Wieso wir uns veröffentlichen

"Wieso wir uns veröffentlichen" oder warum Menschen "so dumm sind" und "ihre Daten" Facebook und Google geben, obwohl jeder weiß, dass "sie" nur Böses im Schilde führen.

Eine der am meisten Energie kostenden Tätigkeiten im Leben ist es, Menschen zu finden, die meine Überlegungen bestätigen, ausbauen, reflektieren, freundlich hinterfragen und korrigieren. Menschen, die uns nahe genug sind, dass sie mit uns elementare Grundsätze teilen, und dass sie unsere Probleme und Überlegungen verstehen können, die andererseits uns fremd genug sind, dass sie uns zum weiterdenken inspirieren und uns mit neuen Ideen konfrontieren.

Soziale Netzwerke im Internet sind dabei ein verhältnismässig neues Instrument, aber keineswegs eine komplette Neuentwicklung. Vor der Etablierung des Internets im Alltag spielten – neben der Familie – lokal ausgerichtete Gruppen wie Vereine, Interessenverbände oder sich lose über Kleinanzeigen oder bei Veranstaltungen bildende Gruppen die dominante Rolle bei der Erzeugung von Kommunikationsräumen.

Das Internet in seiner reinen Form kennt keine Regionen: Gefühlt ist die Verbindung in die USA oft kaum von einer nach Deutschland oder Indien unterscheidbar. Soziale Netze im Internet erben diese Eigenschaft, und so ist man bei der Findung von interessanten Kommunikationspartnern nicht mehr durch regionale Einschränkungen gegängelt: Potentieller Kommunikationspartner ist die ganze Menschheit (sofern ein Netzzugang vorhanden ist). Das gruppierende Element ist nicht länger die Region oder das Land, es ist das Thema.

Eine solche Gruppe kann dabei thematisch eng gefasst aufgestellt sein („Benutzer des Binford 6000″), ein großes und komplexes Anliegen haben (Stuttgart 21), oder gar bis an eine Subkultur heranreichen (Piratenpartei). Wie sich allerdings zeigt, sind die Gruppen, die sich über soziale Netzwerke konstituieren, nicht „fertig“, nicht „abgeschlossen“, sondern tendieren ganz klar dazu, größer werden zu wollen, mehr „Anhänger“ zu finden und dadurch auch mehr themenbezogene Impulse für alle Gruppenangehörigen zu generieren.

Doch damit das gesamte System funktionieren kann, muß das einzelne Individuum dem Netz Informationen über sich zur Verfügung stellen. Simple Fakten wie „ich bin Binford 6000 User“, ein „S21 Gegner/Unterstützer“ oder ein „Pirat“ vermitteln zusammengesetzt natürlich ein gewisses Bild einer Person. Daneben erlauben persönliche Meinungsäußerungen wie „Ich finde ja, dass XY im Fall Z Mist gebaut hat“ oder auch klar abgebildete Beziehungen zwischen Menschen eine deutlich bessere Einschätzung einer bisher fremden Person: Aus größeren Überschneidungen im Bekanntenkreis kann beispielsweise sehr oft eine gewisse Kompatibilität abgeleitet werden (oder, wenn es die nervigen Bekannten sind, auch ein Hinweis auf wahrscheinliche Inkompatibilität).

Diese Einschätzungen sind zentral für das Knüpfen neuer sozialer Bindungen. Hier spielen internetbasierte soziale Netzwerke aufgrund ihrer expliziten Daten ihre Stärke in Form von Effizienz aus. Füttere ich ein soziales Netzwerk nur ein wenig, wird es sehr schnell in der Lage sein, mir meist durchaus relevante Vorschläge für neue Kontakte und Themengruppen zu machen. Kommunikation und Austausch zwischen den Mitgliedern tun dann ein Übriges, und schnell hat man die Kontakte zum gewünschten Thema, die man gesucht hat.

Und genau deshalb „enthüllen“ sich so viele Menschen auf Twitter, Facebook, Google+, Path oder sonstwo: Sie machen sich sichtbar, findbar. Um im Rückschluss selber relevantes zu finden.

Der Preis ist Vertrauen. Vertrauen in unsere Mitmenschen, in Plattformbetreiber und manchmal sogar in den Staat (auf den wir gut aufpassen, damit er’s nicht missbraucht). Doch dieses Vertrauen ist nicht verschenkt, denn es hilft anderen, uns zu vertrauen. Vertrauen vereinfacht die soziale Interaktion. Dadurch, dass wir unsere Vorlieben, Ängste und Anliegen veröffentlichen, erlauben wir es anderen, uns nahe zu kommen – und hoffen zugleich, dass die, die uns nahe kommen, Personen sind, an denen wir wachsen können, dass sie Leute sind, die unser Leben bereichern. Das ist technisch gesehen eine Filterblase, aber vor allem ist es eine massive Kooperationserleichterung.

Die Filterblase erweist sich bei näherer Betrachtung als strukturiert, vielfältig und durchlässig. Jeder von uns steckt nicht in einer Blase, sondern in mehreren, und in jeder Blase finden wir Menschen mit eigenem Profil. Feste Wände gibt es nicht, im Gegenteil. Wir hören von und kommunizieren mit wildfremden Menschen – wenn es für ihr Thema einen Weg durch unser soziales Netz gibt. Unsere Kontakte sind dabei keine Filter, sondern Verstärker. Aus dem Rauschen der Welt extrahieren sie ein Signal. Wir wissen nicht, wie wir selbst nach diesem Signal suchen sollten, wir können es nicht beschreiben. Aber wenn wir es sehen, wissen wir, dass es uns interessiert.

Die Erfahrung gibt der Mehrzahl von uns in den meisten Fällen Recht: Wir sparen durch die Veröffentlichung eine Menge Zeit und Energie, und wir bekommen mehr vom Netz zurück, als wir dort hineinstecken: Mehr und vielfältigere Kontakte überall auf dem Globus, mehr Input und eine buntere und hoffentlich tolerantere Sicht auf die Welt. Menschen sind also keineswegs „dumm“, wenn sie in soziale Netzwerke publizieren, sie bewerten den Nutzen schlicht und ergreifend als höher als die potentiellen Gefahren. Sie interessiert nicht, wer ihre Daten hat, sondern was damit geschieht.

Vielleicht verlieren wir die Kontrolle über manches. Wir gewinnen aber auch Unabhängigkeit. Die Bestandsdaten unserer sozialen Beziehungen sind nicht in den CRM-Systemen unserer Ex-Arbeitgeber vergraben und vor unbefugtem, das heißt, unserem Zugriff geschützt, sondern sie sind in Plattformen repräsentiert, die wir uns ausgesucht haben. Das nivelliert die Machtverhältnisse: Wenn eine Plattform sytematisch Mist baut, ziehen wir um.

Wir geben auch nicht unsere Privatsphäre auf. Soziale Netze sind (halb-)öffentliche Räume. Wir bewegen uns dort, wie wir es vor einer Generation im Sportverein oder am Stammtisch getan hättten: Wir verraten nicht alles über uns, aber wir verstecken uns auch nicht vor der Welt.

 

Dieser Text entstand aus einigen Zeilen, die ich zwischen Tür und Angel in #spackeria abgeworfen habe und die von Jürgen Geuter und Sven Türpe aufgearbeitet worden sind. Er ist noch nicht ganz fertig, und an einigen Stellen sind noch Brüche. Den aktuellen Stand habe ich auf meinem Blog veröffentlicht.

Crosspost von Die wunderbare Welt von Isotopp