unterschiedlicher Quellen ist das natürlich sehr vorteilhaft. Für die davon betroffenen Blogs (oder andere Medien) ist es weniger erfreulich: Sie verlieren Seitenaufrufe, was unter Umständen ihre Einnahmen aus Werbung schmälert. Einige Medien liefern deshalb via RSS nur noch kurze Auszüge, um die Leser direkt auf ihre Seiten zu holen.

In den gut 10 Jahren, seitdem es RSS als Abo-Technik im Web gibt, gab es zwar immer wieder Diskussionen darüber, ob RSS für Blogs positiv oder eher negativ zu bewerten sei, letztlich aber verliefen diese Debatten alle im Sande. Zudem wurde das Thema nie in die breite Öffentlichkeit getragen, weil RSS immer eine Art Nischenfunktion für Eingeweihte geblieben war.

Statt dessen wurden gewissermaßen im Windschatten von RSS eine Reihe ähnlicher Techniken mit dem Ziel entwickelt, einerseits technisch noch weitergehende Übernahmefunktionen möglich zu machen und andererseits diese so in Anwendungen zu integrieren, dass ihr Gebrauch deutlich einfacher und intuitiver als RSS sein würde. Das Ergebnis sehen wir heute: Social Reader und ähnliche Anwendung haben nicht mehr viel mit den RSS-Readern aus der Frühzeit des Social Web gemein: Ansprechende Layouts in unterschiedlichster Form prägen das Bild, je nach Endgerät auf das hin sie optimiert worden sind. Dazu kommt ein Funktionsumfang von enormer Bandbreite, von geräteübergreifenden Funktionen bis zum hin zum Offline-Lesen.

Eine der erfolgreichsten Anwendungen dieser neuen Gattung ist Flipboard, eine  Applikation für iPad und iPhone. Speziell auf dem iPad sorgte Flipboard für Furore und bekam sogar Lob von Steve Jobs, der das Startup persönlich besuchte. Die Applikation gehört inzwischen zu den 25 am häufigsten geladenen kostenlosen Apps für das iPad. Ihre Entwickler hatten erkannt, dass sie für einen erfolgreichen Reader einerseits eine optisch ansprechende Lösung brauchten und andererseits einen Ansatz, mit dem sich der Umgang mit Feeds à la RSS stark vereinfachen ließe. Ihre Lösung wurde zum Vorbild vieler Startups, weil Flipboard zeigt, dass es einen Markt für Social Reader gibt.

Ein Problem dabei ist nur, dass diese Reader inzwischen so gut gemacht sind, dass sie den Vergleich mit den Quellen ihrer Inhalte nicht mehr zu scheuen brauchen. Dazu kommt, dass sie eine neue Art der redaktionellen Selektion verbreiten helfen: In ihrem Mittelpunkt steht nicht mehr das was Nachrichten-Redaktionen auswählen und zusammenstellen, sondern was Freunde und Bekannte im Web für gut und wichtig halten und über Social Networks wie Facebook oder Twitter zum Ausdruck bringen. Die Schmach für Verleger und Redakteure ist also eine doppelte: Nicht nur, dass ihnen Seitenaufrufe und damit Werbeeinnahmen entgehen, sie werden auch noch der Möglichkeit beraubt, Meldungen nach Wichtigkeit zu sortieren und zu präsentieren.

Das alles wäre halb so schlimm, bliebe Social Reading ein Nischenphänomen ähnlich den RSS-Readern aus dem letzten Jahrzehnt. Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus. Das Phänomen greift immer weiter um sich und treibt sogar seltsame Blüten, wie etwa im Fall von Pinterest, wo Inhalte (insbesondere Fotos) nicht mehr einfach nur empfohlen, sondern schlicht kopiert und in das eigene Informationsangebot übernommen werden.
Warum aber erfreuen sich diese Methoden des Empfehlens und Verbreitens so großer Beliebtheit? Warum können die geneigten Leser nicht einfach nur eine Zeitung oder eine Zeitschrift als App durchblättern und sich damit zufrieden geben, wie es jahrzehntelang die Leser gedruckter Medien auch taten?

Ein wesentlicher Punkt dürfte darin liegen, dass Social Reading hilft, in der heutigen Informations- bzw. Angebotsfülle Wichtiges und Interessantes aus den unterschiedlichsten Quellen zu finden. Somit bekommt man das Gefühl, nichts von Relevanz zu verpassen. Gleichzeitig wirken die Empfehlungen aus dem Freundeskreis sozialer Netzwerke wie eine zusätzliche Filterebene, die im Ergebnis ein personalisiertes Informationsangebot schafft.

Wie weit das gehen kann zeigt etwa das Angebot von news.me. Bei diesem Dienst meldet man sich via Twitter an und erhält dann täglich einen Newsletter per E-Mail mit 5 bis 7 wichtigen Linkempfehlungen aus dem Kreis der Personen, denen man auf Twitter folgt. Die Reduktion auf diese 5 bis 7 Meldungen erfolgt über eine Aggregation aus allen Linkempfehlungen der letzten 24 Stunden. Wie genau sich der dazu gehörende Algorithmus zusammensetzt bleibt letztlich so geheim wie die Rezeptur von Googles PageRank. In der Praxis jedoch liefert news.me einen sehr guten Dienst insbesondere für die Tage, an denen man selbst keine oder nur wenig Zeit für Twitter hat. Die Reduktion auf Wichtiges in personalisierter Form ist hier also sehr gut gelöst, wer mag da noch eine ganze Zeitung durchblättern?

Auf eine kurze Formel gebracht kann also festgestellt werden, dass zwar nach wie vor gelesen wird, was Verlage und Medienhäuser publizieren, nur eben immer weniger auf den Seiten der Anbieter selbst. Statt dessen bedient man sich neuartiger Instrumente mit Filterwirkung, die helfen sollen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und die individuellen Informationsinteressen besser zu berücksichtigen.

Dabei muss es zwingend einen Interessensausgleich zwischen den Anbietern von Nachrichten und den Konsumenten geben. Denn letztere haben im Prinzip ein großes Interesse daran, dass im Web ein breites und vielfältiges Angebot an Nachrichten aller Art publiziert wird. Selbst wenn man unterstellt, dass sich dieses Angebot über Werbung finanziert, kann nicht einfach übergangen werden, dass immer mehr Menschen die Inhalte gar nicht mehr auf den Originalseiten betrachten, sondern auf den für sie viel praktischeren Social Readern oder direkt auf den Seiten von Social Networks wie Facebook.

Derzeit wird übrigens die Zahl der Diensteanbieter, die ihre Leistung in personalisierter Form mittels eines Login über Facebook oder Twitter anbieten, immer größer. Fast schon könnte man diese Praxis als Norm unter den Startups im Silicon Valley bezeichnen. Dabei geht es längst nicht mehr darum, den Usern das Anlegen immer neuer Accounts zu ersparen und sie somit leichter für neue Angebote zu gewinnen. Statt dessen wird das Auslesen von Profildaten von Facebook oder Twitter immer mehr zur Voraussetzung für das Angebot komplexer individualisierter Dienste, die nur funktionieren können, wenn ihnen von Beginn an große Datenmengen zur Analyse vorliegen.

Demgegenüber wirkt das Bemühen deutscher Verlage um ein Leistungsschutzrecht allerdings wenig intelligent. Viel besser wäre es, sich an die Spitze der neuen Entwicklungen zu stellen und selbst personalisierte Dienste anzubieten.

Auf lange Sicht wird den Verlagen und Medienhäusern ohnehin nichts anderes übrig bleiben, als in die derzeit neu entstehende Wertschöpfungsstufe der Aggregation und Personalisierung einzusteigen um an den dort anfallenden Umsatz- und Gewinnperspektiven partizipieren zu können.

Gleichwohl bleibt das Problem der Übernahme von Artikeln samt zugehörigem Bildmaterial in das mediale Angebot von Social Readern. Zu unterscheiden sind hier kurze und längere Formen der Inhalte-Übernahme: Alles Kurze, also reine Verlinkungen samt knapper Auszüge, sollten frei, d. h. rechtlich unbedenklich sein. Wer als Anbieter selbst das nicht will, muss seine Inhalte eben konsequent hinter einer Pay-Wall halten. Längere Auszüge bis hin zu kompletten Übernahmen (mit oder ohne Original-Layout) sollten aber ehrlicherweise entlohnt werden. Nur wie?

In den USA gibt es dazu seit Januar ein Angebot. NewsRight mit Sitz in New York ist eine Gründung von rund 30 Verlagen, die nicht nur Lizenzen für die Nutzung von Inhalten anbietet, sondern über eine Trackingfunktion auch Auskunft darüber geben kann, welche Themen gerade viel Aufmerksamkeit bekommen. Aggegatoren können so nicht nur generell Inhalte per Lizenz übernehmen, sondern auch gezielt solche, die gerade populär sind, um so ihr eigenes Angebot zu optimieren. Aus Deutschland ist die Axel Springer AG an NewsRight beteiligt.

Da stellt sich die Frage, warum so etwas nicht auch auf europäischer Ebene möglich ist. Eine internationale Clearingstelle wäre zweifellos der bessere Ansatz als ein deutsches Gesetz, weil diese flexibler auf technische Innovationen und Änderungen im Verhalten der Endverbraucher reagieren könnte als eine per Gesetz inthronisierte Verwertungsgesellschaft nach bürokratischer Manier des 20. Jahrhunderts.

Wie in der Clearingstelle abgerechnet wird, könnte sich nach Angebot und Nachfrage einpendeln. Dabei müssten nicht nur Lizenzen in Betracht kommen, es könnten auch Werbeslots nach der Art von „Sponsored Links“ vermittelt werden. Eine weitere Form wäre die Lizenzierung von Content nicht gegen Entgelt, sondern gegen technisches Know-How. Eine Clearingstelle nach dem Vorbild von NewsRight könnte sich also sehr flexibel geben, was der Entwicklung neuer Informationsmärkte sicher förderlich wäre. Zudem könnte sie, ähnlich einer Börse, ihre Preise elastisch gestalten und dabei berücksichtigen, dass der Wert von Content relativ gesehen zu den Netzwerk-Informationen darüber, wie viele Personen oder sogar welche einen bestimmten Inhalt sehr interessant finden, im Zeitablauf geringer werden kann.

Eine Verwertungsgesellschaft dagegen wird sich nach einem starren Muster richten müssen und dabei wenig Möglichkeiten der Einflussnahme haben, wenn sich die dem Muster zugrundeliegenden Techniken und Usancen ändern bzw. weiter entwickeln. Ihre Preise werden nicht marktkonform sein, sondern einer Steuer oder Abgabe gleichen, weil man einen Markt sich gar nicht erst bilden lässt.

Dass in Deutschland, dem „Land der Ideen“ im frühen 21. Jahrhundert nichts anderes möglich sein soll, als einen der wichtigsten Märkte der Zukunft über eine Bürokratie zu verwalten, ist kein gutes Zeichen.