Wolfgang Michal

King Kong gegen Godzilla

 | 9 Kommentar(e)


Es ist der Kampf des Jahrhunderts. Die Content-Industrie (King Kong) ringt mit der Plattform-Industrie (Godzilla) um die Vorherrschaft. SOPA, PIPA und ACTA sind wichtige Waffen dabei.

29.02.2012 | 

In der Waffenindustrie gilt die zynische Regel: Je größer die Vernichtungskraft einer Waffe, desto harmloser ihr Name. Die Bombe für Hiroshima hieß deshalb „Little Boy“. Bei einschneidenden Gesetzen ist das so ähnlich.

SOPA, PIPA und ACTA klingen erst mal süß. Doch bei SOPA, PIPA und ACTA geht es um die profitabelste Zukunftsbranche der Welt. Nicht einmal die Auto-Industrie kann derart traumhafte Umsätze erreichen. Immaterielle (also digital gespeicherte) Güter und die mit ihnen verbundenen Nutzungsrechte sind die Goldgrube des 21. Jahrhunderts.

Nur deshalb wird der Kampf um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt mit derart harten Bandagen geführt. Nur deshalb werden Heerscharen von Lobbyisten eingesetzt, Regierungen erpresst, Geheimabkommen ausgearbeitet und drakonische Strafen angedroht.

 

Das letzte Aufbäumen der Inhalte-Industrie?

Die derzeit laufenden ‚Verhandlungen’ über ACTA, PIPA und SOPA zeigen, dass die alte Content-Industrie ihre Interessen und Reviere mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die aufstrebende Plattformindustrie verteidigen wird. Die Fronten sind unversöhnlich, trotz aller Gespräche hinter den Kulissen, trotz aller Vermittlungsversuche und Deeskalationsmaßnahmen. Am Ende des Kampfes wird es einen klaren Verlierer geben – oder eine Blutsbrüderschaft zwischen Godzilla und King Kong.

King Kong – das ist die Content-Industrie. Das ist Hollywood, das ist Walt Disney, Universal Music, News Corporation, Viacom, Sony, Bertelsmann, Springer etc.pp. Godzilla – das sind die Plattformbetreiber. Das sind Apple, Facebook, Google/YouTube, Ebay, Amazon usw.

King Kong lebt davon, dass die Menschen für die Nutzung der Inhalte bezahlen – und zwar jeder einzelne von ihnen. Godzilla lebt davon, dass die Menschen nach den Inhalten von King Kong Ausschau halten oder diese empfehlen bzw. verwenden. Ob sie dafür bezahlen, interessiert Godzilla nicht. Deshalb will Godzilla auch nicht, dass die Menschen überwacht werden (und die Menschen denken: Was für ein gutes Monster!). Denn Godzilla mag es, wenn möglichst viele Menschen kommen, um Ausschau nach King Kongs Produkten zu halten oder mit ihnen zu spielen. Godzilla lebt von der Zahl der Besucher und von den Daten, die sie dabei hinterlassen.

Nun möchte King Kong Godzilla (auf dem Umweg über die Provider) rechtlich verpflichten, ein Auge auf King Kongs Produkte zu haben, und alle Menschen zu melden oder auszusortieren, die nicht an King Kong bezahlen. Godzilla hat keine Lust zu dieser Überwachung, weil ihm die Menschen, die nicht an King Kong zahlen, genauso willkommen und nützlich sind wie die, die bezahlen. Die Interessen des einen schmälern also das Geschäftsmodell des anderen.

Der alte King Kong ist darüber so erbost, dass er die ihm fremde Internet-Welt lieber kaputt haut, als sich künftig mit kleineren Profiten zu begnügen. Er möchte, dass Godzilla ihm dient, doch Godzilla denkt nicht daran. Denn Godzilla hat wesentlich mehr Kohle.

 

Eines Tages wird Disney zu einer Sparte von Apple

Früher, als das Internet noch nicht existierte, wurden die Drucker der Zeitungen so reich, dass sie auch die Presse, die sie druckten, irgendwann kaufen konnten. Heute werden die Plattformbetreiber so reich, dass sie die Hersteller der Inhalte, die auf diesen Plattformen laufen, aus der Portokasse erwerben können. Und sie werden das eines Tages auch tun, weil sie von der Inhalte-Industrie dazu animiert werden.

Die Plattformbetreiber werden eines Tages sagen, ihr geht uns mit eurem Inhalte-Geschrei und eurem Scheiß-Urheberrecht so auf die Nerven – wir kaufen euch jetzt, damit ihr endlich die Klappe haltet! Dann wird aus Disney eine Sparte von Apple und aus der News Corporation eine Unterabteilung von Google oder Facebook. Schon heute wandeln sich ja manche Content-Anbieter durch Zukäufe in halbe Internet-Plattformen (siehe Springer Verlag) und manche Internet-Plattformen entfalten mehr und mehr verlegerische Content-Aktivitäten.

Wenn die Plattformindustrie die Content-Industrie eines Tages integriert, wird es auch ein neues Urheberrecht geben. Dann allerdings (das wage ich zu prophezeien) werden die Forderungen an eine Lockerung des Urheberrechts sehr viel moderater ausfallen als heute, denn dann geht es ja um die eigenen Profite.

 

Auf welcher Seite stehen wir?

Das Management der Content-Industrie, das heute so lautstark die Beachtung der Urheberrechte einfordert, braucht nach seiner Eingemeindung durch die Plattform-Industrie wahrscheinlich gar nicht gewechselt zu werden, denn es wird sich den neuen Eigentümern schneller anpassen als wir denken können. Die Blutsbrüderschaft zwischen King Kong und Godzilla wird aber unangenehme Internet-Monopole erzeugen, die den Nutzern am Ende mehr schaden als die heutige Konkurrenzsituation. Dies sollten die Netz-Experten bedenken, die mit ihrer Forderung nach einem „zeitgemäßen“ Urheberrecht glauben, sie würden reinen Herzens die Interessen der Nutzer vertreten, während sie doch (vielleicht ohne es zu wollen) die Interessen von Plattform-Giganten bedienen. Und die Gewerkschafts-Experten, die reinen Herzens dem Rechtebesitz und der Rechtedurchsetzung der Content-Industrie das Wort reden, sollten sich im Klaren darüber sein, dass es der Content-Industrie nicht um den Schutz der Urheber geht, sondern um den Schutz der umfassenden Nutzungsrechte, die die Urheber an sie abtreten mussten.

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9 Kommentare

  1. Frank |  29.02.2012 | 18:00 | permalink  

    Wenn Godzilla King Kong dann irgendwann gefressen hat, kann es aber sein, dass er dann selber geschlachtet wird. Ich denke da an das Schicksal der Standard Oil Company…

  2. Stefan Herwig |  01.03.2012 | 08:20 | permalink  

    “Deshalb will Godzilla auch nicht, dass die Menschen überwacht werden.”

    Ich weiss zwar nicht, ob es ein journalistisches ode investigatives Equivalent zur “goldenen Himbeere” (https://de.wikipedia.org/wiki/Goldene_Himbeere) Im publizistischen Bereich gibt, aber dieses hätten sie, Herr Michal hiermit unstreitig verdient.

    Am Tag des Inkrafttretens der Google Daatenschutzrichtlinie diesen Satz auf carta.info lesen zu dürfen, hat schon einen besonderen Erlebniswert.

    SH

  3. Wolfgang Michal |  01.03.2012 | 10:00 | permalink  

    @SH: Den Unterschied zwischen “Überwachen” und “mit Daten handeln” kennen Sie schon, gell? Wenn nicht, bitte hier entlang:
    http://carta.info/21775/google-bashing/

  4. Stefan Herwig |  01.03.2012 | 13:06 | permalink  

    Stimmt, ich kenne den Unterschied zwischen “Überwachen” & “mit Daten handeln”. Ersteres ist das Mittel, zweiteres ist der Zweck. Das macht es aber nicht besser, im Gegenteil: wenn der Mossad jetzt anfangen würde, mit Daten kommerziell Handel zu treiben, wäre der Sachverhalt dann wirklich anders zu bewerten?

  5. André Rebentisch |  02.03.2012 | 00:01 | permalink  

    Darum geht es nicht. SOPA war ein geplantes Gesetz der USA mit einer Aggressivität gegenüber dem Rest der Welt und der faktischen Annektion des Internets. ACTA eine in vielerlei Hinsicht andere Idee, eine Art Versuch Durchsetzung von Rechten im Handelsrahmen zu revolutionieren.

    Die These vom Rohstoff bzw. von der Goldgrube scheint mir unausgegoren, aber auch das hören wir von allen Seiten neuerdings. Da wird etwas in einen Deutungsrahmen gezwängt, der nicht passen will.

    King Kong ist übrigens von der antideutschen Propaganda erfunden worden.
    http://en.wikipedia.org/wiki/File:%27Destroy_this_mad_brute%27_WWI_propaganda_poster_%28US_version%29.jpg

  6. Wolfgang Michal |  02.03.2012 | 11:15 | permalink  

    @Andre Rebentisch: Wenn Sie heute Karel de Gucht, den zuständigen EU-Kommissar, zu Acta lesen, sehen Sie: Acta ist die europäische Blaupause für die übrige Welt. Das Verfahren ist anders als bei SOPA, das Ziel aber ähnlich.

  7. Stefan Herwig |  03.03.2012 | 02:13 | permalink  

    @WM
    Natürlich ist das Ziel ähnlich, aber das heisst noch lange nicht, dass die Bewertung der Maßnahmen deswegen gleich ausfallen muss. Es sei denn sie haben mit dem Ziel an sich – eine bssere Duchsetzbarkeit für Urheberrechte im Netz zu schaffen – ganz prinzipiell ein Problem.

    Das vermute ich an Ihrer Stelle sogar, ansonsten kann ich mir ihren Post nicht so recht erklären. Denn Herr Rebentisch hat recht: SOPA ist zurecht abgelehnt worden, bei ACTA verhält es sich – Blaupause hin oder her – anders.

    SH

  8. Stefan Herwig |  03.03.2012 | 21:19 | permalink  

    @WM:

    Ja, ACTA sol, wie 90% der anderen Handelsabkommen – zu einer Standardisierung von Rechtssprechung führen. Daran ist aber nichts verkehrtes, wenn der Standard auf einer “gesunden” Basis steht. Ich warte immer noch auf Input von ihnen, Herr Michal, wo sie im Originaltext von ACTA nun Probleme sehen.

    SH

  9. Wolfgang Michal |  04.03.2012 | 18:22 | permalink  

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