Wichtig und falsch

Eine Debatte, die einen Journalisten zu Unrecht diffamiert, ein Skandal, der keiner ist, der aber doch eine notwendige Diskussion erzwingt und eine berechtigte Sehnsucht artikuliert – eine Nachbetrachtung zum Eklat um den Henri Nannen Preis 2011.

Es gibt Debatten, die sind nötig. Und es gibt Debatten, die nötig sind und gleichzeitig gut begründet. Bei der Diskussion um René Pfister stellen sich die Verhältnisse etwas komplizierter dar. Hier handelt es sich um eine Debatte, die dringend vonnöten ist, aber in diesem speziellen Fall äußerst schlecht begründet.

Diese Debatte diffamiert einen Reporter, der dies nicht verdient hat; sie kreist um einen Skandal, der nicht stattgefunden hat. Und doch braucht der Journalismus (und eben hier beginnen die Fragen von allgemeiner Relevanz) das wache Bewusstsein für Grenzen und eigene Grenzüberschreitungen, für die stets bedrohte Unterscheidung von Fakt und Fiktion, Sein und Schein.

Gerade jetzt, in einer Phase der mediengemachten Überinszenierung ist die Reflexion über die Gefahren des Bluffs so nötig wie selten zuvor. Und eben dies macht den Eklat und all die Essays und Polemiken, die Interviews und aufgeregten Kommentare so aufschlussreich, so wichtig – auch wenn man sagen muss: Eigentlich müsste der Name des Protagonisten gelöscht und die grundsätzlich bedeutsame Diskussion ihrem konkreten Anlass entzogen werden.

Doch zunächst: Was ist überhaupt geschehen? Der Autor René Pfister hat ein Porträt des Politikers Horst Seehofer verfasst, die Geschichte eines Machtmenschen. Und die Jury des Henri Nannen-Preises hat sich dazu entschlossen, dieses Porträt als beste Reportage des Jahres 2010 auszuzeichnen, um ihm den Preis dann in einem spektakulären Akt der öffentlichen Bestrafung wieder abzuerkennen. Pfister wählt in diesem Text – dies gehört zur guten Tradition des ideengesteuerten Schreibens – gleich zu Beginn eine zentrale Metapher, um den Machtwillen des Instinktpolitikers Seehofer zu demonstrieren; sie zeigt die ihm eigene Mentalität der fröhlich-unbekümmerten Manipulation.

Das ist der erste zentrale Punkt: Die Einstiegsszene hat ohnehin nur metaphorischen, nur allegorischen Status. Es ist ein Seelenbild, das aber – aller semantischen Doppelbödigkeit zum Trotz – seine Entsprechung in der Realität findet. Seehofer, so der Einstieg des Porträts, sitzt im Keller seines Ferienhauses und kann am Stellpult seiner Spielzeugeisenbahn schalten und walten wie er möchte. Diese Szene hat René Pfister nicht selbst mit erlebt, aber er hat sie gründlich, umsichtig und präzise recherchiert. Er hat sich Fotos zeigen lassen, Kollegen befragt, den offensichtlich endlos-langweiligen Geschichten Seehofers über seine Eisenbahn zugehört und den Dokumentaren beim Spiegel dies alles vor der Veröffentlichung berichtet.

Noch einmal: Niemand bezweifelt die Fakten, auch Seehofer selbst hat sie bestätigt. Niemand bezweifelt die Wahrheit der Geschichte – im konkreten wie im übertragenen Sinne. Und René Pfister hat auch nicht behauptet, dabei gewesen zu sein und Seehofer am Stellpult beobachtet zu haben. Alle Vergleiche mit einem wild collagierenden Plagiator, der einmal Verteidigungsminister war, oder dem Borderliner Tom Kummer, der sich seine gefeierten Interviews am heimischen Schreibtisch in Los Angeles einfallen ließ, sind falsch, ehrverletzend, demonstrieren die eigene Unkenntnis der verhandelten Sachverhalte und eine letztlich selbst problematische Geschwindigkeit und Ungenauigkeit des Urteils, was Wahrheitsfragen betrifft.

Als Pfister am Abend des 6. Mai auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses kam, um für eben diese Geschichte eine der höchsten Auszeichnungen des deutschen Journalismus in Empfang zu nehmen, hat ihn die Moderatorin Katrin Bauerfeind gefragt, wie er denn in den Keller gelangt sei. Und René Pfister hat ganz unbekümmert vor den Augen von ein paar hundert Gästen erklärt, er sei nie im Keller gewesen. Das ist der zweite zentrale Punkt: In dieser Antwort liegt sein eigentlicher Fehler.

Es ist kein Fehler der Profession, sondern ein Fehler der Performanz. Auf der Vorderbühne der Preisverleihung wird – gerne auch in etwas übertriebener Form – die Kanzelrede erwartet, nicht aber eine arglose Beschreibung branchenüblicher, im Zweifel heikler, aber mitnichten skandalöser Vorgehensweisen, die der Erläuterung bedürfen. In diesem Moment sitzen hier Menschen beisammen, von denen nicht alle die journalistischen Regeln im Detail kennen oder gar beherrschen, die sich aber doch an diesem Abend vergewissern wollen, dass die ethisch-moralischen Standards und Richtlinien unbedingt gelten und dass sie notfalls selbst dafür Sorge tragen – und seien die Anforderungen und Ansprüche noch so wirklichkeitsfern. Um nicht missverstanden zu werden, sei noch hinzugefügt: Dies ist keine nachträgliche Aufforderung zur Lüge in Richtung des Beschuldigten, sondern lediglich eine Beschreibung von Situationsregeln, die gebrochen wurden – und die eine Skandalisierung erst möglich gemacht haben.

Von René Pfister hat man an diesem Abend eine naive Wahrheits- und Authentizitätsbeteuerung erwartet. Er hätte nur suggerieren müssen, er sei ganz nah dran gewesen und habe alles mit eigenen Augen gesehen, denn das Augenzeugenprinzip erscheint als natürliche Objektivitätsgarantie und als Ausweis einer besonders raffinierten Recherche-Genialität, der es in diesem besonderen Moment unbedingt zu huldigen galt. Das nämlich ist es, was auf der Vorderbühne und in einem solchen Moment stets verlangt wird: das normativ konsensfähige Bekenntnis, die Glorifizierung von Standards, deren scheinbar unbedingte Gültigkeit schon am Morgen danach zerbröselt.

Aber René Pfister hat diese Rede- und Gattungserwartung enttäuscht, und eben dies war sein Fehler der Performanz. Er hat nicht situationsgerecht gesprochen, sondern offen und ehrlich (darin besteht die besonders schmerzliche Paradoxie) davon berichtet, was im Journalismus alltäglich ist und auch für herausragende Schreiber mitnichten problematisch, weil es schlicht und einfach zu Gesetzen und Regeln der Form gehört. Reportagen verdichten Realität, und sie basieren nicht nur auf dem ohnehin fragwürdigen, weil keineswegs notwendig objektiveren Prinzip der Augenzeugenschaft.

Sie schneiden Wirklichkeit schon durch den Akt der Auswahl zurecht. Sie arrangieren Erlebtes und Recherchiertes mit Blick auf den Erkenntniseffekt. Sie liefern auch szenische Rekonstruktionen – ohne dass der Reporter dabei gewesen sein muss. Sie werden eben gerade nicht nach dem Muster der in der Regel öden Chronologie präsentiert, sondern sie gliedern ihre Szenen und Stoffe dramaturgisch, wirkungsbezogen, mit Blick auf die fragile Aufmerksamkeit eines hastig blätternden Publikums. Sie verwenden Metaphern und Allegorien, die gerade den Zweck haben, den Leserinnen und Lesern eine fremde Welt nah erscheinen zu lassen, sie für einen Moment soziale, räumliche oder zeitliche Distanzen vergessen zu machen.

Natürlich gibt es in diesen Prozessen der Realitätsverdichtung für den geschulten, den wirklich guten Schreiber, eine eigene Art der Versuchung. Irgendwann weiß man nämlich einfach, wie es geht. Irgendwann gewinnt die sprachlich-gestalterische, die dramaturgische Kompetenz an Eigendynamik. Sie rastert das Geschehen und bedingt schließlich eine womöglich ungleich unterhaltendere, brillant formulierte Stilisierung des Vorgefunden, die aber leider nicht mehr den Fakten entspricht.

Aber auch das sogenannte Faktum, die Tatsache selbst ist Resultat eines komplexen Konstruktionsprozesses. Man weiß und erfährt nur, was man eben – aufgrund der eigenen Biographie und Biologie, der Sozialisation und der besonderen Situation, den Zufällen und den besonderen Glücksmonenten einer Recherche – in Erfahrung bringen kann. Man kann gar nicht nicht konstruieren. Auf diese schlichte Formel lässt sich die erkenntnistheoretische Grundmelodie von Immanuel Kant bis zu Wolf Singer bringen. Jeder Reporter muss überdies, hier beginnt die bewusstseinsfähige Aktivität, gestalten, kann gar nicht alles aufschreiben und verwenden, muss auswählen, eine gewaltige Restwelt ausblenden und gleichzeitig die Gesetze der Gattung und die Erfordernisse des Mediums beachten.

Die Konsequenz: Auch der Akt der Gestaltung ist unvermeidbar; man kann nicht nicht gestalten, geht man doch bei der Recherche auf eine bestimmte Weise vor, wählt eine besondere Sprache, montiert Handlungsstränge, personalisiert eine Idee, komprimiert und fokussiert, liefert Kontext- und Hintergrundinformationen, dokumentiert Schlüsselszenen – aus eigenem oder fremden Erleben. Das ist ganz einfach journalistische Normalität, aber mitnichten ein Skandal. Diesen gestaltenden Zugriff kann man sich bewusst machen; man kann ihn trainieren, ihn als mehr oder weniger angemessen klassifizieren, aber er ist unvermeidlich Bedingung der Möglichkeit des mediengerechten Schreibens.

Danach allerdings beginnen die Schwierigkeiten. Nun betritt man die Problemzone bewusster Realitätsverdrehung, weil man etwas schreibt, von dem man gleichzeitig weiß, dass es so nicht stimmt, nicht stimmen kann. Nun wird in anrüchiger Weise inszeniert, manipuliert, letztlich gelogen, getäuscht und getrickst. Genau diese Grenze von der unvermeidlichen Gestaltung bis hin zur vermeidbaren Täuschung hat jedoch René Pfister nicht überschritten. Was immer er aufschrieb, ließ sich und lässt sich belegen; nirgendwo steht oder stand geschrieben, dass die szenische Rekonstruktion – gleichsam auf einem Beipackzettel für womöglich verunsicherte Leser – deklariert werden muss.

Der Skandal also, er fand nicht statt. Dass nun aber doch so entschieden, so wütend und mit einer solchen Intensität über sein Porträt debattiert wird, ist viel eher ein zeitdiagnostisch aufschlussreiches, ein letztlich positiv zu deutendes Symptom, Ausdruck eines fundamentalen Unbehagens in der Casting- und Inszenierungsgesellschaft, das die seriösen Protagonisten der Medienbranche völlig zu Recht erfasst hat, sie umtreibt, irritiert. Man sehnt sich nicht zufällig kollektiv nach Glaubwürdigkeit und Realitätsgewissheit, will in seinen Darstellungen, in seinen Reportagen und Berichten die eigentliche, die wahre Wirklichkeit entbergen. Diese Sehnsucht ist, aller Aufregung aus falschem Anlass zum Trotz, ganz einfach zu begrüßen, speist sie sich doch aus einem berechtigten Ekel vor einer längst totalitär gewordenen Kultur des Bluffs und der Show.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt veröffentlichte er – gemeinsam mit Wolfgang Krischke – das Buch Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien.