Journalismus-Lehrbücher meiden!

Die Kritik an der neuen Auflage des „neuen Handbuch des Journalismus“ ist berechtigt. Dennoch übersieht sie das eigentliche Problem.

Wolf Schneider steht für sein neues Handbuch des Journalismus in der Kritik. Der wähnt in der Kritik einen Racheakt von Altlinken und bei der Henri Nannen Schule Durchgefallenen. Ich glaube, alle übersehen das Wesentliche: Lehrbücher sind im Journalismus generell zu meiden.

Ein Lehrbuch erweckt stets zu einem gewissen Maß den Eindruck, man müsse es nur lesen, das darin Geschriebene auswendig lernen und dann wisse man Bescheid. Dabei macht eigentlich ein jeder die Erfahrung, dass es nicht so ist. Ein Spanisch-Lehrbuch zum Beispiel bringt mir nicht viel, es unterstützt vielmehr den Lehrer. Mein bislang bester Spanisch-Lehrer war der, der sich im Unterricht weitestgehend vom Buch gelöst hat.

Und trotzdem: Der Ruf nach „Literatur dazu“ ist ein ständiger Begleiter jeder Ausbildung. Das scheint keine Hochschul-typische Problematik zu sein: Christian Jakubetz schreibt, die Idee für das Buch Universalcode (übrigens beworben als „der neue Standard der Journalismus-Lehre“) sei ihm gekommen, als ein Volontär ihm sagte, es fehle an Literatur um die Theorie in die Praxis umzusetzen. Vielleicht hätte Jakubetz dem Volontär antworten sollen, dass er nicht für eine Klausur lerne.

Die Frage, ob etwas „prüfungsrelevant“ ist, hört man auch in unserem Studium viel zu oft. Aber diese Haltung kommt eher von Studierenden selbst als von der Konzeption des Studiengangs oder gar den Dozenten, die selbst meist die Augen verdrehen bei dieser Frage.

Zu Recht. Denn Denken in den Kategorien von „prüfungsrelevant“ und „Literatur zum Seminar“ ist genau das Falsche, vor allem im Journalismus.

Auch, weil vieles zu dem Zeitpunkt, zu dem es gedruckt wird, schon nicht mehr aktuell ist. Christian Jakubetz sagte mir im Interview in Hinblick auf Universalcode: „Eigentlich müssten wir das Buch einmal im Jahr komplett überarbeiten.“

Ist ein Buch dann wirklich das Richtige für die Journalisten-Ausbildung?

Das gilt es vor allem bei praktischen Inhalten zu bezweifeln. Man kann nicht durch Lesen erlernen, wie man ein Video schneidet. Und eine Recherche in der Theorie macht mich auch noch nicht zu einem Journalisten, der gut recherchieren kann. Zumindest, wenn ich keine Fragen zur Recherche stellen kann.

Übersichts- oder Sammelbände, die versuchen Alles abzubilden, sind ein Unterfangen, das notgedrungen an einigen Enden immer qualitativ abfallen wird. Hier sei an das Kapitel zum Online-Journalismus bei Schneider und Raue erinnert. Ein Sammelwerk, noch dazu als Standard-Werk betitelt, schadet sogar. Weil es eben den bequemen „Lies dieses Buch und du weißt alles“-Eindruck vermittelt.

Übrigens ist es interessant, dass Lehrbücher im Journalismus häufig ausgerechnet von Leuten kommen, die einer akademischen Journalismus-Ausbildung, vorsichtig formuliert, kritisch gegenüber stehen. Meist, weil es dort an Praxis mangele und zu sehr auf Prüfungen hin gearbeitet würde.

Ich persönlich sehe es anders herum: Eine Hochschule kann sehr wohl ein Ort für gute, praxisorientierte Journalismus-Ausbildung sein. Lehrbücher jedoch sind zu meiden. Die entsprechenden Autoren haben häufig interessantes zu vermitteln. Soweit möglich machen sie das aber am besten praktisch: In Panels, Projekten und Seminaren.

Man verstehe mich nicht falsch: Auch aufgeschriebenes Wissen, darunter vieles von Schneider, ist relevant und hat seinen Wert. Es ist eine Inspiration, eine Ergänzung. Es muss in einen Kontext gestellt werden, durch eigene Erfahrungen und/oder die eigenen Ausbilder.

Daher sollten wir im Journalismus keinen Büchern die Aura von Lehrbuch oder Fibel verleihen, sondern sie stets als Debattenbeitrag einordnen. Das muss die eigentliche Kritik sein.