Andreas Grieß

Journalismus-Lehrbücher meiden!

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04.02.2012 | 

Wolf Schneider steht für sein neues Handbuch des Journalismus in der Kritik. Der wähnt in der Kritik einen Racheakt von Altlinken und bei der Henri Nannen Schule Durchgefallenen. Ich glaube, alle übersehen das Wesentliche: Lehrbücher sind im Journalismus generell zu meiden.

Ein Lehrbuch erweckt stets zu einem gewissen Maß den Eindruck, man müsse es nur lesen, das darin Geschriebene auswendig lernen und dann wisse man Bescheid. Dabei macht eigentlich ein jeder die Erfahrung, dass es nicht so ist. Ein Spanisch-Lehrbuch zum Beispiel bringt mir nicht viel, es unterstützt vielmehr den Lehrer. Mein bislang bester Spanisch-Lehrer war der, der sich im Unterricht weitestgehend vom Buch gelöst hat.

Und trotzdem: Der Ruf nach „Literatur dazu“ ist ein ständiger Begleiter jeder Ausbildung. Das scheint keine Hochschul-typische Problematik zu sein: Christian Jakubetz schreibt, die Idee für das Buch Universalcode (übrigens beworben als „der neue Standard der Journalismus-Lehre“) sei ihm gekommen, als ein Volontär ihm sagte, es fehle an Literatur um die Theorie in die Praxis umzusetzen. Vielleicht hätte Jakubetz dem Volontär antworten sollen, dass er nicht für eine Klausur lerne.

Die Frage, ob etwas „prüfungsrelevant“ ist, hört man auch in unserem Studium viel zu oft. Aber diese Haltung kommt eher von Studierenden selbst als von der Konzeption des Studiengangs oder gar den Dozenten, die selbst meist die Augen verdrehen bei dieser Frage.

Zu Recht. Denn Denken in den Kategorien von „prüfungsrelevant“ und „Literatur zum Seminar“ ist genau das Falsche, vor allem im Journalismus.

Auch, weil vieles zu dem Zeitpunkt, zu dem es gedruckt wird, schon nicht mehr aktuell ist. Christian Jakubetz sagte mir im Interview in Hinblick auf Universalcode: „Eigentlich müssten wir das Buch einmal im Jahr komplett überarbeiten.“

Ist ein Buch dann wirklich das Richtige für die Journalisten-Ausbildung?

Das gilt es vor allem bei praktischen Inhalten zu bezweifeln. Man kann nicht durch Lesen erlernen, wie man ein Video schneidet. Und eine Recherche in der Theorie macht mich auch noch nicht zu einem Journalisten, der gut recherchieren kann. Zumindest, wenn ich keine Fragen zur Recherche stellen kann.

Übersichts- oder Sammelbände, die versuchen Alles abzubilden, sind ein Unterfangen, das notgedrungen an einigen Enden immer qualitativ abfallen wird. Hier sei an das Kapitel zum Online-Journalismus bei Schneider und Raue erinnert. Ein Sammelwerk, noch dazu als Standard-Werk betitelt, schadet sogar. Weil es eben den bequemen „Lies dieses Buch und du weißt alles“-Eindruck vermittelt.

Übrigens ist es interessant, dass Lehrbücher im Journalismus häufig ausgerechnet von Leuten kommen, die einer akademischen Journalismus-Ausbildung, vorsichtig formuliert, kritisch gegenüber stehen. Meist, weil es dort an Praxis mangele und zu sehr auf Prüfungen hin gearbeitet würde.

Ich persönlich sehe es anders herum: Eine Hochschule kann sehr wohl ein Ort für gute, praxisorientierte Journalismus-Ausbildung sein. Lehrbücher jedoch sind zu meiden. Die entsprechenden Autoren haben häufig interessantes zu vermitteln. Soweit möglich machen sie das aber am besten praktisch: In Panels, Projekten und Seminaren.

Man verstehe mich nicht falsch: Auch aufgeschriebenes Wissen, darunter vieles von Schneider, ist relevant und hat seinen Wert. Es ist eine Inspiration, eine Ergänzung. Es muss in einen Kontext gestellt werden, durch eigene Erfahrungen und/oder die eigenen Ausbilder.

Daher sollten wir im Journalismus keinen Büchern die Aura von Lehrbuch oder Fibel verleihen, sondern sie stets als Debattenbeitrag einordnen. Das muss die eigentliche Kritik sein.

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15 Kommentare

  1. Manuel Schubert |  04.02.2012 | 12:55 | permalink  

    Darin liegt wohl der große Fehler, den viele machen: Es gibt nicht DEN einen Weg zu gutem Journalismus. Vielmehr sollte jeder für sich herausfinden, womit er selbst gut fährt und solche Lehrbücher als Ergänzung, als etwas zum Nachdenken ansehen, nicht als Leitfaden. Vor allem sollte man keine Angst davor haben, den Autoren hin und wieder auch mal zu widersprechen.

  2. vera |  04.02.2012 | 15:56 | permalink  

    Gerade diese beiden Bücher vermitteln eine Weltsicht und geben einen Schubs in eine bestimmte Richtung. Bei Schneider /Raue empfinde ich das als “tu dies, tu das, und du wirst das Richtige tun” – sehr altmodisch lehrbuchmäßig. Der Universalcode regt zum Ausprobieren an, ohne vorzuschreiben, und gibt Hinweise auf Möglichkeiten (die mancher vielleicht noch nicht kennt). Erhobener Zeigefinger gegen laissez faire oder kategorischer Imperativ gegen Spielwiese. Jedes zu seiner Zeit.

    Es ist nützlich, etwas nachlesen zu können. Ein Kochbuch ist zuerst Anleitung und erst später ausschließlich Inspiration. Backrezepte hingegen muss man genau befolgen, sonst wird der Kuchen nichts. Es ist schon sinnvoll, aufzuschreiben, worauf man bei einem Interview achten sollte – hinterher läuft es von alleine, aber man ist doch froh, dass einen jemand auf die Batteriekontrolle für’s Aufnahmegerät hingewiesen hat.

  3. Manziel |  04.02.2012 | 20:33 | permalink  

    >>>Die Frage, ob etwas „prüfungsrelevant“ ist, hört man auch in unserem Studium viel zu oft. <<<

    Bei mir in der Informatik gibt es diese Frage auch sehr oft, aber meiner Meinung nach hat es durchaus seine Berechtigung. Eine gute Prüfung sollte nämlich zwischen den Dingen unterscheiden, die man unbedingt im Kopf haben muss (Prüfungsrelevant) und den Dingen bei denen es reicht wenn man weiß wo man sie nachschlagen kann (nicht prüfungsrelevant). Insofern sind Lehrbücher nur begrenzt dazu da, etwas zu lehren. Ich denke dies lässt sich auch auf den Journalismus übertragen.

  4. Moritz mo. sauer |  05.02.2012 | 14:44 | permalink  

    “Ich glaube, alle übersehen das Wesentliche: Lehrbücher sind im Journalismus generell zu meiden.”

    Tut mir leid, aber das ist so ein Quatsch.

    Kurzes Beispiel: Du hast noch nie eine Nachricht geschrieben. Lies eine Anleitung dazu in einem Buch. Dann gehst Du die Schritte einen nach dem anderen durch und arbeitest die 7W-Fragen ab. Wiederhole es immer wieder und du wirst immer besser.

    Das gilt für andere Formate, technische Hilfestellungen und generelle Dinge. Die Aufgabe eines guten Autors ist es dem Lernenden die Augen zu öffnen und ihm zu helfen. Absolute Regeln in Büchern sind natürlich Quatsch, genauso wie Deine arg pauschale These.

    Als Journalist habe ich sehr viel Wissen aus Büchern gezogen. Und das schreibe ich nicht nur, weil ich selbst Sachbücher geschrieben habe.

  5. zonkinoff |  05.02.2012 | 15:22 | permalink  

    Der Artikel diffenrenziert leider nicht. “Journalismus” ist selbst ein leerer Begriff, der mit Inhalt gefüllt werden muss. Der eine versteht Journalismus als bloßes Wiederkauen fremder Worte, der andere geht wissenschaftlich ran; und daran ist eine Hochschule auch eher orientiert. Wer kein Interesse an einer Auseinandersetzung mit Kommunikation hat, der braucht auch kein Lehrbuch, der ist sowieso schon gescheitert. Für die wissenschaftliche Ausbildung kommt man aber um Lehrbücher nicht rum. Und man merkt dann auch ganz deutlich in der Praxis, wer selbst kritisch herangeht und wer nicht. Was bringt schon das beste Handwerk, wenn man nicht weiß, wie man es anwendet?

  6. Andreas Grieß |  05.02.2012 | 16:10 | permalink  

    @Manziel: Halte ich nur für bedingt richtig. Das würde nämlich bedeuten, dass Prüfungen dazu bringen, gelerntes Anzuwenden, neu in neuen Zusammenhängen. Prüfungen sind leider aber allzu häufig auch gut zu bestehen, wenn man Fragen beantworten kann, ohne selber zu wissen, was man schreibt/sagt.

    @Moritz: Glaubst du wirklich, man kann eine Nachricht gut dadurch erlernen, dass man sich an ein Buch hält? Du schreibst dann die Nachricht, legst sie in das Buch und das sagt dir, was du besser machen musst? Nein. Und genau da ist das Problem. Ich schreibe ja: “Es muss in einen Kontext gestellt werden, durch eigene Erfahrungen und/oder die eigenen Ausbilder.” Du kannst ja in einem Buch den Aufbau einer Nachricht lesen, aber letztlich muss dir jemand sagen, wie gut du das umgesetzt hast und was besser werden muss.

    @zonkinoff: Ich glaube nicht, dass es für diesen text vorteilhaft wäre, zunächst die darin verwendete Definition des Begriffs Journalismus herzuleiten.

  7. Moritz "mo." Sauer |  05.02.2012 | 16:22 | permalink  

    “Glaubst du wirklich, man kann eine Nachricht gut dadurch erlernen, dass man sich an ein Buch hält?”

    Lehrbücher richten sich an Diejenigen, die sich zum ersten Mal oder noch intensiver mit einem Thema auseinandersetzen. Hat man noch nie eine Reportage geschrieben, dann hilft einem in meinen Augen ein Leitfaden, wie z.B. “ABC des Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus” beim Aufbau. Richtig gut, werden Reportagen dann, wenn man sie selbst immer und immer wieder schreibt, vertont oder bebildert. Das sehe ich genauso wie Du. Der erste Schritt ist aber die Wissensaneignung. Ich stoße eben sehr mit Deiner Aussagen “Lehrbücher sind im Journalismus generell zu meiden.” zusammen.

    Unbestritten ist, dass niemand ein guter Journalist ist, der nur Bücher liest, aber nicht loslegt.

    “Du kannst ja in einem Buch den Aufbau einer Nachricht lesen, aber letztlich muss dir jemand sagen, wie gut du das umgesetzt hast und was besser werden muss.”

    Lehrer und Kollegen, die Rückmeldung geben, sind immens wichtig. Stimmt. Vielleicht gehe ich da auch viel zu sehr von mir aus. Wenn ich eigene Texte mit Abstand lese, sehe ich, was ich besser machen könnte. Wenn man selbstkritisch ist, kann man sich auch verbessern. Mit der Rückmeldung anderer geht das natürlich dramatisch schneller. Deswegen finde ich ja Blogs als so ein Supermedium zum Lernen. Dort lernt man schnell, wie man Inhalte besser aufbereitet und und und…

  8. Andreas Grieß |  05.02.2012 | 16:32 | permalink  

    Na, da kommen wir doch erheblich aufeinander zu ;)

    Ich denke, jeder erkennt, wenn er mit Abstand seine Beiträge betrachtet Stellen, die er hätte besser machen können. Aber Feedback macht es schneller und auch noch besser.

    Persönlich denke ich, dass auch der erste Input besser von Menschen direkt kommt, als aus einem Buch. Auch z.B. im Fall der Reportage. Da kann man schon mal etwas fragen, bevor man das erste mal loslegt, etc. Und man kann besser auf den individuellen Lerntyp eingehen.

    Die These ist freilich sehr hart formuliert, aber im Text ja auch noch in den Kontext gestellt. Ich denke halt vor allem, dass es gefährlich ist, Bücher als “Standard-Werk” zu erheben und glaube auch, dass wir keine “Alles über Journalismus” brauchen. Weil genau das halt falsche Eindrücke erweckt.

  9. Moritz "mo." Sauer |  05.02.2012 | 16:45 | permalink  

    “Alles über Journalismus” brauchen. Weil genau das halt falsche Eindrücke erweckt.”

    Sehe ich genauso. Nur dann solltest Du in meinen Augen nicht selbst so generelle Formulierungen bzw. Thesen nutzen.

    PS: War vielleicht von Dir auch ein wenig mit Kalkül so gewählt, um die Diskussion in Schwung zu bringen ;)

  10. Aktuelles 6. Februar 2012 |  06.02.2012 | 08:03 | permalink  

    [...] Journalismus-Lehrbücher meiden! "Ich glaube, alle übersehen das Wesentliche: Lehrbücher sind im Journalismus generell zu meiden." [...]

  11. vera |  06.02.2012 | 14:53 | permalink  

    Niggemeiers Senf: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wolf-schneider-hat-jehova-gesagt/ kann ich nach Lektüre des Buchs zustimmen.

  12. Christian Jakubetz |  06.02.2012 | 19:28 | permalink  

    Na wunderbar, und ganz unerotisch gemeint: Jetzt diskutieren wir wenigstens mal über das Thema Ausbildung (und die entsprechenden Buchinhalte).

    Erstens: Ich bin immer ein begeisterter Praktiker gewesen und bin es auch heute noch. Gerade die ganzen neuen Möglichkeiten, die uns digitale Werkzeuge inzwischen geben, kann man gar nicht anders als autodidaktisch lernen. Trotzdem halte ich es für verwegen zu behaupten, (Lehr-)Bücher im Journalismus seien generell zu meiden. Es gibt schon das eine oder andere, was man in Büchern nachschlagen kann. Und was es sich nachzulesen und zu debattieren lohnt. Natürlich lernt man als angehender Journalist nicht für Prüfungen, aber wenigstens im Universalcode stehen auch keine Lehrsätze für Prüfungen.

    Zweitens: Alles über Journalismus gibt’s nicht, zumindest nicht in Büchern. Right. Ebenso wenig gibt es alles über Informatik in einem Buch oder alles Philosophie in einem Buch. Würde man deshalb sagen, Bücher über Philosophie seien grundsätzlich zu meiden?

    Drittens: Im Schlusswort von Universalcode schreibt Richard Gutjahr: Sie haben das alles bis hierher gelesen? Wunderbar. Und jetzt vergessen Sie das wieder und probieren Sie die Dinge selber aus. Genau diese Haltung wollen wir vermitteln. Weil wir glauben, dass man sich Journalismus anders nicht nähern kann. Trotzdem – hoffen wir wenigstens – hat die Lektüre der 600 Seiten zuvor nicht geschadet.

    Und viertens (bevor die Debatte jetzt auch hier hochkocht): Nein, ich habe nichts gegen Wolf Schneider und Paul Josef Raue. Nur gegen ihre Beschreibungen von Onlinejournalismus. Warum da gerade von “Privatfehde” bis “Rachefeldzug” so eine alberne persönliche Nummer draus gemacht wird, ist mir auch nicht klar.

  13. Christian Jakubetz |  06.02.2012 | 19:29 | permalink  

    Ähm….da oben soll es “unironisch” und nicht “unerotisch” heißen. Sch…Autokorrektur.

  14. Wolfgang Michal |  06.02.2012 | 22:32 | permalink  

    Autokorrektur hat auch Vorteile :-) Ich finde es ganz schön, dass es zwei Lehrbücher gibt. Ein erotisches und ein unironisches.

  15. mei den |  07.02.2012 | 00:47 | permalink  

    Ist “Handbuch” überhaupt als “Lehrbuch” zu interpretieren oder kann (wie der Duden oder Formelsammlungen) nicht eher im Schrank stehen und Grundzüge erklären ?

    In wechselnden Umgebungen sollte man wirklich jährlich Updaten oder es als Wiki aufziehen damit neue Techniken (100-Euro-HD-Kameras, LTE, 3D, das neue Redaktions-System, das neue Adobe…-Programm …) schnell drin sind.

    Fehler sieht man ja immer wieder. Bei Videoreportagen möglichst nichts halb ins Bild reinragen lassen oder Volker Beck nicht mit Kurt Beck verwechseln (Kurt Beck beklagte sich m.W. schon mal deshalb). Klare Worte benutzen (Umsatz, Gewinn sind korrekt. Ertrag oder Erlös sind unklar. Ebenso ist Mail unklarer als EMail bzw. “Brief” usw.)… . Bei ÖR-TV-Kurzberichten kann man oft zuhören ohne Bild was ich ganz nett finde. Das sind zig Dinge die man immer wieder schief gehen sieht.

    Studenten müssen die Vorlesungen machen also interessiert die oft wohl nur die Prüfung.
    Die Presse hat ein Qualitätsproblem. Den Professoren kann das egal sein, weil ja leider jeder weiss, für wie viele Tore und Punkte ein F1-Team oder Fußballtrainer verantwortlich ist, aber keiner, wie viel die Absolventen von Professor … einnehmen und ob sie nicht ganz woanders fachfremd (z.b. als PR-Texter) arbeiten.

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