Die Kinder der digitalen Revolution

Die europaweiten Proteste gegen Acta machen jetzt viele Politiker nachdenklich. So viele junge Leute hatten sie nun wirklich nicht erwartet. Und wer Augen hatte, konnte sehen, dass der Protest weit über Acta hinaus ging. Der Unmut richtete sich generell gegen die Art, wie in Europas Amtsstuben Politik gemacht wird.

Dass es die Grünen mit dem symbolischen Umwerfen der vier Buchstaben A, C, T und A am Freitag doch noch in die Tagesschau geschafft haben – das hatte schon etwas unfreiwillig Komisches. Es sah aus wie eine PR-Nummer aus den Achtzigern: Ein paar Journalisten vors Kanzleramt bestellen für eine 5-Minuten-Terrine unter dem Label „So tun als ob“.

An den Protesten vom Samstag werden die Parteien noch eine Weile zu knabbern haben. Denn neben die professionelle Hochachtung für die Organisationsgeschwindigkeit der jungen Leute tritt allmählich die Ahnung, dass die Urheberrechtsfrage nur der Anlass für etwas viel tiefer Gehendes war. Diese Bewegung hat nicht allein die Nerds hinter den Pellets-Öfen ihrer wohlhabenden Eltern hervorgelockt, sie hat breitere Schichten von Jugendlichen erfasst. Der Freiburger Grüne Till Westermayer sieht das mit durchaus gemischten Gefühlen:

„Bei der heutigen Demo gegen das ACTA-Abkommen kam ich mir … richtig alt vor. Ganz viele SchülerInnen, vermutlich war es für einen großen Teil davon die erste Demo.“

Eine neue, genuine Jugendbewegung? Eine neue, genuine soziale Bewegung? Die Kinder der digitalen Revolution? Oder doch (noch) mehr ein Reflex auf die Unzeitgemäßheit althergebrachter Parteien, Organisationen und Verfahren im globalen Informationskapitalismus? Eine endgültige Deutung steht noch nicht fest; ich jedenfalls würde mich da heute noch nicht festlegen wollen.“

Jörg Blumtritt (auch schon über 40) greift Westermayers Gedanken auf und spricht von einer alternativen Demokratiebewegung. Die flüssige Demokratie sei dabei, die erstarrte Demokratie zu unterspülen:

„Dass es bei ‚Netzpolitik’ oder ‚Digitalkultur’ (was auch immer das eigentlich sein soll) einen Konflikt zwischen ‚etablierten’ und ‚nicht-etablierten’ gibt, ist nur ein Symptom für eine wesentlich tiefer gehende Unzufriedenheit…

Und da ich nicht glaube, dass die etablierten Parteien diesen Schritt zu einer nicht mehr ganz so repräsentativen Demokratie mitgehen können, wird es ihnen mit allen Versuchen, sich an die ‚Netzkultur’ anzubiedern, vielleicht nicht gelingen, die wirklich Unzufriedenen wieder einzufangen – denn denen geht es um weit mehr als um kostenlose Downloads.“

Auf YouTube und Facebook stehen mittlerweile hunderte, wenn nicht gar tausende kleiner Filme, die von Jugendlichen bei den Demonstrationen gedreht und unmittelbar nach der Aktion hochgeladen wurden. Hier zeigt sich ein Engagement, das uns vor Augen führt, dass das Netz kein Nischenthema mehr für irgendein Politikressort ist, sondern Ausdruck einer neuen politischen Kultur.

 

Mit Dank an Christoph Bieber für den Hinweis auf die Debatte. Ebenfalls zu empfehlen: Konstantin Görlich: Die Revolution digitalisiert ihre Kinder