“Internetsucht” ist die Heilung, nicht die Krankheit

Internetsucht ist ein negativer Begriff. Was aber, wenn das Phänomen gar nichts Schlechtes, Krankhaftes ist - sondern der Beweis, dass unsere Gesellschaft besser wird?

Heute schon etwas über “Internetsucht” gelesen? Dieses Thema schwappt mit ziemlicher Regelmäßigkeit in die Nachrichtenströme. Jeder dritte Jugendliche, so heißt es, leide unter Internetsucht, und diese wird dramatischer dargestellt als die Abhängigkeit von Zigaretten, Alkohol und LSD – zusammengenommen.

Regelrechte Entzugserscheinungen hätten die Betroffenen, wenn sie nicht regelmäßig auf Facebook sehen können, wer gerade was von sich gibt und wem gerade gefällt, was man selbst mit der Masse geteilt hat. Davon los zu kommen sei schwieriger, als das Rauchen aufzugeben.

Ja und? Will man hier Facebook tatsächlich auf eine Ebene mit Drogen stellen, die jährlich zahlreiche Todesopfer fordern? Die Rede ist in diesem Zusammenhang auch nicht von Leuten, die in Computerspielen versinken. Nein, es geht um Facebook, Twitter und E-Mail. Es ist auffällig, wie durchgängig negativ das Phänomen beschrieben wird. Seht her, unsere Gesellschaft wird immer technischer und schneller, und diese Leute erliegen einer Sucht. Sie sind krank. Sie brauchen Heilung.

Ja, unsere Gesellschaft ist krank. Aber vielleicht ist die “Internetsucht” nicht die Krankheit, sondern die Heilung.

Man kann das Ganze nämlich auch anders betrachten. Schauen wir, wonach die Personen (negativ assoziiert: die Betroffenen) „süchtig“ sind: nach Informationen. Nach Kommunikation. Gut, es ist vielleicht nicht besonders relevant, wenn Thomas eine Kackwurst gelegt hat, und dies fünf anderen gefällt. Aber die Aussage „Das Wetter ist heute gut“ von meinem Nachbarn hat auch nur sehr begrenzten Inhalt. Ich stehe in diesem Fall schließlich neben ihm und merke selbst, wie das Wetter ist. Es ist eben Smalltalk. Die Unterhaltung ist Zweck ihrer selbst.

Im Internet ist Smalltalk global geworden. Ich führe ihn mit Leuten in Beijing, New York und Groß-Zimmern. Diese Smalltalks hätte ich sonst nicht geführt. Doch in Zeiten von Social Media hat heute fast jeder Schulabgänger noch Jahre nach dem Abschluss Kontakt zu seinen Klassenkameraden. Das macht noch lange nicht alle zu „Freunden“, wie Facebook es nennt, aber weiterhin zu Bekannten, die sie ja zweifelsohne auch sind. Und was spricht dagegen, zu lesen, dass der Typ aus der Reihe hinter mir eine neue Freundin hat? Eine Information, die ich früher nie gehabt hätte. Vielleicht freue ich mich ja wirklich für ihn und sage „gefällt mir“.

Durch das Internet kommunizieren wir mit deutlich mehr Personen als zu analogen Zeiten. Das meiste ist Small-Talk oder Basis-Information. Aber es ist Kommunikation. Wenn die Menschen sich danach sehnen, alle paar Minuten Neuigkeiten dieser Art zu erfahren und zu teilen, spricht das dann nicht dafür, dass wir Menschen mehr voneinander wissen wollen, mehr miteinander teilen wollen als früher? Was ist daran schlecht?

Mit der Möglichkeit der quantitativ verstärkten Kommunikation ist also offenbar auch ein Bedürfnis nach verstärkter Kommunikation einhergegangen. Vernachlässigen wir deshalb etwas anderes? Mit der Erfindung der Dampfmaschine ist auch eine Welle der Mobilität einhergegangen. Womöglich laufen wir seitdem weniger und fahren weniger Fahrrad. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht haben wir einfach Möglichkeiten hinzugewonnen.

Der Begriff “Internetsucht” ist medizinisch fragwürdig und zudem negativ wertend. Im einfachsten Fall haben wir es mit einem veränderten Kommunikationsverhalten und anderen Kommunikationsbedürfnissen zu tun, ähnlich wie sich das Verhalten im Hinblick auf Mobilität verändert hat. Es spricht aber auch niemand von Automobilsucht. Im besten Fall haben wir es sogar mit einem Wandel zu einer besseren Gesellschaft zu tun, in der sich Menschen verstärkt füreinander interessieren. In der sie Freud und Leid teilen, auch wenn sie kein gemeinsames Umfeld haben und nicht von den Taten des anderen tangiert werden.