Wolfgang Tischer

Warum beschweren sich deutsche Verleger nicht schon längst über Facebook?

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Die deutschen Verleger wollen, dass Google für Inhalts-Snippets zahlt. Umso mehr erstaunt es, dass sie kein Geld von Facebook fordern. Grund genug dazu hätten sie.

27.02.2012 | 

Niemand kann die Logik deutscher Zeitungsverleger verstehen. Oder besser gesagt: Aus Sicht der Verleger kann man es verstehen, dass man es mit der Logik nicht so genau nimmt, wenn es ums eigene Geld geht.

Wir erinnern uns: Google präsentiert in seinem Angebot news.google.com kurze Ausschnitte aus den Meldungen von Nachrichten-Websites und verlinkt diese. Dieser Google-Dienst ist im Gegensatz zu anderen Google-Angeboten werbefrei. Kein Medium muss dort gelistet sein. Es genügen Kenntnisse im Umgang mit einem Texteditor, um mittels zweier Zeilen Google daran zu hindern, dass das eigene Nachrichtenangebot dort gelistet ist.

Weil Google-News den Online-Medien Besucher auf die Websites bringt, verlangen sie von Google eine finanzielle Beteiligung. Und weil Google die nicht zahlt, beschweren sich die deutschen Verleger jetzt bei der EU in Brüssel.

Wie gesagt: Diese Logik müssen Sie nicht verstehen.

Kein Website-Betreiber wäre böse darüber, wenn ihm Google auch noch Geld zahlen würde, wenn die Suchmaschine neue Besucher bringt. Sie würden es schließlich auch nicht ablehnen, wenn Ihnen der Taxifahrer Geld zahlen will, weil er sie irgendwohin gefahren hat.

Daher ist es umso erstaunlicher, dass sich die deutschen Zeitungsverleger nicht schon längst und lautstark über Facebook beschweren.

Denn anders als Google platziert Facebook sehr wohl eigene Werbung auf den Fanpages der Zeitungsverlage. Und dennoch gibt es fast kein Online-Medium, dass keine eigene Fanseite betreibt und das nicht die Like-Buttons und Social-Media-Plugins des US-Anbieters auf den Seiten hat. Die Verlage reißen sich förmlich darum, Facebook neue Kunden in die Arme zu treiben. “Diskutieren Sie mit uns auf Facebook”, ist einer der oft gehörten Animationssprüche.

Durch den Einbau dieser Buttons und Plug-ins auf jeder Seite klaut Facebook den Verlegern nicht nur Inhalts-Snippets, sondern bekommt von ihnen darüber hinaus die komplette Nutzungs- und Nutzerstatistik geschenkt. Jenseits rudimentärer IVW-Zahlen hat Facebook die komplette Statistik, kennt Facebook die Online-Leser sogar mit Namen und besitzt von den meisten ein vollständiges Interessen- und Persönlichkeitsprofil. Und Facebook weiß sogar, auf welchen Konkurrenzmedien der Nutzer surft.

Es wird also nicht mehr lange dauern, bis die Verleger entdecken, was sie da in ihrer vermeintlichen Gier nach mehr Lesern und sozialmedialer Anbiederung dem US-Unternehmen in den Rachen werfen. Es wird Zeit, dafür Geld zu verlangen! Also schreiben wir schon mal auf, was die deutschen Zeitungsverleger demnächst fordern sollten und worüber man sich bei der EU oder bei den Kartellbehörden beschweren könnte:

  • Facebook verwendet für seine Empfehlungsfunktion Inhalte aus den Angeboten von Online-Magazinen und -Zeitungen (Snippets).
  • Facebook platziert im Umfeld dieser Snippets und auf den Fanseiten der Medien Werbung, an deren Einnahmen die Verleger nicht beteiligt werden.
  • Facebook erhält durch den Einbau des Like-Buttons die kompletten Nutzerstatistiken der Online-Medien.
  • Facebook kann diese Nutzerdaten personalisieren.
  • Facebook hat die Möglichkeit der Konkurrenzanalyse, wenn dort die Buttons ebenfalls platziert wurden.

Mehr noch als Google profitiert Facebook sowohl von den Inhalten als auch von den Nutzungsdaten deutscher Online-Magazine und -Zeitungen und monetarisiert diese durch Anzeigenverkäufe.

Also, deutsche Zeitungsverleger, worauf wartet ihr? Lasst euch euer “Soziales Engagement” endlich von Facebook bezahlen!

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13 Kommentare

  1. Hans Retep |  27.02.2012 | 18:38 | permalink  

    Es gibt noch einen anderen Grund, warum Verleger über Facebook und andere Communities jammern könnten: Für Urheberrechtsverletzungen haften diese erst, wenn sie Kenntnis davon haben und dann nichts unternehmen. Das heißt: So lange sich niemand beschwert, können sie mit den Inhalten anderer Geld verdienen. Das Risko, Schadensersatz oder Lizenzgebühren zu leisten, bleibt bei den Nutzern, wenn sie denn ermittelbar sind. Auch dafür müssen Communitybetreiber anscheinend nicht Sorge tragen: Öffentliche Profilseiten habe in den seltensten Fällen ein Impressum.

  2. Warum klagen die Verlage nicht gegen Facebook? - Rainer Schuldt |  28.02.2012 | 13:16 | permalink  

    [...] Hier geht es zum Beitrag auf Carta Tweet Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein, Ansichtssache, Medienwelt von Rainer Schuldt. Permanenter Link des Eintrags. [...]

  3. Google+ eine „Geisterstadt“? » t3n News |  28.02.2012 | 14:30 | permalink  

    [...] Das passt sicherlich ins Konzept der großen, traditionellen Medienkonzernen, zu denen auch das Wall Street Journal gehört. Sie haben schon lange ein größeres Problem mit Google und dürften daher schon von Natur aus keine Google+ Freunde werden. Sie stoßen sich vor allem daran, dass Google mit ihren Inhalten Geld verdiene und versuchten in der Vergangenheit bereits mehrfach, Google einen Teil des gigantischen Kuchens abzustreiten. Auch deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenverleger beschwerten sich beim Kartellamt über Google. Da überraschen negative Schlagzeilen über Google, die man im WSJ beinahe täglich zu sehen bekommt, nicht mehr wirklich. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, die bei Carta heute diskutiert wird: Warum beschweren sich deutsche Verleger nicht schon längst über Facebook? [...]

  4. Philipp |  29.02.2012 | 09:21 | permalink  

    Das stelle ich mir so großartig vor, wenn ein Deutscher Zeitungsverleger am Ende einer Taxifahrt darüber diskutiert, wie viel der Taxifahrer ihm zu zahlen hat. Es gibt doch dieses “Webdesign Kunden im realen Leben” Video, das sollte mal jemand mit Zeitungsverlegern machen.

  5. gerrit |  29.02.2012 | 09:21 | permalink  

    [QUOTE]Und dennoch gibt es fast kein Online-Medium, dass keine eigene Fanseite betreibt und das nicht die Like-Buttons und Social-Media-Plugins des US-Anbieters auf den Seiten hat.
    [/QUOTE]

    Das erste das hat ein s zuviel, aber lassense mal, ist ja nur Internet, nimmt ja eh keiner ernst…

    Spass beiseite: mich wundert schon seit geraumer Zeit, dass so viele unternehmen bereitwillig “werbung” für fb machen. Fast jeder Konsumartikelhersteller auf dem Produkt, jeder Erstligaverein auf Werbebanden… Voll krank. Und Zuckerberg lacht sich ins Fäustchen…

  6. Struppi |  29.02.2012 | 10:57 | permalink  

    Müssen die Verlage für ihre Facebook Präsenz nicht bezahlen? Mittlerweile verlangt FB ja von grossen Firemn Geld. Das würde bedeuten, dass die Verlage noch dafür bezahlen, dass FB an ihren Inhalten verdient.

  7. Frederik |  29.02.2012 | 13:18 | permalink  

    Haha… mhm… aber vielleicht verkauft Facebook die Daten ja längst an die großen Medienverlage… oder lässt die Medien, da man die Daten nicht so einfach verkaufen kann, die Daten in einem Data Room einsehen :-)

    Übrigens betreibe ich auch 2-3 Websites und will auch von Google Geld für die Besucher, die sie mir schicken. Ich sehe nicht ein, warum nur Springer, FAZ & Co. das bekommen sollten. Achso, sind ja “Qualitätsmedien”, mit “echten Journalisten”… achso, stimmt ja. Verstehe. Die machen ja auch “Qualitätsarbeit”, schreiben bestimmt nie DPA Meldungen ab und decken dauernd Korruptionsfälle auf :-)

  8. Wolfgang Tischer |  29.02.2012 | 13:40 | permalink  

    @gerrit
    Habe den Hinweis sehr ernst genommen und das “dass” korrigiert. Danke!

  9. Warum beschweren sich deutsche Verleger nicht schon längst über Facebook? |  29.02.2012 | 15:39 | permalink  

    [...] CARTA: “Die deutschen Verleger wollen, dass Google für Inhalts-Snippets zahlt. Umso mehr erstaunt es… [...]

  10. NDR - Zapp Blog » Blog Archiv » Leistungsschutzrecht: Das Internet hat verloren |  05.03.2012 | 15:24 | permalink  

    [...] sich deutsche Verleger nicht schon längst über Facebook beschwert haben, fragte sich unlängt Wolfgang Tischer bei Carta.info? Schließlich kommt mittlerweile ein Großteil der Besucher von dort auf die Artikel. Manche [...]

  11. Tinkiwinki |  07.03.2012 | 21:33 | permalink  

    Ja, warum verlangen die Verleger von Facebook nicht Geld dafür, dass sie dessen Service kostenlos nutzen und dadurch Millionen von Menschen erreichen können, die sie sonst nie erreich würden?

    Und ja, warum verlangen die Verleger von Facebook nicht Geld dafür, dass ein nicht geringer Anteil derer, die ihre Webpages besuchen, über Facebook kommen?

    Und ja, warum bezahlt Facebook den Verlagen nicht Geld dafür, dass Facebook ihnen kostenlose Statistiken über die Besucher der Seite zur Verfügung stellt und die Verlage so sonst kaum zugängliche anonymisierte Informationen über seine Leser bekommt?

    Und nein, natürlich ist es kein Unterschied ob ein Unternehmen Geld damit macht, dass es automatisiert Inhalte von Webseiten aggregiert oder ob ein Unternehmen ein Plattform ist, auf der die Nutzer und nicht das Unternehmen Inhalte verbreitet.

    Man man man….

  12. lab |  18.03.2012 | 13:31 | permalink  

    Vor allem sollte endlich mal Schluss damit sein, dass sich die Post und andere Zusteller an den Inhalten der Zeitschriftenverlage bereichern. Davon abgesehen, dass die deutschen Zeitschriftenverleger ja durch ihre Erzeugnisse den Leuten Lohn und Brot quasi vermitteln, nehmen die Zusteller beim Austragen zumindest die Titelseite – möglicherweise sogar mehr – zur Kenntnis. Da sind doch Nutzungsgebühren angebracht…

  13. eBook-Land: Woche 19 | Thomas Diehl Punkt E U |  29.06.2012 | 14:33 | permalink  

    [...] in Brüssel darüber, dass Google kostenlos Werbung für sie macht, was ausser bei mir auch bei CARTA zu Verwunderung führt. Auf jeden Fall noch hinweisen möchte ich auf Emily Bolds Beitrag zur [...]

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