Robin Meyer-Lucht

Letzte Fragen zu Medienkompetenz und Facebook

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Müssen sich Facebook-Nutzer vor der Bild-Zeitung fürchten? Axel-Springer-Vertreter Dietrich von Klaeden versprach erst volle Aufklärung — die es dann aber doch nicht gab.

20.04.2011 | 

Vor wem sollten sich Facebook-Nutzer fürchten, wenn es um die unrechtmäßige Veröffentlichung ihrer Partyfotos geht? Na, vor der Bild-Zeitung, höhnte vor wenigen Tagen der Medienjournalist Stefan Niggemeier auf einer Diskussionsveranstaltung.

Neben Niggemeier auf dem Podium saß Axel-Springer-Vertreter Dietrich von Klaeden, der abstritt, dass sein Verlag Facebook-Fotos ohne Rechtsgrundlage verwende — und versprach, das im Zweifelsfall „in Ordnung“ zu bringen.

Dabei handelte es sich um ein eher wenig verbindliches Versprechen, wie sich nun zeigt.

Wo mögen die Party-Fotos wohl landen?

Am vergangenen Dienstag, dem 12. April, hatte die Friedrich-Naumann-Stiftung zur Debatte „Rechtsetzung und -durchsetzung im digitalen Zeitalter“ geladen – mit dabei: Dietrich von Klaeden und Stefan Niggemeier.

Dabei entspann sich auch folgender Dialog (Video ab Minute 3:00, leider sehr schlechte Qualität, Text gekürzt):

Dietrich von Klaeden: Wir müssen die Medienkompetenz insbesondere junger Menschen stärken, dass sie wissen, was sie machen, wenn sie ihre Partyfotos auf Facebook veröffentlichen. Viele wissen nämlich gar nicht, dass diese Fotos kopiert und weitergemailt werden können. Und (zu einem Mitpanelisten gewandt) wo unser beider Partyfotos irgendwann mal auftauchen, möchte ich ehrlich gesagt auch gar nicht wissen …

Stefan Niggemeier: Tja, wo mögen die Party-Fotos wohl landen? Also in meiner Welt: in der Bild-Zeitung. Wenn jemand ein schlimmer Autounfall passiert, dann wird das Partyfoto aus Facebook ohne jede Rechtsgrundlage am nächsten Tag in der Bild-Zeitung sein.

von Klaeden: Herr Niggemeier, ich kann Sie beruhigen. Es wird morgen kein Foto von Ihnen in der Bild-Zeitung sein.

Niggemeier: Wir können natürlich gern darüber reden, dass auch Axel Springer eine Stiftung für Medienkompetenz gründet. Aber der Anfang wäre doch erstmal, dass die Bild-Zeitung sagt, sie hält sich an das Urheberrecht und klaut diese Fotos nicht aus Facebook, sie hält sich an den Persönlichkeitsschutz und verstößt nicht gegen diese Rechte …

Moderator Stefan Krempl: Das Bild-Blog spricht …

von Klaeden: Ja, und ich finde vollkommen in Ordnung, dass er das sagt. Warum soll er das nicht vertreten? Es sollen sich nämlich alle, nicht nur Axel Springer, sondern alle Zeitungen und alle Medien selbstverständlich an das Urheberrecht halten — und wir machen das auch.

Wer einen Rechtsverstoß geltend machen möchte, kann das gerne nachher bei mir tun. Ich leite das dann gerne alles weiter. Ich meine das ganz im Ernst. Ich werde dann dafür sorgen, dass das in Ordnung kommt. Wenn es wirklich so sein sollte …

Die Facebook-Tagesfalle und der Internet-Freund

Am Freitag nach diesem Dialog erschien Bild dann mit folgendem Aufmacher:

Bild vom 15. April 2011

„Linda H. (16) aus Coburg (Bayern)“ wurde, so Bild, von ihrem „Internet-Freund“ ermordet. Doch woher stammen die Fotos von Linda H.? Auf Seite 12 der Ausgabe findet sich auch noch das folgende Foto:

Beide Fotos benutzten auch andere Boulevard-Medien in der Berichterstattung, nicht nur Bild. Als Quelle der Fotos wird bei Bild.de Bild-Autor Jörg Völkerling benannt.

Es bleibt unklar, ob diese Fotos ihren Weg vom Internet in die Bild-Zeitung rechtmäßig gefunden haben – ein Anlass also, bei Dietrich von Klaeden nachzufragen.

Klaeden erklärt sich jedoch auf Carta-Anfrage für Medienanfragen nicht zuständig und verweist auf Bild-Pressesprecher Tobias Fröhlich als „geeigneten Ansprechpartner“. Fröhlich wiederum erklärt:

„Wir legen selbstverständlich Wert darauf, die rechtliche Situation von Fotos zu klären. Allerdings muss ich Sie bezogen auf Ihre aktuelle Frage um Verständnis bitten, dass wir uns zu Redaktionsinterna oder Quellen grundsätzlich nicht äußern.“

Zusammenfassung:

Am Dienstag erweckt Dietrich von Klaeden, bei Springer zuständig für Regierungsbeziehungen, den Eindruck, dass er bei der rechtlich fragwürdigen Verwendung von Facebook-Fotos durch sein Haus als Ansprechpartner zur Verfügung stünde und zur Aufklärung beitragen würde. Am Freitag verweist er auf die Pressestelle — und ein Bild-Sprecher ergänzt, dass man sich grundsätzlich nicht zu Redaktionsinterna und Quellen äußere.

Merke: Ausgesprochen glaubwürdige Lobbyisten versprechen auf Podien nur Dinge, die ihr Haus dem Eindruck nach auch vollständig halten kann.

Disclaimer: Zur Herkunft des Aufmacherfotos von Dietrich von Klaeden kann Carta aus grundsätzlichen Überlegungen keine Angaben machen. Der Autor dieses Textes ist mit Dietrich von Klaeden auf Facebook befreundet, mit Stefan Niggemeier hingegen noch nicht.

/th

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16 Kommentare

  1. App-Flash » Letzte Fragen zu Medienkompetenz und Facebook — CARTA |  21.04.2011 | 04:18 | permalink  

    [...] den Originalbeitrag weiterlesen: Letzte Fragen zu Medienkompetenz und Facebook — CARTA Medien zum Thema   Medien by [...]

  2. Ali Schwarzer |  21.04.2011 | 11:11 | permalink  

    Also am Ende sollte das aber “Disclosure” und nicht “Disclaimer” heißen. :)

    Grundsätzlich habe ich in Sachen Bild nichts anderes erwartet.

  3. Joss |  21.04.2011 | 11:30 | permalink  

    Nebenbei:
    Sehr erfolgreich sind die Bild – Strategien im Hinblick auf die Leser
    jedenfalls nicht.
    Hier die neuesten IVW Zahlen (bei meedia):
    http://meedia.de/details-topstory/article/zeitungs-ivw–fr–handelsblatt-brechen-ein_100034418.html?tx_ttnewsbackPid=1716&cHash=39e947cd8a4b0714bd9c01657909dd62

  4. Thomas Hanke |  21.04.2011 | 13:51 | permalink  

    @Ali S.

    > Also am Ende sollte das aber “Disclosure” und nicht “Disclaimer” heißen. :)

    Stimmt auch, aber noch genauer beides.

    „Disclaimer“ wegen dem Bild: Robin streitet jegliche Kenntnisse ab, woher und wie das Bild hierhin kam.

    „Disclosure“ wegen der Bild/Blog-Facebook-Connection: ja, er hat die Beteiligten ‚gefreundet‘ (oder eben [noch] nicht).

  5. Ben |  21.04.2011 | 14:22 | permalink  

    Könnten Sie bitte, solange die Herkunft der Fotos und das Einverständnis der Angehörigen mit der Veröffentlichung nicht geklärt ist, die Fotos – zumindest in einem Text der genau diese rechtliche und moralische Fragwürdigkeit behandelt – bitte anonymisieren. Danke

  6. Norbert Korn |  21.04.2011 | 14:24 | permalink  

    Der (echte) Autor des Fotos soll einfach eine Rechnung an Bild schreiben. Da es wahrscheinlich keinen Referenzbetrag gibt (es ist das 1. Foto von ihm), kann er recht grosszügig beim Betrag sein. Am Besten einen Fachanwalt damit beauftragen, der Strafgebühren gleich mit eintreibt (die ein vielfaches des Grundbetrags sein können).

  7. Klaus |  21.04.2011 | 15:15 | permalink  

    “Der Autor dieses Textes ist mit Dietrich von Klaeden auf Facebook befreundet, mit Stefan Niggemeier hingegen noch nicht.”
    .
    Wie armselig. Keine echten Freunde?
    Oder noch seeehr jung & ahnungslos?

  8. Die Facebook-Heuchelei der Bild-Zeitung #Carta « Ich sag mal |  21.04.2011 | 17:17 | permalink  

    [...] noch kritisch mit der dümmlichen Schlagzeile der Bild-Zeitung auseinander: Todesfalle Facebook. Jetzt hat Carta ein interessantes Stück veröffentlicht, wie sich das Sensationsblättchen zu Priva…: „Vor wem sollten sich Facebook-Nutzer fürchten, wenn es um die unrechtmäßige [...]

  9. Too much information » Guten Morgen |  22.04.2011 | 08:11 | permalink  

    [...] Meyer-Lucht beobachtet bei der Blödzeitung, dass Anspruch und Realität auseinanderdriften. Aber was will man auch erwarten bei einer Publikation, die kein Journalismus [...]

  10. Gina |  24.04.2011 | 08:48 | permalink  

    Wenn schon die Herkunft der Fotos ungeklärt ist und deren Publikation kritisiert wird, schlage ich vor, Sie entfernen sie an dieser Stelle. Das wäre konsequent, seriös und korrekt.

  11. Christian Edom |  26.04.2011 | 16:12 | permalink  

    Medienkompetenz schmeichelt und verlagert die Verantwortung auf das Individuum. Die FDP erzählt sowas schon seit Jahren und es hat sich nichts getan.

    Aber wer berichtet abgesehen von Axel Springer so ausgiebig kritisch über die Folgen von Facebook und Chats? Nicht Medienkonzerne, sondern Google, Microsoft, AOL und Facebook sind für Technologiefolgeabschätzung mit verantwortlich. Niemand hat eine unbeschränkte Lizenz.

    Es gibt auch ein Interesse der Öffentlichkeit, angemessen über nähere Umstände informiert zu werden.

  12. Urheberrechts- und Persönlichkeitsverletzungen als Qualitätsjournalismus? | der presseschauer |  13.05.2011 | 10:34 | permalink  

    [...] nicht ernstnehmen, da ihr Kollege Dietrich von Klaeden ähnliches behauptet und die Titelseite der Bild-Zeitung dies in Frage [...]

  13. Medienkompetenz beginnt schon mit dem Telefon |  04.01.2012 | 09:02 | permalink  

    [...] Äußerung. Lerne, wie du die Privatsphäreneinstellungen von Facebook & Co nutzt. Deine Schnapsfotos will keiner sehen. Und das wichtigste: Das Internet besteht nicht aus Computern, sondern aus Menschen. Sei dir [...]

  14. Das Leistungsschutzrecht: Selten war es so tot wie heute « Stefan Niggemeier |  17.06.2012 | 01:11 | permalink  

    [...] geht den Verlagen also, wenn man Dietrich von Klaeden glauben darf, wozu natürlich kein Anlass besteht, bei ihrem Leistungsschutzrecht gar nicht wirklich ums Geld. Es geht ihnen ums Prinzip und darum, [...]

  15. Im Internet ist jeder Freiwild für “Bild” « Stefan Niggemeier |  22.06.2012 | 12:42 | permalink  

    [...] hat, persönlich bei Dietrich von Klaeden von der Axel-Springer-AG beschweren, der sich dann nicht darum [...]

  16. Leistungsschutzrecht und kein Ende | Allgemein | Webdesign und Kartographie |  04.11.2012 | 14:09 | permalink  

    [...] lese auch hier [...]

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