Marcel Weiß

Kann es ein Eigentum an Geistigem geben? Nein.

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Geistiges Eigentum wird gern von materiellem Eigentum hergeleitet, um dann eine quasi Gleichbehandlung zu fordern. Doch die Analogie trägt nicht.

23.02.2012 | 

Thierry Chervel zerlegt im Redaktionsblog des Perlentaucher den Begriff “Geistiges Eigentum”:

Eigentum bezeichnet die Verfügungsgewalt über eine Sache, also eigentlich das Recht, sie zu zerstören. Den Stuhl, den ich besitze, kann ich auch zerhacken und verheizen.

Nicht einmal der Urheber eines Werkes aber hat diese Gewaltoption und dieses Recht, zumindest wenn das Werk veröffentlicht ist. Ist ein Werk in der Welt, gehört es ihr auch. Thomas Mann kann nicht in die Nationalbibliothek gehen und auf die Herausgabe des “Zauberbergs” drängen, weil er den Schluss überarbeiten will. Er kann Leser nicht auffordern, das Werk zu vernichten, weil es ihm nicht mehr gefällt. Anders als Prantl behauptet, hat nicht einmal der Urheber ein “richtiges Eigentum” an seinem Werk. Ein Werk ist Übereignung: Diesen Kuss der ganzen Welt.

Wer tatsächlich Immaterialgüterrechte und Eigentum von physischen Gütern gleichsetzt, hat das Thema entweder nicht durchdacht oder hat wirtschaftliche Eigeninteressen. Oft trifft beides zu.

Besonders abstrus werden die Forderungen nach dem Schutz geistigen Eigentums in Zeitungen, die Urheber schlecht behandeln:

Die Zeitungen verstoßen selbst als erste gegen ihre frommen Reden. Der Springer Verlag, in dessen Institut Clemens Wergin gegen “falsch verstandene Freiheit” im Internet eintritt, verliert gerade einen Prozess nach dem anderen, weil er seinen freien Autoren in seinen Verträgen so viele Freiheiten wie nur irgend möglich abknöpft. Nicht dass die Autoren dafür ein entsprechendes Schmerzensgeld kriegen. Freie Autoren und Zeitungen streiten seit Jahren darum, was als “angemessene Vergütung” zu verstehen ist. Selbst die Gewerkschaften lassen sich dabei, so die Freischreiber, auf Honorarsätze ein, die unter denen von Putzleuten liegen.

Es geht immer nur um Verwertungsketten. Wer möglichst lange Schutzfristen für möglichst umfassende Monopolrechte gesetzlich festschreiben kann und diese Rechte dann den Urhebern vertraglich für wenig Gegenleistung dank guter Verhandlungsposition abnehmen kann, hat(te) im Idealfall die Lizenz zum Gelddrucken.

Chervel fasst die Doppelmoral in einem Satz zusammen:

Die Verteidiger des “geistigen Eigentums” sind die ersten Enteigner.

Das Festhalten am Eigentumsbegriff ist besonders tragisch, weil es den dem Urheberrecht zugrundeliegenden gesellschaftlichen Kompromiss zugunsten einer radikal einseitigen Maximalhaltung aufgibt; mehr noch: ignoriert und nicht als Aspekt der Debatte wahrnimmt. Aus dieser radikalen Position kommen auch die mit Moralin durchtränkten Totschlagargumente, die jede Debatte im Keim ersticken.

Vergessen wird dabei natürlich, wie Kultur, wie Wissen und Kunst, entsteht: Indem das Neue auf dem Alten aufbaut.

Yochai Benkler hat diese Besonderheit von immateriellen Gütern in “The Wealth of Networks” (S. 37) kurz und präzise so beschrieben:

[..] information is both input and output of its own production process.

Man muss aber gar nicht so technisch und abstrakt werden, um sehen zu können, dass ein weniger restriktives Recht zu mehr, statt zu weniger Kultur führen würde:

Und schon jetzt bedeutet das Urheberrecht – entgegen den Behauptungen Prantls, Wergins und Hevelings – in unendlich vielen Fällen gerade keine Ermöglichung, sondern eine Verhinderung von Kultur. Warum wohl kommen genau jetzt Dramatisierungen von F. Scott Fitzgerald ins Kino und Theater? Weil die Urheberrechte frei wurden [..]. Das Erlöschen der Rechte auf ein Werk ist oft eine Befreiung. Brecht und Beckett wurden von ihren Nachlassverwaltern zu Museumsmumien gemacht. Aber es vergeht noch ein Weilchen, bis sie siebzig Jahre tot sind. Auch das Beispiel Gustav Mahlers sollte zu denken geben, dessen Sinfonien erst in dem Moment weltberühmt wurden, als die Urheberrechte erloschen: Damals war das noch fünfzig Jahre nach seinem Tod. Wenn den Gelüsten der Verwerterindustrien stattgegeben wird, muss ein Komponist demnächst neunzig Jahre lang tot sein.

Tatsächlich wird die Gesellschaft systematisch um Kultur gebracht und diejenigen, die darauf hinweisen, werden des Wunsches nach Enteignung bezichtet. Verkehrte Welt.

Dieser Text ist zuerst auf neunetz.com erschienen.

Und hier der Text von Thierry Chervel beim Perlentaucher.

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24 Kommentare

  1. LorettasAbgeordneter |  24.02.2012 | 00:51 | permalink  

    Der Begriff des geistigen Eigentums ist von Anfang an ein Chimäre gewesen. So fällt es auch nicht unter den Schutz des Artikels 14, der Eigentumsgarantie der Verfassung. Mit einer noch so scharfsinnigen Exegese des Begriffs geistiges Eigentum kommen wir daher nicht weiter.

    Weite Teile der Netzgemeinde wünschen sich eine Deregulierung des bestehenden Urheberrechts. Und nur unter diesem Gesichtspunkt ist ACTA kritikwürdig. Denn ACTA verschärft nicht das europ. Urheberrecht, sondern schreibt den status quo völkerrechtlich fest. Thomas Oppermann (SPD-Bundestagsabgeordenter) will im Bundestag zu ACTA debattieren, hat aber noch gar nicht begriffen, dass die Community eine Deregulierung verlangt. Dabei ist Oppermann ein alerter Kopf (obschon Jurist).

    Also halten wir uns nicht länger auf mit Anti-ACTA-Parolen, und abstrakten Betrachtungen zum Urheberreht des 20. Jahrhunderts. Sondern entwerfen lieber das internetgerechte Urheberrecht 2.0 en detail!

  2. Marcel Weiss |  24.02.2012 | 01:02 | permalink  

    Über ein internetgerechtes Urheberrecht habe ich bereits en detail nachgedacht:
    http://www.neunetz.com/2012/02/13/modernes-urheberrecht/

  3. Addliss |  24.02.2012 | 02:17 | permalink  

    Nun, zunächst schön, dass hier wieder etwas mehr passiert. Es freut mich, dass Carta.info als Portal des Netzfeuilletons weitergeführt wird. Dennoch will ich ein bisschen herumkritisieren:

    Die Intention des Textes scheint gut. Heranführen, dass der Begriff des geistigen Eigentums problematisch ist, um dann darauf hinzuweisen, dass Kultur mit Freiheit zusammenhängt, nicht mit Restriktion. Restriktion ist übrigens Wirtschaft als Gegenpol zur Kultur, aber das nur am Rande.

    Mir gefällt zunächst die Überschrift nicht richtig. Sie ist a) als Frage, gleich mit Beantwortung sehr ungelenk; b) weist sie nicht auf den Kern des Textes hin, sondern auf einen Teil des Arguments. Für den Leser hilfreicher und einen “Rahmen” für den Text schaffen würde eine Überschrift wie “Kultur folgt aus Freiheit” (so pathetisch das klingt, ist jetzt auch nur ein Schnellschuss aus der Hüfte)

    Zum anderen werden hier Zitate und Meinungen ohne Argument übernommen. Das mag ok sein, aber es erschließt sich dem Leser nicht ganz, warum gerade dem letzten Zitat Plausibilität eingeräumt werden soll. Sicher, es werden einzelne Beispiele genannt, wo das Urheberrecht mit Restriktionen Kultur verhindert hat. Aber es müsste diskutiert werden, ob das Zufall war oder tatsächlich am Urheberrecht lag, wenn man das Argument tatsächlich stichhaltig aufbauen möchte.

    Das soll kein Unken sein, sondern nur zur Verbesserung späterer Texte beitragen. Ich gebe meine Auffassung frei, damit vom Autor bessere Kultur entstehen kann – eine Quasi-Kollaboration! ;)

  4. Tharben |  24.02.2012 | 07:12 | permalink  

    Fast treibt es mir Tränen in die Augen, dass im Netz immer mehr Konsens darüber besteht, dass der Begriff “geistiges Eigentum” auf mehreren Ebenen falsch und kontraproduktiv ist – so lange, wie ich schon dagegen argumentiere.

    Inzwischen ist es entlarvend, wenn jemand diesen Begriff nutzt, denn es signalisiert: Mir geht es überhaupt nicht um den Urheber und den Nutzer eines Werkes, es geht mir, im Gegenteil, ausschließlich um die Monopolrechte der Verwerterkonzerne, deren Macht durch das Jeder-kann-mitmachen-Netz ins Wanken geraten ist. Und somit auch die Kontrolle der Eliten über Informationen und Meinungen.

    Das dürfte, neben dem exzellenten Lobbying, auch der wesentliche Grund für die Hevelings dieser Welt sein, sich bedingungslos an die Verwertungsindustrie zu ketten.

  5. Tim |  24.02.2012 | 10:57 | permalink  

    @ Marcel Weiss

    Wer tatsächlich Immaterialgüterrechte und Eigentum von physischen Gütern gleichsetzt, hat das Thema entweder nicht durchdacht oder hat wirtschaftliche Eigeninteressen.

    Nein, das stimmt so nicht. Eigentum an physischen Dingen und Urheberrechte sind in einem Punkt völlig identisch: Beides sind gesetzliche Konstrukte. Auch ein Eigentum an einer Sache gibt es nicht an sich, sondern nur, weil der Staat mir hilft, meinen Anspruch auf die Sache notfalls durchzusetzen. Exakt dasselbe wie beim Urheberrecht. Es gibt dort einfach keinen Gegensatz.

    Die Debatte krankt daran, daß viele Leute nicht sehen, daß auch Eigentum eine gewissermaßen virtuelle Kategorie ist. Es wäre viel sinnvoller, wenn sich die Diskussion auf den einzig vernünftigen Reformansatz konzentrieren würde: die deutliche Verkürzung der Schutzzeiten bei Urheberrechten.

  6. Wolfgang Michal |  24.02.2012 | 11:46 | permalink  

    Ich glaube, wir müssen da etwas differenzieren. Das angelsächsische Copyright ist tatsächlich ein reines Verwerterrecht (und das würde die US-Content-Industrie hier gern durchsetzen); das kontinentaleuropäische (und das deutsche) Urheberrecht ist kein reines Verwerterrecht. Im deutschen Urheberrecht gibt es nämlich das für alle Urheber unerlässliche “Urheberpersönlichkeitsrecht”. Das ist – wie immer wieder betont werden muss – der Wesenskern dieses Rechts. Das Urheberpersönlichkeitsrecht umfasst im wesentlichen nur 4 Paragraphen (§11 bis §14). Die aber sollte man kennen, bevor man undifferenziert über Urheberrecht und geistiges Eigentum redet.

    Der zentrale Satz in diesen 4 Paragraphen lautet: “Der Urheber hat das Recht zu bestimmen, ob und wie sein Werk zu veröffentlichen ist.” OB und WIE!! (§12)

    Der Urheber hat im übrigen auch das Recht, “eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten…” (§14)

    Manchen Verwertern und Nutzern ist das egal. Sie halten sich einfach nicht dran. Doch wer die Urheber für eine Reform des Urheberrechts gewinnen will, muss zumindest diese vier kleinen Paragraphen respektieren. Über alles andere kann man diskutieren.

  7. Tharben |  24.02.2012 | 12:11 | permalink  

    @Tim #5

    Exakt dasselbe wie beim Urheberrecht.

    Rechtlich mag das stimmen, viel entscheidender hingegen ist die Tatsache, dass ein physischer Gegenstand – ein Tisch, ein Auto, eine Schallplatte – nicht ohne weiteres kopiert werden kann. In die Produktion jedes einzelnen Exemplars fließen Ressourcen wie Material, Arbeitskraft, Transport.

    Ein immaterielles (digitales) Werk hingegen kann mit ein paar Mausklicks kopiert werden, praktisch zum Nulltarif und ohne, dass das “Original” nicht mehr an Ort und Stelle wäre.

    Man kann die digitale und vernetzte Realität nicht durch restriktivere Gesetze ungeschehen machen, jedenfalls nicht ohne massive Eingriffe in Grundrechte. Die gesetzlichen Regeln müssen der Realität angepasst werden. Das bedeutet, dass weit mehr nötig ist als lediglich die Verkürzung von Schutzfristen, um das Urheber- (eigentlich Verwerter-) recht der Realität der digitalen Kommunikation anzupassen.

  8. Marcel Weiss |  24.02.2012 | 12:17 | permalink  

    @Tim: nur weil beide Rechtkonstrukte sind, sind sie nicht automatisch identische Rechte. Darum ging es mir. Ich dachte, das wird im ersten Zitat von Thierry Chervel klar.
    @Wolfgang Michal: Stimmt. Aber das Gleiche wie eben zu Tim. Kann ein Urheber sein veröffentlichtes Werk wieder zurück ziehen? Findest du das gut, wenn es gehen würde? Wenn ja, hoffe ich, dass du dich nie an einem längeren Werk von Franz Kafka erfreut hast.
    Dass das Urheberrecht ein Persönlichkeitsrecht ist, ist ein Geburtsfehler des hiesigen Rechts, der leider jede sinnvolle Reform behindert bis unmöglich macht.

  9. Hans Retep |  24.02.2012 | 12:36 | permalink  

    @ Wolfgang Michal: Zitieren Sie hier nicht irgendwelche Paragraphen, die unter dem Einluss der Contentmafia entstanden sind. In Wirklichkeit gibt es gar keine Urheber. Die sitzen alle nur auf den Schultern von Riesen. Kultur! Und was die den Riesen aus den Zähnen puhlen, wollen sie auch noch bezahlt haben bis in alle Ewigkeit. Marcel Weiß hat da schon recht mit seinem wegweisenden Aufsatz zur Reform des Was-auch-immer-Rechts. Jedes Werk sollte zur Verwertung von Monopolrechten erstmal zur kostenpflichtigen Anmeldung gebracht werden. Dann würden sich die so genannten “Urheber” die Sache mal ernsthaft überlegen.

  10. Wolfgang Michal |  24.02.2012 | 13:06 | permalink  

    @Marcel: Ich verstehe diejenigen durchaus, die das Urheberrecht zugunsten eines schnelleren und breiteren Umschlags von “Informationen” verändern wollen. Ich sehe aber die Gefahr, das Kind mit dem Bad auszuschütten.

    Man kann ein Werk nicht zurückziehen, wenn es in der Welt ist, aber man kann die Rechtevergabe an diesem Werk zurückziehen und gegen offensichtlichen Missbrauch vorgehen. Ein Beispiel: Vorgestern saß ich bei Freelens, dem Verband der Fotografen. Da zeigte mir ein Fotograf das Foto einer Kinderhochzeit. Ein berühmtes Foto. Darauf war ein alter Mann zu sehen (der Ehemann) und neben ihm ein kleines Mädchen (die Ehefrau). Der Fotograf hat das Bild im Rahmen einer Reportage aufgenommen. Nun sagt Freelens, dieses Foto ist später auf den Seiten von Rechtsradikalen aufgetaucht, die damit Stimmung gegen den Islam machen wollen.

    Sollte der Fotograf dagegen vorgehen können? Mit den oben erwähnten Paragraphen des Urheberrechts kann er das. Ohne sie kann er es nicht.

  11. Tim |  24.02.2012 | 13:29 | permalink  

    nur weil beide Rechtkonstrukte sind, sind sie nicht automatisch identische Rechte.

    Natürlich, das ist aber auch trivial. Sie (und viele andere) scheinen aber davon auszugehen, daß Eigentum an Sachen quasi gottgegeben sei, Urheberrechte aber eine Pervertierung von Ideen. Tatsächlich aber bauen beide auf dem demselben Grundsatz auf: daß die Produkte der eigenen Schaffenskraft wirtschaftlich handelbar sein sollen. Ganz egal, ob jemand nun Holzfiguren schnitzt oder Texte schreibt.

    Urheberrechtsgegner sind der Meinung, daß das Schnitzen von Holzfiguren sinnvoll ist, das Schaffen von Inhalten aber nicht. Man kann diese bizarre Position ja meinetwegen vertreten, sollte sich dafür aber dann schon mal ein paar bessere Argumente überlegen als die Tatsache, daß nach dem Ablauf des Schutzrechts nun vermehrt gewisse Theaterstücke aufgeführt werden.

  12. Tim |  24.02.2012 | 13:34 | permalink  

    @ Marcel Weiss

    Dass das Urheberrecht ein Persönlichkeitsrecht ist, ist ein Geburtsfehler des hiesigen Rechts, der leider jede sinnvolle Reform behindert bis unmöglich macht.

    Warum so pessimistisch? Eine gestufte und sehr deutliche Verkürzung der Schutzrechte würde schon sehr viel von dem bewirken, was Sie sich höchstwahrscheinlich wünschen.

    Gleichzeitig müßte im Idealfall natürlich auch die Position der Urhebern gegenüber den Verwertern gestärkt werden, doch auch dies ließe sich rechtlich leicht machen, wenn der politische Wille vorhanden wäre.

    Wer hingegen die Abschaffung der Urheberrechte fordert, setzt von vornherein auf ein Wolkenkuckucksheim.

  13. A. G. |  24.02.2012 | 13:55 | permalink  

    Grob betrachtet sind Urheberrechte immaterielle Vermögenswerte, an denen der Urheber Nutzungsrechte einräumt.
    Allgemein zu immateriellen Vermögenswerten: http://de.wikipedia.org/wiki/Immaterieller_Verm%C3%B6gensgegenstand
    Welche Bedeutung immaterielle Werte im wirtschaftlichen Bereich haben zeigt: http://www.gesetze-im-internet.de/hgb/__266.html .

    Weiss schreibt: „Wer tatsächlich Immaterialgüterrechte und Eigentum von physischen Gütern gleichsetzt, hat das Thema entweder nicht durchdacht oder hat wirtschaftliche Eigeninteressen. Oft trifft beides zu.“

    Vielleicht hilft es bei der hier kontrovers geführten Diskussion, den Satz von Marcel Weiss auf andere immaterielle Vermögenswerte anzuwenden.

    Wenn immaterielle Werte keine mehr sind, geht dem Erwerbs- (!) und Wirtschaftsleben (!) ein wichtiges Gut flöten. Ob Nutzungsrechte, Unternehmenswert, Kundenstamm, gewerbliche Schutzrechte spielt zunächst keine Rolle. Wenn alles wertlos ist, verliert Arbeit schlussendlich an Wert, wird nicht mehr wertgeschätzt. Ohne Arbeit keine Kultur. Die Argumentation von Weiss ist absurd.

  14. André Rebentisch |  24.02.2012 | 14:15 | permalink  

    Welche rechtliche Bedeutung hat denn der Begriff überhaupt?

    Ich kenne das nur als Laienphrase oder als Sammelbegriff für alle möglichen Rechte für irgendwelche Huckepackrechtsvorhaben in Europa. Da dann als “Intellectual Property Rights”, was man seriös als “Immaterialgüterrechte” übersetzen mag.

    Die Macht liegt in der politischen Implikation des Sprachspiels.

  15. recipient |  24.02.2012 | 14:51 | permalink  

    Mein Gott, was gehen sie mir auf den Keks, diese infantilen Haarspaltereien, anhand derer mal eben das gesamte Urheberrecht an sich in Frage gestellt wird: „Ist ja gar kein Eigentum, ist ja gar kein Diebstahl, ätsch!“. Unglaublich, dass man sich mit sowas heutzutage als großer Vordenker inszenieren kann.

    Nennt es, wie ihr wollt. Aber die Bezeichnungen ändern nichts am Sachverhalt. Beim Diebstahl geht es um widerrechtliche Aneignung und beim Eigentum um die Verfügungsgewalt über etwas. Wer also ersteres legitimiert und letzteres ablehnt, sollte sich auch offen genau dazu bekennen, und nicht versuchen, durch Verwässerung oder oder gar Verniedlichung irgendwelcher Begriffe die moralischen Kernfragen zu umgehen. Die alles entscheidende lautet:

    Gestehen wir als Gesellschaft Künstlern und Kreativen das Recht zu, selbst über die Verwendung der Ergebnisse ihrer zumeist freiberuflichen Arbeit zu bestimmen und im Erfolgsfall, also bei entsprechender Nachfrage, auch finanziell davon zu profitieren?

    Wer das negiert, mit welchen Argumenten auch immer, der sollte konsequenterweise gleich die ganz große Systemfrage stellen – und möglichst auch beantworten. Alles andere sind Nebenkriegsschauplätze.

  16. Tharben |  24.02.2012 | 17:48 | permalink  

    @recipient #15

    Schlichte Gemüter sind von Sachverhalten, die mehr als ein einfaches Schwarz-weiß-Denken erfordern, oftmals überfordert. Allerdings hat es noch nie funktioniert, komplexe Probleme mit einfachen Antworten lösen zu wollen. Das richtet mehr Schaden an als es nutzt. Ein Beispiel:

    # K – ein Buchstabe
    # Konrad ist krank – eine Information, sicherlich nicht schutzwürdig (wie übrigens keinerlei Information, denn geschützt ist nur die Form, nicht der Inhalt)
    # Mein Kommentar unter #7 – ein Werk, das bereits eine schützenswerte Schöpfungshöhe erreicht hat?

    Sie sehen: es gibt bereits an diesem Punkt keine binäre Ja-nein-Entscheidung. So einfach, wie Sie es darstellen, ist es nicht.

  17. recipient |  24.02.2012 | 20:31 | permalink  

    @ Tharben:

    „Schlichte Gemüter sind von Sachverhalten, die mehr als ein einfaches Schwarz-weiß-Denken erfordern, oftmals überfordert.“

    Ja, die Erfahrung habe ich in meinen fünfzig Lebensjahren auch gemacht. Und obwohl ich inzwischen eigentlich viel gelassener reagieren sollte, kann ich mich immer noch furchtbar aufregen (Eintrag Todo-List: „Blutdruck messen!“), wenn ich mit pseudointellektuell verbrämtem Blödsinn konfrontiert werde. Erst recht bei Themen, die ich für wichtig halte.

    Ich mag ja anschauliche Metaphern und lebensnahe Vergleiche. Letztere dürfen auch mal hinken. Aber wenn mir jemand zum Einstieg in einen Beitrag zum Thema Urheberrecht die Aussage präsentiert, geistiges Eigentum könne es gar nicht geben, weil es sich nicht wie ein Stuhl zerhacken und verheizen lässt, dann kann ich den Betreffenden beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen. Das ist wirklich Grundschulniveau, Sozialkundeunterricht 1. Klasse.

    Wer das Urheberrecht in Frage stellt, weil er „geistiges Eigentum“ per definition für nicht existent hält, müsste auch das Gesellschaftsrecht in Frage stellen, weil es nach derselben Logik auch keine „juristischen Personen“ geben dürfte.

    Also, für Belehrungen in Sachen „komplexe Probleme mit einfachen Antworten lösen“ bin ich definitiv der falsche Adressat.

    Aber wenn wir schon dabei sind – auf Wikipedia, einer freien Online-Enzyklopädie – man kann da wirklich einfach so nachgucken, irre! -, steht ein schöner Satz: „Der Gehalt des Eigentumsbegriffs ist nicht statisch und naturgegeben, sondern entwickelt sich im Laufe der Zeit durch die gewohnheitsrechtliche Praxis, Rechtsprechung und Gesetzgebung.“

    Das heißt, konservativ sind nicht die, die gewohnte Begriffe über gesellschaftliche und technologische Veränderungen hinweg sinngemäß transformieren, sondern jene, die sich solcher Dynamik verweigern und als bedeutende Erkenntnis verkaufen, dass man ein Lied nicht zerhacken und verheizen kann.

    „Sie sehen: es gibt bereits an diesem Punkt keine binäre Ja-nein-Entscheidung.“

    Ja, und ich bin schwer beeindruckt. Sie konstruieren irgendeine offene Frage um zu beweisen, dass es keine Ja-/Nein-Fragen gibt? Seltsam. Meine Frage war eine grundsätzliche, die man meines Erachtens durchaus mit Ja oder Nein beantworten kann, im Grunde sogar muss. Dass Sie das nicht können oder wollen, also im übertragenen Sinne lieber „ein bisschen schwanger“ bleiben, ist vermutlich Teil des Problems.

    Falls es Ihnen die Sache erleichtert: Man kann ACTA für einen Skandal, die Content-Allianz für rückständig und Ansgar Heveling für einen Vollidoten halten, und – jetzt kommt’s! – trotzdem leidenschaftlich „Ja!“ zum Urheberrecht sagen. Wer hätte das gedacht?

    „So einfach, wie Sie es darstellen, ist es nicht.“

    Hm. Sie werfen mir Vereinfachung vor, weil ich die Vereinfachung der Diskussion kritisiere? Das müssen Sie mir erklären. Aber bitte mit ganz einfachen Worten.

  18. Stefan Herwig |  24.02.2012 | 21:08 | permalink  

    Ich glaube man kann diese Diskussion ein bisschen erden, wenn man auf den – meiner Meinung nach besseren Begriff “intellectual property” verweist. Property kann im Englischen auch “Grundstück” heissen, und das kommt viel näher an die intendierte Verfügungsgewalt des Urhebers heran, als der Eigentumsbegriff.

    So nutzt sich mein grundstück nicht durch die Benutzung anderer ab, und trotzdem kann ich als Besitzer dieses Grundstückes – wie auch beim Urheberecht – festlegen, wie ich es nutzen will. Ich kann Zäune und Hecken drum herum bauen, oder ich kann einen Park draus machen und kleiner Kinder darauf Fussball spielen lassen. Ich kann es aber auch vermieten, an Leute oder Firmen die damit ökonomisch mehr anfangen können als ich selbst. All dies sind starke Parallelen zum Urheberrecht.

    Wichtig ist, dass ich diese Verfügunsgewalt behalte. Eine Zwangsmaut (Kulturflatrate) oder eine Enteignung nach Zeit (stark verkürzte Schutzfristen) werden hier als das offenbahr was sie sind, nämlich suboptimale Möglichkeiten, die eigentlich alle samt schlechter sind, als die maximale Flexibilität die das Urheberrecht uns garantieren sollte. Denn übr diese flexible verfügbarkeit können flexibler Güter erschaffen werden als ohne. Der Kulurbetrieb wird es danken.

    Insofern ist das Urheberrecht streng genommen kein “Eigentum”, wir verhandeln hier ehe über eine “Leistung”, die erschlichen werden kann. Urheberrechtsverletzung hat demnach mehr mit Schwarzfahren zu tun als mit Diebstahl, denn die verletzer nehmen eine Leistung wahr, ohne dafür zu bezahlen. Ist Schwarzfahrne denn soviel besser als Diebstahl? Das glaube ich ehrlich gesagt kaum, denn der Materialwert einer Sache ist bei den meisten Produkten nur zum Bruchteil für den Preis verantwortlich, die inhärente Leistung ist deutlich wertvoller.

    Zum Schluss die sprachliche Würdigung des Begriffes: Die deutsche Sprache ist voll von diesen Verkürzungen: die Sonne geht nicht wirklich unter, beim Rufmord stirbt niemand an Verleumdung, in Tauschbörsen wird nicht getauscht, sondern kopiert.

    Der Begriff des geistigen Eigentums ist trotz seiner verzerrenden Natur wertvoll, weil er regelkonformes Verhalten befördert. Werke sind kein physischs Eigentum, aber wir haben uns als Gesellschadft entschieden, dass wir kreative Leistungen so behandeln wollen *wie* Eigentum.

    Ich vermute, dass lediglich diejenigen den Begriff abschaffen wollen, denen genau wie bei der Raubkopie die Schutzmöglichkeit auf den Senkel geht.

    In letzter Konsequenz ginge es dann leider um nichts anderes als Sprachzensur.

    SH

  19. H. Miketta |  24.02.2012 | 23:39 | permalink  

    Es gibt überhaupt kein Eigentum. Wir müssen alle sterben. Nichts gehört uns. Alles gesellschaftliches Konstrukt.

    ‎(Aber so, wie auch das materielle Eigentum ein sinnvolles Konstrukt ist, brauchen wir auch ein Urheberrecht. Denn das kreative Schöpfen ist ebenfalls Arbeit. Und hat verdient, bezahlt und respektiert zu werden, auch von der Internetgeneration.)

  20. vera |  25.02.2012 | 07:50 | permalink  

    Finde es mittlerweile auch schwierig, von dem Urheberrecht zu sprechen. Allein schon die Urheberschaft eines Textes oder eines Bildes bedingt ganz unterschiedliche Schutzmechanismen.

    Hier auch noch meine 2 cts. der vergangenen Woche.

  21. Stefan Herwig |  25.02.2012 | 15:25 | permalink  

    @H.Miketta,

    D’Accord. Das gilt auch für Geld, Demokratie, Sprache, Philosophie, nahzu alles Wissen, was wir aggregiert haben beruht im endeffekt auf gesellschaftlkichen Konventionen und Übereinkünften. Ich glaube dies macht schlechthin eine Geselslachaft aus, dass sie ihre Regeln auf solche Aushandlungsprozesse gründet.

    Dann wissen wir auch, in welche Richtung wir gehen, wenn wir diese Prozesse ein Stück weit zurückdrehen. Rolle rückwärts.

    SH

  22. Peter |  26.02.2012 | 02:33 | permalink  

    Eigentum erwerben zu können, ist eine Grund-Motivation für menschliches Schaffen.

    Was passiert, wenn man es abschafft, war in 40 Jahren DDR gut zu beobachten.

    Dabei ist es völlig egal, ob materiell oder geistig. Die Übergänge sind fließend.

    Wer geistiges Eigentum abschaffen will, strebt im Grunde nicht die “Befreiung”, sondern die allmähliche Verblödung der Gesellschaft an.

    Vordergründig ist die Motivation, am Transportieren der Ideen besser zu verdienen als an der Erschaffung der Ideen selbst.

  23. Thomas Klüppel |  26.02.2012 | 19:10 | permalink  

    Thomas Mann kann nicht in die Nationalbibliothek gehen – er ist 1955 gestorben.

  24. Stefan Herwig |  03.03.2012 | 02:04 | permalink  

    @Peter:

    d’accord. Darüber hinaus bin ich der Meinung dass das Gegenteil von “Kultur” eine Flatrate ist. Dasschlimmste was wir unserem Kulturbetrieb antun können, ist es, ihn dermassen zu entwerten.

    Insofern ist das Eigentumskonzeprt schon nicht das Schlechteste…

    SH

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