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Andreas Grieß

Sprachpapst bekommt Gegenwind

 | 12 Kommentar(e)


Wolf Schneider und Paul-Josef Raue haben eine neue Auflage ihres „Handbuch des Journalismus“ herausgebracht. Vor allem das neue Kapitel zum Online-Journalismus stößt auf heftige Kritik.

30.01.2012 | 

Paul-Josef Raue und vor allem Wolf Schneider sind fester Bestandteil der Journalisten-Ausbildung. Ihr „Handbuch des Journalismus“ ist ein Standardwerk. Mittlerweile gibt es eine neue Auflage, die auch von der Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet wird.

Diese wird nun von Journalismus-Dozenten massiv kritisiert. Schon der Titel „Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus“ sorgt für Unverständnis. Immerhin grenzt dieser vom sonstigen (richtigen?) Journalismus den Online-Journalismus ab.

Peter Schumacher, Professor an der Hochschule Darmstadt für eben jenen Online-Journalismus, schreibt, dass er schon „ein leichtes Schaudern“ beim Titel hatte. Zudem beklagt er den „Bescheidwisser-Ton“ der Autoren und verweist auf inhaltliche Fehler, darunter vor allem ein falsch wiedergegebenes Zitat von Thomas Knüwer.

Noch deutlicher die gebloggten Worte von Christian Jakubetz, der mit „Universalcode“ gerade selbst ein Lehrbuch herausgebracht hat. Er gibt seiner Replik den Titel: Schneider&Raue: Wenn Blinde über Farbe schreiben. Sein Fazit darin:

Das ist kein kleiner Besinnungsaufsatz, den Schneider und Raue da auf den Markt gebracht haben. Sondern ein Buch, das mit vergleichsweise hoher Auflage jungen Journalisten als Einstiegslektüre in unseren Beruf verabreicht wird. Über das nicht groß nachgedacht und das nicht hinterfragt wird, weil da doch Schneider drauf steht. Das ist fahrlässig und ärgerlich zugleich.

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Disclaimer: Der Autor studiert Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt

 

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12 Kommentare

  1. recipient |  30.01.2012 | 14:27 | permalink  

    „Der Autor studiert Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt“

    … und sollte dankbar sein, dass es jetzt ein Lehrbuch gibt, das auch seinen, offenbar doch sehr speziellen, Studiengang berücksichtigt. ;-)

  2. Andreas Grieß |  30.01.2012 | 15:18 | permalink  

    Ich brauch kein Lehrbuch. Außerdem gibt es durchaus schon welche, nur halt kein “Standard-Werk”. Und ob ich über dieses Werk froh sein sollte? Eher nicht, weil es Klischees verstärkt.

    Im übrigen ist mein Studiengang gar nicht so speziell. Auch die Ausbildung an Journalisten-Schulen ist mittlerweile meist mutlimedial. Nur der Name ist anders.

    Hier übrigens eine weitere “Rezension”: http://medialdigital.de/2012/01/30/steinzeitansichten-uber-zukunfts-journalismus/

  3. Klaus Jarchow |  30.01.2012 | 16:35 | permalink  

    Mir ist es ein Rätsel, wie Wolf Schneider jemals zum ‘Sprachpapst’ avancieren konnte, bei seinen teils skurrilen, teils abwegigen Ansichten zu ‘gutem Stil’. Dass er über das Netz so schreibt wie einst Karl May über die USA, das sei ihm hingegen geschenkt – er war laut eigenem Bekunden ja noch nie dort. Es ist seine Frau, die ihm ‘die Blogs’ ausdrucken muss …

  4. recipient |  30.01.2012 | 17:27 | permalink  

    Danke, gut zu wissen. Jakubetz’ Text hatte ich bereits gelesen.

    Es ging mir auch gar nicht um die inhaltliche Bewertung des Werkes – als Pragmatiker tue ich mich mit Puristen wie Schneider von Hause aus schwer -, sondern um die im Text erwähnte Kritik am Titel, welcher den Online-Journalismus „vom sonstigen (richtigen?) Journalismus“ abgrenze. Jemand, der nach eigener Angabe selbst „Online-Journalismus“ studiert, hätte der Ausgewogenheit halber an der Stelle sachlich darauf hinweisen können, dass es de facto beide Studiengänge gibt, die kritisierte Abgrenzung also offenbar schon von den Institutionen vorgenommen wird. Diesen Fakt im Titel zu benennen, kann man einem Lehrbuch schlecht vorwerfen.

  5. recipient |  30.01.2012 | 17:28 | permalink  

    Ach so, meine Replik bezog sich natürlich auf Andreas Grieß, sorry.

  6. Andreas Grieß |  30.01.2012 | 17:55 | permalink  

    So hatte ich es auch aufgefasst. Ich denke man muss hier noch einmal unterscheiden. Online-Journalismus ist natürlich eine Art des Journalismus. Als Titel somit okay. Der Buchtitel stellt jedoch Journalismus und Online-Journalismus hin. Es würde ja (hoffentlich) auch keiner ein Buch: Mathematik und Wirtschaftsmathematik nennen. Man kann auch beides studieren. Wirtschaftsmathe ist ein Unterpunkt der Mathematik, aber auch Mathematik. Richtig wäre dann z.B. Mathematik mit Schwerpunkt auf Wirtschaftsmathematik, o.ä.

  7. recipient |  30.01.2012 | 18:52 | permalink  

    Okay, wenn man Online-Journalismus als Teilmenge, als untergeordnete Disziplin des Journalismus begreift, dann ist die Kritik, wenn auch kleinkariert, zumindest logisch nachvollziehbar.

    Allerdings könnte man das dann durchaus so verstehen, dass Online-Journalisten eben tatsächlich keine „richtigen“ Journalisten wären. Der Vergleich mit Wirtschaftsmathematik oder eben auch -journalismus hilft insofern nicht weiter, als es dort ja um eine thematische Spezialisierung geht. Die kann ich nachvollziehen. Aber worum geht es beim Online-Journalismus? Insbesondere unter Berücksichtigung deines Hinweises, auch die Ausbildung an (klassischen) Journalisten-Schulen sei inzwischen multimedial (wovon ich übrigens ausgegangen bin). Wenn also wirklich nur der Name anders ist, wie du oben sagst, dann wäre die Bezeichnung Online-Journalismus ja im Grunde auch nur ein Marketingkniff der Hochschulen, der Modernität suggerieren soll. Also genau das, was Schumacher Schneider und Raue vorwirft.

    Die Diskussion um den Titel scheint mir jedenfalls eine sehr akademische zu sein. Da bietet der Inhalt des Buches offenbar deutlich mehr Angriffsfläche.

  8. Andreas Grieß |  30.01.2012 | 19:56 | permalink  

    Ich stimme zu, dass die eigentliche Problematik der Inhalt ist.

    Zu dem “kleinkariert” Punkt kann ich wenn gewünscht noch etwas sagen: Zum einen bin ich kein Anhänger des Begriffs für unseren Studiengang, weil er nicht 100%ig passt. Aber durchaus doch, weil der Kern (“worum geht es”) sich darauf bezieht, gezielt für das Web zu arbeiten. Sprich die multimedialen Möglichkeiten zu nutzen – und zwar möglichst sinnvoll. Sprich ein Video nur dann, wenn ein Video die Geschichte auch am besten erzählt. Es gibt noch andere online-spezifika in der Ausbildung, aber das führt wohl zu weit.

    Der Name des Studiengangs ist bereits alt. Soweit ich weiß gab es den bereits, bevor an den Journalistenschulen Online- und Multimediale Inhalte aufgenommen und vor allem propagiert wurden. Vielleicht ist er heute nicht mehr ganz richtig, weil sich die Teilbereiche des Journalismus stärker vermengt haben, aber so ein Studiengang, dessen Akkreditierung und Benennung ist immer etwas mittelfristiges. Zum Glück trifft das für die Inhalte weniger stark zu. Der Studiengang hieß übrigens schon so, bevor Herr Schumacher nach Darmstadt kam ;)

    Aber wie schon gesagt, der Titel ist nicht das entscheidende, da hast du vollkommen recht. Im Zweifel halte ich es in dieser Frage aber wie Christian Jakubetz (an anderer Stelle im Text) Kleinkariert? Nein. Nicht, wenn es um einen Autor geht, der seit Jahrzehnten Journalisten penible Vorträge über die richtige Verwendung der deutschen Sprache hält.

  9. recipient |  05.02.2012 | 21:27 | permalink  

    Apropos Vortrag und penibel. Einer der Vorwürfe an Schneider/Raue war ja der des bewusst entstellten Zitates. Der olle Niggemeier hat mal wieder genauer hingeschaut:

    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wolf-schneider-hat-jehova-gesagt/

    Ganz ehrlich: Mir gehen alle diese Klugscheißer auf den Sack. Und ich danke Gott und Berners-Lee für das Internet, dank dessen wir nicht mehr ungeprüft als Wahrheit hinnehmen müssen, was die Helden des Journalismus so von sich geben. Amen.

  10. Paul-Josef Raues Nachtgebet — CARTA |  03.08.2012 | 23:38 | permalink  

    [...] habe ich gerade gesehen: Paul-Josef Raue betreibt ein Blog. Nach der Lektüre des letzten Neuen Handbuchs des Journalismus und Online-Journalismus kommt das ein wenig [...]

  11. Gelesen: Klaus Jarchow, “Nach dem Journalimus” — Carta |  22.10.2012 | 10:43 | permalink  

    [...] handwerklichen Teil, der Gott sei Dank in nichts dem ähnelt, was man bei Schreiblehrern wie Wolf Schneider, in Stein gemeißelt, seit Jahrzehnten lesen kann. Beantwortet wird zum Beispiel die Frage, [...]

  12. Gelesen: Klaus Jarchow, “Nach dem Journalimus” « … Kaffee bei mir? |  23.10.2012 | 02:32 | permalink  

    [...] handwerklichen Teil, der Gott sei Dank in nichts dem ähnelt, was man bei Schreiblehrern wie Wolf Schneider, in Stein gemeißelt, seit Jahrzehnten lesen kann. Beantwortet wird zum Beispiel die Frage, weshalb [...]

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