„…dass uns allen CARTA als Plattform fehlt“

Robins Bedeutung für das Netz und die Ziele, die er mit seiner Arbeit verband, waren das Thema meiner Rede bei der Trauerfeier am vergangenen Mittwoch in Berlin. Aber auch sein rastloses Gefühl, an allen Fronten gleichzeitig kämpfen zu müssen.

 

Liebe Tatjana, liebe Familienangehörige, liebe Freunde und Wegbegleiter,

am 2. September, 14 Tage vor seinem Tod, schrieb Robin mir die folgenden Zeilen: „Ich finde, dass die Sommermonate gezeigt haben, dass uns allen Carta als Plattform fehlt… Siehst du eine Chance, dass wir noch einmal über einen gemeinsamen Re-Start von Carta sprechen?“

Vielleicht habe ich die Dringlichkeit, die in diesem Satz steckte, überhört. Ich schrieb ihm am folgenden Tag: „Reden können wir immer… Also ruf an, wenn dir danach ist.“ Aber statt eines Anrufs von ihm kam die automatische Antwort-Mail, er sei erst wieder ab dem 15. September erreichbar.

Diesem letzten Dialog waren viele Monate des Hin und Her vorausgegangen.

Im November 2010 hatte Robin überraschend seinen Rückzug angekündigt. Wirtschaftlich sei Carta einfach nicht auf einen grünen Zweig gekommen. Er wolle sich deshalb wieder mehr seiner eigentlichen Beratertätigkeit widmen. Das Büro im Haus der Bundespressekonferenz und die Redaktionsassistenz hatte er schon gekündigt.

Doch wirklich trennen wollte sich Robin von Carta nicht. Und die Konzepte, die wir im Herausgeber-Kreis entwickelten, überzeugten ihn ebenfalls nicht: Ihre Umsetzung hätte noch mehr Selbstausbeutung erfordert, und der wirtschaftliche Erfolg wäre noch ungewisser gewesen.

Und so schickte Robin das Projekt am 8. Juni in die Sommerpause, verbunden mit dem denkwürdigen Satz: „Manchmal lohnt es sich auch, innezuhalten und zu fragen, was man erreicht hat.“

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Was hat Robin erreicht? Ich glaube, er hat unendlich viel erreicht, und ich spreche hier nur über jenen Teil seiner Arbeit, den ich durch Carta kenne. Er hat – mit einem kleinen Team und mit großem unternehmerischem Mut – etwas zuwege gebracht, woran andere höchstens nach einigen Gläsern Wein zu denken wagen: Er hat die notorischen Einzelkämpfer und verstreuten Individualisten im Netz auf einer einzigen Plattform versammelt.

Der ideelle Erfolg und die fachliche Anerkennung stellten sich rasch ein. Im Juni 2009, ein Dreivierteljahr nach dem Start, schrieb Robin euphorisch: „Juhuu, Carta hat einen Grimme-Preis bekommen.“

Stolz zitierte er die Begründung der Jury: „Carta ist ein erstes gelungenes deutschsprachiges Beispiel dafür, dass ein Autorenblog nicht lediglich als Ergänzung zu den einschlägigen Medienseiten der überregionalen Presse abgetan werden kann. Carta kann die Funktion eines führenden Medienbeobachters und -kommentators in Deutschland übernehmen… Die Stärke des Autorenkollektivs von “Carta” ist es, dass in den Beiträgen größere Zusammenhänge in den Blick genommen und angemessen verortet werden…Was die Website bietet, ist seriöser, unabhängiger und relevanter Journalismus, und sie ist auf dem Weg, eine medienpublizistische Marke im Web zu werden.”

Ein Jahr später war Carta diese Marke geworden – mit 250.000 Page Views pro Monat. Und das ohne Boulevardthemen, ohne Gimmicks, ja mit teilweise schwerverdaulicher Kost. Doch das Zwei-Jahres-Jubiläum im November 2010 in Berlin feierten wir mit eher gemischten Gefühlen. Robins Rückzugsgedanken waren dem Herausgeber-Kreis seit einigen Wochen bekannt. Wir konnten ihm diesen Schritt auch nicht ausreden.

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Für mich – und ich denke, für viele, die hier versammelt sind – war Robin vor allem ein großartiger Verleger. Ich zögere nicht, ihn mit Gerd Bucerius, dem legendären Verleger der ZEIT, zu vergleichen.

Er war so streitbar wie dieser, so begeisterungsfähig für die Texte „seiner“ Autoren, und ebenso liberal, was die Tolerierung von Meinungen betraf, die seinen Überzeugungen zuwiderliefen. Robin liebte die Debatte und er freute sich, wenn Autoren oder Leser neue Aspekte in einen Diskurs trugen. Er schrieb seinen Mitarbeitern allerdings nicht so lange Briefe wie Bucerius, er kommentierte direkt unter den Beiträgen seiner Autoren. „Grandios“ schrieb er dann oder „Jip“, wenn ihm ein Beitrag gefiel, manchmal auch ein vielsagendes „Hhmm“, wenn er einen Gedanken für kompletten Nonsens hielt.

Einen – entscheidenden – Unterschied zu Bucerius möchte ich allerdings doch hervorheben: Der ZEIT-Verleger hatte das Glück, über ungleich bessere Start-Bedingungen zu verfügen. Bucerius profitierte von der deutschen Stunde Null, und er hatte (britische) Alliierte an seiner Seite, die ihm die nötige Unterstützung zukommen ließen. Diese Unterstützung wurde später als Lizenz zum Gelddrucken bezeichnet.

Beim Start von Carta gab es nichts dergleichen. Robin musste sein Projekt gegen eine vermachtete, innovationsscheue, dem Internet grundsätzlich misstrauisch gegenüberstehende Verlagsbranche durchsetzen, die „ihren“ Markt verteidigte wie ein bissiger deutscher Hofhund.

Dass Robin es trotzdem fertig brachte, 30, 40, ja 50 eigenwillige (und nicht selten renommierte) Autoren – meist ohne Bezahlung – über fast drei Jahre auf einer gemeinsamen Plattform zu vereinen, hat ihm in dieser Qualität im Netz bislang niemand nachmachen können.

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Dennoch sah das Erreichte für ihn – in trüben Tagen – wie eine Niederlage aus. Er war ja nicht nur ein streitbarer Journalist und Verleger, er war auch ein Medienökonom, der rechnen konnte. Und er war als Wissenschaftler in der Lage, die Medien-Branche (und sein eigenes Handeln darin) schonungslos zu analysieren.

Dass er außerdem noch Medienphilosoph war und Institutsleiter, Change-Manager und Think-Tank, Moderator und Kurator, Medienpolitiker, Strategieberater und Internet-Lobbyist, lässt einen staunen.

Diese Vielzahl von Rollen und die mit ihnen verbundenen Rollenwechsel haben an ihm gezehrt. In diesem Meer von Ansprüchen an sich selbst musste ihm wohl jede Einzel-Leistung als klein und unbedeutend erscheinen. Aber hätte sich ein unruhiger Geist wie er überhaupt auf eine Rolle oder eine Sache konzentrieren können? In Umbruchzeiten wie diesen haben wache Geister stets das Gefühl, an allen Fronten gleichzeitig kämpfen zu müssen.

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Robins Ziel war es, die öffentliche Debatte als Grundbedingung einer funktionierenden Demokratie in die Netzkommunikation zu übertragen, damit diese ihrerseits demokratiefördernd auf die reale Welt zurückwirken kann. Er wollte Habermas’ 30 Jahre alte „Theorie des kommunikativen Handelns“ im doppelten Wortsinn aufheben, das heißt: bewahren und überwinden. Bewahren wollte Robin die Struktur des offenen Diskurses, überwinden wollte er die Begrenzung des Diskurses auf nur wenige Akteure. Denn er hatte begriffen, dass das Internet die aktive Mitwirkung aller Bürger nicht nur ermöglicht, sondern geradezu herausfordert. Als Nutznießern der digitalen Revolution wächst uns Bürgern nun die Aufgabe zu, Demokratie nicht mehr – wie bisher – nur den Eliten und Leitmedien zu überlassen.

Robin war gewiss kein Gegner der Printmedien, so wie er nie ein Apostel des Netzes war. Er war das Scharnier dazwischen. Und Scharniere – das wissen wir – leiden bei zu starker Beanspruchung unter Materialermüdung und können brechen.

Ich wünschte, Robin, Du hättest noch längere Zeit innegehalten und über das Erreichte nachgedacht. Bei Tatjana und deinem Kind wärst Du sicher zur Ruhe gekommen. Uns allen bleibt nun, sein Projekt in seinem Sinne weiterzuführen.